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Burgenstraße - von Heidelberg nach Rothenburg ob der Tauber

26.07.2020 14:00

Die Burgenstraße führt von Heidelberg bis nach Prag. Auf dieser Tour nehmen wir das Taubertal und Franken unter die Räder.
Die Mutter aller Ferien- oder Urlaubsstraßen hat mit etwas ganz Handfestem zu tun. Auf unserer Tour geht es um Festungen. Außerdem hat sie etwas Besonderes zu bieten: Die Burgenstraße ist mit fast 1.200 Kilometern besonders lang und verläuft außerdem als einzige quer durch die Republik. Sie führt offiziell von Heidelberg bis nach Prag.


Motorradtour Start in Heidelberg
 

Die Vollendung des Schönen

Deutschland im Sommer sei die Vollendung des Schönen, äußerte mal ein berühmter Amerikaner, dessen Nachname mit T beginnt. Und noch dazu: „Aber niemand hat das Ausmaß dieser sanften und friedvollen Schönheit  begriffen und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar herunter gefahren ist.“ Dieser Herr namens Samuel Langhorne Clemens, ist besser bekannt unter dem Pseudonym Mark Twain. Nun müssen wir uns nicht schämen, denn auch Mark Twain saß nicht nur auf dem Floß, von dem er besonders schwärmte, als er seine Reise machte. Und wäre der Fortschritt schon weiter gewesen, hätte er vielleicht auch ein Motorrad gewählt. Wir starten mit unserer Africa Twin in Heidelberg. Wie es sich gehört, hatten wir mit unserem Freund Thomas, einem eingefleischten V-Strom-Piloten, als Treffpunkt den Parkplatz am Schlosshof ausgemacht.
Trotz der enormen Touristenmassen – vorwiegend Amerikaner und Asiaten – ist das alte Gemäuer beeindruckend und genau der richtige Ausgangspunkt für die Tour. Auf dem Weg hinunter in Richtung Neckar kommen wir an diversen kleinen Villen vorbei.


Motorradtour Burgfeste Dilsberg
 

Abstecher: Burgfeste Dilsberg

Die Temperatur wird wohl so knapp über dreißig Grad liegen, als wir erst durch dichten Verkehr und dann auf herrlichen kleinen Straßen durch das Neckartal rollen. Es sind nur wenige Kilometer, bis wir zu der auf einem Berg liegenden Burgfeste Dilsberg kommen. Hier weht zwar ein laues Lüftchen, aber wir ziehen es trotzdem vor, uns in die Kühle der einzigen offenen Gaststätte zu begeben. Das Gasthaus entpuppt sich schnell als Chocolaterie von bester Güte. Für kühle Getränke sind wir dort aber trotzdem richtig und die machen uns fit für den Aufstieg auf den Burgturm, den uns die Wirtin Frau Hes dringend ans Herz legt. So genießen wir aus rund 300 Metern Höhe den Rundumblick ins Neckartal  und über  den Kraichgau. Die Bergfeste stammt aus dem Hochmittelalter und ist heute der Ortsteil Dilsberg des Städtchens Neckargemünd. Im Dreißigjährigen Krieg war sie eine der meist umkämpften Festungen. Im Jahre 1622 wurde sie vom  Feldherren namens Tilly – da war doch was im Geschichtsunterricht – eingenommen und besetzt. Erst elf Jahre später eroberten die Schweden die Feste. Für weitere historische Erklärungen haben wir jetzt keine Zeit, wir ergötzen uns lieber noch eine Weile an dem fantastischen Ausblick und geben dem Herrn T aus Amerika uneingeschränkt recht. Zur Feste Dilsberg ist von ihm der Satz überliefert: „Dilsberg ist ein ungewöhnlicher Ort, und seine Lage ist nicht minder ungewöhnlich und malerisch!“ Wäre es nicht so enorm heiß, würden wir uns sicher noch mit der einen oder anderen Leckerei aus dem Fachgeschäft von Frau Hes versorgen, die süßen Schätze würden uns aber im Nu zwischen den Fingern zerrinnen. So beladen wir die Gepäckboxen lieber mit Wasservorräten und steuern dann auf unser nächstes Ziel zu. Wir fahren an der Burg Hirschhorn vorbei, einer bestens erhaltenen Schlossanlage, die an der Grenze zwischen Hessen und Baden-Württemberg auf hessischem Gebiet liegt. Wir passieren Mosbach, fahren durch herrliche Weinberglandschaften und erreichen schließlich unser nächstes Etappenziel.
Hier haben wir es mit einem Gebäude zu tun, das sowohl historisch als auch literarisch gesehen von höchstem Rang ist: die Burg Hornberg. Sie ist eine Wehranlage, die 1884 erstmalig in den Annalen erwähnt wurde. Zu Ruhm und Ehren verhalf ihr kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe, der über einen Bewohner der Burg eines seiner berühmtesten Werke verfasste. Es handelt sich um den fränkischen Reichsritter Gottfried „er kann mich am Arsch lecken“ Götz von Berlichingen, der sich vor allem in den Schwäbischen Bauernkriegen hervortat. „1517, im Alter von 37 Jahren, hat er das Anwesen gekauft und hier ist er auch 1562 gestorben“, erklärt uns der aktuelle Burgherr Baron Markus von Gemmingen-Hornberg.


Motorradtour Burg Guttenberg
 

Ritter mit der eisernen Hand

Götz von Berlichingen wurde auch der „Ritter mit der eisernen Hand“ genannt, was nicht von ungeheurer Schlagfertigkeit zeugte, sondern einem tragischen Unfall geschuldet war. „Aus Versehen wurde ihm von eigenen Leuten in die rechte Hand geschossen.“ Ein findiger Nürnberger Kunstschmied baute schließlich die berühmte eiserne Hand. „Mithilfe eines Federmechanismus konnte er jeden einzelnen Finger der eisernen Hand bewegen und arretieren. Mithilfe eines Druckknopfes  konnte er die Arretierung wieder lösen“, erklärt der Burgherr bei einem erfrischenden Getränk auf der Terrasse im Innenhof. Schon 1612 habe seine Familie die Burg vom Enkel des Götz von Berlichingen gekauft, erzählt der Baron, und seit 1950 erlebt das Gemäuer einen stetigen touristischen Aufstieg. Schon seine Großeltern hatten aus dem ursprünglichen Pferdestall ein Restaurant bauen lassen. Später wurde der alte Schafstall zum Hotel, das heute immerhin 31 gediegen eingerichtete Zimmer hat.
Zum Abendessen werden wir vom Burgherren auf der Terrasse des Burgrestaurants empfangen. Von hier aus können wir nicht nur die ausgezeichneten Speisen, sondern auch den malerischen Blick auf den in der Abendsonne glitzernden Neckar genießen. Sowie direkt auf unseren nächsten Zielort blicken, den wir am nächsten Morgen ansteuern. Auf der Burg Guttenberg residiert nämlich die Verwandtschaft des Barons. Auch hier wurden wir fürstlich empfangen, nämlich von Fredericke von Dewitz, der Cousine des heutigen Eigentümers. Sie hat auf der Burg ihre Kindheit verbracht und ist nach einer Zeit in der großen weiten Welt vor sechs Jahren wieder zurück auf die Burg gekommen „Dieser Ort hier lässt mich einfach nicht los“, sagt sie.


Motorradtour Greifvögel Burg Guttenberg
 

Achtung Flugbetrieb

Auf dem kurvigen Weg hinauf zum alten Gemäuer fällt uns ein außergewöhnliches Warnschild auf: Achtung Flugbetrieb. Der Grund dafür wurde uns vorgestellt. Der heißt  Marco Nicolay und ist der burgeigene Falkner. Eine Schulklasse ist im Anmarsch, um die Flugschau zu sehen, die Nicolay später mit seinen Greifvögeln präsentieren will, wobei er gleich darauf hinweist, dass es sich nicht um seine Vögel handelt, die sind nämlich völlig freiwillig bei ihm. Man kann sie gar nicht abrichten, sie haben aber den Vorteil der Partnerschaft mit ihm erkannt. „Sie genießen das angenehme Leben bei mir, wenn sie sich anders besinnen, kommen sie einfach nicht wieder. Ich bin eigentlich nur das Bodenpersonal, das als Bittsteller auftritt“, erklärt er. Ob sie an diesem Tag überhaupt fliegen, ist längst keine ausgemachte Sache. Das hängt davon ab, ob ihnen die Thermik zusagt. Und bei der Hitze ist ein Flug für die Vögel etwa so ein Angang wie für uns Menschen ein Marathonlauf, meint der Falkner. Wir haben nicht erfahren, ob die Flugschau stattfand, wir waren schon wieder zu einem Rundgang durch die Burg verabredet.
Auf dem Weg kommen wir an einigen Volieren vorbei, in denen Eulen, verschiedene Adlerarten, Bartgeier oder Falken leben. Rund 80 verschiedenen Vogelarten sind es insgesamt. Friedericke von Dewitz erzählte uns ausführlich vom Erbauer der Burg, der diese als Lehen vom Kaiser bekommen hatte, weil er für den notorisch finanziell klammen Herrscher Geld ein- und auftrieb. Das Geschäft war wohl so lukrativ, dass seinen Söhnen schließlich 28 Burgen gehörten. Wir hören noch viele Geschichten von Burgherren, die auf diese Weise zu Geld und Ansehen kamen, wir hören von blutigen Turnieren auf der Burg und werden darüber aufgeklärt, dass die Reformation maßgeblich auf der Burg initiiert wurde. Davon zeugen sogar noch Dokumente in Vitrinen. Eindrucksvoll ist auch die 93-bändige biologische „Bibliothek“ aus Holzkästchen, in denen Zweige, Rinden, Blätter oder ähnliche Utensilien zur Identifizierung von Bäumen und Pflanzen aufbewahrt werden. Wir könnten noch stundenlang weiter zuhören, aber langsam wollten wir unsere Maschinen auch etwas heißer werden lassen, denn weit sind wir auf der Burgenstraße bislang noch nicht vorangekommen. Beschwingt fahren wir Richtung Sinsheim. Normalerweise wäre hier der nächste Stopp fällig, schließlich ist das Technik-Museum für fahrzeugaffine Menschen wie uns immer einen Besuch wert. Schweren Herzens rauschen wir an den Concorde Überschallflugzeugen, alten Einmann-U-Booten und unzähligen Oldtimern vorbei. Eine kurvenreiche durch Felder und Wälder führende Strecke entschädigt uns aber für das entgangene Vergnügen im Museum. Die Straßen sind hier perfekt zum cruisen und unter der Woche gibt es in der Gegend angenehm wenig Autoverkehr. Motorräder begegnen uns allerdings auch nur selten. Umso erstaunter sind wir über die zwei Maschinen, die im Hof der Burg Steinberg parken, eine kleine Hyosung und eine Harley-Davidson.  Die Fahrer sind allerdings nicht zu sehen. Statt zweier Biker in Leder entdecken wir ein Paar in seltsamen Gewändern, genauer gesagt im Mittelalterlook, Uta Kannegießer und Uwe Wels, die beiden Wirtsleute auf der Burg. Sie nutzen jede freie Minute, um mit ihren Bikes zu fahren, auch für den Weg zur Arbeit auf der Burg oberhalb des Örtchens Weil. „Wir wohnen in Bad Rappenau, da haben wir immerhin täglich einige Zeit, die wir mit den Maschinen verbringen können“, erklärt Uta, „schließlich ist die Landschaft mit ihren viele Burgen und Schlössern für Motorradfahrer ein wahrer Traum.” „Wenn es nur nicht so viel Schlaglöcher gäbe”, ergänzt Uwe.


Motorradtour Taubertal Steinbergtöpfle
 

Lecker: Steinbergtöpfle

Nach einem guten Espresso und erfrischenden Fruchtsaftgetränken serviert uns die Wirtin eine Spezialität des Hauses: das „Steinbergtöpfle“, eine Suppe im Brotlaib. Sehr lecker! Unser nächstes Ziel ist Bad Wimpfen. Der Name klingt nicht sehr spektakulär, aber der Ort ist ein wahrer Schatz. Da fällt uns doch glatt wieder Mark Twain, der alte Schlawiner, ein. Hier machte er aus seiner geplanten Wandertour eine Fahrt auf einem damals üblichen Verkehrsmittel: einem Floß auf dem Neckar nämlich und fand das alte Staufenstädtchen „Wimpfen war sehr malerisch und sehr verfallen, sehr schmutzig und sehr sehenswert”. Er schwadronierte über die fünfhundertjährigen Häuser und einen 35 Meter hohen Turm, der schon ein Jahrtausend steht. In Wahrheit ist der „Rote Turm“ 58 Meter hoch. Er wird heute von Deutschlands einziger Türmerin gehütet. Ein wahres Kleinod ist die historische Altstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern. Ein ausgiebiger Bummel durch die malerischen Straßen wäre ganz sicher lohnend, aber wir sind ja zum Fahren unterwegs. Flexibilität ist ja wohl eine Stärke des modernen Menschen.
Also beschließen wir, von der eigentlichen Burgenstraßen-Route ein wenig abzuweichen in Richtung Schwäbisch Hall. Unsere Tour führt jetzt an der Jagst entlang und siehe da, unsere Hoffnung, eine Badestelle an dem Flüsschen zu entdecken, um die Folgen der weiterhin enormen Hitze zu lindern, erfüllte sich. Erst nach dem erfrischenden Bade erinnern wir uns daran, dass erst vor drei Jahren der Fluss von der wohl größten Naturkatastrophe Baden-Württembergs heimgesucht wurde. Damals gab es nach einem Großbrand in einem Düngemittellager im Nebenfluss des Neckars ein tonnenweises Fischsterben. Die Jagst wurde auf einer Länge von 120 Kilometern belastet. Über dieses verheerende Unglück können wir uns aber keine weiteren Gedanken machen, denn unser Fahrweg verlangt volle Aufmerksamkeit, denn der Belag auf der kleinen Landstraße Richtung Waldenburg besteht – für etliche Kilometer – aus Rollsplit. In der Kleinen, vor allem Bausparern bekannten Stadt Schwäbisch Hall steuern wir das „Ringhotel Hohenlohe“ an, ein idealer Ort zum Entspannen. Auf der Panoramaterrasse mit Blick auf den Stadtkern schmieden wir bei einem „Stiefelbier“ so etwas wie einen Plan für den Abend.


Motorradtour Schwäbisch Hall
 

Wunderschönes Kleinod Schwäbisch Hall

Die malerische Altstadt lädt zum Bummeln ein. Der Fluss Kocher teilt die Stadt und in seinem Wasser spiegeln sich die Fassaden der vielen Fachwerkhäuser und des natürlich alles überragenden Kirchturms. Ja, Schwäbisch Hall klingt nach Bausparkasse, ist aber ein wahres Kleinod, das auf jeden Fall einen Besuch wert ist. Trotzdem wollen wir zum Ende der Tour noch einen draufsetzen und fahren über Comburg und Kirchberg in das Touristenparadies der Gegend schlechthin: Rothenburg ob der Tauber. Dafür sprach schon die verkehrsgünstige Lage zwischen Ulm und Würzburg. Selbstverständlich haben wir vor Ort so unsere Mühe, den Weg zwischen den gefühlt Millionen vor allem asiatischer Powertouristen zu finden. Putzig die bei schönstem Wetter in den Himmel gereckten Regenschirme der Stadtführer, die den fotografierfreudigen Gästen die Orientierung geben. Selbst zwei asiatische Motorräder scheinen für die Hobbyknipser mit ihren Faustkinos ein lohnendes  Motiv zu sein. Thomas und ich beschließen, es gut sein zu lassen, und machen uns schnellstens auf den Heimweg.
Text: Walter Hasselbring , Fotos: Martin Goede