Comer See - Dolce Vita am Lago di Como

17.09.2020 12:13

Mandello del Lario. Seit fast 100 Jahren verzücken diese sieben Silben die Liebhaber italienischer Motorradkultur. 1921 hoben Carlo Guzzi und Giorgio Parodi in dem verschlafenen Städtchen am Comer See ihre Motorradschmiede Moto Guzzi aus der Taufe. Das erste Modell schraubten sie noch im Keller der Guzzis zusammen, das Geld dafür lieh ihnen Parodis Vater. Im nahegelegenen Werk entstanden dann bis Ende des Jahres 17 Exemplare ihrer ungefederten „Normale”. Der Grundstein für die „Città della Moto Guzzi” war gelegt.
Heute wie damals ist die Kultmarke der namhafteste Arbeitgeber in der rund 10.000 Einwohner zählenden Stadt. Im Ortszentrum misst ein steinerner Carlo Guzzi per Stoppuhr die eherne Zeit. Eine Hommage an die glorreichen Motorsportzeiten des Herstellers. 1935 beispielsweise triumphierte Moto Guzzi als erste ausländische Marke bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man. Stanley Woods, ein Ire, raste auf seiner hinterradgefederten „Bicilindrica 500” vor allen anderen über die Ziellinie des Senior-TT-Rennens. Auch in der 250er-Klasse räumte Moto Guzzi ab: 1937 gewann der italienische Starpilot Omobono Tenni den Viertelliter-EM-Titel und siegte als erster Ausländer überhaupt bei der Tourist Trophy.

Leben im Zeichen des Adlers

Lange her, könnte man unken. Aber unvergessen in Mandello del Lario. Tausende pilgern jährlich auf ihren V2-Guzzis in die Motor-City am Comer See, besuchen das werkseigene Museum, das täglich eine exklusive Stunde geöffnet hat, machen Selfies vorm roten Besucher-Eingangstor, und/oder feiern auf der „Motoraduno Internazionale” ab, die immer Anfang September Volksfeststimmung verbreitet im Zeichen des Adlers, der seine Schwingen schützend über den heiligen Begriffen Moto und Guzzi ausbreitet. Das Wappentier steht für die Fliegervergangenheit der Gründer im Ersten Weltkrieg. Und soll die Erinnerung bewahren an ihren Freund und geistigen Mitgründer Giovanni Ravelli. Kurz nach den Wirren des Krieges ließ der Pilot bei einem Flugzeugabsturz sein Leben.
Das Moto-Guzzi-Werk liegt am südlichen Ortsrand von Mandello, zwischen Bahnhof und Friedhof, eingebettet in Wohngebiete im Westen und grüne Hügel im Osten. Runter zum mondänen Seeufer geht man zehn Minuten zu Fuß. Gleich neben dem Porto di Riva Grande logiert das „Mamma Ciccia”, eine sogenannte Albergo Diffuso, die typisch ist für die Hotellerie am Comer See. Geschlafen wird in Zimmern oder Wohnungen, die über mehrere Gebäude verteilt sind, gespeist wird in einem zentralen Restaurant, im Falle des Mamma Ciccia plus separatem Bistro.

Kleinod am Comer See

„Mandello ist nach wie vor ein Kleinod am Comer See”, sagt Silvia Nessi (54), die Chefin des Mamma Ciccia. „Es ist sehr viel beschaulicher und weniger überlaufen als in den See-Metropolen Como oder Bellagio.” Zusammen mit ihrem Bruder Marcello (43) betreibt sie mittlerweile rund 100 Zimmer und Apartments auf der östlichen Seeseite, gut 20 davon in Mandello del Lario. Das angeschlossene „Ristorante Casa Alessandra” gehört zu den ersten Adressen am See. Koch Stephano war zuvor in einem Michelin-Stern-gekürten Restaurant. Das schlägt sich kulinarisch natürlich nieder. Ein formidables 5-Gänge-Menü gibt es für moderate 50 Euro. Hauptgerichte wie frischer Fisch oder knusprige Ente liegen bei 20 Euro. Dazu ein Fläschchen lokaler Niro Negri (18 Euro) oder Pio Cesare aus dem Piemonte (26 Euro), im Anschluss vielleicht noch ein Löffelchen von den „Drei Schokoladen an Mango”, die von der Dessertkarte lächeln, und das Leben ist dein Freund.

Degustieren und dinieren

Knapp 20 Motorradminuten weiter nördlich bittet Varenna zum Rendezvous mit dem Dolce Vita am Lago di Como. Die SP72 dorthin schmiegt sich ab Mandello del Lario wie ein Handtuch an den traumhaft schönen See. Kleine Restaurants und lässig verlebte Palazzi säumen das schmale Asphaltband. In Varenna laden dann Kopfsteinpflaster und schmale Gassen zum Flanieren ein. Schwer auf seine Fahrtauglichkeit muss man im Degustationstempel „In Vinis Veritas” aufpassen. Sommelier Hermes Gilardoni hält eine grandiose Auswahl lokaler Weine und Obstbrände parat, dazu wird ganz vorzügliches Gebäck serviert.
Nur ein paar Eingänge weiter, in der Via XX Settembre 12, lockt das „Borgovino” mit leckerer Pasta und frisch den Fluten entnommenen Fischfilets. Die Plätze vor der Tür sind rar, aber zauberhaft. In der rumpeligen Gasse sucht sich das Licht diffuse Wege. Wer genau hinhört, kann das leise Platschen der Wellen erhaschen, die etwas weiter unten ans steinerne Ufer schwappen. Als Toplocation für den Verdauungsspaziergang empfiehlt sich das Castello di Vezio. Es liegt oberhalb des alten Dorfzentrums auf einem Berg und bietet einen grandiosen Ausblick auf die umliegenden Berge und die gegenüberliegende Seite des Sees. Führungen offenbaren die Innereien der Burg. Schön schaurig anzusehen sind die alten Verliese.

Fähren sorgen für kurze Wege ohne Stau

Der Hafen von Varenna ist einer der zentralen Touristenverteiler am Lago di Como. Per Fähre geht es von dort nach Menaggio, Griante und Bellagio. Die Touren sind malerisch und natürlich der schnellste Weg rüber auf die Westseite beziehungsweise an den Scheitelpunkt des auf dem Kopf stehenden Ypsilons, das den 146 Quadratkilometer großen See formt. Colico, Como und Lecco bilden die drei Eckpunkte. Die charakteristische Form beschert dem drittgrößten Binnengewässer Italiens insgesamt 170 Kilometer Uferlinie. Die maximale Länge beträgt 51 km, die maximale Breite 4,2 km.
Tagestouren wollen mit Bedacht gewählt werden (siehe Tourenvorschläge), andernfalls drohen nervige Staus im mediterranen Klima. Ausweichstrecken sind rar am Larius Lacus, wie die Römer den lombardischen See einst nannten. Die kleinen bunten Ortschaften wachsen die Berge hinauf wie in der malerischen Riviera-Region Cinque Terre. An exponierten Stellen stehen grandiose, herrschaftliche Mittelalterbauten wie die Villa Erba und das Grand Hotel Villa d'Este in Cernobbio. Jährlich im Mai veranstaltet BMW hier den Concorso d'Eleganza Villa d'Este, die teuerste und exklusivste Oldtimer-Veranstaltung auf europäischem Boden.

Lustvolle Momente auf der abenteuerlichen Seeroute SS583

Zu den schönsten Straßen am See zählt die Strada Statale 583 von Como via Bellagio nach Lecco. Sehr eng, direkt am See, ein Traum, solange kein bis kaum Verkehr herrscht. Einen guten Teil des Wasserstands des Lago dürften die Tränen ausmachen, die entnervte Wohnmobil-Fahrer hier vergossen. An vielen Stellen passen kaum zwei Autos aneinander vorbei. Passierzonen sind rar, Motorradfahrer klar im Vorteil. Sollte die Lorelei irgendwann mal Urlaub machen, hockt sie garantiert irgendwo hier, vielleicht auf einem der großen Steine am Ufer im Großraum Onno oder gleich auf einem der Liegestühle des OnnoLulu. Der chillige Beachclub lockt mit Surfboard-Deko, Loungesesseln, leichter Küche und grandiosem Seeblick.
Wer genug vom Wasser hat, schlägt sich von Onno aus nach Nesso durch. Quer durch die Eingeweide des Ypsilons reiht sich Kurve an Kurve. Die Temperatur fällt dabei flugs von 26 Grad am Seeufer auf 16 Grad oder weniger auf den Höhenzügen. Statt Schiffssirenen verschaffen sich Kuhglocken Gehör. Die nahe Schweiz lässt grüßen. In Windeseile geht es rauf bis auf 1.128 Meter.
Auf den Straßen bezeugen bunte Sprüche, dass der Giro d'Italia die gleiche Route nutzt. Gegenüber vom Colma di Sormano erhebt sich der steinerne Riese Grigna Meridionale bis auf 2.177 Meter, der Grigna Settentrionale bringt es sogar auf 2.409 Meter. Das reicht locker für ein Bad in den Wolken. Auch das gehört zu einer Reise ins Panorama-Paradies der Lombardei.
Text: Ralf Bielefeldt , Fotos: Ralf Bielefeldt & Piaggio Group Press Office

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