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Deutschland, Tschechien, Polen: Offene Grenzen im Dreiländereck

22.07.2020 05:50

Wer Grenzerfahrungen machen möchte, für den ist diese Tour durch das Zittauer Gebirge und die Sächsische Schweiz wie bestellt.
Die Reise beginnt in Zittau, dort wo Polen, Tschechien und Deutschland aufeinandertreffen, wo die Lausitzer Neiße die Grenze zwischen Polen und Deutschland bildet, aber auch zwischen Tschechien und Deutschland. Zittau ist Ausgangspunkt und Ziel meiner Tour durch den Südosten Deutschlands und das angrenzende Tschechien.

Zittau: eine Stadt mit Geschichte

Die Stadt liegt am Fuße des Zittauer Gebirges im Zittauer Becken. Diese Lage an einer alten Handelsstraße war prägend für die wechselvolle Geschichte der Stadt. Immer wieder wurde sie von Hochwasserkatastrophen oder Feuersbrünsten erschüttert. Kriege in fast allen Jahrhunderten seit dem Entstehen der Besiedlung im 10. Jahrhundert und die Pest taten ihr Übriges, um die Bevölkerung leiden zu lassen und zu dezimieren. Von Zittau führt die Route heraus aus dem Zittauer Becken, bergan in den Naturpark Zittauer Gebirge. Über Olbersdorf führt die Straße Richtung Südwesten zum Teil parallel zu den Gleisen der Zittauer Schmalspurbahn. Gleich im nächsten Ort, dem Kurort Oybin, kann ich nicht anders: Der kleine Bahnhof und noch mehr der abfahrbereite Dampfzug lassen mich anhalten und sowohl den Anblick als auch die Geräuschkulisse der schnaufenden Schmalspur-Tenderlok mit der Nummer 99 760 auf mich wirken. Bei der Abfahrt des Zuges Richtung Zittau zischt und dampft es, dass dem Sohn eines Lokführers das Herz aufgeht. Sogar der angrenzende Spielplatz hat ein paar Meter Gleis und einen Dampfzug, allerdings ist der aus Holz. Aber nicht nur der Anblick der Dampflok ist beeindruckend. Vom Rande des Kurorts aus hat man einen wunderschönen Blick auf die Ruinen der Burg und des Klosters, die beide den Namen des Berges tragen, auf dem sie einst gebaut wurden, nämlich auf dem Oybin. Der Berg besteht aus einem Sandsteinmonolithen, der den Ort dominiert. Im Mittelalter wurde die Burg zum Schutz der Handelswege zu einer wehrhaften Burganlage ausgebaut und Kaiser Karl IV. stiftete dem Orden der Cölestiner 1369 ein Kloster auf dem Berg.

Die erste Grenzüberquerung nach Tschechien

Weiter geht die Fahrt, aber schon nach ein paar Kilometern fällt mein Blick auf ein Straßenschild mit der Aufschrift „Kroatzbeerwinkel“ und ein wunderschön restauriertes Bauernhaus. Noch ist keine Zeit für einen Kräuterlikör und so fahre ich weiter durch den Naturpark Zittauer Gebirge bis nach Varnsdorf. Dass ich dabei die Grenze nach Tschechien überfahren habe, fällt mir erst auf, als ich die Kennzeichen auf den Autos am Straßenrand bemerke. Krasna Lipa oder Mikulasovice sind Ortsnamen, die meine Zunge beim Versuch, sie auszusprechen, stolpern lassen. Bei Sebnitz geht es auf deutscher Seite weiter und ich nehme die kurvenreiche Straße durch das Kirnitzschtal im Nationalpark Sächsische Schweiz unter die Räder. Die Strecke ist zwar zum größten Teil mit Geschwindigkeitsbeschränkungen versehen, doch so kann man die traumhafte Landschaft genießen. Ab dem Lichtenhainer Wasserfall gesellt sich ein weiteres Verkehrsmittel hinzu und begleitet mich bis hinunter nach Bad Schandau. In diesem staatlich anerkannten Kneippkurort, der aus acht Ortsteilen besteht, treffe ich auf die Elbe, die sich hier im Laufe der Jahrhunderte einen Weg durch den Sandstein gebahnt hat. Der Ortsteil Ostrau liegt 130 Meter über der Elbe ziemlich abgelegen. Vom Rand der Ostrauer Scheibe hat man jedoch eine herrliche Aussicht über die Sächsische Schweiz rund um Bad Schandau. Um diesen Ortsteil und die Aussicht für den Tourismus zu erschließen, ließ Anfang des 20. Jahrhunderts ein Hotelier einen elektrisch betriebenen Personenaufzug errichten, der sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut. Entlang der Elbe lasse ich meine Africa Twin im erlaubten Tempo weiterrollen und erreiche bei Hrensko tschechisches Gebiet. Dort folge ich dem kleinen Flüsschen Kamenice ein paar Hundert Meter, ehe eine schmale Nebenstraße steil bergauf führt und mich über die Ortschaften Arnoltice und Bynovec schließlich wieder hinunter zur Elbe bringt.

Deutsch-tschechische Kultur

In Decin, dem früheren Tetschen-Bodenbach, steht „Schloss Decin” auf meinem Besichtigungsprogramm. Ende des 10. Jahrhunderts entstand an dieser Stelle eine hölzerne Befestigungsanlage, um die Elbschifffahrt zu kontrollieren. Im 13. Jahrhundert zu einer steinernen Burg umgebaut, wurde sie drei Jahrhunderte später zu einem Renaissance-Schloss umgestaltet. Nach Abzug der Sowjetarmee 1991 waren umfangreiche Renovierungsmaßnahmen erforderlich, sodass erste Teile des Schlosses wieder besichtigt werden können. Mir verwehrte allerdings ein weißes Verkehrsschild mit rotem Ring die Zufahrt: Verbot für Fahrzeuge aller Art, also auch für Motorräder. Und zu Fuß? Also wieder raus aus der Stadt und auf die Landstraße. Kleinere Ortschaften säumen den weiteren Weg, aber die gut ausgebaute Hauptverkehrsstraße ist so gar nicht nach meinem Geschmack. Also runter von der Hauptstraße und bei nächster Gelegenheit einfach mal nach rechts abbiegen. Kurve reiht sich an Kurve, Landstraßensurfen ist angesagt. Manchmal ist die „See“ ruhig und glatt, dann wieder gibt es mehr Wellengang, aber meine A-Twin macht das alles klaglos mit. Vernerice, Hermanice, Kozly und Robec heißen die Ortschaften, die ich auf meinem Weg nach Ceska Lipa, dem früheren Böhmisch Leipa, passiere.

Grenzübertritte: Deutschland – Tschechien – Deutschland

Wie viele Orte und Städte in Nord-Tschechien hat auch Ceska Lipa eine wechselvolle Geschichte, vor allem im vorigen Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt der Tschechoslowakei zugeschlagen, 1938 wieder in das Deutsche Reich eingegliedert und das Ende des Zweiten Weltkrieges führte zur Vertreibung eines Großteils der deutschböhmischen Bevölkerung. Mich jedoch interessiert mehr das historische Zentrum der Stadt. Die historische Bebauung des Marktplatzes mit Springbrunnen und Pestsäule der Heiligsten Dreifaltigkeit ist weitgehend erhalten und lädt zu einer kleinen besinnlichen Pause ein. Nur wenige Kilometer weiter in dem kleinen Städtchen Zakupy fällt mir vor dem Rathaus eine weitere Dreifaltigkeitssäule auf. Diese auch Pestsäulen genannten Säulen sollen an die Zeit der Pest erinnern. Sie sind vor allem in den Gebieten zu finden, die einst zur katholischen Habsburgermonarchie gehörten. Die Fahrt geht weiter, vorbei an Feldern und kleinen Waldstücken Richtung Liberec, meinem nächsten Zwischenziel. Bei Hamr na jezere (Hammer am See) kann ich noch einen schnellen Blick auf die Freizeitanlagen und den kleinen Sandstrand werfen, ehe mich dann der Blick auf den Jested in den Bann zieht. Der mit 1.012 Metern höchste Berg im Jeschkengebirge ist der Hausberg von Liberec, dem früheren Reichenberg. Was diesen Berg jedoch so einzigartig macht, ist nicht die Höhe oder das nahegelegene Liberec, sondern das imposante und weithin sichtbare Bauwerk auf seinem Gipfel. Nachdem das ursprünglich dort befindliche Berghotel 1963 abgebrannt war, errichtete man an gleicher Stelle den futuristischen Fernsehturm Jested. Er dient gleichermaßen als Aussichtsturm, Sendemast, Restaurant und Hotel und wird natürlich von unzähligen Touristen besucht. Was für uns Motorradfahrer aber noch interessanter ist, sind die vielen Kurven - richtige Kurven, sogar Kehren. Will man dann noch zum Aussichtsturm hinauffahren, muss man aufpassen, den Abzweig nicht zu verpassen, der auf den Berg führt. Noch ein bisschen im Flow von den traumhaften Kurven, passiert mir das natürlich auch. Also umkehren und hoch auf die Spitze des Jested? Da ich vor ein paar Jahren schon einmal dort war, schenke ich es mir dieses Mal und fahre weiter hinunter nach Liberec.

Liberec: die Stadt unter dem Jeschken

Auf dem Weg in die Stadt komme ich an dem Wintersportzentrum von Liberec vorbei und kann einen Blick auf die beiden Sprungschanzen werfen. Dann nimmt mich der Verkehr in der Stadt mit ihren hunderttausend Einwohnern gefangen. Mithilfe meines treuen Begleiters Tomtom gelingt es mir, mich zum Platz vor dem Rathaus der Stadt durchzukämpfen. Das prunkvolle Gebäude wurde vom Wiener Architekten Franz von Neumann im sogenannten Neorenaissance-Stil erbaut. Der große Platz davor ist gerade an sonnigen Tagen ein Ort der Begegnung, man sitzt in einem der Kaffeehäuser oder auf den Stufen des Brunnens, man lauscht den Musikdarbietungen auf der Rathaustreppe oder flaniert durch die umliegenden Straßen. Auch Liberec kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. 1352 erstmals urkundlich erwähnt, entwickelte sich das Gebiet um Reichenberg schnell und blieb im 17. Jahrhundert anfangs sogar von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges verschont. Danach brauchte es fast siebzig Jahre, bis Liberec sich von den Schäden dieser Kriegsjahre, aber auch von den Pest- und Choleraepedemien wieder erholt hatte.
Nach Stadtverkehr und Sightseeing steht mir wieder der Sinn nach Motorradfahren. Ich verlasse die Stadt auf schnellstem Wege und fahre auf kleinen und schmalen Nebenstraßen Richtung Nordwesten. Hamrstein, Andelska Hora, Chrastava, Bily Kostel nad Nisou, Chotyne und schließlich Hradek nad Nisou heißen die Orte auf meiner Route zurück nach Zittau. Nisou, das ist die Lausitzer Neiße, bildet für ein kurzes Stück die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien und später die zwischen Deutschland und Polen. Von Hradek führt die Straße noch ein paar Kilometer durch polnisches Niemandsland und einige Tankstellen bieten die Gelegenheit, noch einmal billigen Sprit für die nächste Tour zu bunkern. Die Brücke über die Neiße, die der Startpunkt für diese Tour durch nahezu drei Länder war, ist nun der Endpunkt meiner Reise durch das Zittauer Gebirge, den Nationalpark Sächsische Schweiz und den Norden Tschechiens.
Text: Jost G. Martin , Fotos: Jost G. Martin