Grenzwert-Wahnsinn: Kein Verbrenner schafft Euro 7

30.11.2020 16:06

Über die Bestimmungen der Abgasnorm Euro 7, die ab 2025 in Kraft treten soll, wird derzeit debattiert.
Grenzwert-Wahnsinn: Kein Verbrenner schafft Euro 7

Die gesamte Welt scheint den Verbrennern an den Kragen zu wollen. Längst kämpfen die Fahrzeughersteller nicht mehr an nur einer Front. Mal geht es um Motorenlärm, mal um Feinstaub und mal um Stickoxide. Während die Motorradhersteller gerade den Wechsel von Euro 4 zu Euro 5 bewältigen, ist bei den Autos bereits die Abgasnorm Euro 6 Realität. Über die Bestimmungen von Euro 7, die 2025 in Kraft treten soll, wird derzeit debattiert.


Konsequenzen aus den Schummeleien der Vergangenheit

Schon jetzt sind dabei Konsequenzen aus den Schummeleien der Vergangenheit zu spüren. Dass Abgasgrenzwerte kurz nach dem Kaltstart schwer einzuhalten sind, wenn die Katalysatoren noch nicht auf Temperatur sind, hat man den Verbrennern früher zugestanden. Dass bei voller Beladung des Urlaubsautos samt Wohnwagen am Haken eine Leistungsspitze zulässig war, um am Berg anfahren zu können – es wurde geduldet. Um durchschnittlich 400% überschritten die Hersteller in solch „extremen Fahrsituationen“ kurzfristig die Abgaswerte. Mit der Zeit nutzten findige Konstrukteure diese Lücken jedoch immer geschickter aus. Ähnlich eines Teenagers, der eine Ausrede sucht, sein Zimmer nicht aufräumen zu müssen, fanden die Motorenentwickler für nahezu jeden Betriebszustand irgendeinen Grund, die Grenzwerte außer acht zu lassen. Außer auf dem Prüfstand. Während der Abgasmessung liefen die Motoren vorbildlich sauber. Ähnliches gilt für die Einhaltung von Geräuschbestimmungen unter dem Einsatz von Klappenauspuffanlagen. Leise sind die nur, wo es per Richtlinie gefordert ist. Selbstverständlich sind sie damit legal. Dass das aber in der Praxis nicht zum gewünschten Ziel führt – weder zu sauberer Luft, noch zu leiseren Fahrzeugen – sollte jedem klar sein.


Neue Spielregeln – die Abgasnorm Euro 6

Im Zuge der Euro 6 für Pkw änderten sich daher die Spielregeln. Statt immer strengere Werte einzuführen, ging es vorrangig darum, die vorhandenen einzuhalten. Immer. Ohne Ausreden. Dazu wurden abseits des genormten Messzyklus, den die Motorelektronik zielsicher erkannte, Messungen unter realen Fahrbedingungen eingeführt. RDE (Real Drive Emissions) nennt sich das Verfahren, das die EU 2017 einführte. Zeitgleich wurden die zulässigen Überschreitungen in extremen Fahrsituationen auf 210% gedeckelt. Spätestens ab Januar 2021 muss sogar ein Zuschlag von nur 50 Prozent ausreichen.
Mit ziemlich viel Aufwand, den am Ende der Kunde mit einem höheren Fahrzeugpreis zahlt, gelang es, die Motoren entsprechend zuzuschnüren. Leider – wie manche sagen. Denn mit Euro 7 könnte es heißen: Na also! Geht doch! Jetzt wo ihr wisst, wie man Grenzwerte einhält, können wir uns wieder den Verschärfungen widmen.


Euro 7 kommt einem Verbot des Verbrennungsmotors gleich

Dagegen protestieren die Fahrzeughersteller. Sie halten die nächste Stufe der Abgasvorschriften für unrealistisch. Mit Euro 7 soll beispielsweise der Maximalwert für den Stickoxid-Ausstoß erneut halbiert werden. Hildegard Müller, Cheflobbyistin der Autoindustrie, zieht den Vergleich: „Das ist, als würde man beim Sport immer nur den Ruhepuls vorschreiben.“ 
Die Industrie wittert ein heimliches Verbot, nachdem die Politik mit der Äußerung, den Verbrennungsmotor ab 2030 offiziell zu verbieten (wir berichteten), auf großen Widerstand stieß. Man habe nicht den Rückhalt in der Bevölkerung, um die Verbrenner auf demokratischem Wege abzuschaffen. Im echten Wettbewerb sei die E-Mobilität weiterhin chancenlos. Deshalb versuche man nun über die Hintertür Grenzwerte für 2025 zu beschließen, die in der Praxis kein Verbrenner mehr einhalten könne.


Europäische Allianz gegen Euro 7

Ob es den Herstellern gelingt, Einfluss auf Euro 7 zu nehmen, dürfte sich auf politischer Ebene entscheiden. Derzeit formiert sich eine Allianz aus Ländern, die mit schweren wirtschaftlichen Folgen einer solchen Regelung zu kämpfen hätten. Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Polen, Rumänien, Spanien, Schweden, Slowakei, Tschechien und Ungarn könnten gemeinsam versuchen, die geplante Euro-7-Norm zu verhindern, um ihre Industriestandorte zu retten. Auch die Motorradbranche schaut gespannt auf die derzeitigen Entscheidungen der Politik. Was jetzt in Brüssel entschieden wird, dürfte Signalwirkung für die Zukunft aller Verbrennungsmotoren haben.
Text: Thomas Kryschan , Fotos: M&R

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