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Honda Adventure Roads: Südafrika

28.06.2020 09:27

Endlose Weiten, enge Serpentinen am Sani Pass & Lehrstunden mit Dakar-Stars – Honda hat die Teilnehmer der Adventure Roads nach Südafrika & Lesotho geschickt.
An Tag vier unserer Reise durch das südliche Afrika wollen wir zum Lunch nach Lady Grey. Das Örtchen mit rund 1.300 Einwohnern liegt inmitten von Rinderweiden und Gemüsefeldern, aber überaus malerisch hingetupft am Fuß der westlichen Drakensberge. Die schroffen Felsmassive markieren die offene Grenze, an der das Hochplateau, auf dem das Königreich Lesotho thront, in die Weiten des südafrikanischen Karoo ausläuft.


Lady Grey


Man erreicht Lady Grey, wenn man von der Nationalstraße R 58 in eine schattige Eukalyptus-Allee und Sackgasse abbiegt und dieser ein paar Minuten bis zur Stadtgrenze folgt. Als wir mit unserem Konvoi von fast vierzig Motorrädern abbiegen wollen, ist die Straße gesperrt.
Junge Randalierer haben auf Höhe des Vorortes Khwezinaledi, einem schwarzen Ghetto, Straßenbarrikaden errichtet. Alte Autoreifen brennen, es kokelt, Rauchschwaden ziehen über den Asphalt. Die Aufständischen werfen mit Steinen und schreien sich die Seele aus dem Leib. Die Polizei ballert mit Schrotgewehren in die Luft, um sich die Horde vom Leib zu halten.
Was tun? Alessio und Leon, zwei unserer Gelbwesten und Lead Riders auf der Honda Adventure Roads 2019, schwärmen aus, um die Lage zu peilen: „Erst mal bleibt ihr zusammen.” Eine Handvoll Einheimischer kommt uns schließlich zur Hilfe. Geleitet von zwei Sportenduros, die wie Hornissen aus dem Nichts auftauchen, bahnen wir uns einen schmalen Trampelpfad durch Gemüsefelder und fahren über diesen Schleichweg zum Mittagessen.
Ein Police Detective mit schusssicherer Weste beruhigt uns und lacht: „Nichts Besonderes!” Es gehe nur um lokale Probleme. Der ANC-Bürgermeister fährt einen AMG Mercedes und bereichert sich endlos. Die Leute aus dem Township würden seit Jahren eine Reparatur des maroden Krankenhausdachs fordern und überhaupt eine besssere Versorgung in den staatlichen Einrichtungen. Im Hintergrund dröhnen Schüsse.


Am Fuß der Drakensberge
 

Abenteuer, pauschal gebucht

Diese Episode auf Etappe vier fasst den zwölftägigen Trip, den Honda Europe im Frühjahr 2019 für zahlende Kunden und Africa Twin-Liebhaber organisiert hat, bestens zusammen: Die Honda Adventure Roads, 3.750 Kilometer von Durban nach Kapstadt und dem Kap der Guten Hoffnung, sind ein heißes Wechselbad der Gefühle. Afrika hautnah in all seinen Facetten; Adrenalinschübe und erhöhter Puls sind garantiert.
Denn was zwischen Durban und Kapstadt hinter der nächsten Ecke oder nach dem nächsten Pass auf dich zukommt, ist ungewiss. Aufständische, Elefanten, Skispisten; wer weiß? Optimaler Asphalt, schlüpfrige Haarnadelkurven, staubige Schotterpisten; alles ist möglich. Nebel, knalle Sonne und harter Regen; kommt sicher. Unsere Abenteuer-Tour durch Südafrika und Lesotho ist Motorradreisen in Reinkultur. So wie Biken sein soll.


Blick nach Lesotho


Gestartet sind wir in Durban. „Freunde und Freundinnen, vor euch liegt eine unglaubliche Zeit”, haben Eric und Antoine von Ride&Drive, dem Organisator der Tour, unisono beim ersten Briefing verkündet. „Wir sind im besten Motorradland der Welt. Ihr seid eine echt bunte Truppe, ihr seid 30 Fahrer und Fahrerinnen aus elf Ländern, von Brasilien bis Tschechien. Ich kann euch versprechen: Auch wenn es ein kleines Sprachproblem geben sollte, werdet ihr alle Spaß haben.”
In der Tat: Schon der erste Fahrtag, von der Metropole am Indischen Ozean durch die Provinzen KwaZulu-Natal und Free State hoch zur Sommerfrische Clarens auf 1.850 Höhenmetern, ist ein Hochgenuss. Schnell raus aus der Stadt und erst einmal ein Besuch des Ortes Howick, an dem Nelson Mandela 1962 verhaftet und die nächsten 27 Jahre vom weißen Apartheid-Regime weggeschlossen wurden Danach Lockerungsübungen auf schnellen Landstraßen mit wenig Verkehr, bevor wir nach knapp 400 Kilometern Clarens und unser Feierabendbier erreichen.


Nähe Clarens


Tag zwei ist eine große Überraschung: Lesotho ist extrem. Ich stehe mit Toni und Tilman, zwei Österreichern, und Miroslav aus Tschechien an einer Passhöhe auf 3.000 Meter, der Himmel ist knallblau und wir sind alle drei sprachlos. Der Horizont fleddert in siebzig oder achtzig Kilometern Entfernung aus, davor liegt ein hypnotisierendes Puzzle von Tälern, Schluchten und namenlosen Gipfeln.
„Dös is net zu glaubm”, sagt Toni, der landschaftlich immerhin Patagonien-Eindrücke mitbringt, völlig ungläubig. Lesotho ist atemberaubend schön; manche Flecken haben den Charme einer Appenzeller Alm, nur ohne Heidi und ohne die nötigen Franken. Denn Lesotho ist auch bettelarm.
Vor den Toren der wenigen, aber umso lauteren und staubigeren Städten und Verwaltungszentren lebt in Lesotho eine agrarische Gesellschaft in zahllosen Weilern und Kraals von dem Wenigen, was die karge Krume und die Kuh hergeben. Aber kommuniziert wird allerorts schon mit modernsten Smartphones. Selbst ganz oben am berühmten Sani Pass, den wir in einer dichten Nebelbank liegend erreichen, schießen die Schafhirten Selfies vor unseren Africa Twins und senden sie ins Dorf.


Sani Pass


Der Sani Pass ist am zweiten Tag von #HAR19 – so heißt unsere Motorrad-Prozession jetzt verhashtagt auch für die Lesotho-Hirten – gleich eines der vielen Highlights des Trips. Aber gleichzeitig auch schon die Nagelprobe für viele, die mitfahren: Honda hat vorab nach den Offroad-Erfahrungen der Teilnehmer gefragt. Einige haben sich etwas überschätzt.
Der 30 Kilometer lange Sani Pass hat es nämlich in sich, vor allem abwärts von der Lesotho-Passhöhe runter nach Südafrika. Steile Spitzkehren, rutschige Schieferplatten mit schartigen Absätzen, kleine Bachdurchfahrten, nasser Schotter, feuchte, schlüpfrige Lehmpassagen, das fordert nach den ersten unbeschwerten Urlaubstagen und schnellen Kilometern auf Asphalt jetzt seinen Tribut.
Am Fuß des Passes und Ende des Fahr-tages sind zehn Stürze zu vermelden, zum Glück ohne größere Sach- und Kollateralschäden. Nur Tilman fällt mit einem dicken, auberginefarbigen Knöchel für die nächsten Tage aus und muss in einem Bakkie – so heißt ein Pick-up auf Afrikaans – im Tour-Tross mitfahren.


Sani Pass
 

Wir kommen in Fahrt

Im Fahrerfeld, das sich nach dem Lesotho-Abstecher jetzt Tag um Tag nach Süd-Westen in Richtung Kapstadt bewegt, herrscht Chancengleichheit: Nur wenige Teilnehmer haben ihre eigenen Africa Twins verschiffen lassen. Allen Fahrern, die ein Leihfahrzeug gebucht haben, hat Honda eine perfekt ausgerüstete CRF1000L an den Start gestellt.
Was überrascht: Honda hat bei den Adventure Roads in Südafrika auf DCT verzichtet. Alle Fahrzeuge, die speziell für unsere Tour aufgerüstet wurden, werden manuell geschaltet. Schade, ich mag das Doppelkupplungsgetriebe und die beiden kleinen Finger-Schaltflügel am linken Griff. Mit ihnen ist man, wenn es mal sein muss, schneller als mit einem Quickshifter. Ansonsten kann man im Normalbetrieb die Steuerungselektronik ihren Dienst tun lassen.


Motorradtour Südafrika


Richard von Honda Europe sagt, dass die Wahl keine technischen Gründe habe, sondern nur den Kundenwunsch widerspiegele: Europaweit seien noch 70 % der verkauften Africa Twins ohne DCT. So oder so, 95 Pferdestärken und viel Wumms aus den 98 Newtonmetern, gesattelt mit zwei Koffern, mehr braucht man nicht fürs Reiseglück. Und abseits vom Asphalt geht unsere AT ohnehin wie ein Hightech-Traktor mit Schneeketten. Dafür sorgen die Metzeler Karoo 3-Reifen, die Honda für die Vielfalt der Terrains, die uns erwarte, hat auflegen lassen. So viel sei schon mal gesagt: gute Kombi, gute Wahl.
Die Fahrer haben sich nach kurzer Zeit durchsortiert und das Feld wie erwartet in große und kleinere Sprachstämme aufgeteilt: Die vier Spanier, darunter auch zwei Katalanen, fahren nach kurzem Beschnuppern ihre eigene, gemeinsame Pace. Genau wie die drei Italiener, die zusammen gebucht haben und allesamt aus der Nähe von Mailand kommen. Auch die Franzosen und die Belgier bleiben unter sich, genau wie die vier Deutschen, die mit den Österreichern vorsichtig fraternisieren. Ohne Zögern adoptiert haben die Deutschen dagegen Marcos, den Honda-Händler aus dem Süden von Brasilien. Marcos spricht wie etliche im Feld kein Englisch, aber immerhin Deutsch: „Meine Großeltern und meine Mutter, die haben zu Hause nur ihre Muttersprache benutzt.”


Karoo
 

Im Herzen Südafrikas

Es geht aufwärts, sagt Barbara, die Besitzerin der „Ibis Lounge“ in Nieu Bethesda. Dieses Ziel  haben wir nach einem schweißtreibenden Kampf mit harten Karoo-Winden und einer sandigen Endlospiste erreicht: „Seit wir das Restaurant und das Bed & Breakfast vor knapp zwei Jahren aufgemacht haben, gehen die Besucherzahlen durch die Decke.“ Barbara kommt aus dem kleinen Örtchen am Ende der Welt; sie kann sich noch an andere Zeiten erinnern: „Abgelegene Enklaven wie Nieu Bethesda waren lange Jahre, ja, ganze Jahrzehnte lang,  komplett abgeschrieben. Aber jetzt kommt das Karoo bei den Touristen groß in Mode.“
Die drei Tagesetappen von Tiffindell über Gariepdam, Nieu Bethesda, Graaff-Reinet bis zum Elefantenreservat Addo führen uns ins Herz von Südafrika. Es schlägt in Orten wie Jensenville, der „Welthauptstadt der Angora-Schafe“, oder Graaff-Reinet; solche Orte erzählen die Geschichten, die man verstehen muss, wenn man Südafrika verstehen will.
Alle diese Geschichten haben mit dem Karoo zu tun. Das Gebiet ist eine riesige und tektonisch wüst verworfene Platte zwischen Atlantik und Indischem Ozean; es nimmt ungefähr ein Drittel der Fläche Südafrikas ein. Im Norden wird das Karoo grob gesehen vom mächtigen Oranje Fluß begrenzt: Im Fachjargon nennt man die endlose Einöde mit stachligem Krüppelgras eine semi-aride Wüste. Ihr Name stammt von einem Wort ab, das in der Sprache der lokalen Khoe-San-Stämme „Trockenes Land“ bedeutet.


Gariepdam – Graaf-Reinet


Auf die ersten Ankömmlinge und Kap-Siedler übte das grenzenlose Hinterland im Norden eine riesige Faszination aus: Im 18. und 19. Jahrhundert schwärmten „Entdecker“ und Glücksritter aus, um das „Land der Großen Trockenheit“ zu erforschen und sich große Teile anzueignen. Viele blieben, auch von Amtes wegen, und hinterließen ihre Spuren: Das verschlafene Graaff-Reinet etwa ist die viertälteste Stadt Südafrikas, gegründet 1786 vom Gouverneur der Kap-Kolonie Cornelis Jacobus van der Graaff. Reinet? Das war der Mädchenname seiner Frau.
Noch heute sind im Karoo die alten Dynastien präsent: Die Farmen sind riesig und in weißer Hand. Die Farmer sind von der Tradition getrieben, entsprechend konservativ und bigott und unverbesserlich kritisch gegenüber der schwarzen Mehrheit im Land. Die Südafrikaner draußen im Karoo sind aus ganz hartem Holz geschnitzt.
Es grenzt an Ironie, dass jetzt ihre schärfste Bedrohung nicht die Enteignungs-Fantasien der ANC-Regierung, sondern global agierende Konzerne sind: „Überleben im Karoo ist schon immer ein Kampf um das Wasser gewesen“, sagt Hardy, einer der vier weißen Mechaniker, die sich während der Tour um unsere Motorräder und die Reifen kümmern. Er hat den Großteil seines Lebens im Karoo verbracht. „Jetzt müssen wir halt gegen Nestlé und Shell kämpfen.“
Während der Lebensmittelmulti sich gerne alle erschließbaren Trinkwasserquellen kaufen würde, arbeitet der Ölkonzern Shell seit über zehn Jahren an einem anderen Schreckensszenario für die Farmer: Fracking. Laut geologischen Untersuchungen lagern im Karoo Millionen Tonnen Erdgas, das ausgebrochen werden soll, indem ein toxischer Wasser-Chemikalien-Cocktail in die Erde gepumpt wird. Die Trinkwasser führenden Schichten sind dabei nicht sicher. Im Moment liegen die konkreten Pläne auf Eis; eine Exploration rechnet sich beim gegenwärtigen Ölpreis nicht. Aber Hardy ist sich sicher, dass die Erdölleute wiederkommen: „Wir brauchen unser Wasser, jeden Tropfen.“ Und fügt grimmig an: „Shell wird hier nicht sehr glücklich werden.“


Swartberg Pass
 

Sleep, ride, eat – repeat

Nach einer Woche im AT-Sattel hat sich eine wohltuende Monotonie im Touralltag und unterm Helm eingestellt. Das Motto heißt: Nicht groß denken! Ob Kies, Sand, Schlagloch oder perfekter Asphalt, einfach fahren und genießen! Abends dann ein Bierchen oder auch mal drei und dann ab in die Luxus-Falle, bevor kurz nach sechs Uhr der Wecker wieder klingelt. Es sind lange, aber entspannte Tage.
Nur Honda sorgt für Aufregung. Denn seit dem sechsten Etappenziel Port Elizabeth haben wir neue Mitfahrer. Joan Barreda Bort und Ignacio „Nacho” Cornejo sind jetzt mit von der Partie; Honda Racing Coperation HRC hat seine beiden Dakar-Stars abgestellt, um uns einen kleinen Einblick in ihre Fahrkünste und Tricks hinterm Lenker zu geben. Bevor wir also zu einer Rundtour hoch zum legendären Swartberg Pass und zurück durch die Schluchten am Meiringspoort Wasserfall starten, mutiert der Parkplatz der Buffelsdrift Lodge zum Tollhaus Klassenzimmer. Vor allem unsere italienisch und spanisch sprechenden Tourgenossen sind völlig aus dem Häuschen im Dunstkreis ihrer Helden.
„Es ist ganz einfach. Wenn das Vorderrad unruhig wird, Gewicht nach hinten und Gas geben. Das Motorrad sucht sich seinen Weg schon von selbst“, erklärt Ignacio, der junge Chilene. Aha, denk ich mir, so simpel ist das also.
Ist es nicht. Stunden später ballert „Nacho“ trotz Nebel mit traumwandlerischer Sicherheit die engen Schleifen und steilen Anstiege zum Swartberg Pass hoch, während unsereins im gefühlten Schildkrötentempo hinterherschleicht. Wieder was gelernt heute: Theorie und Wissen allein ersetzen noch kein Talent. Eric, der Team-Manager, tröstet mich mit seinem Tour-Mantra: „Jochen, Adventure Roads is not a race. Enjoy.“


Cape Agulhas
 

Unter Regendruck

Abfahrt nach zwei Nächten in den Luxuszelten der Buffelsdrift Lodge. Wie jeden Morgen gibt Philippe die Tripys aus. Der Franzose hat die Navigationsgeräte, die uns tagsüber am Lenker begleiten, über Nacht geladen.
Das Gerät ist unsere Freiheitsgarantie für unterwegs. Ohne die kleine Tripy II-Box wären wir gezwungen, mit Papier zu hantieren, in größeren Gruppen zusammenzubleiben oder einem Marshal hinterherzufahren. Mit unserem digitalen Roadbook sind wir unabhängig, selbst Solofahrten sind erlaubt: Gerade für Strecken mit festgelegten Tankstopps, mit Hinweisen auf Sehenswürdigkeiten und exakter Routenführung sind die Simple-Navis ideal. Jeder Wegpunkt, jede Richtungsänderung, jeder Lunch-Treff wird auf dem Screen mit einfachen Symbolen angezeigt, die Entfernung zum nächsten Wegpunkt ebenso.
Eigentlich kann nichts schiefgehen mit einem Tripy. Bis auf das Wetter natürlich.
Seit wir vor zwei Tagen Port Elizabeth verlassen haben, fallen immer wieder dicke Tropfen. Auch heute, am neunten Fahrtag, hängt der Himmel voll mit stahlgrauen Wolken. Der Regen hat uns fest im Griff. „Leon ist schon früh losgefahren und hat die Gravel Piste nach Calitzdorp gecheckt“, verkündet Eric beim morgendlichen Briefing. „Es ist spiegelglatt. Da kommen wir mit fünfzig Fahrzeugen nicht durch. Wir müssen improvisieren.“


N 62 - Südafrika


Was wir bisher gesehen haben, war die Motorradfahrer-Sonnenseite des Landes. Auf der zweiten Hälfte der Tour, von Port Elizabeth über Oudtshoorn, Montagu und Kleinmond nach Kapstadt, zeigt Südafrika Zähne im Spätsommer. Beispiel Montagu: Die kleine Provinzstadt ist bekannt für ihre Art Deco-Architektur in der historischen Innenstadt und die heißen Quellen, die auch die Becken in unserem Hotel füllen. Leider kriegen wir davon fast nichts zu sehen: Bei der späten Ankunft sind wir völlig durchnässt. Die Soße läuft in den Kragen, die Socken sind nass. Es prasselt so hart runter, dass wir ins Hotel flüchten.
Am nächsten Morgen ist es nicht besser: Es nieselt immer noch, es ist empfindlich kalt. Die Temperaturanzeige an der Africa Twin steht auf 9 Grad. Vor zwei Tagen hatten wir im landschaftlich grandiosen „Valley of Desolation“ nahe Graaff-Reinet noch 43 Grad; der Fahrtwind war heiß wie ein Fön. Jetzt also frösteln.
Die ersten Kilometer unseres Tagespensums führen über eine der endlosen Nationalstraßen, die wir inzwischen nach einer Woche on the road alle irgendwie über haben. Nach einer sehr langen Stunde geht es in den Gravel: Wieder schnurgerade durch leere, graue Felder, das Terrain lässt die Lust auf Offroad in den Keller rauschen. Die Wege sind aufgewühlt, schlammig, übersät von tiefen Schlaglöchern und Pfützen, denen man den nötigen Respekt entgegenbringen sollte. Die Wassertiefe ist unwägbar; die schnelle Durchquerung ohne vorherige Sondierung schlichtweg zu gefährlich.
Auch später, nach der Fähre über den Breede River bei Malgas, wird es nicht besser. Den ganzen langen Weg runter über Bredasdorp und Struisbaai bis nach Kap Agulhas bläst die Gischt in den Crosshelm und die Brille beschlägt; die Einschläge auf der Nasenspitze sind wie Hagel.
Doch jetzt kann es nicht mehr schlimmer werden, denn das Tripy sagt: Schluss, aus, fertig.  Hier geht es einfach nicht mehr weiter. Noch ein paar Schlenker über große Kiesel und glitschige Holzplanken, dann stehe ich an dem Gedenkstein, der den südlichsten Punkt Afrikas markiert: Kap Agulhas, hier treffen sich Atlantik und Indischer Ozean. Draußen in der tosenden und regengepeitschten See, nur wenige Meter vom felsigen Ufer entfernt, liegt das Wrack des japanischen Fischtrawler Meisho Maru 38, der im November 1982 auf Grund lief. Hinter der Meisho Maru 38 liegt nur noch die Antarktis.  


Kap der Guten Hoffnung
 

Alle happy, alle eins

Zwei Tage später, auf dem mit Reisebussen und schnatternden asiatischen Touristinnen überfüllten Parkplatz am Kap der Guten Hoffnung, passieren noch einmal die letzten Stationen unserer Reise Revue: die N 62, die südafrikanische Antwort auf die amerikanische Route 66, die letzten Schotterpisten und Wheelies vor Franschhoek, der Weinhauptstadt der Kap-Provinz.
Und natürlich Kapstadt selbst; die verrückte und dabei charmante Metropole am Fuß des Tafelbergs muss man erlebt haben. Auch wenn man nach den Tagen im Karoo einen harten Preis zahlt: Hektik, Staus und Hupkonzerte. Der alltägliche Wahnsinn auf südafrikanischen Straßen hat uns wieder.
Doch jetzt zählt das nicht: Alle, die in Durban starteten, sind gut angekommen. 3.750 Kilometer in 12 Tagen; aus dreißig Honda-Kunden sind dreißig Adventure Roads-Abenteurer und Freunde geworden. Ein irrer Trip, ein großes Africa-Team. „Freunde und Freundinnen, vor euch liegt eine unglaubliche Zeit“, hatten Eric und Antoine beim ersten Briefing vollmundig verkündet. „Wir sind im besten Motorradland der Welt.“ Jungs, dem ist nichts hinzuzufügen. Ihr hattet Recht.


Motorradreise Kapstadt
Text: Jochen Vorfelder , Fotos: Greg Jongerlynck, Jochen Vorfelder

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