Hunsrückhöhenstraße: Diagonal über den Hunsrück

15.08.2020 10:00

Vom Rhein bei Koblenz bis nach Saarburg führte diese Motorradtour quer über den Hunsrück und verläuft zwischen Mosel im Norden und der Nahe im Süden.
Der Gedanke, sich den Hunsrück einmal näher anzuschauen, entstand bei einer Diskussion über Ziele, die wir schon gesehen haben – manche sogar mehrfach –  und über Destinationen, an denen wir bisher mehr oder weniger achtlos vorbeigefahren sind. Fast alle Mittelgebirge hatten wir schon unter die Räder genommen bis auf... den Hunsrück. Bei den weiteren Recherchen im Internet reifte dann der Plan, die Hunsrückhöhenstraße als „Roten Faden“ für die Planung einer Tour über den Hunsrück zu nutzen. 
Normalerweise startet man ja eine Tour vom Anfang einer Themenstraße, in unserem Fall also wäre der Start in Koblenz am Bett des Vaters Rhein. Wir haben das Pferd aber von hinten aufgezäumt und den Ausgangspunkt ans Ende der Hunsrückhöhenstraße in Saarburg gelegt. Die Kleinstadt am Ufer der Saar hat gerade einmal etwas mehr als 7.000 Einwohner. Von hier ist es nicht weit nach Luxemburg im Westen oder ins nahe Frankreich im Südwesten. Durch die unmittelbare Lage am Fluss entstand hier bereits im 10. Jahrhundert nach Christus auf einem Bergsporn eine Höhenburg, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts mehr und mehr dem Verfall preisgegeben war. Heute versucht man, die Reste zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Spätere Ansiedlungen außerhalb der Burganlage entstanden erst im 13. Jahrhundert. Von der über der sehenswerten Altstadt thronenden Burgruine hat man einen traumhaften Blick über die ganze Stadt. Saarburg ist aber auch als Weinstadt bekannt mit immerhin noch sieben Weinbaubetrieben, die insgesamt ca. 40 Hektar Fläche bewirtschaften. Nach einer guten Stunde Sightseeing reißen wir uns los, steigen auf unsere Motorräder und brechen auf.
Blick auf Saarburg

Auf Nebenstraßen voran auf der Hunsrückhöhenstraße

Saarburg und die auch in einer Kleinstadt herrschende Emsigkeit liegen schnell hinter uns und wir nehmen den ersten Teil der Hunsrückhöhenstraße unter die Räder. Erbaut wurde sie 1938 und 1939 in kürzester Zeit durch die Organisation Todt als strategische Aufmarschstraße vom Rhein zur deutsch-französischen Grenze. Unter Einbeziehung von vorhandenen Straßen entstand die 140 km lange Verbindung in nur 100 Tagen. Wer das Filmepos „Heimat – Eine deutsche Chronik“ gesehen hat, wird sich vielleicht noch an den Teil 4 erinnern, der den Bau der „Reichshöhenstraße“ zum Thema hatte. Die B407 hat zwar auf dem Weg aus dem Saartal hinauf auf die Höhenlagen des Hunsrück auch einige spaßmachende Kurven, doch schon bei Zerf verlassen wir die Bundesstraße, da wir den Hunsrück abseits des breiten Asphaltbandes kennenlernen wollen. 
Auf einer schmalen und kurvenreichen Nebenstraße umfahren wir den eigentlichen Ort Zerf und landen trotz Freund TomTom in einer kleinen Sackgasse. Das Sträßchen heißt zwar Bahnhofstraße, aber Gleise oder gar Züge sind hier nirgendwo zu sehen. Die Trasse der früheren Hochwaldbahn – auch Ruwertalbahn genannt – ist heute als Fahrradweg ausgebaut. Dennoch zieht uns das ehemalige Bahnhofsgebäude magisch an, denn die Besitzer haben das alte  Gemäuer zu einem wunderschönen Wohnhaus umgestaltet. Weiter geht  die Fahrt auf der Nebenstraße über Mandern und Waldweiler nach Kell am See. Dort machen wir einen kleinen Abstecher in den Ort hinein und entdecken auch hier wieder den Fahrradweg bei einem kleinen Bahnhofsgebäude. Und sogar ein paar vergessene Gleise.  Obwohl Fahrradwege auf Motorradfahrer keinen besonderen Reiz ausüben – schließlich darf man sie nicht mit dem Motorrad nutzen –, ist das hier ein positives Beispiel dafür, wie man stillgelegte Eisenbahntrassen für andere Verkehrsteilnehmer sinnvoll weiternutzen kann.
Flugzeugausstellung Hermeskeil

Relikte vergangener Zeiten

Von Kell am See aus fahren wir wieder ein Stück auf der B407 bis nach Reinsfeld, wo wir uns die in den Jahren 1908/1909 errichtete Katholische Pfarrkirche St. Remigius anschauen wollen. Auf dem Weg dorthin treffen wir wieder auf ein Zeugnis aus der Zeit der noch in Betrieb befindlichen Hochwaldbahn, eine Diesellok am Straßenrand. Sabine kann’s natürlich nicht lassen und klet-tert verbotenerweise auf das stillgelegte Relikt aus besseren Eisenbahnzeiten. 
Bei der Pfarrkirche handelt es sich um einen sehenswerten neuromanischen Saalbau mit Fassadenflankentürmen, dessen Entwurf aus der Feder des Architekten Ernst Brand stammt. Für ein paar Momente genießen wir die Ruhe, die Stille, ehe wir uns wieder auf unsere Bikes schwingen. Nur ein paar Kilometer weiter erwartet uns das Städtchen Hermeskeil mit gleich zwei Attraktionen. Na ja, die erste ist mehr eine Schande als eine Attraktion: In einem alten Lokschuppen stehen ein paar Veteranen aus der Dampflok-Epoche in einem mehr oder weniger jämmerlichen Zustand. Viel schlimmer sieht es vor dem Lokschuppen aus: Ca. 50 Dampfloks rosten und zerfallen vor sich hin. Als Museum würde ich das Areal nicht bezeichnen, eher als Dampflok-Friedhof. Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das sehen könnte. Aber eine Restaurierung der Loks würde Unsummen verschlingen. Fahren wir also schnell weiter zur zweiten Attraktion, nur ein paar Kilometer entfernt. Auf 76.000 m² kann man über 100 Zivil- und Militärflugzeuge und -hubschrauber aus nächster Nähe anschauen, darunter solche Raritäten wie eine Lockheed Super Constellation oder eine Concorde. Dazu gibt es noch jede Menge Exponate in mehreren Hallen, Flugzeugmotoren und -turbinen, Schleudersitze oder Ähnliches. Interessanterweise ist diese Flugausstellung in privater Hand und beim Gang durch die Hallen und über das riesige Freigelände spürt man die Liebe und das Engagement für die Maschinen. 
Motorradtour Hunsrück Kurven bei Geisfeld

Kurvenreich geht’s weiter durch den Hunsrück

Auf Nebenstraßen fahren wir schließlich weiter. Zwischen Geisfeld und Dhron-ecken gibt es dann ein paar Kurven, die sich sehen lassen können – oder vielmehr fahren lassen. Endlich mal wieder ein paar richtige Schräglagen, die wir natürlich auskosten. In Dhronecken selbst lassen wir die gleichnamige Burg rechts liegen, ehe es bei Thalfang dann wieder auf eine Bundesstraße geht, dieses Mal auf die B327. Um nach den Besichtigungsetappen mal wieder ein bisschen Strecke zu machen, bleiben wir auf diesem gut ausgebauten und damit schnellen Teil der Hunsrückhöhenstraße, bis uns ein bräunliches Hinweisschild in die Bremse greifen lässt: Archäologiepark Belginum. Das Museum steht mitten in einem antiken Straßendorf und zeigt das Leben an einer Fernstraße in keltischer und römischer Zeit. Der das Museumsgebäude umgebende Archäologische Park veranschaulicht im Freigelände die Dimensionen des römischen Dorfes und gibt weitere Einblicke in das Leben der Menschen dieser Zeit, zum Beispiel, wie damals die Wasserversorgung funktionierte. Aber ein Blick auf die Uhr treibt uns weiter. 

Von Hochscheid nach Kirchberg

Bei Hochscheid wird uns die Bundesstraße dann doch zu langweilig und wir steuern unser nächstes Ziel Kirchberg auf Nebenstraßen an. Kirchberg wird auch die „Stadt auf dem Berg“ genannt. Schon von Weitem erkennbar sind die drei Türme der Stadt, die beiden Türme von der Michaeliskirche und der Friedenskirche und schließlich der mächtige Wasserturm. Auf dem Weg durch die wunderschöne 
Altstadt von Kirchberg mit Marktplatz und Rathaus machen wir eine kurze Rast. Ein freundlicher Kirchberger Bürger am Nebentisch kann unser Interesse nicht übersehen und wir kommen ins Gespräch. Bereitwillig und kenntnisreich gibt er uns einige Informationen über seine Heimatstadt. Schon im 4. Jahrhundert hat der römische Dichter Decimus Magnus Ausonius die Stadt in seinem Gedicht „Mosella“ erwähnt, in dem er seine Reise über den Hunsrück beschreibt. Kirchberg liegt im Schnittpunkt zweier antiker Straßen, der römischen Ausoniusstraße, die von Trier über Kirchberg bis nach Mainz führte, und dem Keltenweg von der Nahe zur Mosel. Kirchberg ist die älteste Stadt auf dem Hunsrück, da sie bereits 1259 die Stadtrechte erhielt. Der Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Wasserturm ist inzwischen nicht mehr in Betrieb, wurde aber renoviert. Nachdem unser Wissensdurst gestillt und unsere Energiespeicher wieder gefüllt sind, fahren wir weiter. 
Motorradtour Koblenz

Abschluss in Koblenz

Wieder nutzen wir Nebenstraßen, um ins nahe Kastellaun zu gelangen. Neben einigen sehenswerten Altstadtgassen fällt uns die Burg Kastellaun sofort ins Auge. Die wirklich imposante Ruine der Höhenburg zieht uns sofort magisch an. Neben den vom Verfall bedrohten Teilen der Burg gibt es dort auch eine Restauration und sanitäre Einrichtungen mit einer humorvollen Kennzeichnung. Gleich nebenan auf dem Burgberg steht die Katholische Pfarrkirche Kastellaun. Die dreischiffige Basilika wurde in den Jahren 1899 bis 1902 im neugotischen Stil mit Querschiff und Nebenchören erbaut. 
Es ist schon spät geworden und wir setzen unsere Fahrt fort, zunächst wieder über Nebenstraßen, ehe wir auf der B327 unserem Ziel in flotter Fahrt entgegenrollen. In Koblenz, dem eigentlichen Anfang der Hunsrückhöhenstraße, nutzen wir die direkt am Rheinufer gelegenen Sitzmöglichkeiten zum Ausstrecken der Beine. Mit Blick auf den Rhein und das gegenüberliegende Ufer lassen wir unsere Tour über den Hunsrück noch einmal Revue passieren. Was haben wir gesehen? Eine abwechslungsreiche Landschaft, kleine Orte und Städte mit Burgen und viel Geschichte. Wir konnten einen Blick in die Vergangenheit, in das Zeitalter der Kelten und Römer, aber auch in die jüngere Geschichte wie in Hermeskeil werfen. Um noch einmal auf die Frage am Anfang zurückzukommen: Es ist durchaus was los auf dem Hunsrück. Fahrt hin und überzeugt euch selbst.
Text: Jost G. Martin , Fotos: Jost G. Martin

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Touren: Rhön kompakt, Diagonal über den Hunsrück, Leserreportage: Haute-Savoie, Innovative Ostalb: Zwischen Tradition & Hochtechnologie, Über und unter dem Erzgebirge

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