Korsika - Insel der schroffen Schönheit

Motorradreise Korsika

Hier oben ist Fahrkönnen gefragt. Von der sehr gut ausgebauten (aber stinklangweiligen) Küstenstraße von Bastia in Richtung Süden bin ich bei Biguglia ins Landesinnere, hinauf in die korsische Gebirgslandschaft, abgebogen. Ein Verkehrsschild wies noch darauf hin, dass die schmale Straße nicht von Fahrzeugen mit mehr als sechs Metern Länge befahren werden darf.

Respektwürdige Gebirgsstraßen

Das Schild ist berechtigt. Schon nach einem Kilometer Fahrtstrecke und diversen Höhenmetern ändert sich schlagartig das Fahrgefühl. Die kurvige Straße bergwärts ist das krasse Gegenteil der schnurgeraden Uferstraße. Die Gebirgsstraße windet sich terrassenförmig entlang der Felsen nach oben. Serpentinen, also gerade Strecken und anschließend Kehren, wie ich es von den Alpen gewohnt bin, gibt es hier aber nicht. Die terrassenförmig angelegte Straße scheint nur aus Kurven zu bestehen, die wie in den Fels hineingehauen oder darangeklebt erscheinen. Links unter mir klafft ein tiefes Bachtal. Das Mäuerchen, das die Straße vom Abgrund trennt, ist gerade mal kniehoch. Wenn hier ein Motorradfahrer die Kurve nicht kriegt, würde wohl sein Motorrad noch von der Mauer gebremst werden – der Fahrer aber nicht. Auch geübte Fahrer sollten solchen Strecken entsprechenden Respekt entgegenbringen.

Einsamkeit, aber auch Faszination

Fahrkönnen ist auch deshalb nötig, weil diese kurvige Gebirgsstraße an vielen Stellen lediglich drei Meter breit ist. Die Mittelstriche machen wenig Sinn, denn Autos können hier jedenfalls nicht zweispurig fahren. An vielen Stellen weiß man zudem nicht, ob Fahrzeuge entgegenkommen, weil man nicht hinter die nächste Kurve sehen kann. Ab und zu sind Ausweichbuchten angebracht. Häufig gebraucht werden diese aber nicht. Obwohl ich erst fünf Kilometer von der vielbefahrenen Küstenstraße entfernt bin, begegnen mir hier oben kaum noch Autos. Wie an vielen Stellen im Landesinneren der Insel breitet sich hier oben Einsamkeit aus. Aber in mir auch Faszination, angesichts dieser schroffen Gebirgslandschaft. In manchen scharfen Kurven kann ich auf das blaue Meer unter mir hinabblicken. Vorne aber, weit oberhalb von mir, sind am Horizont sehr hohe Berge zu sehen, deren Spitzen jetzt im April sogar noch schneebedeckt sind.

Motorradreise Korsika, San Michele de Murato

San Michele de Murato

Oben auf dem Col de Santo Stefano angekommen, werden die Straßen wieder breiter. Beinahe schade. Die romanische Kirche San Michele de Murato steht auf einem freien Feld außerhalb des Ortes. Die berühmte Kirche wirkt mit ihren schwarzen und weißen Natursteinen wie ein Schachbrett. Hier mache ich Pause, bevor ich nach dem Ort Murato auf ähnlich schmalen Straßen wie am Anfang durch Korsikas Gebirge weiterfahre. Dieser soll 600 Einwohner haben, recherchiere ich später. Tatsächlich sind es wohl deutlich weniger, denn wie in vielen Dörfern im Landesinneren sind an vielen Häusern auch tagsüber alle Fensterläden geschlossen. Viele Korsen leben auf dem Festland, aber verkaufen ihre Häuser nicht, weil sie vielleicht im Ruhestand auf die Insel zurückkommen wollen. Sowohl an der Küste als auch im Landesinneren gibt es aber auch viele Häuser, die so baufällig sind, dass sie nicht mehr bewohnt werden können. Gleiches gilt für die noch 67 Türme an der Küste aus der Genueserzeit. Einstmals gab es 150 dieser Wachtürme, die alle in Sichtweite voneinander gebaut wurden und sich durch optische Zeichen verständigen konnten. Heute existiert nicht einmal mehr die Hälfte dieser Türme und viele der verbliebenen sind auch dem Verfall preisgegeben.

Motorradreise Korsika

Von West nach Ost – zerklüftete Landschaft & wunderschöne Buchten

Auf diesen Straßen brauchte ich fast einen Tag lang, um von Korsikas Ostküste diagonal durch den Gebirgskamm in Richtung Südwesten zu fahren. Am nächsten Tag noch ein Abstecher über eine üble Schotterstraße bergauf an den Fuß des Monte Cinto. Der Ausblick von hier oben auf etwa 1.600 Metern ist genial, aber diesen Weg mit tiefen Fahrrinnen sollte man sich mit einer Straßenmaschine lieber nicht antun. Am dritten Tag bleibe ich unten an der Küste und fahre auf der Straße entlang des Westufers wieder in Richtung Norden. Die Westseite der Insel ist viel zerklüfteter als die schnurgerade Ostseite. Dementsprechend interessanter ist auch die Uferstraße, die oftmals entlang der vielen Buchten verläuft. Von der Westküste am vierten Tag dann nochmals hinauf ins Gebirge zum Forêt de Bonifatu. Am Ende des Fahrweges steht die Auberge de la Forêt. Im Bach findet man wunderschöne Badegumpen. Am letzten Tag fahre ich rund um das Cap Corse, die nördliche Spitze der Insel, und wieder zurück zur Hafenstadt Bastia.

Ile de Beauté – Insel der Schönheit

Korsika hat den Beinamen „Ile de Beauté“, Insel der Schönheit. Viele Besucher verbinden das nur mit wunderschönen Stränden und mit malerischen Städtchen an der korsischen Küstenlandschaft. Die Mittelmeerinsel ist aus gutem Grund bekannt für Badeurlaub. Das Meer hier ist wirklich faszinierend. Die Korsikaurlauber, die nur die Küstenlinie der Insel wahrnehmen, verpassen aber einiges. „Einladend“ erscheint das Innere der Insel aber auf den ersten Blick nicht. Straßenmäßig gut ausgebaut wie die Alpen sind die korsischen Berge nirgends. Der Col de Vergio ist mit 1.470 Metern Höhe Korsikas höchster Pass. Auf Schotterstrecken kommt man noch etwas höher hinauf. Trotzdem sind die Höhen kein Vergleich mit dem, was in den Alpen möglich ist.

Motorradreise Korsika

Straßen quer durch den Gebirgskamm

Motorradfahren auf Korsika ist anders. Es gibt auf der ganzen Insel nämlich nur vier Pässe, neben dem Col de Vergio noch den Col de Vizzavona (1.163 Meter), den Col de Verde (1.289 Meter) und den Col de Bavella (1.218 Meter). Es sind auch gerade mal vier größere Straßen, die sich quer durch den Gebirgskamm schlängeln. Jedenfalls in der Hauptsaison macht das Touren auf diesen Verkehrsachsen keinen Spaß, weil hier zu viele Autos und Wohnmobile im Weg stehen. Traumhaft aber sind die vielen kleinen Sträßchen. In den Alpen wären solch enge Straßen für den Individualverkehr längst gesperrt worden. Die gemietete 800er GS passt gut auf die Piste hier, wobei alle Strecken trotz mitunter schlechtem Straßenbelag auch mit einer reinen Straßenmaschine noch gut fahrbar wären. Klar ist aber: Bergrennen fährt man auf Korsika nicht. Nicht nur wegen der unübersichtlichen Streckenführung, sondern auch, weil hinter der nächsten Kurve eine Kuh oder ein verwildertes Hausschwein auf der Straße stehen könnte. Korsika ist faszinierend für all diejenigen, die kleine und einsame Berg- und Talbahnen mögen. Denn davon gibt es viele. Und wunderschöne.
Text: Dietrich Hub , Fotos: Dietrich Hub


#Frankreich#GPS

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