Niederösterreich: Waldviertel

04.09.2020 08:59

Am Rande des Waldviertels, genauer gesagt, in Langenlois startet die Motorradtour entlang der Donau und dann durch die Berge in Niederösterreich.
Blick entlang der Donau bei Sarmingstein

Nach erfolgreicher Anreise durch Brandenburg, Sachsen und Tschechien habe ich Niederösterreich erreicht und mein Basislager in Langenlois am Schloss Haindorf, dem Startpunkt meiner Tour durch das Waldviertel, bezogen. Das Wohnmobil ist geparkt, die Africa Twin von den Haltegurten im Anhänger befreit und ausgeladen. Es kann losgehen, noch nicht sofort, aber am nächsten Morgen. Nach dem Frühstück steige ich gut gelaunt auf mein Motorrad. Gut gelaunt, weil das Wetter prächtig ist und die Sonne vom Himmel lacht. Es ist Kaiserwetter, wie man hier in Österreich sagt. Bevor ich mich dann auf den Weg zur Donau mache, statte ich der Weinstadt Langenlois noch einen kurzen Besuch ab. Die Cafés am Kornplatz oder am Holzplatz laden zum Verweilen ein und ich kann nur schwer den Verlockungen widerstehen. Der Weg nach Krems an der Donau ist nicht weit. Die Fahrt durch die Straßen und Gassen der Stadt gewährt mir einen Einblick in das Leben und Treiben in dem Kultur- und Handelszentrum am Rande der Wachau, der Flusslandschaft, die sich zwischen Krems und Melk zu beiden Seiten der Donau erstreckt.

Ein lohnenswerter Abstecher zum Rathausplatz

Ich bleibe am linken Ufer der Donau und damit in dem Teil der Wachau, der zum Waldviertel gehört. Stein an der Donau mit seinen schmalen Straßen und Gassen schließt sich nahtlos an den Verwaltungssitz des Bezirks Krems-Land an. Ein kleiner Abstecher auf den Rathausplatz stellt sich schnell als lohnenswert heraus, denn hier steht nicht nur ein schnuckeliges kleines Rathaus, sondern auch eine Statue des Johannes Nepomuk, eines böhmischen Priesters und Märtyrers, der 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen wurde.
Und in der nahen Pfarrkirche des heiligen Nikolaus gibt es sogar eine Nepomuk-Kapelle. Vor der Weiterfahrt entlang der Donau werfe ich noch einen Blick durch den Torbogen, der Zugang zur schmalen Eduard-Summer-Gasse. Die Fahrt geht weiter, dieses Mal wieder auf der Bundesstraße. Man kommt zwar auf der gut ausgebauten Straße zügig voran und hat zur Linken die Donau, doch eine schmale Straße durch die Weinberge, die vom Nordufer der Donau aus der Talsohle terrassenförmig den Berg hinauf angelegt sind, übt mehr Anziehungskraft auf mich aus. Also Blinker rechts gesetzt und abgebogen.


Weinberge bei Dürnstein
 

Ein „Lustschlössel” zur Weinverköstigung

Was für Rebsorten werden hier wohl angebaut? Natürlich hilft ein Blick ins Internet am Abend nach der Tour. Grüner Veltliner, Riesling, Müller-Thurgau und Neuburger heißen die Weißweine, Blauer Zweigelt und Pinot Noir die Rotweine, die hier in der Wachau zu köstlichen Weinen ausgebaut werden. Jetzt, am Tage, zieht mich eher das weithin sichtbare Wahrzeichen der Wachau an, das Kellerschlössel der Domäne Wachau. 1714 bis 1719 erbaut, diente es einst dem Probst des Stiftes Dürnstein als „Lustschlössel“ für Weinverkostungen. Nach einer umfangreichen Renovierung im Jahre 2006 kann man das Schlössel für Festivitäten jeder Art mieten und seine Gäste im Glanz der restaurierten Fresken und Wandmalereien empfangen. Schweren Herzens fahre ich weiter, lasse das Stift Dürnstein mit seiner prunkvollen Stiftskirche links liegen und nehme wieder einige Kilometer Bundesstraße entlang der Donau unter die Räder. Aber schon in Weißenkirchen zieht mich der Anblick der hoch über der Stadt thronenden Pfarrkirche in den Bann. Der wuchtige Kirchenbau mit dem mächtigen Turm ist von einer Befestigungsanlage mit drei Ecktürmen umgeben.


Donau Anlegestelle bei Weißenkirchen
 

Kurven satt bis zur Jugendburg

Nach einem kurzen Abstecher in den malerischen Ort an der Donau beschließe ich, der Donau den Rücken zu kehren. Schließlich will ich nicht nur sehenswerte Ortschaften, Kirchen oder Schlösser sehen, sondern auch Spaß beim Motorradfahren haben. Die nächste Gelegenheit bietet sich in Spitz an der Donau. Rein in den Kreisverkehr und gleich die erste Ausfahrt anvisiert, Blinker rechts gesetzt und abgebogen. Endlich wieder Kurven, richtige Kurven, obwohl es eine Bundesstraße ist. Es lacht das Biker-Herz, als es in zügigem Tempo hinauf Richtung Mühldorf geht. Rechts an den nach Südwesten zeigenden Berghängen recken sich die Rebstöcke der Sonne entgegen. Von Mühldorf an führt die Straße Richtung Südwesten. Ortsnamen wie Feistritz oder Heiligenblut kommen mir bekannt vor, doch diese Namen sind im deutschsprachigen Alpenraum weit verbreitet, ähnlich wie es den Ort Wulkow alleine in Brandenburg zwölfmal gibt. Ein Blick auf die mitgeführte Karte – das Navi könnte ja mal ausfallen – zeigt mir, dass ich die
ganze Zeit am Naturpark Jauerling-Wachau entlanggefahren bin. Am Schuß, so heißt diese kleine Siedlung, verlasse ich den waldreichen Naturpark und mache wenige Kilometer weiter einen kleinen Stopp. Die Burg Streitwiesen, eine Höhenburg rechts der Straße, erweckt meine Aufmerksamkeit, vor allem deshalb, weil auf einem Schild „Jugendburg Streitwiesen“ zu lesen war. Jugendburg? Jugendburgen sind Begegnungsstätten, in denen sich junge Menschen treffen können, um den Konventionen der Gesellschaft zu entgehen und ihr Leben in eigener Verantwortung gestalten zu können. Während die Burgruine einem Verein gehört und in 35 Jahren durch die Jugend selbst restauriert wurde, ist Schloss Pögstall im Besitz der gleichnamigen Gemeinde Pögstall. Die ehemalige Wasserburg dient heute vor allem musealen und kulturellen Zwecken. Neben einem Museum für Rechtsgeschichte ist auch das Heimatmuseum mit der einzigen im Original erhaltenen Folterkammer im süddeutschen Sprachraum von besonderem Interesse.


Motorradtour Niederösterreich, Mühlviertel
 

In voller Schräglage erreichen wir das Mühlviertel

Von Pögstall aus führt mich mein Navigationsgerät nun wieder hinunter zur Donau. Von Altenmarkt im Yspertal beginnt dann eine wahre Kurvenorgie. Kurz nach dem Ortsausgang biege ich ab, um auf einer Nebenstrecke ins Donautal zu fahren. Fahren ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, schwingen wäre richtiger, denn Kurve reiht sich an Kurve, mal lang gezogen, mal mit engerem Radius. Schräglagen nach links, Schräglagen nach rechts, dazu so gut wie kein Verkehr. Herz, was willst du mehr. Am Ende des Tales, in Isperdorf, erreiche ich dann wieder die Donau-Bundesstraße. Entschleunigen ist angesagt, jedenfalls
so lange, wie mich der ruhig dahinfließende Strom begleitet. Ohne es zu bemerken, bin ich gleich nach dem Verlassen des Yspertals in Oberösterreich und damit im Mühlviertel gelandet.


Die Jugendburg bei Streitwiesen
 

Die Güterwege von Österreich

Bis Grein genieße ich den Anblick des breiten, nicht wirklich blauen Gewässers, ehe es mich wieder nach Kurven gelüstet. Nach einer kurzen Stippvisite in der malerischen Innenstadt und einem Blick auf das wuchtige Schloss Greinburg nutze ich die B119, um hinauf in die Berge zu kommen. Leider ist die Bundesstraße viel befahren und so weiche ich wenige Meter hinter dem Wellnesshotel Aumühle vom vorgeplanten Weg ab, Freund TomTom möge es mir verzeihen. Gleich zu Beginn der schmalen, aber asphaltierten Straße steht ein kleines Schild: „Güterweg“. Mhm, darf ich oder darf ich nicht, das ist hier die Frage. Güterwege sind in Österreich Straßen im ländlichen Raum zur Erschließung einzelner kleiner Siedlungen und sogar Einzelgebäude wie Bauernhöfe. Ich darf also. Und das Abweichen von der Route sollte ich nicht bereuen. Bis hinauf nach St. Georgen am Walde begegnen mir gerade einmal zwei Autos, sonst gibt es nur traumhafte Landschaft mit verstreut liegenden Bauernhöfen, satten Weiden und grünen Wäldern. Hier könnte ich sicherlich gut und gerne etwas mehr am rechten Griff drehen, doch das funktioniert einfach nicht. Der Blick in die Landschaft, die grünen Hügel, vereinzelt weidende Rinder, das alles fasziniert mich so, dass ich in lockerem Tempo über die schmalen Güterwege rolle. Einfach ein Traum. Ab St. Georgen am Walde bewege ich mich wieder auf normalen Straßen, mal ein Stück Bundesstraße, dann wieder Landesstraßen. Hier und da bin ich froh, dass meine ATwin ein gut abgestimmtes Fahrwerk mit ausreichend Federweg hat.


Schloss Ottenstein
 

Dreimal gestaut – zum Glück nur das Wasser

Längst bin ich wieder im Waldviertel. Wälder, Felder und kleine Ortschaften wechseln sich auf den nächsten ca. 60 Kilometern ab, nur wenige Begegnungen mit Autos, Lkw oder Traktoren. Erst als ich den Stausee Ottenstein erreiche, wird der Straßenverkehr etwas lebendiger. Der Stausee ist der erste von drei aufeinanderfolgenden Stauseen, in denen der Fluss Kamps aufgestaut wird. Er ist auch der längste See der drei und mit einem Wasservolumen von 73 Millionen Kubikmetern der Größte. Auf einer Anhöhe oberhalb der Staumauer liegt die Burg Ottenstein, eine Höhenburg aus dem 12. Jahrhundert. Wie alle Burgen und Schlösser hat auch diese Burg eine wechselvolle Geschichte, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Nur so viel: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Burg als Offiziersunterkunft der sowjetischen Besatzung genutzt und dabei wenig pfleglich behandelt (diplomatisch ausgedrückt). Um die Burg touristisch nutzen zu können, hat man später ein Schlossrestaurant in der Vorburg eingerichtet. 2014 musste es wegen mangelnder Besucher geschlossen werden. Gleich nach dem Ottensteiner Stausee fängt schon der nächste Stau an, natürlich nicht auf der Straße, sondern daneben. Hier wird das Flüsschen Kamp zum Dobrastausee. Ebenso wie der Stausee windet sich parallel zum Wasser die Straße durch die Waldlandschaft. Ab und zu kann ich einen Blick durch das dichte Buschwerk auf den See und das andere Ufer werfen. Und so entdecke ich am gegenüberliegenden Ufer die Ruine Dobra, die eine der schönsten mittelalterlichen Burgruinen hier im Kamptal und ein beliebtes Ausflugsziel sein soll – aber eben am anderen Ufer. Auch nach der Staumauer des Dobrastausees windet sich der Kamp schlangenartig weiter durch die Landschaft und mit ihm die Straße.


Burgruine Dobra am gleichnamigen Stausee
 

Die Wege trennen sich

In Krumau am Kamp lege ich noch einmal einen kurzen Stopp ein. Von der Brücke über den Kamp hat man einen herrlichen Blick auf den Fluss und die darüber thronende Burg Krumau. Weiter geht die Fahrt durch das Waldviertel. Gleich am Ortsausgang von Krumau steigt das Gelände steil an und mit ihm die Straße. Die fünf Kehren sind genau das, was meine ATwin und ich jetzt brauchen. Mit Tempo auf die erste Kehre zufahren, bremsen, das Motorrad abwinkeln und mit Gas wieder aus der Kehre herausbeschleunigen – und das gleich fünfmal. Das hat irgendwie Suchtcharakter. Also noch mal? Ich kann mich bremsen und rolle dann von Tiefenbach, immer noch in zügigem Tempo, durch die Kurven hinunter nach Thurnberg. Hier verlasse ich das Kamptal für kurze Zeit – der Fluss will auch mal seine Ruhe haben. Aber in Gars am Kamp treffen wir uns wieder. Erst in Langenlois trennen sich unsere Wege. Der Kamp setzt seinen Weg zur Donau fort, während ich am Schloss Hainburg mein rollendes Domizil mit Namen „Felix“ beziehe, um die Bilder in meinem Kopf noch einmal auf mich wirken zu lassen. Alles in allem ein wunderschöner Tag mit Sonne, Landschaft und Kurven satt.
Text: Jost G. Martin , Fotos: Jost G. Martin

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