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Raue Schönheit: Armenien

19.06.2020 09:35

Armenien - Hohe Berge, tief eingeschnittene Täler, Gebirge und Steppenlandschaft prägen diese Motorradreise durch einen Teil des Kaukasus.
Armenien


Gebirge und Steppenlandschaft, so könnte man Armenien kurzgefasst beschreiben. Hohe Berge und tief eingeschnittene Täler prägen das Land. Am Berg Aragaz fahren wir bis auf eine Höhe von 3.200 Metern hinauf – der höchste Punkt, den ich jemals mit dem Motorrad erreicht habe. Von dort aus schauen wir nach Westen auf den Berg Ararat. Dieser 5.137 Meter hohe Berg wird bereits in der Bibel erwähnt. Hier sei nach der Sintflut Noahs Arche an Land gegangen. Die Taube, die mit einem Olivenzweig im Schnabel zur Arche zurückkam, wurde zum Symbol des Friedens. Davon ist für die Armenier mit Blick auf den Berg Ararat nichts zu spüren: Der vormals armenische Berg liegt inzwischen auf dem Staatsgebiet der Türkei, weil das damalige Osmanische Reich armenisches Land raubte. Den Berg Ararat, der für die Geschichte des christlichen Armeniens so wichtig ist, können die Armenier nur aus der Ferne bewundern, nicht aber betreten: Die Grenze zwischen Armenien und der Türkei ist unpassierbar.
Für die Armenier ist der Berg Ararat ein Teil ihrer nationalen Identität und bleibt doch nur ein Sehnsuchtsort. Schon seit dem Völkermord an den Armeniern durch die Türken im Jahr 1915 herrscht zwischen diesen Ländern Streit. Während der Sowjetzeit verlief hier ein Teil des „Eisernen Vorhangs“ zwischen dem NATO-Land Türkei und der Sowjetrepublik Armenien. Die Zeiten dieses Ost-West-Konfliktes sind vorbei, aber die Grenze zwischen Armenien und der Türkei bleibt geschlossen.
Wir sind zu zweit unterwegs, Arsen und ich, beide fahren wir Enduros vom Typ Yamaha XT 660 R. Diese unverwüstlichen Ackergäule sind genau die richtigen Fahrzeuge für Armenien: Für schwieriges Gelände geeignet, aber doch nicht zu schwer. Die 48 PS reichen gut aus, denn um schnell zu fahren, reist man nicht nach Armenien. Arsen, mein Guide, ist der Inhaber der Motorradvermietung Dreamriders. Mit ihm als Einheimischen finde ich mich weit schneller zurecht, als dies allein möglich gewesen wäre. Zehn Tage lang sind wir beide in Armenien unterwegs. 1.500 Kilometer legen wir zurück, mindestens ein Drittel davon auf Schotter- oder auf Erdstraßen. Auch von den Asphaltstraßen wären viele Passagen für europäische Verhältnisse kaum passierbar.  

Ein rauhes Pflaster

Armenien ist eine andere Welt und eine andere Kultur. Bereits die Schrift ist eine andere und führt dazu, dass ich – sofern keine englischen „Untertitel“ angebracht wurden – keine Schilder entziffern kann. Auch viele Zapfsäulen sind nur mit armenischen Buchstaben beschriftet. Arsen und ich auf unseren Motorrädern gehören zu den wenigen, die in diesem Land „zum Spaß“ unterwegs sind. Häufig kommen uns auf den Erdstraßen alte sowjetische Lastwagen entgegen und wirbeln Staubwolken auf. Herbe Gegensätze prägen dieses Land: In jedem größeren Ort sieht man die düsteren Plattenbauten aus der Sowjetära. Auf dem Land leben viele Menschen in heruntergekommenen kleinen Bauernhöfen. Prägend für die Baugeschichte des Landes sind aber viel mehr die uralten Klöster, die teilweise über 1.000 Jahre alt sind. Gerade die Klöster waren und sind in Armenien Träger der Kultur und der Bildung. Armenien hatte sich bereits im Jahr 300 als erstes Land weltweit im Ganzen zum christlichen Glauben bekannt. Den kirchlichen Würdeträgern wird von allen Armeniern Respekt entgegen gebracht. Das Land ist christlich geprägt, ist aber von seiner Geografie und seinen Straßenverhältnissen her ein Teil des Orients. Gastfreundschaft ist Teil dieser Kultur und tatsächlich begegnen uns alle Einheimischen sehr wohlwollend.

Armenien
 

Deutsche Qualität ist sehr beliebt

Etwa 70 Jahre lang war Armenien ein Teil der Sowjetunion, bis sich das Land 1991 vom „Großen Bruder“ lossagte. Die neu errungene Freiheit bedeutete auch das Ende diverser Versorgungsleistungen, zumal es nun mit dem vorher erzwungenen Frieden mit dem Nachbarland Aserbaidschan vorbei war. In den darauffolgenden Jahren ging es mit der armenischen Wirtschaft katastrophal bergab. Auch in der Hauptstadt Jerewan gab es in dieser Epoche häufig keinen elektrischen Strom. Diese Ära ist vorbei, die Grundversorgung der Bevölkerung funktioniert wieder, aber noch immer ist Armenien ein Land mit Sowjetvergangenheit und unklarer Zukunft. Viele Menschen auf dem Land sind sehr arm und können nur aufgrund ihrer kleinen Landwirtschaft überleben. Speziell in der Hauptstadt Jerewan gibt es offensichtlich auch eine gut verdienende Oberschicht: Hier sieht man öfters neue und keineswegs kleine Mercedes-Limousinen. Auch mein Guide Arsen schwärmt von deutschen Autos, er hat aber ganz spezielle Vorlieben: „Unimogs are the best trucks that have been ever build.“ Die geländegängigen Kleinlaster würden tatsächlich gut in das schwierige armenische Verkehrswesen passen. Neben einigen gut ausgebauten Asphaltpisten gibt es auch auf den Hauptrouten viele Verkehrswege, die nach wie vor nur Schotter- oder Erdstraßen sind. Mit einer Straßenmaschine durch Armenien zu fahren ist so gut wie unmöglich, und zwar nicht nur, weil man dringend Stollenreifen braucht. Auch viele Asphaltstraßen haben derartig tiefe Löcher, dass man, sofern auch Slalomfahren nichts mehr hilft, den Federweg einer Enduro sehr zu schätzen lernt. Da auch der entgegenkommende Verkehr den Schlaglöchern ausweichen muss und dafür häufig die gesamte Straßenbreite braucht, sollte man dementsprechend vorsichtig fahren. Unterwegs auf diesen Straßen sind auch viele große Fahrzeuge – uralte russische Lastwagen, Landwirte auf Traktoren russischer Bauart und auch Tanklastzüge mit arabischen Schriftzeichen, welche Benzin und Diesel aus dem Iran nach Armenien liefern. Ein Liter Diesel kostet in Armenien 70 Cent, im Iran neun Cent und einige iranische Tanklastzugfahrer würden Diesel auch „privat“ verkaufen.
Kurz vor meiner Ankunft in der Hauptstadt Jerewan besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel dieses Land. Dieser Staatsbesuch war insofern ein heißes Eisen, weil zum Programm auch eine Kranzniederlegung an der Gedenkstätte für den Völkermord an den Armeniern gehört. Im Jahr 1915 wurden vom türkischen Staat etwa 1,5 der damals etwa 2 Millionen Armenier umgebracht. Erst 2016 hat der Deutsche Bundestag dieses historische Ereignis anerkannt und bis heute bestreitet die Türkei, dass es diesen Völkermord überhaupt gegeben hätte. An der Gedenkstätte betonte sie, dass das Leid des armenischen Volkes nicht vergessen werden dürfe, aber sie vermied es, das Wort „Völkermord“ auszusprechen. Auch Arsen und ich besuchten die Gedenkstätte.


Armenien
 

Zizernakaberd – seit 1965 ein Wahrzeichen

Eine in Räumen unter der Erde angelegte Ausstellung dokumentiert die Geschichte Armeniens bis zum Völkermord. Zwölf graue Pylonen ragen schützend über dem ewigen Feuer und bilden zusammen den „Tempel der Ewigkeit“. Ein 44 Meter hoch aufragender Obelisk symbolisiert die Wiederauferstehung des Volkes. Armenien ist ein christliches Land, das von drei Seiten von muslimischen Nachbarländern umgeben ist. Der christliche Glaube ist seit dem dritten Jahrhundert die einende Kraft, die das Land und seine Kultur prägt. Die Armenische Apostolische Kirche hat einen sehr hohen Stellenwert im Land, daran konnte weder der Völkermord durch die Türken noch die Sowjetzeit etwas ändern. Fast alle Klöster Armeniens sind auch Wehranlagen, d. h. von einer hohen Mauer umgeben. Diese dienten nicht dazu, um die Mönche von der Welt abzuschotten, sondern die Klöster waren auch Schutzburgen für die Bevölkerung im Falle eines Angriffes.
Ein ideelles Bollwerk gegenüber den Feinden Armeniens sind die Klöster nach wie vor, wobei aber die Beziehung zu Russland trotz der Sowjetzeit keineswegs feindlich ist. Der Ort Sanahin in der Provinz steht symptomatisch für die zwiespältige Geschichte Armeniens: Einerseits gibt es hier ein Kloster, aus dem 10. Jahrhundert, das sogar in die Liste der UNESCO als Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Anderseits befindet sich etwas unterhalb dieses Klosters ein Museum, vor dem ein russisches Kampfflugzeug MiG 21 aufgestellt ist. In Sanahin wuchsen die Brüder Artjom und Anastas Mikojan auf. Anastas Mikojan (geboren 1895) bekleidete in der Ära Stalin und Chruschtschow die höchsten Staatsämter in der Sowjetunion.
Sein Bruder Artjom (geboren 1905) entwickelte gemeinsam mit Michail Gurevich (daher die Abkürzung MiG) russische Kampfflugzeuge. In Sanahin ist man stolz auf die beiden erfolgreichen Brüder. Im Museum wird nicht thematisiert, dass die Sowjetunion zu Stalins Zeiten über Millionen Leichen ging. Mein Guide Arsen ist erst 25 Jahre alt und hat folglich die Sowjetzeit nicht selbst miterlebt. Er versichert mir aber mehrmals, dass es ohne die Sowjets noch weit weniger Asphaltstraßen in Armenien geben würde.
Von Jerewan fahren wir erst nach Norden in Richtung Georgien, um von dort aus über den Sewansee entlang der Grenze zu Aserbaidschan in Richtung Süden zur Grenze zum Iran zu fahren. Die Region um den Sewansee gehört zu den landschaftlichen Highlights des Landes. Freilich war er schon deutlich größer. Früher lag sein Wasserspiegel 17 Meter höher. Inzwischen hat man auch in Armenien erkannt, dass der Schutz der Natur ein wirtschaftlicher Vorteil ist. Noch sind es wenige Touristen aus dem Westen, die nach Armenien kommen. Die meisten ausländischen Besucher sind nach wie vor Russen. Jedes Jahr aber würden etwa 40 Motorradfahrer aus dem Westen bei ihm Motorräder mieten oder geführte Touren buchen, erklärt mir Arsen.
Problematisch sind die vielen freilaufenden Hunde, die teilweise recht aggressiv auftreten. Oftmals ist es auch so, dass sie auf fahrende Motorräder zu rennen und angriffslustig bellen. Für Motorradfahrer ist das in aller Regel kein Problem, denn schneller sind wir immer.  Höchst unangenehm wäre es freilich, wenn der Hund bis vor das Vorderrad rennen würde. Dann wäre der Sturz wohl unvermeidlich. Auf einem Fahrrad aber möchte ich nicht durch Armenien unterwegs sein. Tatsächlich begegnet uns in diesen zehn Tagen kein einziger Radfahrer.

Armenien
 

Die Tourismusbranche wird angekurbelt

Armenien arbeitet daran, seine Attraktivität als Urlaubsziel zu erhöhen. Die lebenswichtige Grundversorgung, gerade für jüngere Touristen, ist schon längst gegeben: Freies Internet gibt es fast überall. Fast jeder Kiosk, auch wenn er irgendwo in der Steppe steht, wirbt mit einem Schild „Free WLAN“. Ein absolutes Highlight in der touristischen Infrastruktur ist die 2010 eröffnete Seilbahn „Wings of Tatev“. Vom Ort Sjunik führt eine Seilbahn über die 2,7 Kilometer breite und 500 Meter tiefe Worotan-Schlucht hinüber zum Kloster Tatev. Die Seilbahn ist mit 5.750 Metern die längste Seilbahn der Welt. Gebaut wurde sie von einer österreichischen Firma.
Ein Hindernis für den touristischen Aufschwung bleibt das schlechte Straßennetz Armeniens. Für Enduroliebhaber kein Problem, aber deutsche Gruppenreisende würden sich wohl schwer damit tun, im Omnibus auf Straßen unterwegs zu sein, die nach unseren Standards gesperrt werden müssten. Wenn man aber nur europäische Gewohnheiten im Kopf hat, wird man einem Land an der Grenze vom Orient zum Okzident nicht gerecht. Die herbe Schönheit eines solchen Landes erkennt man nur, wenn man sich darauf einlässt und in diese fremde Welt wirklich eintaucht.

Armenien

 
Text: Dietrich Hub , Fotos: Dietrich Hub