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Spanien & Portugal - Andalusien, Alentejo, Extremadura

19.05.2020 16:26

Eine Motorradtour in Alhaurín de la Torre zu beginnen, ist schon etwas für Hartgesottene. Der Ort bietet keinerlei andalusische Highlights. Aber wenn man eine Tour wie unsere vor hat und die Bikes in Sepp Niederbergers großer Halle voll mit Motorrädern nebst Gepäck und Kombis bereitstehen, sieht man schon mal über fehlende Sehenswürdigkeiten hinweg.
Bei herrlichem Sonnenschein fahren wir die ersten 300 Meter zu unserer Unterkunft, um am nächsten Morgen direkt starten zu können. Ein Wettercheck ergibt, dass es ausgerechnet am ersten und längsten Reisetag dauerregnen und stürmen soll. Wir glauben dies erstmal nicht, geben die Strecke ins über 300 Kilometer entfernte Aracena in der Provinz Huelva aber sicherheitshalber ohne „kurvenreiche Strecke“ in die Navis ein.

Tag 1: Von Alhaurín de la Torre nach Aracena

Die positive Nachricht: Auf den Google Wetterdienst ist Verlass: Temperaturen bei 11 °C, Regenwahrscheinlichkeit 90 % und heftige Windböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 90 km/h. Stimmt genau! Ab und zu kommt dann doch die Sonne durch und lässt Landschaft und Himmel in herrlichem Grün und Blau erstrahlen. Satte Farben und großzügige Kurven machen Spaß, aber nicht lange, der nächste Schauer kommt wie angekündigt und die entgegenkommenden Laster schieben eine Welle von Wasser vor sich her, die sich unerbittlich über uns ergießt. Gut, wenn man sich den Streckenverlauf schon vorher eingeprägt hat. Dann erblicken wir wieder den träge dahinfließenden Guadalquivir und Olivenhaine, die sich die Bergrücken rauf und runter räkeln. Am Ende der Fahrt hätten wir anstelle von Stiefelbier lieber Glühwein. Aracena hat Flair, lebt und brummt und hat etliches zu bieten. Wir verschieben die Besichtigung und genießen Tapas, Wein und Bier.

Tag 2: Rundfahrt über Linares, Alájar, Sta. Ana la Real und Riotinto und zurück nach Aracena

Der strahlend blaue Himmel lockt trotz Temperaturen um die 10 °C. Wir satteln die völlig verdreckten Bikes und fahren beschwingt die bruchsteingepflasterten Sträßchen hinunter. Wir folgen der HU8105 in Richtung Westen durch die Sierra de Aracena. Die Kurven nehmen kein Ende und nach jeder werden wir mit wunderschönen neuen Ausblicken belohnt. Steil geht es auf engen Sträßchen hinunter nach Linares und Alájar.  In diesen Dörfchen, so man sie ohne Speichenbruch und Kettenriss erreicht hat, scheinen sich die Bewohner über motorradfahrende Touristen zu freuen oder sie zumindest als gelungene Abwechslung zu empfinden.
Schließlich bin ich – immer noch verspannt von der gestrigen Fahrt – doch froh, die steilen Spitzkehren zu den malerischen Örtchen hinter uns zu lassen. Auf der N435 geht es in zügigen Kurven weiter. 90 km/h sind auf den meisten spanischen Landstraßen erlaubt. Es fällt manchmal etwas schwer, sich daran zu halten.
Die Sierra de Aracena entpuppt sich als wahres Bikerparadies. Eine perfekte Mischung aus Kurvenspaß und Augenschmaus. Und apropos „Schmaus“, leckere Tapas fehlen in keiner Bar. Wir fahren bis Santa Ana la Real auf der N435 nach Süden und auf der A47 wieder in den Norden und kommen an dem riesigen Tagebauareal von Minas de Riotinto vorbei. Die Eisen- und Kupfervorkommen haben dem Ort den Namen gegeben und den Fluss rot gefärbt. Eine einzige Mondlandschaft erstreckt sich vor unseren Augen. Garzweiler lässt grüßen.
Zurück in Aracena, wo wir unser Bier trotz niedriger Temperaturen auf der Terrasse vor einem Lokal genießen, hören wir vertraute Laute. Ein Blick nach oben bestätigt das Bauchgefühl: Ein Storchenpaar hat sich auf seinem Nest auf dem Kirchturm niedergelassen, um die Jungen zu füttern. Ein herrliches Bild, das uns von nun an begleiten wird.

Tag 3: Von Aracena nach Vila Viçosa

Von Aracena fahren wir auf der N433 immer nach Westen in Richtung Portugal, bei mittlerweile idealem Motorradwetter, sonnig und Temperaturen zwischen 16 °C und 18 °C. Es herrscht wenig Verkehr, dafür beobachten wir viele Störche, die auf Strommasten mit Nestflickarbeiten und Aufzucht der Brut beschäftigt sind – aber nicht ein Motorrad begegnet uns! Mit Vila Nova de São Bento haben wir das erste portugiesische Städtchen erreicht. Eine unglaublich entspannte Stimmung ergreift sofort von uns Besitz. Wir pausieren mit Kaffee am Hauptplatz, ein älterer Herr macht mich darauf aufmerksam, dass ich meine Beine unter dem Tisch parken soll, wo ein Gasbrenner wohlige Wärme verbreitet. Anschließend geht es von hier aus auf schmalen Straßen – auf der Karte durchaus nicht immer grün markiert – durch frisch und weiß getünchte Ortschaften in das quirlige Moura.
Die Stadt lebt, hat blumengeschmückte Häuser, bruchsteingepflasterte Straßen nach portugiesischer Manier und enge, gemütliche Gassen, die ich trotzdem nicht unbedingt mit dem Motorrad durchfahren muss. Hier scheint alles zu stimmen: Soziale Kontakte werden quer durch alle Generationen gepflegt! Und zwei Milchkaffees kosten 1,70 Euro. Weiter geht es in weiten Kurven durch die Stauseelandschaft nach Monsaraz, das prächtig und selbstbewusst auf einem Hügel thront. Schon vom ersten Parkplatz weit unterhalb des alten Städtchens sind die kilometerweiten Aussichten über die Landschaft einfach spektakulär. Wir treffen ein in Ehren ergrautes portugiesisches Paar, das sich von uns fotografieren lässt. Zum Dank bekommen wir von ihm, der ein berühmter portugiesischer Architekt gewesen sein muss, sein handsigniertes Buch mit ganz vielen Hinweisen – auf Portugiesisch, das ich nur mit Mühe verstehe.
Zugegeben, extrem kurvenreich ist die Anfahrt in die Extremadura nicht, obwohl die Wortverwandtschaft es vermuten ließe. Wir wedeln uns durch die Mittelstreifen der kaum befahrenen Straßen, damit die Reifen schön rund bleiben. Ungemein entspannt geben wir uns dem wechselnden Wolkenpanorama hin, das sich auf dem Boden abbildet, nd fahren durch rapsgelbe und lavendelviolette Landschaften und steineichenbestandene Weiden mit Schafen und Rindern. Wir sind mit der Welt und uns im Reinen.
Auf schmalen Straßen, die wir ganz für uns allein haben, cruisen wir über Terena und Alandroal nach Vila Viçosa. Vorher wundern wir uns noch über Steinbrüche und sorgfältig angehäufte kleine Gebirge, die wie aus dem Nichts auftauchen und die Straße begleiten. Es dauert ein bisschen, bis wir begreifen, dass es sich um ein Marmorabbaugebiet handelt. Monsaraz hoch auf einer Bergkuppe kommt uns noch einmal angenehm unerwartet dazwischen. Ein weiterer prachtvoller Ort, über den wir mehr oder weniger zufällig „gestolpert“ sind.
Vila Viçosa ist ein Städtchen von nicht mal 10.000 Einwohnern, das von alter Pracht – natürlich aus Marmor – nur so strotzt. Lange war es der Sommersitz der portugiesischen Königsfamilie. Attraktionen, die auch für Biker in Kluft oder „zivil“ einen Besuch lohnen: das Marmormuseum, die Burganlage und die unzähligen Lokale. Und das Schönste: Ich bekomme an der Rezeption unserer Unterkunft eine Blume geschenkt. Es ist Weltfrauentag! Ich verschenke sie nach dem Abendessen an eine portugiesische Familienmutter mit drei kleinen Jungs.

Tag 4: Von Vila Viçosa nach Marvão

Wir bleiben noch ein bisschen in Portugal und nehmen die N246 nach Norden über Arronches nach Portalegre. Kreuz und quer fahren wir durch die Stadt, finden aber kein einladendes Lokal für eine kurze Pause und starten durch in die Serra de São Mamede nach Marvão. Kurve um Kurve schrauben wir uns durch die herrliche Berglandschaft. Der kleine Ort liegt hoch oben hinter ein paar spitzen Kehren und natürlich wird er von einer Burg gekrönt. Wir parken die Maschinen und klettern – in Kluft – hinauf, weil mir die Sträßchen, die zu dem alten Gemäuer führen, zu steil, schmal und rechtwinklig sind, aber den spektakulären Sonnenuntergang von hoch oben wollen wir nicht verpassen. Die Aussicht vom Burgfried entschädigt für alle Anstrengungen. Sie ist einfach umwerfend!

Tag 5: Von Marvão nach Cáceres

Ungern verlassen wir den kuscheligen kleinen Ort, der von Touristen zumindest im März noch nicht heimgesucht wird. Unser Ziel ist Cáceres in Spanien, aber vorher gönnen wir uns einen Abstecher nach Castelo de Vide am nordwestlichen Ende der Serra. Einmal noch Kurvenrausch, bevor wir uns auf weniger spannenden Strecken über die N521 und später die EX110 über Alburquerque auf den Weg in die von den Römern gegründete Stadt machen. Die Straßenbezeichnung sagt es: Wir haben die Extremadura erreicht.
Die Landschaft wird flächiger, der Blick geht unbegrenzt über hügeliges Weideland mit Steineichen und unzähligen riesigen Felsbrocken. Man hat den Eindruck, ein Urzeitriese hat sie beim Murmeln aus dem Beutel verloren. Der alte Teil der Stadt direkt hinter der Plaza Mayor wurde in den 80er-Jahren zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Der Besuch ist ein muss, aber tatsächlich nur in ziviler Kleidung, denn es geht entweder rauf oder runter – und Motorräder sind nur erlaubt, wenn sie von einem Polizisten gefahren werden.

Tag 6: Von Cáceres nach Plasencia

Der Abschied von Cáceres fällt ein bisschen schwer. Aber das Wetter macht wieder absolute Motorradlaune. Wir kurven hoch zur Virgen de la Montaña und genießen den Blick über die ganze Stadt. Ein junges Pärchen spricht uns auf Englisch an und will wissen, ob wir den ganzen Weg von Deutschland mit Motorrädern gekommen sind. Sie legen uns noch ein besonderes Ziel ans Herz: Los Barruecos bei Malpartida westlich von Cáceres. Ein Naturspektakel versprechen sie uns. Auf unserer Karte ist nichts zu finden, aber Google kennt den Ort natürlich, im Gegensatz zu unseren Navis. Als wir die Suche schon aufgeben wollen, erreichen wir Malpartida und folgen den Schildern nach Barruecos. Mithilfe freundlicher Einheimischer umfahren wir den Wochenmarkt und kommen endlich ans Ziel. Es entpuppt sich als paradiesisches Fleckchen unangetasteter Natur mit großen über das Land verstreuten Felsen, auf denen es unaufhörlich klappert. Eine ganze Kolonie von Störchen ist hier ansässig. Majestätisch heben sie von ihren Nestern ab und nutzen die erstklassige Thermik für einen Kurzausflug zu einem der vielen Seen, in denen sie offenbar problemlos Nahrung finden. Eine Rinderfamilie, die sich uns genähert hat, will auch nur ans Wasser.
Noch erfüllt von diesem Paradies fahren wir das Stückchen Offroadpiste wieder zurück zur Asphaltstraße, die uns auf kaum befahrenen, nicht besonders kurvenreichen, gelb verzeichneten Strecken nach Norden führt. Aber so können wir den Rio Tajo, der über riesige Strecken gestaut wird und dann den Namen Embalse de Alcántara annimmt, besser genießen. Wie in die Landschaft eingelassene Saphire funkeln die Wasserflächen aus dem Grün.
Der Weg ist das Ziel – Credo aller Biker, also fahren wir sehr indirekt etliche kurvige Umwege über die N630 und die CC29 nach Torrejón el Rubio und zum Santuario de Monfragüe, einem weiteren Naturparadies. Aufregende Serpentinen führen uns auf die Passhöhe auf rund 700 Meter Höhe. Die Straße führt im Naturpark von Monfragüe durch Bergrücken, in denen gefühlte Hunderte von Geiern ihr Zuhause haben und über uns ihre Kreise ziehen. Wir sind noch 30 Kilometer von unserem Tagesziel Plasencia, einer Stadt mit knapp über 40.000 Einwohnern in der Provinz Cáceres, entfernt. Mein Mann hat „kurvenreich“ in sein Navi eingegeben und so wird es dann auch.

Tag 7: Rundtour über Jaraíz, Yuste, Garganta la Olla, Puerto del Piornal, Valdastillas zurück nach Plasencia

Das Städtchen Plasencia im Norden der Extremadura hat an sich schon einiges zu bieten, aber wir haben uns vorgenommen, Yuste zu besuchen, den Ort, an dem Karl der Große seine letzten zwei Lebensjahre verbracht hat. Durch die La Vera fahren wir über die EX303 zunächst kurvig, später kehrig nach Norden mit wunderschönen Blicken in das Tal des Río Tiétar, Nebenfluss des Tajo. In Cuacos de Yuste geht es abrupt steil nach links ab und nach wenigen Kilometern ist das Monasterio de Yuste erreicht. Hierhin hat sich Karl V Mitte des 16. Jahrhunderts in einer Sänfte bringen lassen, um seine zwei letzten gichtgeplagten Lebensjahre zu verbringen. 1558 starb er hier tatsächlich, allerdings nicht an der Gicht, sondern an dem Stich einer Malariamücke.
Er war Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der mächtigste Mann des 16. Jahrhunderts. In seinem Reich ging die Sonne nicht unter und er hat, damals selbst erst 19 Jahre alt und erstaunlich modern eingestellt, Martin Luther 1521 zum Reichstag nach Worms zitiert, damit Letzterer seine Thesen widerrufen sollte, was er am Ende nicht tat. An diesem Ort kann man gar nicht anders, als sich Jahrhunderte zurück in die Geschichte zu versetzen. Die Zeit wird plötzlich ein ganz eigenartiges Phänomen. Orte und Gebäude, wenn auch mehrfach umgewidmet und restauriert, stehen hier einfach, als hätte Karl gerade noch in seinem Gichtstuhl gesessen. Er hat übrigens die Amtsgeschäfte noch zu seinen Lebzeiten an seinen Sohn, Philip II., übergeben, der mit der „Großen Armada“ im Ärmelkanal eine einzigartige Niederlage im Kampf gegen die anglikanischen Engländer erlitt.
Auf einer schmalen Straße, der CC51, deren Asphaltdecke nur bis zum Monasterio de Yuste in gutem Zustand ist, kreuzen wir weiter nach Nordosten. Ein Kurven- und Kehrenschmaus! Über die Garganta de Ollo zirkeln wir in tausenden von Kehren nach unten und wieder gen Himmel auf den Puerto del Piornal, Höhe 1.270 Meter. Nicht minder spannend geht es in spektakulären Haarnadelkurven wieder ins Tal des Río Jerte, bekannt auch als das Tal der Kirschen, die immer üppiger blühen, je weiter wir nach unten kommen. Auf den höchstens vier Meter breiten abenteuerlichen Straßen ist es mir nur recht, dass wir keinen Verkehr haben. Auf der N110 cruisen wir schließlich entspannt in weiten Kurven, die auch im Fahrmodus Ausblicke auf den Embalse de Plasencia zulassen, zurück nach Plasencia, von wo es morgen zum nächsten Ziel geht.

Tag 8: Von Plasencia nach Las Mestas

Bei üppiger Sonne starten wir gen Norden wieder auf der N110 vorbei am glitzernd blauen Embalse de Plasencia. Entlang der östlichen Hänge der Montes de Traslasierra cruisen wir bis hinter Cabezuela del Valle und biegen links in die Sierra ab, mit Richtung auf den Puerto de Honduras in 1.450 Metern Höhe. In traumhaften, nicht enden wollenden Kurven wendeln wir uns durch Landschaften mit elefantengroßen, rundgebügelten Felsen. Steineichen und hier und da grasende Rinderherden runden das tiefenentspannende Naturschauspiel ab. Eigentlich wollen wir noch einen Stopp in Granadilla am Embalse de Gabriel y Galán einlegen. Ein Ort, der in den 60er-Jahren von seinen Bewohnern geräumt wurde, weil man davon ausging, dass das ansteigende Wasser des Embalse den Ort unter seinen Wassermassen begraben würde. Aber da hatten sich wohl einige Ingenieure verrechnet, denn der Ort lag viel zu hoch, um im Wasser des Río Alagón unterzugehen. Entsprechend ist er heute ein willkommenes Studienobjekt für Archäologie-Studierende.

Kurz nach 14 Uhr kommen wir vor den hohen Mauern des Ortes an und wundern uns kurz über die reichhaltigen Parkmöglichkeiten. Was wir nicht bedacht hatten, auch solche Orte und das einlassende Personal machen Siesta – von 14 bis 16.30 Uhr oder länger. Wir umrunden den Ort in Stiefeln und Ornat, auf der Suche nach einem heimlichen Einlass, finden aber nichts. Granadilla ist für uns uneinnehmbar. Ziemlich hungrig machen wir eine enttäuschte Pause in Poblado del Embalse Gabriel y Galán. Dem Wirt erzählen wir von unserem Misserfolg. Er bringt uns eine Menge an Kartenmaterial und rät uns, von der sportlichen Ertüchtigungsanlage „El Anillo“ einen Blick auf Granadilla zu werfen. Am Eingang sollten wir nur schön von ihm grüßen, dann würden man uns schon einlassen.
Gesagt, gefahren – und es klappt. Jorge, der Freund des Wirts, lässt uns mehr als freundlich durch das Rund der sportlichen Trainingsanlage wandern, die ansonsten abgeschirmt ist wie ein militärisches Kasernengelände. Ein schlechtes Bild auf Granadilla aus enormer Entfernung ist eine kleine Entschädigung für entgangene Entdeckerfreuden. Über das schon zuvor erwähnte La Pesga geht es über den Río Alagón in die Sierra „Las Hurdes“, immer noch eine der ärmsten Regionen Spaniens, die schon in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts den berühmten Filmregisseur Buñuel zu seinem Film „Un chien andalou“ (dt. „Ein andalusischer Hund”) inspiriert hatte.
Die Bergrücken ziehen sich zurück. Ab Poblado del Embalse, eine kleine Siedlung direkt am Stausee mit traumhafter Aussicht auf das sonnenbeschienene Wasser, falten sie sich nur noch lässig am Horizont. Bis zum Ortseingang von Las Mestas cruisen wir über gut ausgebaute Straßen. Auf den letzten Metern kommt die Krönung: ein einziger Bergsteigerkurs für Zweiräder. In voller Kluft und bei herrlichem Sonnenschein genießen wir angenehm erschöpft unser verdientes Stiefelbier auf der Terrasse des Hotels.

Tag 9: Rundfahrt von Las Mestas nach La Alberca in Castilla y León

Wir warten, bis die Temperaturen zweistellig werden, und starten auf der SA201 nach Norden. Höher und höher schrauben wir uns, bis wir die acht engen Serpentinen nach La Alberca geschafft haben, die ich anteilig nur im Schritttempo durchfahren kann, zumal uns immer wieder Radfahrer mit atemberaubenden Geschwindigkeiten entgegenkommen und dabei gern die ganze Straßenbreite ausnutzen. Ohne es zu bemerken, haben wir dabei die Extremadura verlassen und den Süden von Castilla y León erreicht. In La Alberca, mit seinem mittelalterlichen Flair und seinen urigen Bruchsteinhäusern mit den oberen Stockwerken in heimatlich anmutender Fachwerkbauweise, ist eine Pause einfach Pflicht.
Parken geht nicht im historischen Stadtkern, also müssen die Mopeds am Ortsrand kurz auf den Bock. Wir erstiefeln das Städtchen in Montur und genießen unseren Café con leche auf der pittoresken Plaza Mayor unter Holzbalkonen, die alles andere als stabil aussehen, aber so schief und krumm offenbar schon mehrere Jahrhunderte gehalten haben. Hübsche kleine Geschäfte laden zum Bummeln ein, aber mein Mann drängelt. Also satteln wir wieder auf und nehmen die SA201 über El Cabaco durch die Sierra de Francia. Himmlischer Kurvenspaß mit ebensolchen Ausblicken am laufenden Kilometer. Die Sonne scheint, der Bikergott meint es gut mit uns.
Weil unsere Mägen sich irgendwann lautstark melden, landen wir eher zufällig etwas abseits unserer Strecke in Miranda del Castañar. Außer einem leckeren Imbiss haben wir nichts von dem kleinen Örtchen erwartet. Es entpuppt sich dann aber als echtes Kleinod mit stattlicher Burg, intakter Stadtmauer und malerischen Gässchen. Zwischendurch erhaschen wir immer wieder Aussichten in das Land und auf die Esskastanienbäume, die dem Dorf seinen Namen gegeben haben.
Über Sotoserrano mäandern wir wieder in den Süden, wo noch ein besonderes Naturschauspiel auf uns wartet: Riomalo de Abajo. Hier fließt der Río Alagón in einer einzigartigen Schleife, in der Mitte eine perlenförmige kleine Insel. Leider ist die Zufahrt auf den letzten anderthalb Kilometern ein unbefestigter von Schlaglöchern übersäter Waldweg. Ich traue mich trotz Enduro nicht weiter und warte auf meinen Mann, der seine GS dem Härtetest unterziehen will. Nächstes Mal bin ich dabei!

Tag 10: Von Las Mestas in die Sierra de Gredos

Wir machen es auf die bewährte Weise, warten, bis die Temperaturen Zweistelligkeit erreicht haben, und satteln auf. In zügiger Fahrt geht es nach Westen über den gemächlich dahinfließenden Río Alagón, der wenig weiter südlich im Embalse de Gabriel y Galán enorme Ausmaße annimmt. Relativ kurvensparsam wedeln wir brav auf unserer Straßenseite über Baños de Montemayor nach Hervás, wo ein wahrhaftes Kurvenparadies auf leider sehr sanierungsbedürftiger, enger Landstraße beginnt. Es folgen gefühlte 28 Kehren und 117 enge Kurven. Obendrein teilen wir uns diese Marterstrecke mit zahlreichen Radfahrern. Wir halten auch in engen Kurven ordentlichen Abstand und bekommen ab und zu sogar eine dankende Hand ausgestreckt. Steil und kehrenreich schrauben wir uns dem Puerto de Honduras entgegen. Der Straßenbelag ist so gruselig, dass ich von der schönen Landschaft um uns herum nicht viel mitbekomme. Nur am Puerto de Honduras mit über 1.400 Metern machen wir eine kurze Fotopause. Ich bleibe auf meiner Maschine sitzen. Hier den Ständer rausstellen, ist mir zu riskant.
Irgendwann ist die CC102 zu Ende und wir erreichen die N110, die am Río Jerte entlangführt. Hier begegnen wir dann auch den ersten Motorradgruppen. Wir nähern uns dem Puerto de Tornavacas, über den sich Karl V. vor fast 500 Jahren gichtgeplagt in einer Sänfte nach Yuste tragen ließ. Zügig erreichen wir den geschichtsträchtigen Ort El Barco de Ávila mit beeindruckender Burg im Hintergrund und überqueren den Río Tormes auf einer original-römischen Brücke. Nach Osten geht es weiter auf der AV 941 entlang der Nordflanke der Sierra de Gredos. Im Hintergrund erblicken wir immer wieder verschneite Bergkuppen.
Unsere Unterkunft, das Parador Sierra de Gredos, scheint ein Familienhotel zu sein. Kinder gibt es viele hier. Biker fahren nur vorbei und wir genießen unseren Abend auf der sonnenbeschienenen Terrasse mit Blick auf die weißen Berge der Sierra.

Tag 11: Von Sierra de Gredos nach Trujillo

So viele Biker wie hier haben wir während unserer gesamten Fahrt noch nicht gesehen – beziehungsweise gehört. Spät am Abend hat es uns nicht gestört, aber früh am Morgen finden wir das hochtourige Röhren vor unserem leicht geöffneten Fenster doch eher mäßig schön. Die N502 führt uns schon nach wenigen Kilometern gen Süden und zunächst erfreulich steil und kurvenreich hoch auf den Puerto del Pico auf über 1.350 Meter Höhe. Nach jeder Kurve neue traumhafte Ausblicke auf und in die Sierra de Gredos. Was einmal die ärmste Gegend der iberischen Halbinsel war, präsentiert sich semi-alpin, semi-touristisch und grüner, je tiefer wir kommen. Mit einem tränenden Auge lassen wir die wunderschönen Strecken westlich und östlich von Arenas de San Pedro links und rechts liegen. Man muss sich auch noch etwas für den nächsten Aufenthalt aufheben.
In Velada kürzen wir ab, unterqueren die Autobahn und nehmen Kurs auf „El Puente del Arzobispo“ (Die Brücke des Erzbischofs). Wir überqueren den herrlich wasserreichen Tajo zum x-ten Mal. Das Städtchen hat Flair. Überall sitzen Großfamilien in Lokalen und reden gleichzeitig am Tisch und mit vorübergehenden Cousins und Cousinen. Alles wirkt sehr entspannt. Bei unserem Café con leche, wie immer, umgeben von Einheimischen, die erzählen, als hätten sie sich mindestens wochenlang nicht gesehen, haben wir Schwierigkeiten, uns zu verstehen.
Relaxt schwingen wir uns flott durch die langen Kurven der CM4100. Ab Puerto de San Vicente geht es wieder richtig zur Sache. Wir erklettern die Sierra de Altamira und Guadalupe in engen Kurven und müssen wegen der Höhe von über 1.000 Metern beständig schlucken. Schließlich erreichen wir den Marienwallfahrtsort Guadalupe. Weit entfernt ist er von größeren Städten noch immer. Von beschaulicher Einkehr kann allerdings gar keine Rede sein. Ein sonniger Sonntag und Unmengen von SUVs haben sich auf den Weg gemacht. Auf der Plaza Mayor, an der eine imposante Treppe zur Klosterkirche hinaufführt, ist jeder Platz besetzt.
Wir machen aus der Not eine Tugend und nehmen uns zuerst den kulturellen Teil unseres Zielortes vor. Immerhin ist Guadalupe nach Santiago de Compostela der wichtigste Wallfahrtsort des Landes und immer noch das religiöse Zentrum des Extremadura, mit einer sehr langen beeindruckenden Geschichte. Es beschleicht uns ein komisches Gefühl, als wir erfahren, dass die ersten Indios, die Kolumbus aus der Karibik mitbrachte, hier zwangsweise getauft wurden. Die Konquistadoren aus der Extremadura verbreiteten in Amerika vor allem das Bild der Heiligen Maria von Guadalupe. Wenn man bedenkt, wie unter dem Mantel der Christlichkeit mit der Bevölkerung der Neuen Welt verfahren wurde, wird einem noch blümeranter. Der ausgelassenen Stimmung auf der Plaza Mayor tut das keinen Abbruch.

Unser Tagesziel ist Trujillo und das Gehen in Kluft fällt immer schwerer. Fazit: Wir stürzen uns in die Kurven der EX102 und CC97. Die Strecke über Logrosán und Zorita fanden wir bei der Planung nach Karte eher langweilig, keine grüne Markierung, große Höhenunterschiede oder schnuckelige Ortschaften angesagt. Die Wirklichkeit ist völlig anders. In langen Kurven und Bögen durchzieht die Straße die sanft hügelige Landschaft mit ihren typischen Dehesas, enorme Weideflächen mit wunderbaren Korkeichen, verstreuten glatt polierten Felsrücken und darauf Schafe, Rinder und hin und wieder die berühmten schlanken Schweine mit den schwarzen Beinen, Produzenten des leckeren Jamón de Pata Negra. Das Ganze ist, in das Licht der untergehenden Sonne getaucht, ein einziger Augenschmaus. Kurz vor Trujillo erleben wir dann doch noch ein kleines Abenteuer. Das Städtchen räkelt sich schon aus der Ferne gut sichtbar auf einem Hügel und wir machen für ein besseres Foto einen Abstecher auf die alte Straße durch einen Tunnel mit einem tiefen Wasserloch, an dem ein ausgewachsener Stier seinen Durst stillt. So schnell habe ich noch nie auf unbefestigtem Untergrund gewendet!

Ein Rundgang durch die wohl berühmteste Stadt der Extremadura – ausnahmsweise in Zivil – muss noch sein. Der ganze Ort wirkt wie eine Filmkulisse für Historiengeschichten. Rings um die Plaza Mayor machen sich Adelspaläste mit Arkadengängen, überwiegend von Konquistadoren erbaut, gegenseitig Konkurrenz um die grandioseste Wirkung. Googelt man den Namen Trujillo, findet man etliche gleichnamige Städte überall in Lateinamerika, denn von hier aus zogen sie los, die Eroberer, um sich die Neue Welt zu unterwerfen. Francisco Pizarro, dessen Reiterdenkmal die Plaza Mayor beherrscht, sammelte hier seine Schar, mit der er Anfang des 16. Jahrhunderts nach Peru aufbrach und die systematische Zerstörung des riesigen Inkareichs einläutete. Mit diesem Ort verbindet sich Weltgeschichte.

Tag 12: Von Trujillo nach Zafra

Auf schmalen Straßen brechen wir am nächsten Tag Richtung Zafra auf. Im Rückspiegel winkt uns Trujillo noch eine ganze Weile hinterher. Zugegeben, es ist kein Kurvenrausch, aber die wunderschöne Landschaft wiegt alles auf. Anstelle von Maisfeldern wie zu Hause wieder die bereits beschriebenen Dehesas. Nichts für Raser, aber schön für motorradwandernde Genießer. Das mittelalterliche Örtchen Montánchez, der Balcón de Extremadura, muss über anspruchsvolle Kurven erklommen werden. Schon lange bevor wir uns hochgeschraubt haben, sehen wir es mitsamt seiner Burg aus der Zeit der Araber auf einer eindrucksvollen Erhebung thronen. Ins Zentrum des Städtchens führen die üblichen steilen, schmalen Gässchen. Ich fahre sie völlig gelassen ab, bis auf der Plaza Schluss ist, ab hier ist Hochlaufen angesagt. Das 3-D-Panorama, das sich vom Balcón und von der noch höher gelegenen Burg aus bietet, entschädigt wieder mal für alle Anstrengungen. Ein erhabenes Gefühl macht sich an diesem Ort breit.
Der weitere Weg bis nach Zafra führt uns am Canal de Orellana über einen baumbesäumten Wirtschaftsweg entlang. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis Medellín am Río Guadiana, über den eine imposante historische Brücke führt. Natürlich fehlt auch eine mächtige Burganlage nicht. Der berühmteste Sohn der Stadt: Hernán Cortés, ein weiterer extremenischer Eroberer, der das Aztekenreich unter seine Gewalt brachte.

Tag 13: Zafra-Roundtour

Die Stadt Zafra ist außerordentlich hübsch, aber es juckt einfach zu sehr in der Gashand und wir brechen auf zu einer unerwartet kurvenintensiven Dreieckstour: Fregenal de la Sierra, Jerez de los Caballeros und auf dem Weg zurück nach Zafra die Burg von Burguillos del Cerro noch mitgenommen. Ein schönes Gutzi zwischendurch!

Tag 14: Von Zafra nach Córdoba

Von Zafra nach Llerena im Südosten ist alles entspannt. Abgesehen von den paar Ortsdurchfahrten mit massenhaft „schlafenden Polizisten“, die die über 30 km/h fahrende Bikerin sofort mit Adrenalinstoß aus dem Traumzustand in die Gegenwart befördern, ist alles easy. So geht es weiter bis Guadalcanal. Interessant ist, dass jedes Örtchen seine Burg hat, die vor Jahrhunderten heftig umkämpft war. Ewig ging es hin und her, mal alles unter arabischer Herrschaft, dann zurück an die Christen und noch mal von vorn. Castilla y León und Castilla-La Mancha haben daher ihre Namen. Castilla steht hier einfach für Burgenland. Burgen und Landstriche, die in der Rückeroberung der iberischen Halbinsel durch die Christen von Nord nach Süd über sieben Jahrhunderte in regelmäßigen Abständen von muslimischen zu christlichen Herrschern wechselten. Wir fahren nach Córdoba, wo sich eben dies bemerkbar macht. Mitten in die alte Moschee hinein haben die Christen im Vollbesitz ihrer Macht eine Kathedrale gebaut. Jede und jeder mag für sich entscheiden, wie schön das ist. Ein Baustil, der uns besonders gefällt, ist die mozarabische Architektur. Zum Christentum konvertierte Araber bauten einfach weiter, wie sie es kannten. Kennzeichen sind die typischen Hufeisenbögen und die ornamentale Bauweise.
Das sind die Gedanken, die sich breit machen, wenn ich mich nicht auf die Fahrbahn konzentrieren muss. Aber ab Alanís wird die A447 in Richtung Argallón zur Piste und von Kilometer zu Kilometer schauriger. Es beginnt mit tiefen Spurrillen, dann kommen tiefe Löcher und Geröll dazu. Ich denke, jede und jeder wird dieses Gefühl kennen: Jetzt zurückfahren? Oder die Sache durchstehen? Zu spät, also weiter. Eine Marterstrecke von knapp 30 Kilometern liegt vor uns. Die Landschaft wird immer schöner, wir durchqueren Täler und überqueren Pässe, aber der Blick geht nur maximal 10 Meter nach vorn, um nicht mit Gabelbruch in tiefsten Schlaglöchern zu versinken. Seitenbegrenzungen oder Mittelstreifen sind natürlich Fehlanzeige. Es heißt, den Lenker schön festzuhalten und sich trotz der Rodeo tanzenden Maschine nicht aus dem Sattel werfen zu lassen.
Am Río Béjar machen wir ein Päuschen – im Stehen. Und während wir noch unsere tauben Hände schütteln, rauschen zwei GS mit NL-Kennzeichen an uns vorbei. Wieso können diese Niederländer, die herkommen, wo alles platt ist wie ein Pfannkuchen, so spritzig solche Strecken fahren? Ziemlich demoralisiert setze ich meine Fahrt fort und dann, wenige Kilometer später am Río Bembézar, treffen wir die beiden wieder. Sie genießen die Landschaft von der Brücke aus und wir satteln ab. In bestem Deutsch tauschen sie mit uns Einzelheiten über die Marterstrecke aus. Ich bekomme Lob – wie schön – für mein Durchhaltevermögen. Auf meiner Maschine hätten sie die Piste auch nicht so wagemutig hinter sich gebracht. Kurz nach unserem Treffen ist die Straße wieder frisch asphaltiert. Ich atme auf und starte durch. Was für ein Kurvenspaß!
Auf der alten und neuen N432 geht es von Norden nach Córdoba. Eine schlechte Idee, denn von Süden ist die Anfahrt wesentlich entspannter. So müssen wir uns durch das Gewirr von engen Altstadtgässchen zwängen. Unser Hotel liegt direkt an der Mezquita, viele Touristen, schmale Gassen – und dann die Tiefgarage. Mein Mann übernimmt das Parken.

Tag 15: Von Córdoba nach Antequera über Cabra und Rute

Von Córdoba starten wir schon kurz nach dem Frühstück auf der N432 nach Süden. Kurven- und kehrenverwöhnt, wie wir nach zwei Wochen Südspanien sind, finden wir die Strecke eher wenig herausfordernd. Weit und breit intensiver Olivenanbau. Das höchste Gebäude in jeder Ortschaft ist nicht etwa die Kirche, sondern etwas, was wie ein Zementwerk aussieht. Der spezielle, leicht vergorene Geruch vertreibt schließlich alle Zweifel. Wir hätten früher darauf kommen können. Es sind kooperative Olivenpressen. Und die Traktoren mit hochbeladenen Anhängern transportieren schwarze Oliven, die offenbar den Winter an den Bäumen verbracht haben müssen, um natürlich schwarz zu werden.
Nur weil unsere Mägen sich melden und wir ohne Koffeindoping drohen, vom Hobel zu fallen, machen wir in der Kleinstadt Cabra halt. Laut Karte und Fremdenführer gibt es hier nichts zu sehen, aber wir sind ganz begeistert von dem Städtchen. Wir können die Mopeds direkt vor dem Lokal abstellen, für anderthalb Liter Wasser, je zwei leckere Pinchos mit Bacalao und Tortilla zahlen wir nur 10 Euro mitsamt Trinkgeld. Zu sehen gibt es auch reichlich. Am aufregendsten: Ein Polizist regelt ganz stilvoll den Verkehr im Kreisel. Wir lassen uns von ihm freundlich durchwinken und nehmen Kurs nach Rute am Stausee Iznájar. Es wird zusehends kurviger und bergiger und immer erstrahlt der Embalse in einer neuen Schattierung von Türkisblau. Wir schrauben uns begeistert hinauf und genießen den Blick in das ordentlich gekämmt aussehende weite Tal. Hier und da schmauchelt ein Feuerchen aus Olivenschnitt, auf jeder Anhöhe eine trutzige Burg und am Horizont mal wellige mal schroffe Bergrücken. Eine Panoramaaufnahme mit den Augen im Stehen, dann nehmen wir das schlängelige Asphaltband wieder unter die Räder und erklettern auch noch die letzten Steigungen von 15 % bis zum Konvent von Antequera.

Tag 16: Von Antequera zurück nach Alhaurín de la Torre

Die A343 hat ihre grüne Markierung hoch verdient. Wir schwingen von einer langezogenen Kurve in die nächste und genießen die Blicke in das Tal und die Sierra de Chimenea – Gebirge der Schornsteine. Davon scheint es tatsächlich jede Menge zu geben. Gestern waren es noch wenige Feuerchen, heute qualmt und lodert es überall. Anschließend führt uns die MA404 durch die Garganta del Chorro, ein Stausee eingezwängt zwischen zwei riesigen Felsformationen. Ein beeindruckendes Szenario. Aber es warten noch atemberaubendere Ausblicke auf uns. Wenige Kilometer weiter wartet das 3-Stauseen-Spektakel. Also werden die Maschinen auf einem Geröllparkplatz aufgebockt und wir klettern schnaufend und schwitzend stramme 250 Meter bis zum Aussichtspunkt auf 550 Meter. Der Anblick von dort oben lässt alle Anstrengungen sofort vergessen. Wie flüssiges Aquamarin füllen die Stauseen aus den Geschwisterflüssen Guadalhorce, Guadalteba und Conde de Guadalhorce die unter uns liegenden Täler. Kleine Inseln erheben sich aus dem Wasser, tiefe Einschnitte sehen wir Fjorde aus. Eine künstliche Wasserlandschaft müssen wir uns immer wieder sagen, aber es sieht aus, als wäre es schon immer und von Natur aus so gewesen.
Die A357 ist wunderbar ausgebaut und verwöhnt uns noch einmal mit wunderbaren zügig befahrbaren Kurven. Bei Carratraca biegen wir auf die A70/78 ab und fahren den Südhang der Sierra de Agua entlang. Sie hat auf der Karte das berühmte grüne Band und wartet auch mit spektakulären Ausblicken in das Tal auf. Aber das große Schild mit der Ansage „Atención! Carretera en mala condición“ ist genauso zuverlässig in seiner Ansage. Die folgenden knapp 20 Kilometer sind von Schlaglöchern übersät. Leitplanken auf der Talseite? Fehlanzeige. Ordentlich durchgerüttelt rollen wir durch Pizarra nach Alhaurín in Richtung Mittelmeer, das wir tatsächlich während der Fahrt nicht einmal gesehen haben. Ein Blick aufs Instrument verrät: Wir sind über 2.600 Kilometer gefahren. Bei Sepp Niederberger vor der Halle steht gerade eine größere Gruppe Biker. Sie genießen ein wohlverdientes Stiefelbier nach einer Woche, in der sie sicher weiter gefahren sind als wir – aber mehr gesehen haben sie ganz sicher nicht.
Text: Kerstin Sommer , Fotos: Kerstin Sommer