Test: Ducati Scrambler Desert Sled - hochbeinige Italo-Schönheit

06.09.2020 11:04

Ein bisschen Aufmerksamkeit kann ja nie schaden. Erst recht nicht im Straßenverkehr. Wer da positiv auffällt, wird gern mal vor- oder reingelassen, wenn es sich irgendwo staut. Kriegt auch mal einen lobenden Daumen gezeigt an der Ampel oder im Vorbeifahren. Und sorgt allenthalben für leicht verdrehte Köpfe. Frei nach dem Motto: „Boah, guck maaaal!“
Wer bei diesen einleitenden Worten denkt: „Och nö, bloß nicht“, sollte nie, wirklich nie auf eine Ducati Scrambler Desert Sled steigen. Denn genau das eingangs Erwähnte wird ihm auf einer Tour passieren. Da führt kein Weg dran vorbei. Die hochbeinige Italo-Schönheit ist ein Hingucker. Ein Sympathie-Einheimser erster Güte. Eine Begehrlichkeiten-Weckerin von reinster Unschuld.


Anbetungswürdiger Mix

Schmale Hüften, lange Hachsen, prächtiger Lenker. Weiß, Rot und Alusilber sind die dominanten Farben. Farbpsychologisch (und komplett populär-wissenschaftlich) übersetzt stehen diese Töne für Unschuld gepaart mit Leidenschaft und Understatement. Was für ein anbetungswürdiger Mix. Bei der Desert Sled kommt noch ein gehöriger Schuss Nostalgie hinzu: Die Geländetante innerhalb der Scrambler-Familie erinnert optisch sowohl ans selige Ducati-Vorbild aus den 1960ern – als auch an die Mutter aller Enduros, die unvergessene Yamaha XT 500. Das hören sie bei Ducati natürlich nicht so gern. Aber sie wissen selber ganz genau, dass es so ist. Die optische Nähe und das vertraute raubeinige Motorgeräusch sind weitere Bauklötzchen für die Sympathie-Kathedrale, die rings um diese schützenswerte Gattung von Motorrädern errichtet werden sollte.


Hohe Sitzposition, großer Fahrspaß

Mit 73 PS ist die 800er Scrambler-Bande – Icon, Café Racer, Full Throttle und Desert Sled – nicht gerade überbordend motorisiert. Auf dem Papier jedenfalls nicht. Auf dem Asphalt aber könnten die Bikes vermutlich allesamt die Steine aus dem Kopfsteinpflaster reißen, wenn es um den oft zitierten puren Fahrspaß geht. Speziell die Desert Sled mit ihrer hohen Sitzposition – amtliche 860 mm – macht einfach saumäßig Spaß. Sie hängt ausgezeichnet am Gas, was erfahrene Kempen – frühe Monster-Sperenzien im Hinterkopf – nie für möglich gehalten hätten. Sie fühlt sich leichter an, als sie ist (209 kg fahrfertig). Sie schmeißt sich wagemutig in Kurven. Und: Sie kann richtig was abseits der Straße. Gravel und Schotter nimmt sie unter die Räder wie Sprinter eine Tartanbahn. Felsiges Geläuf und Buckelpisten meistert sie im Stil eines erfahrenen Hürdenläufers oder Dressurpferds: Spring nie höher, als du musst. Aber spring überall sauber rüber. Weil du es kannst. Jawoll.


Die Sitzbank der Ducati Scrambler Desert Seld versprüht gesunde Härte

Auf langen Strecken erweist sie sich als treue, wenn auch strenge Gefährtin: Die Stehposition ist ausgezeichnet. Das hilft, dem nach vielen Kilometern doch etwas gebeutelten Pöter mal ein bisschen Entspannung zu verschaffen. Die Sitzbank ist gut, das schon, aber recht schmal und straff. Eher so der Espresso Forte Lungo des Ausruhens. Wie alle kleinen Scrambler muss sie vorn mit nur einer Scheibe zum Stillstand gebracht werden. Die misst immerhin 330 Millimeter und stammt von Brembo. Insoweit sind die Verzögerungswerte völlig okay. Das von Bosch entwickelte Kurven-ABS sorgt für hohe Sicherheitsreserven. Die Wenigsten werden sie in Anspruch nehmen müssen: Das Fahrverhalten ist tadellos. Nur wer auf mäßig ebenen Autobahnen die Füße auf die hinteren Fußrasten verlagert, um entspannter auf dem Tank kauern zu können, nimmt bei hohem Tempo ein leichtes Flattern des Vorderrads wahr. Mit ihren üppigen 200 mm Federweg vorn wie hinten ist sie für Aerodynamik-Improvisationen nicht erste Wahl. Stimmt der Knieschluss wieder, erledigt sich das Thema augenblicklich.


Design-Coup aus Borgo Panigale

5,1 Liter auf 100 Kilometer gibt Ducati als kombinierten Verbrauch an. Das kommt in der Realität ganz gut hin. Und ermöglicht Reichweiten von über 200 km zwischen den Tankstopps. 13,5 Liter fasst der formschöne Kraftstoffbehälter. Die seitlichen Tankpanels sind ohne großen Aufwand austauschbar. Aus alufarben mach mattschwarz mach rot-blau-schwarz-kariert oder was auch immer. Ein echter Design-Coup, der den Ragazzi von Ducati beziehungsweise von der hauseigenen Scrambler-Division da gelungen ist im Headquarter in Borgo Panigale. Kein Wunder also, dass sich alle nach ihr umdrehen.

Text: Ralf Bielefeldt , Fotos: Ralf Bielefeldt, Peter Musch

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