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Test Triumph Rocket 3 GT und R - das letzte Monster-Bike?

24.07.2020 16:00

Triumph hat sein Topmodell Rocket III vollkommen runderneuert. Setzt der Power-Cruiser im Test neue Maßstäbe?

Cruise Missile von der Insel

Nicht weniger als volle 12 Jahre lang, nämlich von 2004 bis 2015, war sie der Fels in der Brandung: Die Triumph Rocket III mit ihren massigen 360 Kilogramm Leergewicht hielt unerschütterlich die Linie. Stets galt: Power ja, Agilität na ja. Der schwere Dreizylindermotor mit rund 2,3 Litern Hubraum stand der Handlichkeit ebenso im Wege wie die Fahrwerksauslegung. Agilität war der Rakete also nicht in die Wiege gelegt worden, weshalb die Dicke als anspruchsvoll zu fahrendes Motorrad galt. Jetzt ist das Nachfolgemodell Rocket 3 da, und zwar gleich in zwei Varianten, nämlich als nackter Roadster und als Power-Cruiser mit dem Kürzel GT. Und siehe da: Die vollkommen neu entwickelten Briten-Bikes mit dem jetzt auf 2,5 Liter aufgeblasenen Triple und einem um 40 Kilogramm reduzierten Gewicht legen nicht nur eine fette Beschleunigungsspur hin, sondern glänzen mit vergleichsweise leichtem Handling und erfreulicher Agilität; sie generieren damit einen ganz besonderen Fahrspaß. Freilich muss man sich diesen leisten können: Mindestens 22.000 Euro will ein Triumph-Händler schon sehen…

Ganz überwiegend haben wir uns während unseres 2.000-Kilometer-Tests mit der GT-Version beschäftigt; zusätzlich war das Testbike mit Komponenten des sogenannten Highway Inspiration-Kit ausgestattet. Dazu zählen die 20 Liter-Seitenkoffer, der Gepäckträger, der sehr gut funktionierende Schaltassistent und ein TFT Bluetooth Connectivity-System sowie sehr ansehnliche Lenkerenden-Spiegel. So ausgestattet, nähert sich der Preis einer Rocket 3 GT der 25.000 Euro-Marke. Zweifellos viel Geld, aber dieses Bike ist es nicht zuletzt dank piekfeiner Verarbeitung und ausgezeichneter Komponenten durchaus wert.

Hubraum und Drehmoment markieren Spitzenwerte im Serienmotorradbau

Wer die Besonderheiten der Triumph Rocket 3 auflisten will, ist gut beschäftigt: Da ist einmal ihr – man kann’s nicht anders sagen – sensationelles Dreizylinder-Triebwerk mit einem Hubraum von knapp 2,5 Litern. Das Drehmoment von maximal 221 Nm stellt, erwartungsgemäß, wie auch das Hubvolumen den Spitzenwert im Serienmotorradbau dar. Mehr gibt’s nirgendwo in der Zweiradwelt. Die Maximalleistung von 123 kW/167 PS erscheint dagegen fast schon „normal“, denn ähnlich viel oder gar noch mehr Power ist in diversen Nakedbikes mehrerer Hersteller zu kriegen.

Auch wenn die Rocket 3 also in Sachen Leistung keine absolute Sonderrolle spielt, so erinnert die Fortbewegung auf ihr – und zwar insbesondere auf der GT-Version – an den Ritt des legendären Barons Münchhausen auf der Kanonenkugel: Egal ob 1.500 oder 3.000 Umdrehungen anliegen, so mutiert das Briten-Bike beim Gasgeben blitzartig zur Cruise Missile. Dies ist für den Fahrer nicht zuletzt deshalb so unfassbar, weil er ja eine Art „Feet forward“-Position einnimmt; man sitzt mit aufrechtem Oberkörper sehr entspannt, aber zum Glück nicht passiv. So ist es denn echt beeindruckend, was die Elektronik beim Herausbeschleunigen aus Kurven leistet, aber auch welche enormen Kräfte der von Avon stammende Hinterreifen verarbeitet. Der 240 Millimeter breite Pneu erfreut mit einer unerwarteten Handlichkeit; wer erwartet hatte, dass die immerhin 324 Kilogramm wiegende GT die Kurvenagilität eines Panzers aufweisen würde, wird aufs Angenehmste eines Besseren belehrt. Selbst sehr kurvenreiche Strecken bereiten großen Fahrspaß; richtig enge Haarnadel-Passagen erfordern freilich Aufmerksamkeit und Besonnenheit des Piloten.

Dass die Durchzugskraft des Triple gewaltig ist, sagten wir schon. Deshalb ist es nur äußerst selten nötig, höher als etwa 4.000/min zu drehen. Das schlägt sich in einem erfreulich niedrigen Benzinkonsum nieder: Bereits mit 6,0 Litern lassen sich zügige Landstraßenritte absolvieren, Werte deutlich jenseits des Normwertes werden nur von Grobmotorikern oder auf der Autobahn mit Tempi jenseits der 150 km/h erreicht; letztere sind aber ohnehin wegen des bescheidenen Windschutzes anstrengend. Leicht gemacht werden sie andererseits durch den bestens regelnden Tempomaten und die perfekte Langstrecken-Sitzposition.

An dieser Stelle ist es Zeit, auf die Unterschiede zwischen der GT- und der R-Version zu kommen. Wir halten die GT trotz „Feet forward“ für ein auch in Kurven unerwartet handliches Motorrad. Aber klarerweise beherrscht die R-Version diese Disziplin noch eine Nummer besser. Das liegt an den recht zentral montierten Fußrasten, der etwas höheren Sitzposition und dem anders geformten Lenker. Aus allen diesen Änderungen ergibt sich eine aktivere Ergonomie. Die interne Rollenverteilung ist damit klar: Die R ist für die Chef-Dynamiker am Lenker erste Wahl, die GT spricht eher die komfortorientierten Freunde gepflegt-überbordender Dynamik an.

Dass Triumph mit der Rocket 3 auf dem richtigen Weg ist, zeigte das erste Halbjahr der Neuzulassungen: Rang 38 ist für ein so extremes Motorrad mehr als ein Achtungserfolg. Anders als bei vielen anderen Zweirädern scheint sich die Rocket 3 von der partiellen Marktdepression infolge der Corona-Wirren vollständig freimachen zu können. Triumphs deutscher Pressesprecher durfte Ende Juni bereits 491 Neuzulassungen registrieren. Bereits im April hatte Uli Bonsels gestöhnt, man suche bereits für eine Reihe von Händlern händeringend in anderen europäischen Märkten nach zusätzlichen Fahrzeugen. Das Jahresziel von 800 Einheiten werde man ganz bestimmt schaffen, gab er Mitte Mai zu Protokoll. Dass der Triumph-Sprecher nicht übertrieben hat, untermauern die Werte des ersten Halbjahres.

Ein Sammlerstück - das letzte Monster-Bike der Geschichte

Dass jeder, der sich eine Triumph Rocket 3 zulegt, richtig liegt, zeigt ein Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung wie auch die Entwicklung der Motorradtechnik. Denn es erscheint angesichts der dominierenden gesellschaftlichen Strömungen als nicht vorstellbar, dass solch ein Urvieh wie die Rocket 3 ein weiteres Mal entwickelt werden wird. Genausowenig erscheint denkbar, dass sie eine Nachfolgerin erhält. Die Politik wird weitere Statements á la Rocket 3 nicht mehr tolerieren. Wer zum Kreis der Genießer eines der letzten Monster-Bikes gehören will, sollte sich bald entscheiden.

Text: Ulf Böhringer , Fotos: Ulf Böhringer