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Triumph Tiger 900 im Test – Marokko, wir kommen!

05.06.2021 09:00

Auf einer Reise durch Marokko testen wir Triumphs Tiger 900 GT und Rally.
Triumph hat sich einiges vorgenommen mit seiner Tiger 900: Die markante Mittelklasse­maschine soll bei den Adventure-Bikes den Benchmark in Sachen Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit markieren – und damit Erfolgstypen wie Honda Africa Twin CRF1100L, BMW F 850 GS und Yamaha Ténéré 700 Kunden abjagen. Triumphs oberster Markenkommunikator Miles Perkins verspricht: „Der 900-ccm-Triple-Motor, die umfassende Serien­ausstattung und topmoderne Technologie machen sie zu einer Tiger, wie man sie noch nicht gesehen hat.“
Hört, hört. Das ist doch mal eine Ansage – auch wenn markige Werbeworte natürlich nicht überraschen bei der Neuauflage eines Longsellers. Mehr als 80 Jahre reicht die Tiger-Historie zurück. 1936 kamen die ersten Wettbewerbsmodelle mit diesem Namen auf den Markt. Mit Einzylindermotor und 249 ccm. Bei der 2018 letztmals modellgepflegten Tiger 800 waren es drei Zylinder und 800 ccm. Seit 2020 sind es 888 ccm und bewährte 95 PS. Es bleibt also beim bekannten Leistungsplus gegenüber der Ténéré (73 PS), die unter Testern derzeit als Maß der Dinge im Abenteuerland gilt, und beim Leistungsdefizit gegenüber der 2020er Africa Twin mit 102 PS. Bis die kleine BMW GS (95 PS) mit dem neuen 900er-Aggregat der F-Baureihe gedopt wird und dann ebenfalls 105 Pferdchen zählt, dauert es noch ein paar Monde. Triumph Tiger 900


Fünf Modelle zur Auswahl

In puncto Vielfalt hängt die neue Tiger 900 den Wettbewerb locker ab: Los geht es mit der Tiger 900 GT für 12.950,-- Euro. Leichter modularer Rahmen, vorn und hinten federn Marzocchis mit 180 bzw. 170 mm Federweg. Lenkerbreite: 930 mm, Sitzhöhe: 810 – 830 mm. Gewicht: 194 kg (trocken). Wie die GT Pro (ab 14.750,-- Euro, Gewicht 198 kg) trägt sie vorn 19 und hinten 17 Zoll. Ausgestattet mit optimiertesm Kurven-ABS und einstellbarer Zugstufe und Federvorspannung (hinten elektrisch) kommt die GT Pro serienmäßig mit Schaltassistent (rauf und runter). Die Tiger 900 Rally mit 21-Zoll-Vorderrad startet bei 13.750,-- Euro, die Pro-Variante gibt es für 1.600,-- Euro mehr, macht 15.350,-- Euro. Die Sitzhöhe steigt hier auf 850 –870 mm, das Gewicht (trocken) auf 196 bzw. 201 kg. Triumph Tiger 900


Allzweckwaffe für Reise & Abenteuer

Erster Eindruck nach rund 600 Kilometern quer durch Marokko: Die britische Allzweckwaffe überzeugt auf ganzer Linie. Im Vergleich zur Tiger 800 hat sie mehr Dampf, bis zu 5 kg abgespeckt, deutlich bessere Features – und sieht mit ihrem neuen Gitterrohrskelett einfach verdammt gut aus, vor allem als Topmodell Tiger 900 Rally Pro. Weißer Rahmen, mattgrüner Tank, Aluplatte unterm Motor – die uneingeschränkt geländetaugliche Variante sticht aus dem Wettbewerb heraus. 240 Millimeter Federweg vorn und 230 mm hinten sind eine echte Ansage. Die Dämpfer der Rally-Modelle stammen von Showa und machen einen hervorragenden Job.

Triumph Tiger 900
 

Neuer Triple-Sound

Starten wir ihn doch mal, den einzigen Triple in der Adventure-Mittelklasse. Erste Erkenntnis nach dem Schlüsseldreh: Der Dreizylinder klingt viel besser als sein Vorgänger. Satt, dumpf, rau, auf angenehme Art aggressiv. Das verdankt er in erster Linie der erstmals umgesetzten Zündreihenfolge: 1-3-2 lautet jetzt der Dreiertakt.
Die ausgefallene Zündabfolge verleiht der Tiger 900 unter Last einen sehr präsenten Ansaugsound. Die Rückmeldung an den Fahrer hat etwas Hybrides: Im unteren Drehzahlbereich versprüht die Tiger 900 den Charme eines druckvollen Twins. In den mittleren und oberen Drehzahlen wechselt sie dann auf die Leistungsentfaltung und Drehfreude eines Triples. Ein ganz formidabler Mix, der Triumphs Antriebs-Komponisten da gelungen ist.
87 Newtonmeter bei 7.250 Touren beträgt das maximale Drehmoment. Das sind zehn Prozent mehr Leistung als bei der „alten“ 800er. Der neue Motor hängt schön direkt am Gas. Und reagiert schon im unteren Drehzahlbereich wie ein gut abgerichteter Jagdhund: Auf Kommando geht es sofort zur Sache. Der Durchzug überzeugt in allen sechs Gängen.

Triumph Tiger 900
 

Perfektes Handling

Auf der Straße gibt die Tiger 900 den sportlich-komfortablen Reise-Express: Hinter dem manuell verstellbaren Windschild sitzt der Fahrer erstaunlich windgeschützt. Kurven nimmt die Tiger 900 mit britischem Racing-Spirit: Einmal anvisiert, zieht sie sauber ihre Bahn. Kein Nachjustieren, keine Unruhe, sehr sicher, wobei die von uns gefahrene Rally Pro höhere Schräglagen schafft – ohne Fußrastenkontakt zur Fahrbahn – als die primär für die Straße konzipierte GT Pro.
Im Gelände kraxelt die Rally Pro im Stile der großen BMW GS Geröllhügel hinauf – geduldig, zügig und unaufhaltsam. Schotterpiste und Steinwüste meistert sie bestens ausbalanciert und behände wie eine fliehende Herde Gämse. Das Handling ist souverän und angenehm unkompliziert. Auch mit mäßiger Enduro-Erfahrung sollte man problemlos mit ihr zurechtkommen. Das Fahrgewicht von 200 kg plus macht sich erst bemerkbar, wenn man die Triumph Tiger 900 dann doch mal aufheben muss.
Sand – fein oder fest – kann die Rally Pro mit Stollenreifen natürlich auch, davon konnten wir uns bei einem Abstecher an den Strand vor Essaouira überzeugen. Sollte es mal jemanden auf diesem Bike in die Gegend verschlagen oder an den Strand von Rømø: unbedingt ausprobieren. Großer Spaß, so ein Tänzchen im Off-Road-Pro-Modus am Meer. Triumph Tiger 900

Bis zu sechs Fahrmodi

ABS und Traktionskontrolle sind nur im Offroad-Fahrprogramm abgeschaltet, zusätzlich kommt ein spezielles Off-Road­-Mapping zum Tragen. Auch die modellabhängig bis zu fünf weiteren Fahrmodi bieten spezielle Mappings für Regen, Straße, Sport und gemäßigtes Off-Road. Wer will, kann sich zudem sein individuelles Fahrprogramm frei konfigurieren.
Das wohldosiert agierende Kurven-ABS und die verbesserte Kurven-Traktionskontrolle versprechen hohe Sicherheitsreserven. Für punktgenaue Verzögerung sorgen standfeste Brembo-Stylema-Bremsen. Beruhigende Reichweiten verspricht der 20 Liter große Tank. Unser Testverbrauch lag bei 5,2 bis 5,4 l/100 km, was sich mit der Werksangabe deckt. Gut 370 km ohne Zapfsäulenstopp sollten also drin sein.
Die beheizbare Sitzbank (getrennt regelbar für Fahrer und Sozius) ist ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb. Unter den seitlichen, vorderen Motorverkleidungen sitzen zwei große Lüfter, die das Kunststück fertigbringen, sogar in der marokkanischen Mittagshitze (26,5 Grad Anfang Februar) die Temperatur des Dreizylinders unter Kontrolle zu halten. Von der bisweilen glühend heißen Motorab­strahlung der alten Tiger ist hier nichts zu spüren. Sehr angenehm. Gleiches gilt für den Fön-Effekt bei kalten Temperaturen. Am Luftaustritt der Lüfter kann man sich ganz wunderbar die frostigen Finger wärmen.

7-Zoll-Farbdisplay

Benchmark im Hause Triumph – und wohl auch am Markt – ist das 7-Zoll-Farbdisplay der Tiger 900 GT und Rally. Über das Layout der vier verschiedenen Darstellungsvarianten kann man streiten. Tatsache ist, die Auflösung des riesigen Displays ist brillant und aus jedem Blickwinkel bestens ablesbar. Über das My-Triumph-Connectivity-System samt App lässt sich die sogenannte Drei-Wörter-Navigation (what3words) einbinden. Statt komplizierter Zahlenfolgen beschreiben drei aufeinanderfolgende Begriffe die exakte GPS-Position. Triumph koppelt diese Form der Zieleingabe mit Google Maps.
Triumph geht davon aus, dass sich mindestens 60 Prozent der Käufer für eine der beiden Rally-Versionen entscheiden werden. Eine gute Wahl. Uneingeschränkt reisetauglich sind auch die beiden GT-Varianten. Triumph bietet wie üblich eine breite Palette an individuellem Zubehör an. In Zusammenarbeit mit Givi wurden zwei neue Koffersets entwickelt: Der „Trekker“-Koffersatz öffnet zur Seite, das 52-Liter-Topcase schluckt zwei Helme. Der „Expedition“-Koffersatz öffnet nach oben, das Topcase fasst 42 Liter.

Kits für Reiseprofis

Reiseprofis greifen vermutlich gleich zu den Kits, die es für die Tiger 900 gibt: Das „Trekker“-Kit beinhaltet Koffer mit einem Anbausatz aus pulverbeschichtetem Stahl, ein Topcase mit Rückenpolster und Adapterplatte, ein Tankpad und einen zusätzlichen Windabweiser für die Verkleidungsscheibe. Das „Expedition“-Kit setzt voll auf die Off-Road-Qualitäten der Tiger: Zu den Koffern gibt es ein Montage­set aus Edelstahl, eine 40-Liter-Packtasche sowie Scheinwerferschutz, Gabelschützer, Aluminium-Kühlerschutz, Schutzbügel für den Motor und LED-Nebelscheinwerfer. Es soll ihr schließlich an nichts mangeln, der Triumph Tiger, „wie man sie noch nie gesehen hat“.


Technische Daten der Triumph Tiger 900

Triumph Tiger 900 GT 2020-2021 Triumph Tiger 900 Rally 2020-2021
Motor
Bohrung x Hub 78 x 61,9 mm 78 x 61,9 mm
Hubraum 888 ccm 888 ccm
Zylinder, Kühlung, Ventile Dreizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder Dreizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung Euro 5 Euro 5
Antrieb
Schaltung 6-Gang 6-Gang
Antrieb O-Ring-Kette O-Ring-Kette
Leistung
Leistung 95 PS (70 KW) bei 8750 U/min 95 PS (70 KW) bei 8750 U/min
Drehmoment 87 Nm bei 7250 U/min 87 Nm bei 7250 U/min
Verdichtung 11,27:1 11,27:1
Höchstgeschwindigkeit 193 km/h 193 km/h
Wartungsintervalle Erster Service bei 1000 km oder nach 6 Monaten, dann alle 16000 km oder jährlich Erster Service bei 1000 km oder nach 6 Monaten, dann alle 16000 km oder jährlich
Fahrwerk/Bremsen
Rahmen Stahlrohrrahmen, verschraubter Heckrahmen Stahlrohrrahmen, verschraubter Heckrahmen
Federelemente vorn Ø45 mm Upside-Down-Gabel Ø45 mm Upside-Down-Gabel
Federelemente hinten Zentralfederbein Zentralfederbein
Federweg v/h 180 mm / 170 mm 240 mm / 230 mm
Radstand 1556 mm 1551 mm
Nachlauf 133,3 mm 145,8 mm
Lenkopfwinkel 24,6 º 24,4 º
Räder Leichtmetallguss Speichenräder, schlauchlos
Reifen vorn: 100/90-19 90/90-21
Reifen hinten: 150/70R17 150/70R17
Bremse vorn: Ø320 Doppelscheibenbremse, schwimmend gelagert, 4-Kolben-Monoblock-Bremssättel, Radial-Handbremszylinder Ø320 Doppelscheibenbremse, schwimmend gelagert, 4-Kolben-Monoblock-Bremssättel, Radial-Handbremszylinder
Bremse hinten: Ø255 mm Einscheibenbremse, Einkolben-Schwimmsattel Ø255 mm Einscheibenbremse, Einkolben-Schwimmsattel
Maße & Gewicht
Länge 2248 mm 2269 mm
Breite 930 mm 935 mm
Höhe 1410 - 1460 mm 1452 - 1502mm
Gewicht (leer) 216 kg 216 kg
Maximale Zuladung 222 kg 222 kg
Sitzhöhe 810-830 mm 850-870 mm
Standgeräusch 92 dB(A) 92 dB(A)
Fahrgeräusch 77 dB(A) 77 dB(A)
Tankinhalt+Reserve 20 Liter 20 Liter
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Traktionskontrolle
Fahrmodi
Fahrzeugpreis 12950 € 13750 €
Text: Ralf Bielefeldt , Fotos: Kingdom Creative

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