Vorpommerns Ostseeküste: Eine Motorradtour durch Boddenlandschaft und Mecklenburgische Schweiz

Aus dem Hafen von Stralsund starten wir zu einer Tagestour über Greifswald, Wolgast, Anklam und den Kummerower See nach Barhöft am Kubitzer Bodden.
Der Nordosten Deutschlands hat auch für Motorradfahrer seinen Reiz. Zu den alten Hansestädten wie Stralsund, Greifswald oder Anklam mit ihren restaurierten Altstadtarealen, vielen Kulturveranstaltungen und Sehenswürdigkeiten bilden die landschaftlich traumhaft schönen Nationalparks „Vorpommersche Boddenlandschaft“ und „Mecklenburgische Schweiz“ einen wundervollen Kontrast.
Vorpommerns Ostseeküste

Kann man an der Ostsee Motorrad fahren?

Als wir unsere Tour an die Ostsee planen und in unserem Freundeskreis davon erzählen, ernten wir ein leicht mitleidiges Lächeln. „Ihr wollt zur Ostsee? Kann man auf der Ostsee denn auch Motorrad fahren? Wollt ihr etwa mit den Motorrädern baden gehen?“ Aber unter Freunden ist man auf solche Sprüche gefasst. „Wartet doch einfach ab und laßt euch hinterher erzählen, wie es war.“ Natürlich haben wir uns nicht abschrecken lassen und sind wie geplant nach Stralsund gefahren.
Das ehemalige Segelschulschiff mit dem Namen Gorch Fock
Das ehemalige Segelschulschiff Gorch Fock

Das Segelschulschiff Gorch Fock

Da es noch früh ist, nutzen wir die Zeit, stellen unsere Motorräder am Hafen ab und machen einen Spaziergang in der unmittelbaren Umgebung des Hafengeländes. Dort fällt uns ein alter Dreimaster auf. Das ehemalige Segelschulschiffs mit dem Namen Gorch Fock dürfte vielen bekannt sein. Es handelt sich um den ersten Segler mit diesem Namen, der 1933 für die Reichsmarine gebaut wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte sie in den Besitz der Sowjetmarine und fuhr bis zum Zerfall der Sowjetunion als Schulschiff. Nach einer kurzen Zeit bei der ukrainischen Handelsmarine gelangte das Schiff schließlich mit Unterstützung des Vereins „Tall-Ship Friends“ erst nach Wilhelmshaven und schließlich an ihren alten Liegeplatz im Stadthafen von Stralsund. Dort liegt sie seit 2003 und hat mehrere Instandsetzungs- und Restaurationsmaßnahmen über sich ergehen lassen. Heute kann man die nicht mehr seetüchtige Dreimast-Bark besichtigen. Dass sie jemals wieder den Anker lichten und in See stechen wird, ist eher unwahrscheinlich.

Geheimtipp: Der Ausblick vom Turm der Marienkirche

Unmittelbar am Stadthafen liegt das durch seine moderne Architektur auffällige Ozeaneum, in dem in fünf Dauerausstellungen und in Aquarien die verschiedenen Wasser- und Lebenswelten der Ost- und Nordsee sowie des Nordatlantiks gezeigt werden. Nur ein paar Minuten Fußweg weiter liegt das Heilgeisthospital. Früher wurden dort Arme und Kranke untergebracht. Nach einer aufwändigen Restaurierung in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wohnen in den kleinen Häusern und Wohnungen dieses beschaulichen Areals wieder Privatpersonen. Es gäbe noch viele Sehenswürdigkeiten in Stralsund wie den Turm der Marienkirche am Neuen Markt. Den nehmen wir allerdings nicht in Motorradbekleidung in Angriff, denn es sind immerhin 366 Stufen – in Worten dreihundertsechsundsechzig – hinaufzuklettern. Der Blick über die Stadt mit ihrer historischen Altstadt, den zahlreich Kirchen, dem Stadthafen, der Werft und der imposanten Brücke hinüber nach Rügen entschädigt aber reichlich für die Mühen des Aufstiegs.
Natürlich hat auch der Nordosten Deutschlands für Motorradfahrer einen gewissen Reiz.
Natürlich hat auch der Nordosten Deutschlands für Motorradfahrer einen gewissen Reiz.

Kurs Südost

Am nächsten Tag starten wir gleich nach dem Frühstück zu unserer Tour und verlassen Stralsund Richtung Südosten. Wir lassen die verkehrsreiche Bundesstraße rechts liegen und fahren auf einer fast parallel verlaufenden alten Landstraße über Brandshagen, Reinberg und Mesekenhagen nach Greifswald. Die von wunderschönen Alleebäumen gesäumte Straße mit sehr gut zu fahrendem Kopfsteinpflaster wird vom eiligen Durchgangsverkehr gemieden und gehört uns an diesem Morgen fast ganz alleine.
Museumshafen Greifswald
Museumshafen Greifswald

Die Universität von Greifswald gehört zu den ältesten der Welt

In der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald statten wir als erstes dem am Ryck gelegenen Museumshafen einen Besuch ab und bestaunen die dort liegenden Traditionsschiffe: alte Segel- oder Arbeitsschiffe. In der Innenstadt machen wir auf dem Markplatz Halt. Das hektische Treiben vor dem Rathaus, einigen Restaurants und Cafés ist sichtbares Zeichen für das Leben in dieser Stadt, deren Universität bereits 1456 gegründet wurde und damit zu den ältesten der Welt gehört. Im Ortsteil Wieck führt eine alte, nach holländischem Vorbild erbaute, hölzerne Klappbrücke, über den Fluss Ryck und verbindet die beiden Greifswalder Ortsteile Wieck und Eldena. Der Ortsteil Eldena mit der Ruine des im Jahre 1199 gegründeten Zisterzienserklosters stellt die eigentliche Keimzelle der Stadt Greifswald dar. Vorbei an den Ruinen des Klosters führt unser Weg weiter nach Lubmin am Greifswalder Bodden.
Auf kleinen Straßen steuern wir unsere Motorräder von der Küste hinüber in die Mecklenburgische Schweiz.
Auf kleinen Straßen steuern wir unsere Motorräder von der Küste hinüber in die Mecklenburgische Schweiz.

Das kleine Örtchen Lubmin und seine Bedeutung

Von der kleinen Seebrücke am Strand kann man hinüber bis nach Rügen schauen. Lubmin ist aber nicht nur der Name eines kleinen Seebades, sondern auch ein Standort der Energiewirtschaft. Das Kernkraftwerk Lubmin mit seinen vier Blöcken wurde nach der Wende abgeschaltet und in einem äußerst aufwändigen Prozess zurückgebaut. Stattdessen kommt die Energie jetzt aus Russland, denn hier erreicht die Ostseepipeline das Festland. Mit einem komischen Gefühl im Bauch und in flotter Fahrt passieren wir das gut sichtbare Areal des ehemaligen Kernkraftwerks und wenden uns Richtung Süden. Immer in Sichtweite der Insel Usedom führt unsere Route über Kröslin, Wolgast und Lassan nach Anklam. Wir durchqueren die Stadt und fahren über Gnevezin und Bargischow zu unserem nächsten Zwischenziel, dem kleinen Örtchen Kamp am Peenestrom. Über diesen Ort mit nicht einmal zwanzig Häusern und einer kleinen Fährverbindung nach Usedom würde niemand reden, wenn nicht mitten im Wasser zwischen dem Festland und der Insel Usedom ein riesiges Stahlgerüst stehen würde.
Der Hubteil der ehemaligen Eisenbahnhubbrücke
Der Hubteil der ehemaligen Eisenbahnhubbrücke

Mitten im Wasser steht eine denkmalgeschützte Eisenbahnhubbrücke

Es ist die 1933 fertiggestellte Eisenbahnhubbrücke Karnin oder vielmehr der Rest der einstigen 360 Meter langen Eisenbahnbrücke zwischen dem Festland und der Insel. Die festen Brückenteile wurden 1945 gesprengt, der Hubteil der Brücke aber nicht. Er sollte zwar 1990 abgerissen werden, doch das konnten engagierte Bürger verhindern. Er steht seither als technisches Denkmal unter Denkmalschutz. Vom Rande des Stettiner Haffs geht es nun Richtung Westen. Auf kleinen Straßen steuern wir unsere Motorräder von der Küste hinüber in die Mecklenburgische Schweiz. Die Mecklenburgische Schweiz erreicht hinsichtlich der Höhenangaben nicht die Dimensionen der schweizerischen Alpen, doch den Reiz dieser hügeligen Landschaft machen zum einen die intakte Natur, zum anderen die ursprünglich gebliebenen Dörfer, die vielen Schlösser und Gutshäuser aus.

Der beste Baumkuchen der Umgebung

Auf dem Weg zum Kummerower See halten wir an einer kleinen Konditorei. Hier soll es den besten Baumkuchen überhaupt geben und die Leute kommen von weit her, um ihn zu kaufen. Der Chef selbst erzählt uns wortreich und ohne Atem zu holen die Geschichte seiner Konditorei und seiner Reutertorte. Es gelingt uns schließlich, dem Redefluss des Meisters zu entfliehen und weiter zum Kummerower See zu fahren. Bei dem Ort Kummerow kommt uns der Spielfilm „Die Heiden von Kummerow“ in den Sinn. Allerdings, mit dem Kummerow am gleichnamigen See hat der Ort der Handlung nichts zu tun. Die Romanvorlage für den Film spielt in dem Dorf Biesenbrow nahe Angermünde und schildert Episoden aus dem Alltag einer Gruppe von Dorfjungen. Mit einem Lächeln im Gesicht – jeder von uns hat den amüsanten Film mindestens einmal gesehen – umrunden wir den Kummerower See.
Das Kalensche Tor von Malchin
Das Kalensche Tor von Malchin

Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft

Anschließend schauen wir uns in Malchin das Kalensche Tor an, eines der Wahrzeichen der Stadt. In flotter Fahrt lassen wir dann den Nationalpark Mecklenburger Schweiz hinter uns. Die Reise geht nach Norden. Über Salem, Altkalen, Gnoien, Bad Sülze und Eixen erreichen wir den nächsten landschaftlichen Höhepunkt unserer Tour durch den Norden Vorpommerns, den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Kennzeichen der Boddenlandschaft sind die zahlreichen Flachwassergebiete, die durch den Darß, die Halbinsel Zingst oder die Insel Hiddensee geschützt sind. Hier hat sich eine reiche Flora und Fauna entwickelt. Beeindruckend ist vor allem der Anblick der etwa 60.000 Graukraniche, die zwischen September und November in dieser Region Station machen.

Barhöft – die letzte Station unserer Tour

Parallel zur Küste, entlang des Barther Bodden, fahren wir zur letzten Station unserer Rundfahrt durch Vorpommern, nach Barhöft. Von hier aus kann man die Inseln Bock und Hiddensee sehen, wenn man auf den nahegelegenen Aussichtsturm klettert. Der kleine Hafen bildet gleichzeitig die Ausgangsbasis für Angler, Segler und eine kleine Schifffahrtslinie, die eine Verbindung zur Insel Hiddensee herstellt. Es ist inzwischen spät geworden. Den Sonnenuntergang im Rücken legen wir die letzten Kilometer nach Stralsund zurück, um unsere Motorräder dort nach einer langen Tagestour durch Nordvorpommern mit vielen Sehenswürdigkeiten wieder abzustellen. Geschafft von den vielen Kilometern und den vielen Eindrücken beschließen wir, den Abend bei einem kühlen Glas Bier – natürlich aus der heimischen Brauerei – ausklingen zu lassen.
Parallel zur Küste, entlang des Barther Bodden, fahren wir zur letzten Station unserer Rundfahrt durch Vorpommern, nach Barhöft
Parallel zur Küste, entlang des Barther Bodden, fahren wir zur letzten Station unserer Rundfahrt durch Vorpommern, nach Barhöft
Text: Jost G. Martin , Fotos: Jost G. Martin


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