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Von Zittau zur Nordsee - Elbe-Tour

10.05.2016 12:28

Von Zittau aus startet unserer Reise am Strom entlang. Der Himmel freut sich leider nicht so sehr wie wir uns auf die nächste Etappe. Bleischwer hängen graue Wolken über uns. Ein paar Tropfen bekommen wir auch ab, aber die sind erst mal nicht der Rede wert. So tauchen wir bald in die Böhmische Schweiz ein. Auf den Straßen dort sind wir ganz allein unterwegs. Wir rollen an imposanten Felspartien entlang durch den düsteren Märchenwald, der so wirkt, als könnte „Rotkäppchen und der böse Wolf” hier entstanden sein. „Wenn die Sonne scheint, dürfte das hier lange nicht so unheimlich wirken”, meint Beate noch.
 

In Hrensko wird es heller. Das ist gut so, denn wir wollen nun zur Bastei hinauf, die wohl die beste per Motorrad erreichbare Aussicht im Elbsandsteingebirge verspricht. Als wir anschließend in Richtung Pirna kurven können wir jenseits der Elbe auch die Festung Königstein ausmachen, die hoch über dem Tal thront. Sieben Jahrhunderte diente das monumentale Bollwerk als Garnisonslager und Staatsgefängnis. Auch ein Schornsteinfeger musste hier einst zwölf Tage lang sein Dasein fristen. Immerhin war er der einzige, der die gut gesicherte Festung bezwang. 1848 kletterte er vom Felssockel bis nach oben. Die Obrigkeit fand das überhaupt nicht lustig und buchtete ihn ein. Ein Anderer, der hier zu Gast sein durfte, war Johann Friedrich Böttger, seines Zeichens Alchimist. Mit selbstgebrautem Gold sollte er des Königs Säckel füllen, entdeckte aber nur das Geheimnis des Porzellans. Damals war das Grund genug, ihn von 1706 bis 1707 einzukerkern. In Krisenzeiten lagerten hier obendrein die Staatsschätze.

Eigentlich müssten wir uns das aus der Nähe anschauen, aber die böhmischen Wolken verfolgen uns. Frank verordnet einen schnellen Zwischensprint bis nach Riesa, um weiter im Sonnenschein fahren zu können. Und das klappt mal wieder, wie macht er das nur? Dresden fällt heute also aus. Kurz nach Riesa strahlt der Himmel im blausten Blau und so steuern wir Torgau an, wo wir eine größere Pause einlegen. Immerhin nimmt die Stadt, die unter dem Namen Torgove in einem Dokument aus dem Jahr 973 erstmals erwähnt wurde, gerade in der jüngeren Geschichte Deutschlands eine ganz besondere Rolle ein. Zur schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus, in den Jahren von 1943 bis 1945, war Torgau Sitz des berüchtigten Reichskriegsgerichts. Im Wehrmachtgefängnis Torgau auf Fort Zinna wurden über 1.000 Todesurteile verhängt und vollstreckt. Torgau erlangte Ende des Zweiten Weltkrieges aber auch internationale Berühmtheit, als sich am 25. April 1945 sowjetische und amerikanische Truppen hier angeblich erstmals an der Elbe trafen und am 26. April 1945 dieses Ereignis nochmals für die Kameras nachträglich auf der zerstörten Elbebrücke in Szene setzten.

Der erste Kontakt der beiden Armeen während des Krieges in Europa fand allerdings bereits am Tag vorher in Strehla, 30 Kilometer südlich von Torgau, an der Elbe statt. Heute erinnert der Elbe Day als Gedenktag an dieses symbolische Ereignis. Einer der damals am Treffen anwesenden US-Soldaten, Joe Polowsky, setzte sich später für die Anerkennung des 25. April als “Weltfriedenstag“ ein. Gemäß seines letzten Willens wurde er nach seinem Tod 1983 in Torgau beigesetzt. Aber Sieger müssen nicht immer nur Helden sein, denn ein Teil von ihnen hinterließ in Torgau wenig ruhmreiche Spuren. Von September 1945 bis Oktober 1948 richtete sich der sowjetische NKWD in Torgau im früheren Wehrmachtgefängnis ein. Hier wurden leider nicht nur NS-Mitglieder und deren Symphatisanten interniert, sondern leider auch denunzierte Zeitgenossen, die die neue sozialistische Gesellschaftsordnung hätten stören können.

So fielen weitere 800 Menschen willkürlich den neuen Herrschern zum Opfer. Wir verlassen die geschichtsträchtige Stadt an der Elbe mit einem mulmigen Gefühl. Vielleicht sorgt das auch dafür, dass Frank seinem Navi einmal zu viel glaubt. Unser Top-Guide, der stets nach dem Motto unterwegs ist: "Ob Ihr nass werdet ist mir egal, Hauptsache die Straße bleibt trocken", führt uns auf einen ganz besonderen Weg, dessen Oberfläche bald nicht mehr staubfrei ist. Gerade Beate meinte vor der Tour, dass sie überhaupt keinen Wert auf Schotterpartien legen würde, sie löst die Angelegenheit zwar schweißnass gebadet, aber mit Bravour – und einem Lächeln, als wir wieder asphaltiertes Geläuf unter die Räder bekommen.
 
Nicht jeder kann sich mit Schotterstraßen anfreunden
Nicht jeder kann sich mit Schotterstraßen anfreunden

Wir fahren also wieder flott an der Elbe entlang, ein Fluss eben, wo der Deutschen Schicksal liegt, wie manche meinen. Sicher denkt man sofort an Torgau, aber auch Wittenberg spielt eine große Rolle.
 
Wir rollen mitten durch Wittenberg
Wir rollen mitten durch Wittenberg
Neben Lucas Cranach dem Älteren, der 1505 in die Stadt gekommen war, wurde 1508 auch Martin Luther von der sich entwickelnden Stadt angezogen, die damit zum Geburtsort der Reformation wurde. Am 31. Oktober 1517 machte Luther seine 95 Thesen hier der Öffentlichkeit bekannt. Nach der Abkehr Luthers von der römisch-katholischen Kirche mit der Verbrennung der päpstlichen „Kanonischen Rechte“ und der Bannandrohungsbulle Exsurge Domine des Papstes Leo X. vor dem Elstertor, erlangte die Stadt weitere Bedeutung durch die Wittenberger Bewegung. Von Wittenberg, das scherzhaft auch als „Rom der Protestanten“ bezeichnet wurde, gingen so in der damaligen Zeit für die gesamte Welt entscheidende Impulse aus. Allerdings gehörte dazu auch der Dreißigjährige Krieg, denn Glauben hatte immer mit Macht zu tun – und die bis dato Herrschenden wollten den Protestanten davon freiwillig nichts abtreten. Letztlich kostete das rund einem Viertel der deutschen Zivilbevölkerung das Leben.
Auch in der Geschichte von Dessau ging es hoch her. Als wichtiger Handelsplatz an der Mulde nahe ihrer Mündung in die Elbe wurde Dessau im Jahr 1213 erstmals urkundlich erwähnt. Der Handelsplatz wurde 1470 zur festen Residenz der Fürsten von Anhalt und erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung, dem der mörderische Dreißigjährige Krieg ein Ende setzte. Die Elbbrücke bei Roßlau machte Dessau zum Durchmarschgebiet zahlreicher Truppen aller kriegführenden Seiten. 1626 kam es zudem zu einer blutigen Schlacht direkt an der Elbbrücke. Natürlich kannten die Soldaten auch der zivilen Bevölkerung gegenüber keine Gnade und es wurde geplündert, geschändet und gemordet, was das Zeug hielt. Es dauerte recht lange bis in Dessau wieder normale Verhältnisse einkehrten.

Dabei half eine Ansiedlungspolitik des Fürsten. Es wuchs eine große jüdische Gemeinde heran. Während der Regentschaft von Leopold I. baute man Dessau zu einer barocken Residenz um. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt zu einem der Zentren der Aufklärung in Deutschland, welches mit einem tief greifenden Reformwerk in Bildung und Landeskultur, der Anlage des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs und zahlreichen Bauten im Stil des Klassizismus europaweit Aufmerksamkeit erregte. Die Industrialisierung der Region setzte 1844 ein, als die Gebrüder Sachsenberg in Roßlau eine Maschinenfabrik gründeten. Dazu kamen die Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG, der Dessauer Waggonfabrik (1895) und ab 1915 der Flugzeugbau, der später unter dem Namen Junkers bekannt werden sollte. Das 1919 in Weimar gegründete Bauhaus wurde 1925/26 in das von Walter Gropius geplante Gebäude des Bauhauses Dessau verlegt. Am 22.08.1932 erfolgte im Dessauer Rat auf Antrag der NSDAP der Auflösungsbeschluss für das Bauhaus – die SPD enthielt sich damals der Stimme. Die am Stadtrand von Dessau gelegenen Junkers Flugzeug- und Motorenwerke wurden im 2. Weltkrieg zum Ziel von insgesamt 20 alliierten Luftangriffen. Am 07.03.1945 wurde auch das dicht besiedelte Stadtzentrum zum Ziel eines nächtlichen britischen Bombenangriffs. 80 % der Gebäude – in der Altstadt 97% – wurden zerstört. Das historische Stadtbild mit seinen Kirchen, Schlossanlagen, vielen öffentlichen Gebäuden, Adels- und Bürgerbauten ging buchstäblich in Flammen auf, strategische Ziele gab es dort keine. In Dessau wird daher immer noch diskutiert, ob man hier nicht von einem Kriegsverbrechen sprechen sollte. Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen, denn heute sind die Spuren des Krieges nicht mehr zu sehen.
 

Am nächsten Tag nehmen wir die nächste wundervolle Strecke entlang der Elbe unter die Räder, denn Petrus hat die böhmischen Wolken vertrieben. So kommen wir nach Bad Salzelmen, wo wir für ein paar Fotos auf einem Parkstreifen stoppen. Leider behindern wir damit einige Herren in Grün bei ihrer Radaraktion, denn wir stehen genau hinter jenem Auto, aus dessen Heck heraus es blitzt. Wir werden vertrieben und parken ein Stück weiter. Dort findet sich auch jener Ordnungshüter, der für das Inkasso zuständig ist. “Gleich dort könnt Ihr parken“ meint er freundlich. Doch dann radelt eine Dame heran, die uns auffordert unsere Motorräder sofort zu entfernen: “Bin hier die Politesse!” Frank reicht es: “Dann gibt es eben keine Bilder von diesem Ort – bloß weg!” Recht hat er, suchen wir uns doch einfach nettere Zeitgenossen. So rollen wir in Richtung Magdeburg, eine Stadt, die auf eine lange Geschichte zurück schaut. In der Stadt findet sich als bedeutendes historisches Erbe die Kaiserpfalz Ottos I. – des ersten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches ab 962. Im Jahr 2005 feierte Magdeburg sein 1200-jähriges Bestehen. Seit 2010 trägt Magdeburg den Beinamen Ottostadt.
Wir halten uns aber nicht lange auf, denn – man weiß es schon – die böhmischen Wolken verfolgen uns. So wollen wir flott weiter Richtung Schnackenburg in der Lüneburger Heide, da passiert es. Kurz vor Arendsee, irgendwo in der Mitte von nirgendwo, fährt sich Linda einen Nagel in ihre neuen Reifen und die Luft pfeift nur so raus.
 

Veronika sucht sich die nächste Tanke und organisiert Reifen Pilot. Das funktioniert. Nach einer guten halben Stunde rollen wir weiter. Frank meint, wir müssten noch ein paar Mal den Luftdruck prüfen, bevor wir wieder normal fahren können. Welche Schmach, denn jetzt sind wir es, die von allen Autos überholt werden. Aber der Reifen hält. So düsen wir im Sonnenuntergang und bei herbstlichen Temperaturen zum gemütlichen Abendessen.
 

Wir erleben einen kurzweiligen Abend und freuen uns schon auf die Schlussetappe, die wir als Runde fahren. Dafür benötigen wir Sitzfleisch. Zunächst pfeilen wir nach Dömitz, wo schon kurz nach der Wende eine weithin sichtbare, blaue, Elbbrücke gebaut wurde. Dann kurven wir durchs Amt Neuhaus in Richtung Lauenburg, wechseln wieder die Elbseite und folgen dem Elbufer in Richtung Hamburg. Plötzlich stoppt Frank, wir haben ja schon fast die Hälfte der letzten Etappe geschafft und da muss man doch was essen.
 
Die Aalräucherei in Schwinde wartet bereits auf uns!
Die Aalräucherei in Schwinde wartet bereits auf uns!

Die Aalräucherei Schwinde, eine alter Familienbetrieb, bietet leckere Fischbrötchen an. Der Fluss nähert sich seiner Mündung in die Nordsee, das wird jetzt unverkennbar. Über Hoopte – hier gibt es eine Fähre zum Motorradtreff Zollenspieker – rollen wir weiter. Wolken verfolgen uns und die verheißen nichts Gutes, ob die nun aus Böhmen oder wo auch immer her kommen. Gerade als wir am Motorradtreffpunkt Lüheanleger ankommen, öffnet der Himmel seine Schleusen. Wahrscheinlich weint er nur, weil unsere Tour hier zu Ende geht.
Text: Frank Klose , Fotos: Frank Klose