M&R-PlusDelikate Dordogne – Motorradfahren wie Gott in Frankreich

Diese Dordogne-Tour führt durch pittoreske, mittelalterliche Dörfer, an herrlichen Schlössern und Sanddünen entlang.
Helen Lundgren
Roger Schederin
Im Südwesten Frankreichs trifft man zudem überall auf Motorradfahrer, vom Sternekoch bis zum ehemaligen Fremdenlegionär. Vor der Reise durch halb Europa versuchen wir, das sind der Fotograf Roger Schederin aus Schweden und meine Wenigkeit unser Gepäck, Kameraausrüstung und den Laptop auf dem Motorrad unterzubringen. Das stellt sich als Aufgabe heraus, die wohl geplant sein will. Das hubraumstärkste in Großserie ­her­­gestellte Motorrad der Welt – eine
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Triumph Rocket III mit 2,3 Liter Fassungsvermögen in den Kolben – wird mit uns und dem, was wir mitnehmen müssen, trotzdem zum Dickschiff. Roger hat auch bei der Höhe des Tankrucksacks erhebliche Probleme, den Tacho im Auge zu behalten. Das geht gar nicht und so wird schon lange, bevor wir im französischen Bergerac ankommen, erst einmal kategorisch abgelastet. Für mich als Frau eine schwierige Situation, denn es sind schon ein paar Dinge und Schuhe im Paket verschwunden, das nun per Post schon mal die Heimreise antritt. Aber diese Vernunft sorgt dafür, dass wir inzwischen gut zu zweit auf der tollen Rocket fahren können. So erleben wir auf dem Weg in die bei Bordeaux gelegene Dordogne richtig Fahrspaß. Aber: Der Süd­westen F­rank­reichs bietet noch mehr. Hier werden eine Vielfalt französischer Deli­ka­tessen wie Gänse­leber, Ente, Trüffel, Walnüs­se, Austern und erlesene Weine angeboten und die wunderschöne Landschaft ist nur so gespickt von vielen Schlössern und schönen mittelalterlichen Dörfern.
Das südwestfranzösische Département Dordogne liegt östlich von Bordeaux
Das südwestfranzösische Département Dordogne liegt östlich von Bordeaux
Am Nachmittag erreichen wir das alte Dorf La Bugue, in dem jedes Jahr im Juni-Juli ein großes Motorradtreffen stattfindet, das tausende Motor­räder anzieht, wie Mücken das Licht. Das kleine Dorf wird während dieses Wochen­endes komplett abgesperrt und mutiert obendrein zu einem einzigen Motorrad-Mega-Markt. Unten am Fluss findet sogar ein Motorrad­rennen statt.
Das Treffen entwickelt sich obendrein im­mer zum Volksfest. Von weither kommen auch Nicht-Motorradfahrer, um sich die Maschinen anzuschauen. Uns gelingt es, in dem netten Dorf ein offenes Café zu finden, was wegen der speziellen Öffnungszeiten der südfranzösischen Provinz nicht im­mer ganz einfach ist. Fünf Motor­rad­fahrer aus England kommen gerade aus der wunderschönen Stadt Rocamadour, die hoch oben auf einem senkrechten Felsen thront. Auch sie sind ganz begeistert über die wundervolle Gegend, scherzen aber über die für Mitteleuropäer ungewöhnlichen Essensgewohnheiten: „Wenn man Hunger hat, sind alle Restaurants und Cafés geschlossen und wenn man satt ist, dann ist geöffnet.“ Wir fahren ein Stück gemeinsam weiter bis zur Höhle Gouffre de Proumeyssac, in der es enor­me Stalagmiten wie Stalaktiten zu bewun­dern gibt. In der Umgebung zeichnen sich auch viele Spuren unserer menschlichen Geschichte ab. Fünf Uralt-Skelette wurden im Jahre 1888 in Cro Magnon bei Les Eyzies entdeckt, die dem Cro-Magnon-Menschen (lebte bis vor 12.000 Jahren) seinen Namen gegeben haben. Sogar das Ske­lett eines Neanderthalers wurde hier 1908 gefunden, von dem man annimmt, dass er 70.000 Jahre vor Christus lebte.
Nördlich, in der Nähe von Montignac, findet sich die bekannte Höhle Lascaux mit ihren 15.000 Jahre alten Höhlenmalerei­en, die am 12. September 1940 von Marcel Ravidat, Jacques Marsal, Georges Agnel und Simon Coencas entdeckt und 1948 für die Allgemeinheit zunächst geöffnet wur­de. Das durch etwa 1.200 tägliche Besucher ausgestoßene Kohlendioxid beschädigte die Bilder aber deutlich.
In der Höhle von Lascaux finden sich prähistorische Wandmalereien
In der Höhle von Lascaux finden sich prähistorische Wandmalereien
Aus diesem Grund schloss man die inzwischen zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörende Höhle 1963 für den Publikumsverkehr. In der Folge wurde sie mit einem aufwendigen Belüftungs- und Klimaregulierungssystem versehen. Die Bilder wurden restauriert und unterliegen einer ständigen Überwachung. Eine mehrere Millionen Euro teure exakte Nachbildung der Höhle (Lascaux II) wurde 1983 für die Allgemeinheit eröffnet. Abbildungen und Reproduktionen anderer Kunstwerke aus Lascaux können im Museum für prähistorische Kunst Le Thot bei Montignac besichtigt werden. Die Höhlenmalereien wurden im Magdalénien, also vor etwa 17.000 bis 19.000 Jahren erstellt und stellen hauptsächlich realistische Abbilder von größeren Tieren wie Wildrinder, Auerochse, Pferd und Hirsch dar, die zu dieser Zeit gelebt haben.
Irgendwann fahren wir dann weiter und erreichen bei Sonnen­untergang eines der schönsten Dörfer Frank­reichs. Direkt am Flussufer der Dordogne schmiegt sich La Roque Gageac an schroffe Felsen. Ganz oben im Dorf findet man Überreste alter Höhlenbe­hau­sungen, in die die Menschen einst flohen, um sich vor den Wikingern in Sicherheit zu bringen. Am Flussufer fahren Boote an den vielen Schlössern der Umgebung vorbei, die im gedämpften Licht des Sonnen­unterganges wunderhübsch anzusehen sind.
Tolle Idee: Camping speziell für Motorradfahrer
Tolle Idee: Camping speziell für Motorradfahrer
Eine halbe Stun­de Fahrzeit von La Roque Gageac entfernt, steuern wir dann einen Campingplatz nur für Motorrad­fahrer an: Camping Moto Dordogne im Dorf St. Aubin de Nabirat. Die Holländer Renske und Pieter schufen dieses außergewöhn­liche Refugium vor ein paar Jahren. Kaum angekommen setzen wir uns an die mit gebrauchten Motorrad­teilen und Postern von Hunden im Beiwagen gespickte Bar: Kaltes Bier, gute Musik und nette Leute – genau so geht’s. In Holland kennt man das Betreiberpaar aus dem Fern­sehen. Sie wurden über ein Jahr lang in einer Sendung prä­sentiert, wo Menschen vorgestellt wer­­den, die ihren ursprünglichen Lebensstil komplett verändern. Beide hatten vorher gute Jobs in Holland, Pieter in der Werbebranche und Renske betrieb einen eigenen Schön­heitssalon.
Traumstrecken mit schönen Kurven prägen diese Reise
Traumstrecken mit schönen Kurven prägen diese Reise
„Wir hatten uns in verschiedenen Län­dern nach einem Campingplatz umgeschaut und haben uns direkt in das Gebiet hier in Südfrankreich verliebt“, sagt Pieter. Diese Saison lief für Renske und Pieter gut. Es gibt in Frank­­reich zurzeit vier Cam­ping­­plätze, die speziell nur für Motor­rad­fahrer vorgesehen sind, allerdings bietet Camping Moto Dordogne davon die wohl höchste Qualität. Wir fahren nach diesem positiven Campingerlebnis weiter nach Sarlat-la-Canéda, eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte Frankreichs, mit schönen restaurierten alten Häusern aus dem fünfzehnten Jahrhundert und Plätzen, an denen viele Filme eingespielt wurden. In fast jedem Ge­schäft der im Juli und August stark besuchten Stadt verkauft man edelste Gänseleber. Das genießen wir, bevor wir der D 47 zum „delikaten“ Motorradfahren folgen. Auf dem Weg nach Péri­geux bie­tet die breite und gut asphaltierte Fahr­bahn eben, mit weichen und schönen Kurven eine Traumstrecke. So kommen wir völlig begeistert über Périgueux bis in die Nähe von Brantôme. Dort übernachten wir in einem traditionsreichen Hotel, das sich Moulin des Roc nennt und in einer alten Mühle untergebracht ist.
Der Ursprung des schicken Hotels in altem Stil und mit einem schönen Garten, durch den ein kleiner Bach fließt, geht auf das Jahr 1670 zurück und hat einen Stern in der Bibel der Gourmets – dem Guide Miche­lin. Natürlich achten wir hier sehr auf unser Äußeres, entfernen in aller Eile den Staub der Straße und versuchen respektable Kleidung in unserem Gepäck zu finden. Roger läuft in die Küche, um ein paar Bilder vom Sternekoch Alain Gardillou in Aktion einzufangen. Dabei erfährt er, dass es sich bei Alain auch um einen passionierten alten Motorradfahrer handelt, der sich fast lieber über Motorräder als über seine französischen Delikatessen mit uns unterhält. Trotzdem: Bei unserem allerersten Besuch in einem Restaurant mit Guide Michelin Stern gönnen wir uns Hummer, Pasta mit Trüffeln und außerdem als Nachtisch die besten Erdbeeren der Gegend. Einfach köstlich! Nach diesem erlesenen Genuss sitzen wir mit Alain und seiner unglaublich charmanten Frau Ma­ry­se bis spät in die Nacht zusammen. Am nächsten Tag starten wir unsere Rocket also ein wenig später und verlassen das ländliche Gebiet der Dordogne. Über Brantôme und Villebois la Valette kommen wir schnell voran. Die Rue D 710, die uns anschließend von Brantôme nach Riberac führt, sieht auf der Straßenkarte leider sehr viel interessanter aus als in Wirklichkeit. Na ja, da gewöhnen wir uns auf dem Weg zur Küste schon mal an die Autobahn, auf der wir Bordeaux lieber umfahren. Arcachon erreichen wir allerdings wieder auf „normaler“ Straße und dann stoppen wir.
Schön: Die Dune du Pila
Schön: Die Dune du Pila
Europas größte Sanddüne, die Dune du Pyla befindet sich nämlich genau hier und da müssen wir einfach hinauf. Bei 25° Celsius gönnen wir uns erst einmal ein kaltes Getränk und hinterlassen unsere schon gut durchwärmte Lederkluft in einer Bar. Die im Moment 117 Meter hohe Sanddüne wächst zudem jedes Jahr zwischen ein und vier Meter. Sie fällt mächtig steil ab und Roger stürzt sich wagemutig in die Tiefe. Seine Haare sind danach natürlich völlig versandet und so liegt nichts näher als der lange und feine Sandstrand von Arcachon. Wir erleben also einen herr­lichen Septembertag mit viel Sonne und Badetemperaturen des Atlantiks, die die Ostsee selbst im Sommer nicht bieten kann.
Sandstrand von Arcachon
Sandstrand von Arcachon
Arcachon kennt man darüber hinaus für fantastische Austern. Nach dem Son­ne-Bade-Tag steht schon deshalb der Weg zu einem der größten Austernproduzenten der Um­gebung auf unserem Programm. Die Weg­beschreibung dorthin wurde mir in einem wirklich unbegreiflichen französischen Dialekt erklärt. Plötzlich finden wir uns von einer fast unüberschaubaren Anzahl von Harley Davidsons umringt. Prompt hängen wir uns an diese Motor­rad­kara­wane an und es zeigt sich, dass sie das gleiche Ziel ansteuern, wie wir. Die inzwischen gezähl­ten 130 V-Twins kommen von den Harley Ow­ners Groups in ganz Frankreich und gönnen sich eine Gour­met-Tour entlang der Küste.
Spezialität in Frankreich: Muscheln
Spezialität in Frankreich: Muscheln
Mehr als 200 Motorrad­fahrer setzen sich an die Tische, die sich fast unter der Last der großen Edel-Muscheln biegen. Sie schlürfen freudig ihre Austern, trinken guten Weißwein und singen später aus vollem Hals. Roger wundert sich ein wenig, dass die für ihn etwas schleimige Speise so viel Lebenslust auslösen können. „Vielleicht liegt es ja mehr am Wein“, lache ich als seine Sozia, die ja nicht mehr fahren muss und rufe danach „Vive la France“. Allerdings folgt am nächsten Morgen der „Kater“. Das liegt aber nicht am guten Wein, sondern vielmehr an der Tatsache, dass wir unserer Rocket bald wieder die Heimat zeigen müssen und so verlassen wir das Land der Delikatessen und düsen zurück nach Schweden.

Motorradtour Süd-West Frankreich - Delikate Dordogne – Infos

Motorradtour Süd-West Frankreich - Delikate Dordogne
Diese Dordogne-Tour führt durch pittoreske, mittelalterliche Dörfer, an herrlichen Schlössern und Sanddünen entlang. Im Südwesten Frankreichs trifft man man zudem überall auf Motorradfahrer, vom Sternekoch bis zum ehemaligen Fremdenlegionär.

Allgemeine Infos

Das südwestfranzösische Dé­parte­ment Dordogne liegt östlich von Bordeaux an den Ausläufern des Französischen Zentralmassivs. Die Dordogne ist ein Land der Gewässer, der sanft gewellten Hügel und weiten Hochebenen. Zahlreiche prähistorische Funde im Flusstal der Dordogne belegen, welchen Reiz diese Landschaft und das milde Klima schon vor Jahrtausenden auf die Menschen ausübte.

Sehens- und erlebenswert:
Da wären die hübschen Städte und Dörfer entlang der Dordogne und rings herum. Herausragend dürfte aber die bekannte Höhle Lascaux in der Nähe von Montig­nac mit ihren 15.000 Jahre alten Höhlenmalerei­en sein.

Anreise

Von Nord- oder Mitteldeutschland aus empfiehlt sich die Anreise über Paris. Auf der A 10 von Paris nach Orleans fahren dann über die A 71 und die A 20 bis Limoges und schließlich über die Route Nationale 21 bis Bergerac. Von Süddeutschland, der Schweiz und Österreich bietet sich die Anreise über die Rhône-Autobahn beziehungsweise über Clermont-Ferrand an.

Beste Reisezeit

Das Klima in der Dordogne ist angenehm mild. Von März bis in den November hinein kann man hier schöne Touren unternehmen.

Verpflegung

Neben den vielen, besonders guten Weinen, die meistens aus dem Périgord Pourpre stammen, kann man auch Trüffel, Geflügel und besonders leckeres Obst genießen. Eine Spezialität der Region sind Gänseleberpasteten oder die berühmte geräucherte Entenbrust „Margret de canard “. Auch „Pommes Sarladaises ”(Bratkartoffeln mit Steinpilzen, wenig Knoblauch und Kräutern) sollte man probieren. Arcachon ist bekannt für hochqualitative Austern.

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