Pässetour Engadin - Kurvenpotpourri im Herzen der Alpen

Von Pfunds düsen wir in die Schweiz und zurück nach Austria. Das hat seinen Grund, denn wir möchten uns den Kurvengenuss der Schweizer Pässe durch Tiroler Gastfreundschaft versüßen lassen. 
Frank Klose
Frank Klose
Wer sich derzeit ein Quartier in der Schweiz sucht, um die dortigen Traumstraßen unter die Räder zu nehmen, bekommt spätestens Alpträume wenn die Zeche fällig wird. Das hat vor allem mit dem Wechselkurs zwischen Euro und Schweizer Franken zu tun. Das kann aber nicht unser Problem sein, allerdings wollen wir unsere Geldbörse schonen, starten diese Tour folgerichtig im äußersten Vorpo­sten Tirols an der Schweizer Grenze und zwar in Pfunds. Von dort sind es nur ein paar Kilometer bis zur Schweizer Grenze, die wir in Martina passieren.

Das geht übrigens problemlos, keiner will unsere Papiere sehen, und so zwirbeln wir uns richtig flott hinauf in Richtung Nauders, wieder in Österreich gelegen. Es sei hier besonders der Hinweis gestattet, dass es gerade im Grenzgebiet von Südtirol, Österreich und der Schweiz häufig „blitzt“ - wer die gesparten Hotelkosten nicht gleich wieder investieren will, sollte also intelligent mit dem Gasschieber umgehen. Aber diese Weisheit gilt ja immer und überall. Für uns stellt sich aber vielmehr die Frage, ob wir in Reschen rechts abbiegen, um auf der kleinen, kaum befahrenen Straße um den Reschensee zu fahren oder ob wir der Hauptstraße folgen. Okay, meistens folgen wir ja abgelegeneren Wegen, aber heute soll der weithin bekannte Kirchturm im Reschen­see auch von uns aus der Nähe betrachtet werden.
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Heute gilt er als Wahrzeichen des Vinschgau, allerdings war das nicht immer so. Die Geschichte hinter dem bekannten Postkartenmotiv ist weit weniger idyllisch. Das romanische Kirchlein aus dem 14. Jahrhundert ist stummer Zeitzeuge einer verantwortungslosen See-Stauung kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Seit 1922 wütete in Italien der Faschismus. Im Jahre 1939 reichte der Großkonzern Montecatini ein Projekt ein, um den Reschen- und Graunersee zu stauen. Die deutschsprachige und seinerzeit in Italien zweitklassige Bevölkerung von Reschen und Graun wurde dabei völlig übergangen. Der Krieg verzögerte allerdings das Bauvorhaben.
Mahnmal im Reschensee - der alte Kirchturm von Graun.
Mahnmal im Reschensee - der alte Kirchturm von Graun.
Die Bewohner des Oberen Vinschgaues glaubten, dieses Schreckgespenst für immer los zu sein. Doch zur Bestürzung der betroffenen Einwohner gab man 1947 bekannt, dass die Arbeiten am Stauprojekt weiter gehen sollen. 1950 im Sommer war es so weit, die Schleusen wurden geschlossen, der Reschensee auf 677 Hektar gestaut. Beinahe 150 Familien verloren ihre Existenz, die Hälfte davon musste auswandern. Die Entschädigungen waren sehr bescheiden. Die Bewohner von Graun hatte man notdürftig in ein eilig aufgestelltes Barackenlager am Ausgang des Langtauferertales untergebracht. Es ist schon bestürzend, was man am Rande einer Motorradtour so alles erfährt. Nicht viel weniger irritiert die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Probleme damit haben, Verkehrsschil­der sachlich richtig zu deuten. Natürlich suchen wir immer wieder nach Alternativen zu übervollen Hauptstraßen, wo Diesel geschwängerte Abgasschwaden hinterm Visier wabern. Da wir die Alternativstrecke zum sonst langweiligen Reschenpass von Reschen nach St. Valentin und weiter über Ulten nach Mals schon des Öfteren befahren und beschrieben hatten, steht uns der Sinn nach Neuland! Rund 2,5 Kilometer hinter St. Valentin (in Richtung Meran) zweigt rechts ein schmaler Teerweg ab, der letztlich nach Burgeis führt. Aus der Beschilderung geht klar hervor, dass motorisierte Fahrzeuge hier langsam fahren sollen, weil auch eine ausgeschilderte Fahrradroute über den Teerweg führt. Kein Problem! Allerdings werden wir von renitenten, italienischsprachigen Pedalrittern – teils mit E-Bikes unterwegs – massiv beschimpft, de­nen nicht klar ist, dass die Straße für alle da ist. Da schließt sich mal wieder der Kreis aller Vorurteile, unterstützt durch das anarchistische Verkehrsverhalten vieler Radlfahrer auch in Städten oder sonstwo. Nur gut, dass die Piste hier recht steil ist, uns also kaum Fahrräder entgegenkommen.
Kurvenspaß am Umbrail!
Kurvenspaß am Umbrail!
Dafür werden wir bergab - 30 km/h dürfen hier gefahren werden -, gnadenlos überholt! Damit ist wohl alles gesagt. Egal, es geht weiter - wir steuern das Val Müstair an. Das gehört zum Land der Eidgenossen. Bekanntlich sollte man den Zeiger des Tachos hier nicht über die Marke von 80 km/h bringen. Allerdings stellt das bei der hiesigen Topografie kaum ein Problem dar, denn die Teerbänder präsentieren sich ähnlich Spaghetti auf einem Pastateller. Es geht also rund und mit viel Kurvenspaß schrau­ben wir uns auf der inzwischen fast komplett geteerten Umbrailpassstraße bergan zum Stilfser Joch.

Bekanntlich kann man in den Alpen immer mal wieder wechselhaftes Wetter erleben. Das gilt vor allem auch dann, wenn man vom Val Müstair (1.300 Meter Seehöhe) hinauf zum Stilfser Joch (2.757 Meter über dem Spiegel der Weltmeere) kurvt. Es ist natürlich eine Binsenweisheit, dass es dabei kälter wird. Man redet immer von 0,6 bis 1 ° Celsius je 100 Meter Höhendifferenz. Es kann aber auch viel dicker kommen – so wie heute. Im Tal herrschen laue Temperaturen, der Himmel zeigt sich heiter bis wolkig. Oben angekommen, stochern wir allerdings durch Wolken, die mit Gefrorenem um sich werfen. Landläufig kennt man das als Schnee – und das Mitte August! Allerdings besteht keine Gefahr, dass wir in Kürze mit einer festgefahrenen Schneedecke rechnen müssen und so bleibt Zeit - Stammleser von M&R kennen das ja schon – für den obligatorischen Besuch bei Bruno. Ein Murmelburger (Sauerkraut, Vinschgauer Brötchen und frisch gegrilltes Würstl) muss jetzt noch sein, bevor wir uns wieder auf den Weg in tiefere Gefilde machen.
Zwischenstopp bei Bruno am Stilfser Joch.
Zwischenstopp bei Bruno am Stilfser Joch.
Dafür folgen wir den Hinweisen nach Bormio im Veltlin. Wir sind also definitiv auf der Südseite der Alpen unterwegs, und da soll das Wetter ja meistens besser sein. Es wird auch besser, denn der Schnee in der Gipfellage ändert seinen Aggregatzustand: Feiner Regen. Allerdings verzieht der sich bald, und die Sonne kommt wieder raus. Unsere Pässetour mutiert also erneut zu einem Vergnügen erster Klasse. Das beweist wieder einmal, dass man sich von ein paar Wolken nicht schrecken lassen sollte. Inzwischen nehmen wir den Foscagno-Pass (2.291 m) ins Visier. Er stellt eine kurvenreiche Verbindung zwischen Bormio und dem zollfreien Livigno her. Hier kann man alles Mögliche – vor allem aber Zigaretten, Parfum und Alkohol – recht günstig einkaufen. Eine schwarze Wolke, die von Süden her Kurs auf uns nimmt, liefert aber das nicht zu widerlegende Argument, dass es keinen Einkaufsbummel geben kann. Wir beschränken uns aufs Tanken und weiter geht’s.
Tunnel prägen unsern Weg.
Tunnel prägen unsern Weg.
Wir flüchten in den Tunnel Munt la Schera, der 1968 für den Bau der Staumauer Punt dal Gall fertiggestellt wurde. Einst diente die 3.385 Meter lange Galerie für den Transport des Baumaterials für die 130 Meter hohe Bogenstaumauer. Nachdem der Damm fertiggestellt und der See geflutet wurde, öffnete man den nun mautpflichtigen Tunnel für den allgemeinen Verkehr. So erreichen wir schnell und ohne Regentropfen von oben die Zollstation Punt la Drossa an der Ofenpassstraße. Erneut zeigen die Schweizer Zöllner kein Interesse an uns. So schwingen wir gleich bergab nach Zernez. Die schwarze Wolke, die uns schon aus Livigno vertrieb, kommt gerade über die Berge und dürfte unsere Fahrtrichtung kreuzen. Das Motorradmotto „Fahr nie in eine schwarze Wolke“ können wir uns mangels Alternative klemmen. Stellt sich nur die Frage, wer schneller ist, wir oder das Wolkenmonster? Bei diesem kleinen Wettrennen kommt uns sehr entgegen, dass wir auf - noch - trockenem Geläuf unterwegs sind und sich die Westrampe der Ofenpassstraße als breite Piste mit recht weiten Kurven präsentiert. Kurzum, wir erreichen in Zernez die Pole-Position. Zwar schmeißt uns der Himmel wütend ein paar fette Tropfen hinterher, aber auf dem Weg über Susch nach Giarsun verschwindet das schlechte Wetter fix im Rückspiegel. Das trifft sich wirklich gut, denn so können wir ein paar kleinen Dörfchen hier im Engadin einen Besuch abstatten. Zunächst nehmen wir die Kurvenpiste hinauf nach Guarda unter die Räder. Das liegt auf 1.650 Meter über dem Spiegel der Weltmeere und hier oben scheint die Welt noch in Ordnung. Der 1160 urkundlich erstmals erwähnte Ort besteht aus etwa siebzig typischen Engadinerhäuser mit zahlreichen Sgraffiti und liegt auf einer sonnigen Terrasse hoch über dem Inn. Er gilt als eines der am besten erhaltenen Engadiner Dörfer, obwohl man sagen muss, dass Bos-Cha, Ardez und Ftan sich ebenfalls sehen lassen können. Viel interessanter dürfte aber die Tatsache sein, dass sich die Straßen zwischen den Dörfern als erstklassige Motorradstrecken präsentieren.
Zwischen Guarda und Bos-Cha.
Zwischen Guarda und Bos-Cha.
Hier gibt es Kurven satt und kaum anderen Verkehr. Genau so muss das sein! Wir genießen das noch eine Weile und folgen dem Verlauf des Inn über Bad Scuol und Sent weiter flussabwärts. Ein Blick zurück zeigt dabei, dass uns keine Wolken folgen. So geht unsere Tour also recht sonnig weiter. Das ist auch gut so, denn bald müssen wir der Hauptstraße durchs Inntal folgen und da machen 80 km/h – anders als auf Bergstraßen - eher keinen Spaß. Wir sehnen also Österreich herbei. Allerdings gönnen wir uns an der EU-Außengrenze noch einen Abstecher. Vor allem die Tunnelstraße hinauf nach Samnaun (ebenfalls zollfrei!) bietet ein kleines Motorradabenteuer. Rechnet man die Abfahrt über Spiss hinzu, dann kommt das Ganze einem schönen Alpenpass doch sehr nahe. In Pfunds ist dann alles zu Ende. Man darf allerdings sagen, dass wir eine ganz wundervolle Tour hinter uns gebracht haben, die man so immer wieder fahren kann.

Motorradtour Pässetour Engadin - Kurvenpotpourri im Herzen der Alpen – Infos

Allgemeine Infos

Die Alpen rund um das Dreiländereck im Westen Tirols bieten bekanntlich reichlich Traumtouren. Dazu gehört auch die Pässetour Engadin, die viel Kurzweil, reichlich Höhenluft und ein paar Sträßchen bietet, die sicher nicht jeder kennt.

Sehens- & Erlebenswert
Zunächst wären da das zollfreie Livigno und Samnaun, wo man billig tanken kann und auch diverse Luxusartikel günstig erstehen kann. Unbedingt anschauen sollte man sich auch die Dörfer im Engadin wie Guarda beispielsweise.

Anreise

Ein sehr guter Ausgangspunkt für diese Runde und Pässetouren überhaupt ist Pfunds. Dieser Ort liegt im Inntal zwischen Landeck, Reschenpass und dem Engadin. Daher ist er von der Inntalautobahn oder dem Fernpass (ab Landeck in Richtung St. Moritz halten) bestens erreichbar.

Beste Reisezeit

Für diese Tour eignet sich am besten die Zeit zwischen Anfang Juni und Anfang Oktober.

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Im Routenverlauf dieses Tourenvorschlags werden nachfolgende Alpenpässe und Bergstraßen befahren:

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