SIXISMUS – The Great Malle Mountain Rally

Sechs Länder in sechs Tagen. Rund 2.000 km, rauf und runter. Eine Haarnadelkurve nach der anderen. Darum geht es bei der Alpensause. Wir waren bei der Erstauflage dabei. Auf einer Royal Enfield Interceptor 650. Godspeed*
SIXISMUS – The Great Malle Mountain Rally Sechs Länder in sechs Tagen. Rund 2.000 km, rauf und runter. Eine Haarnadelkurve nach der anderen. Darum geht es bei der Alpensause. Wir waren bei der Erstauflage dabei. Auf einer Royal Enfield Interceptor 650.
SIXISMUS – The Great Malle Mountain Rally Mittagspause im Dolomiten-Paradies: knalliger Sonnenschein am Passo Sella auf 2.180 m
18 Bilder
21.05.2023
| Lesezeit ca. 19 Min.
Sam Barham, Shane Benson, Tom Kahler
*veraltetes Englisch für „Gute Reise“
Die Alpen. Unendliche Weiten. Gewaltige Gipfel. Und grandiose Pässe. Rund 230 Möglichkeiten, das mächtigste Hochgebirge Mittel- und Südeuropas auf mindestens 950 Metern Höhe zu überqueren, listet die Online-Enzyklopädie Wikipedia auf – ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Acht Länder sind über die Gebirgspässe in der rund 200.000 Quadratkilometer großen Alpenregion miteinander verbunden. Sechs dieser acht Staaten nehmen wir unter die Räder bei der ersten „The Great Malle Mountain Rally“ (#TGMMR22) – der ultimativen Alpensause für „inappropriate bikes“, frei übersetzt: untaugliche Motorräder. Radikale Custom-Umbauten, japanische Young- und Oldtimer, dazu jede Menge Vintage-Bikes von Triumph, Ducati, BMW Motorrad und Royal Enfield. Das ist der Fuhrpark, den das britische Designerlabel Malle London 2022 – endlich – zum Tanz über die Alpen lud. „Seit 2018 träume ich von dieser Tour“, sagt Robert Nightingdale (40), einer der beiden Köpfe hinter Malle London, einer englischen Manufaktur für coole Motorradklamotten und edles Motorradgepäck aus gewachster Baumwolle und imprägniertem Leder.
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Bike-Festivals und Langstrecken-Rallys

Tagesroute: Für jeden Fahrtag gibt es eine eigene Karte mit den Checkpoints
Tagesroute: Für jeden Fahrtag gibt es eine eigene Karte mit den Checkpoints
Zweites Standbein von Robert und Jonathan „Jonny“ Cazzola (38), seinem Cousin und Malle-Mitgründer, sind endlässige Motorradevents wie das dreitägige Bike-Festival „The Malle Mile“ auf einem britischen Landsitz oder die einwöchige „The Great Malle Rally“ von Südengland nach Nordschottland, die seit 2017 jährlich stattfindet und 1.500 Meilen misst, umgerechnet rund 2.400 Kilometer über Nebenstrecken und drittklassige Straßen.
2019 hat Robert die „Malle Mountain Rally“ erstmals gescoutet, 2020 sollte sie eigentlich Premiere feiern. Dann kam Covid. Und damit lag er vorerst auf Eis, der kühne Traum, die „Great Malle Rally“ aus Großbritannien aufs europäische Festland zu verlagern.
Glamping im Gras: Geschlafen wird in großen Zelten auf aufblasbaren Matratzen
Glamping im Gras: Geschlafen wird in großen Zelten auf aufblasbaren Matratzen
2022 war es schließlich so weit: Alpen statt Highlands, sechs Länder (Österreich, Italien, Schweiz, Liechtenstein, Frankreich, Monaco) statt drei (England, Wales, Schottland), aber der gleiche Mix aus lässigen Haudegen und unerschrockenen Langstrecken-Novizen. Und dazu der bekannte Malle-Style: Übernachtet wird unter Daunendecken auf aufblasbaren Betten in großen Glamping-Zelten, die meist in den Parks von Schlössern aufgeschlagen werden. In den ehrwürdigen Gemäuern wird dann getafelt und geduscht. Am nächsten Morgen geht es früh weiter. Der Weg ist das Ziel.

Epilog – Schloss Friedberg/Volders bei Innsbruck (Österreich)

Morgenritual: kurzer Smalltalk, Check der Maschine, Warten auf die Team-Startzeit
Morgenritual: kurzer Smalltalk, Check der Maschine, Warten auf die Team-Startzeit
Die „Rider Registration“ ist ein festes Ritual bei allen Rallys von Malle London. Jeder Teilnehmer erhält unter anderem Aufkleber mit seiner Startnummer und einen Emaille-„Mug“, der fortan als Kaffeebottich und Schnapsbecher dient. Abends nach dem „Riders Briefing“ für den nächsten Tag wird immer in großer Runde angestoßen – in diesem Fall mal mit Marille, mal mit Williams-Birne, mal mit Zwetschge, je nach Region. Das Teilnehmerfeld ist international besetzt. Rund 70 Maschinen sind dabei. Auf sechs davon sitzen Frauen. Zum Beispiel Alexandra (45) und Gorana (35) aus Malta, die beide erst seit kurzem Motorrad fahren und noch nie in den Bergen waren. Oder Influencerin „Frenchissima“ (alterslos) aus Italien, die wie ich zum „Team Royal Enfield“ gehört. Mit sieben Twins – sechs Interceptor, eine Continental GT – sind wir das größte „Werksteam“ bei der #TGMMR22. Die britisch-indische Kultmarke gehört seit Jahren zu den Partnern der Events. Robert und Jonny fahren auf speziell für Malle London aufgebauten Custom-Twins von Royal Enfield, die einen Höllenlärm machen. Dass die beiden unbehelligt von der phonetisch geschulten Gendarmerie durch Österreich kommen, darf als kleines Wunder bezeichnet werden.

Jeder Teilnehmer wird zum Mitglied der Malle-London-Familie

Mittagspause im Dolomiten-Paradies: knalliger Sonnenschein am Passo Sella auf 2.180 m
Mittagspause im Dolomiten-Paradies: knalliger Sonnenschein am Passo Sella auf 2.180 m
Einige Teams sind frei Schnauze zusammengewürfelt, andere haben bereits gemeinsam ein oder zwei Malle-Rallys absolviert. Der erste Abend wird für sie zum großen Revival. Manche Teilnehmer wie Versicherungsmanager Alex aus London und Maler Phil aus Australien kennen sich seit der ersten „The Great Mile“, wie die UK-Rally anfangs hieß. Andere wie Business-Development-Manager Nick aus Sussex sind neu im Malle-Kosmos: Der 60-Jährige hat 2022 jedes Event von Malle London mitgenommen, inklusive dem „Malle Beach Race“ in Margate, rund 30 Fahrminuten nordöstlich von Dover. „Ich bin echt kein Marken-Groupie, aber ich mag diesen Malle-Spirit“, sagt der hünenhafte Triumph-Fahrer, der noch nie zuvor in den Alpen unterwegs war. „Du bist hier als Teilnehmer immer auch Mitglied der Malle-London-Familie, das tut wahnsinnig gut“, sagt er. 2021 hat er sich nach langer Abstinenz wieder ein neues Bike gegönnt. Seitdem sind Nick und seine Scrambler 1200 XE Gold-Line-Edition unzertrennlich. Mehr als 10.000 Kilometer hat er innerhalb eines Jahres abgespult, die meisten davon auf Malle-Rallys. Zusammen mit seinem Buddy James ist er auf eigener Achse aus Beetham, Sussex, angereist – rund 1.000 Meilen auf direktem Weg. Macht 1.600 km on top – plus Rückreise. „Mal schauen, wo wir dann langfahren – vielleicht die Westküste Frankreichs hoch oder noch mal durch die Schweiz, eigentlich egal, wir haben eine Woche Zeit für den Heimweg.“ Und jetzt geht es ja eh erst mal ums Ankommen.

1. Etappe
Schloss Friedberg/Volders bei Innsbruck (Österreich) – Castel Katzenzungen/Prissian, Südtirol (Italien), 304 km

Die Alpenregion ist Lebensraum von 30.000 Tierarten. Vom schwarzen Alpensalamander über den europäischen Braunbären bis zum mächtigen Steinadler mit bis zu 2,20 Meter Spannweite treibt sich hier allerlei Vielbeiniges und Gefedertes herum. Morgens um kurz nach sieben Uhr sind die meisten davon offenbar noch am Pennen. Nur ein paar kecke Alpendohlen begrüßen am ersten Morgen der Tour das güldene Bergpanorama, das sich kitschiger als jede Instagram-Bildstrecke vor unserem Zelt auftut. Sieben Grad sind es laut Wetterapp. Das Gras der lange nicht gemähten Wiese faltet sich wie ein feuchter Flokati mehrlagig über die Schuhe bei jedem Schritt zum 250 Meter entfernten Motorradfeldlager. In manchen Zelten wird noch geschnarcht. Tipi 11 hingegen – mein Dreier-Zelt – ist bereits vollständig auf den Beinen. Simon und John, zwei wunderbare englische Gentlemen, teilen sich mit mir das Zelt. Und die Witzgruppe. Allein das macht uns zu Gefährten. Außerdem fahren wir ziemlich genau das gleiche Tempo. Damit sind wir, die Silberrücken des Teams, klar im Vorteil gegenüber manch anderem Fahrertrupp, was den Spaßfaktor betrifft. Wobei: Erstaunlicherweise sind hier alle „Bros“. Die eherne Reisegruppen-Regel „Auf zehn Leute kommt immer mindestens ein Arschloch“ gilt hier erfreulicherweise nicht. Es ist ein großes Happening und Miteinander. Gefühlt jeder, mit dem man sich unterhält, und sei es nur kurz, wächst einem sofort ans Herz.

Aufwärmrunde über 304 Kilometer

Godspeed, Mates! Jedes Team hat morgens eine feste Abfahrtszeit, Malle-Chef Robert schwenkt die Startflagge
Godspeed, Mates! Jedes Team hat morgens eine feste Abfahrtszeit, Malle-Chef Robert schwenkt die Startflagge
08:30 Uhr, allgemeiner Aufbruch zur ersten Etappe gen Südtirol – die Dolomiten wollen bezwungen werden. Im Drei-Minuten-Takt rollen die Bikes vom Schlosshof. Vorher die übliche Checkpoint-Routine: Stempel ins Logbuch, Uhrzeit eintragen – wir sind ja nicht zum Spaß hier. Bei aller Lässigkeit der Veranstaltung geht es „eigentlich“ auch um Zeiten. Wer am Ende der sechs Fahrtage am nächsten an der dann verkündeten Benchmark-Zeit liegt, darf sich Sieger nennen. Eine Frage der Ehre, Preisgeld gibt es nicht. Kurz nach neun Uhr, wir sind dran. Malle-Boss Robert kontrolliert noch kurz, ob die Kinnriemen unserer Helme korrekt geschlossen und alle Jackentaschen zu sind, dann schwenkt er mit großer Geste die riesige Startflagge. Italien ruft! Genau genommen Castel Katzenzungen in Südtirol, offiziell 304 Kilometer entfernt. Über den Brenner (1.370 m hoch) und Sterzing (Vipiteno/Checkpoint 2 auf unserer Karte) geht es zum Sellajoch (Checkpoint 3, 2218 m) und weiter zum Passo Rolle (Checkpoint 4, 1.970 m).
Über Predazzo und Cavalese cruisen wir rüber nach San Michele und zum Castel. Die heutige Event-Location wurde 1.244 erstmals urkundlich erwähnt und beheimatet die größte Weinrebe Europas, verkündet ein kleines Schild. Weil die so viel Platz braucht, bleibt leider kein Fleckchen für unsere Zeltstadt. Unser Camp steht auf einer Wiese außerhalb des eigentlichen Dorfes. Der Duschcontainer avanciert in Minutenschnelle zum „Place to be“. Das Castel ist fußläufig 15 Minuten entfernt. Wer Glück hat, ergattert einen Stehplatz im Laderaum des Begleit-Vans. Zurück zu später Stunde geht es für mich auf dem Heck des Morgan 3-Wheelers, den die Deutschen Denis und Julian pilotieren. Die 37-Jährigen haben das Cockpit bei einem Preisausschreiben gewonnen. Jetzt sind sie auf drei Rädern dabei, die Glückspilze. Wie wir tragen sie Helm und regenfeste Klamotten. Rudimentären Wetterschutz gibt es nur für die Schuhe in der Kultkarre.

2. Etappe
Castel Katzenzungen/Prissian, Südtirol (Italien) – Maloja Camp, Maloja (Schweiz), 356 km

Die Mutter aller Hairpins: Passo del Stelvio, das berühmte Stilfser Joch in den Ortler-Alpen
Die Mutter aller Hairpins: Passo del Stelvio, das berühmte Stilfser Joch in den Ortler-Alpen
Stilfser Joch. Oder wie der Italiener sagt: Passo dello Stelvio. In diesen Worten schwingt so viel Alpenglorie mit, dass einem ganz blümerant werden kann vor lauter Haarnadelkurven-Vorfreude. Für viele ist dieser Passo der Pass der Pässe. Die „Hairpin“-Ikone schlechthin. Mit 2.757 Metern ist das Stilfser Joch nach dem Col de l’Iseran der zweithöchste asphaltierte Gebirgspass der Alpen und der höchste in ganz Italien. Ein epochales Fahrerlebnis auf zwei Rädern. Und unser zweiter Checkpoint heute. Über den wild-romantischen Umbrail-Pass (2501 m), den rauen Ofen-Pass (2.149 m) und den weitläufigen Flüela-Pass (2.383 m) driften wir nach Davos im Kanton Graubünden (Checkpoint 3). Zeit fürs Lunch-Paket; Essen kommt unterwegs oft zu kurz – die Panoramen der Bergwelt sind zu atemberaubend, um an etwas so Schnödes wie Nahrungsaufnahme zu denken. Nächster Checkpoint: Liechtenstein. Selbst Rally-Planer Robert muss schmunzeln, als wir dort ankommen. Hand aufs Herz: Dieser Stopp ist nur dabei, damit die Verkaufe „sechs Länder in sechs Tagen“ aufgeht. Rein nach Vaduz, Logbuch stempeln, raus aus Vaduz – das war es für Liechtenstein. Deutlich aufregender als das Steuer(sünder)paradies ist die Fahrt von hier bis ins Maloja-Camp, unser nächstes Nachtlager. In stockfinsterer Nacht jagen wir mit acht Bikes über Valbella und Surses nach Silvaplana und vor dort auf den Maloja-Campingplatz am Silsersee. Simon gelingt das Husarenstück, mit seiner 48-PS-Interceptor unseren begleitenden Notarzt zu versägen.
Steve, so heißt der langhaarige Doc, fährt eine Triumph Street Triple und ist ein durchaus ambitionierter Racer. Chapeau! Darauf ein paar Bier!
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3. Etappe
Maloja Camp/Maloja (Schweiz) – Hotel Chäserstatt/Ernen (Schweiz), 290 km

In den Bergen normal: An manchen Tagen führte die Strecke mitten rein in die Wolken
In den Bergen normal: An manchen Tagen führte die Strecke mitten rein in die Wolken
Zum Frühstück gibt es selbstgebackenes Brot mit Pflaumenmus, zum Nachtisch die grandiosen Schwünge des Maloja-Passes (1.812 m). Beides schmeckt so köstlich wie der erste Kuss einer großen Liebe. Wir vernaschen ein paar vollbesetzte Reisebusse und fahren auf der bestens ausgebauten „Strada 3“ gen Italien. Bei Chiavenna geht es rauf zum Splügen-Pass (2.114 m). Von den strengen Tempowächtern ist keiner zu sehen. Ab „Tornamento 46“ gilt das leider auch für die noch verbleibenden 31 Kehren des San-Bernardino-Passes (2.065 m): Wir fahren direkt in eine Wolkendecke. Keine fünf Meter Sicht. Schluss mit lustig. Den Gegenverkehr erkennst du erst, wenn er neben dir ist. Vorausfahrende Radfahrer poppen auf wie Geister. Der blanke Horror. Mit 15 km/h schleichen wir zum Café-Stopp. Regenklamotten über, tief durchatmen, weiter. Später auf dem Gotthard-Pass wiederholt sich das Drama. Geschlossene Wolkendecke, keine acht Grad, Alpenpässe können echt gemein sein. „Das ist schon ein krasses Programm“, meint Rolf. Der 63-Jährige aus Solingen ist auf einer Walt Siegl Adventure unterwegs. Basis ist eine 1.100er Ducati Hypermotard. Teamgefährte Joao (37), Zahnarzt in Cambridge, hat sich extra für #TGMMR22 eine alte Monster gekauft, Baujahr 2012, ohne ABS. „So eine Tour wollte ich immer machen“, grinst er am Checkpoint Furka-Pass (2.429 m). Was er jetzt noch nicht ahnt: Seine Ducati sieht das offenbar anders. Italien, die Schweiz und Frankreich macht sie noch mit, das Ende der Rally in Monaco aber erlebt sie nicht – Motorschaden am letzten Fahrtag, irreparabel vor Ort. Wir übernachten an den Hängen des Berghotels Chäserstatt, 1.777 Meter über dem Meer. Die Anfahrt ist ein bisschen tricky. Es geht einen steinigen Rumpel-Pumpel-Pfad hoch mit engen Kehren und losem Untergrund. Abends beim Aperitif sieht man einigen Teilnehmern an, dass sie sich schon vor dem Einschlafen fragen, wie es morgen nach dem Aufstehen da eigentlich wieder runtergehen soll. Aber egal, wird schon. Es gibt süffiges selbstgebrautes Bier und eine fantastische Aussicht. Wer denkt da an drohendes Ungemach?

4. Etappe
Hotel Chäserstatt/Ernen (Schweiz) – Château de Saint-Sixt/Saint-Sixt (Frankreich), 257 km

Stausee-Idylle an der D925 in Frankreich: Lac de Roselend im Beaufortin-Massiv
Stausee-Idylle an der D925 in Frankreich: Lac de Roselend im Beaufortin-Massiv
Das Wetter hat es schon besser gemeint mit uns. Der Morgen fängt zwar ganz verheißungsvoll an mit ein paar unterkühlten Sonnenstrahlen. Aber dann wird es nass. Und laaangweilig. Es geht eine gefühlte Ewigkeit schnurgeradeaus durch abtörnende Schweizer Gewerbegebiete und über baumlose Ausfallstraßen. Industrietristesse im ganzen Tal. Alle paar Hundert Meter wartet ein Kreisverkehr. Die Wolken hängen tief, die Mundwinkel auch. Gääähn. Der Kanton Wallis meint es hier nicht besonders gut mit uns. Aber nun. Gewisse Passagen auf dem Weg nach Frankreich muss man sich wohl verdienen. Manchmal geht es selbst auf der „längsten Alpenrally, die es jemals gab“ – so Malle London – ganz unprätentiös darum, Strecke zu machen. Verbindungsetappe – schon das Wort zieht sich.

Erst mal ein Stiefelbier und dann absatteln

Wir übernachten heute auf den Wiesen des Château de Saint-Sixt. Und sind heilfroh, als wir das fast 700 Jahre alte Gemäuer erreichen nach dem Schmuddelwetter, das uns locker 200 der gut 260 heute gefahrenen Kilometer begleitet hat. Erst mal ein „Stiefelbier“, dann absatteln und runter mit dem per Van mitreisenden Gepäck zum Zelt. So langsam kriecht über Nacht die Feuchtigkeit in die Klamotten. Die Versuchung, die angewärmte Multifunktionswäsche des Tages auch im Bett zu tragen, ist groß. Mit Blick auf die zunehmende olfaktorische Verwandlung meiner Socken lasse ich es aber lieber. Am Abend hätte es eigentlich ein Wiedersehen mit Jean-Claude geben sollen. Der Malle-Rally-Veteran und Vater von Jonny Cazzola lebt in der Gegend und war zum Dinner angekündigt. Daraus wird aber leider nix: Nachmittags rammt ihn ein Auto von seiner frisch restaurierten Harley. Er kommt mit Frakturen ins Krankenhaus, „aber es geht ihm gut“, heißt es. Das Risiko fährt immer mit, erst recht bei einigen der Linksverkehr gewöhnten Briten. Im Gewirr der Serpentinen und Haarnadelkurven kommt es zu teils haarsträubenden Szenen. Glücklicherweise immer mit gutem Ausgang. Darauf ein Bier. Heute bleibt die Küche kalt. Es gibt köstliche kleine Obst-Tartes mit Marzipanboden, zum Briefing eine Marille – und dann ab in die klamme Koje, morgen wird ein langer Tag.

5. Etappe
Château de Saint-Sixt/Saint-Sixt (Frankreich) – Château Les Picomtins, Crots (Frankreich), 343 km

Ein Schloss wie im Märchen: Château Les Picomtins bei Crots, Frankreich
Ein Schloss wie im Märchen: Château Les Picomtins bei Crots, Frankreich
Frühstück im großen Saal im ersten Stock. Es gibt frische Croissants und anschließend die tägliche Doggy-Bag. Zwei Sandwiches, eine Buddel Wasser, dazu ein Apfel oder eine Banane – fürs leibliche Wohl ist gesorgt. Wem es nicht reicht, der hält irgendwo an und isst was. Jeder bestimmt selbst über seine Zeiten. Hauptsache, die Checkpoints (teils mit Essen) werden nacheinander angefahren und keiner pest mit ungestempeltem Logbuch weiter. So viel Teilnehmerehre muss sein. Zudem erfüllen die Logbücher auch einen ganz banalen Zweck: Die Rally-Marshalls können nachvollziehen, ob alle auf dem rechten Weg sind oder ob unterwegs jemand verschüttgegangen ist. Kalt ist es am Morgen, gerade einmal fünf Grad, mehr gibt die Septembersonne zwischen den Gipfeln nicht her. Die Auspuffanlagen der Custom-Bikes zerreißen die idyllische Stille. Hunde und Kühe glotzen uns ungläubig an. Ein paar Kids auf dem Weg zur Schule halten sich giggelnd die Ohren zu. Das fällt schon unter „großer Bahnhof“, wenn sich der Malle-Tross in Bewegung setzt. Vor fast allen Checkpoint-Cafés bilden sich Trauben um die Bikes. Ungläubig wird der wilde Haufen angestarrt, der Kaffee oder Tee schlürfend den Bürgersteig blockiert und jeden Sitzplatz vorm Café belegt – lachend, feixend, fachsimpelnd, cool gekleidet. Diese Rally schweißt zusammen. Das gemeinsame Fahrerlebnis, die unglaubliche Landschaft, die epischen Gipfel – jeden Tag werden wir mehr zu einer „Band of Brothers“. Charismatische Lichtgestalt des Ganzen ist Robert Nightingdale. Der Malle-Master spricht jeden Teilnehmer mit Namen an, brilliert bei seinen Briefings, ist immer greifbar für Fragen. Von frühmorgens bis spätnachts versprüht er positive Energie und aristokratischen Charme. Ein Gentleman-Abenteurer durch und durch. Wer ihn erlebt, fragt sich nicht, wie es ihm wohl gelungen sein mag, all die Schlossbesitzer dafür zu begeistern, sechs Dutzend lärmende Motorradfahrer über Nacht zu beherbergen und zweimal zu verköstigen. Er hat sie einfach gefragt. Und mallefiziert. Wie die Teilnehmer.

Chrom-Schlachtschiff und Custom-Racer

„Das ist alles so herrlich romantisch“, schwärmt Amy, Amerikanerin und einzige Beifahrerin der #TGMMR22. „Die Schlösser, die Zelte, die lauten Motorräder, diese Landschaft – wild und einmalig“, befindet sie. „Mally“, wie Amy ihren Gatten und Fahrer Malcom nennt, hat als Bike für die Malle Mountain Rally ausgerechnet seine Honda Rune auserkoren. Die NXR 1800 Valkyrie ist der längste (2566 mm) und schwerste (375 kg leer) Cruiser, den Honda jemals gebaut hat. Ein Schlachtschiff aus Stahl und Chrom, 1750 mm Radstand, von 2004 bis 2005 gefertigt und nie offiziell für Europa bestimmt, sondern nur für die USA und Japan. Malcom hat sein rotes Exemplar aus den Staaten importiert und auf eigener Achse von Madrid hoch nach Innsbruck gefahren. „Die meisten Runes stehen in beheizten Garagen und sind Teil von hochglanzpolierten Sammlungen. Ich genieße es sehr, andere Besitzer zu ärgern, indem ich meine dreckig mache und auf Straßen fahre, für die sie nie gedacht war." Das dürfte auch für die Ducati DB25 von Joel Gindill (37) gelten. Der 45.000-Euro-Umbau von Customizer deBolex im englischen Surrey wurde erst kurz vor der Rally fertig. Keine 500 Kilometer hat der Private-Equity-Fondsmanager vorm Start in Innsbruck mit dem hellgrünen 120-dB-Monster abgerissen. Jetzt ist sie eingefahren.

Begnadeter Customizer als Technikchef

Wacker durch die Bergwelt: Patch McMeekin auf seiner Royal Enfield Classic
Wacker durch die Bergwelt: Patch McMeekin auf seiner Royal Enfield Classic
Wäre das krasse Bike in den Bergen liegen geblieben, hätte der Schöpfer selbst Hand anlegen können: Calum Pryce-Tidd, Kopf von deBolex, begleitet alle Malle-Rallys als Technikchef. Dieses Mal sitzt er auf einer frisch umgebauten, schwarzen Royal Enfield. Wie unsere Serienmaschinen gefällt das „Support Vehicle“ mit Twin-Charme und wenig Gewicht. Das 200-Kilo-Bike lässt sich herrlich einfach die Serpentinen hinaufscheuchen und wieder hinabwedeln. Die Serien-Sitzbank fällt in die Kategorie hart, aber herzlich. Calum hat seine neu gepolstert und auf Karbon aufgebaut. Unser Neid begleitet ihn. Am späten Nachmittag erreichen wir das hoch gelegene Château Les Picomtins. Der Blick auf die im Tal glitzernde Durance ist magisch. Der Nebenfluss der Rhône schlängelt sich am Fuße des Mont Guillaume (2542 m) durch ein grünes Tal, das gülden in der Abendsonne glänzt. Unter unseren Stiefeln knirscht bei jedem Schritt der Kies des Schlosshofs, der eher eine Panoramaterrasse ist. Das Leben kann so verdammt schön sein. Cheers, Mates, aufs Biken!

6. Etappe
Château Les Picomtins, Crots (Frankreich) – Malizia Mar, Monaco, 251 km

Kurven-Squad: Meist fährt man auf der Great Malle Mountain Rally in kleinen Gruppen von drei bis fünf Bikes
Kurven-Squad: Meist fährt man auf der Great Malle Mountain Rally in kleinen Gruppen von drei bis fünf Bikes
Der Weg ist das Ziel. Im wahrsten Sinne. Denn das Ziel ist noch gar nicht bekannt. Uns Teilnehmern jedenfalls nicht. „Wir fahren Richtung Monaco. Wie es dann weitergeht, erfahrt ihr an Checkpoint 4“, verkündet Robert. Wohl an denn. Letzter Fahrtag, kaum zu glauben. Von Frankreich geht es mal wieder rüber nach Italien, dann zurück nach Frankreich und rein ins Fürstentum. Alles über die Alpen. Wieder ein paar Hundert Kurven, gefühlt, nicht gezählt. Das Navi hat alle Hände voll zu tun. Immer wieder hängt es sich auf. Diverse Kreisverkehre umrunden wir mehrfach, bevor die Routenführung einen Richtungspfeil preisgibt. Die Strecke am Morgen ist atemberaubend. Auf der D954 und D3 umrunden wir den unwirklich blauen Lac de Serre-Ponçon, zu dem sich die Durance hier auswächst. Grandiose Kurven, kein Verkehr, ein Traum. Swingtime im Morgentau. Radien für die Ewigkeit. Eskapismus in seiner allerbesten Form. Hätte nicht unvermittelt der untere Reißverschluss der blödsinnigen, altersschwachen Handyhalterung nachgegeben, die mir Teamgefährte John an den Lenker schraubte; und hätte diese Handyschatulle aufgrund dieses kläglichen Versagens nicht Simons Smartphone, das er mir zwecks Routenführung gab, bei circa 80 km/h auf den Asphalt gespuckt; dann, ja dann hätte dieser Morgen eine Top-5-Platzierung in meiner Zehn-Momente-Liste erheischt. So aber reicht es nur für Platz sechs. Erstaunlicherweise überstand das Handy die unsanfte Landung nämlich nahezu unbeschadet und ohne funktionale Beeinträchtigung. Preiset den Herrn.

Breakdown-Prozedere

Was im Falle eines echten Breakdowns zu tun ist, steht haarklein auf der Rückseite der „Rally-Stage“-Karten, die jedem Teilnehmer abends beim Obstler-Tasting gereicht werden – nebst den Handynummern des Orga-Teams. „Im Falle einer Panne stellen Sie sicher, dass Sie und Ihr Team von der Straße weg und an einem sicheren Ort sind, bevor Sie versuchen, das Motorrad zu reparieren. Wenn Sie es nicht reparieren können, rufen Sie das Team Malle an, und unsere hochqualifizierten Techniker werden versuchen, Sie so schnell wie möglich wieder auf die Straße zu bringen. Wenn das nicht gelingt, haben wir Platz auf unserem Van, um Ihre Maschine zum nächsten Camp zu transportieren, wo wir wieder alles tun werden, um das Motorrad für die nächste Etappe zu reparieren.“
Salbungsvolle Worte. Zahnarzt Joao meint am Ende der Tour mit Blick auf seine krepierte Ducati: „Für die nächste Rally hole ich mir vielleicht doch lieber was Jüngeres.“ Er beendet das Abenteuer #TGMMR22 auf dem Beifahrersitz von Leroy Thomas, dem meisterhaften, unerschrockenen Mechaniker des Support-Teams. Joaos Monster erreicht das Ziel im Laderaum, zwischen Gepäck und Ersatzteilen.

Leroy macht das schon, irgendwie

Leroy kann sich über mangelnde Auslastung während der sechs Fahrtage nicht beklagen. Gleich am ersten Tag macht die Harley-Davidson Shovelhead von Bernhard irreparabel die Grätsche; der 61-Jährige eilt daraufhin heim ins nahe Bayern und kehrt mit seinem alten 911er-Porsche zurück. Ab Tag drei sitzt Phil (50) neben ihm – Motorschaden an seiner geliebten 1981er-Honda CBX 1100. Auch da: nix zu machen ohne neue Teile. Bis ins Ziel bleibt das Havaristen-Duo mit der Ersatz-Startnummer 74 im Tross. Aufgeben ist keine Option. Abgesehen davon wäre es auch schade ums Geld. 1890,-- Pfund kostet das günstigste Ticket für die Malle Mountain Rally, umgerechnet 2140,-- Euro. Dafür übernachtet man im eigenen Zelt, das jeden Abend auf- und morgens abgebaut werden will, meist auf nassen Wiesen. Muss man wollen. Immerhin: Verpflegung und Rally-Paket sind identisch. Das 6-Tage-Deluxe-Ticket im Glamping-Zelt schlägt mit 2820,-- Euro zu Buche. Plus Sprit sowie An- und Abreise und Abendgetränken. Für umgerechnet 1500,-- Euro on top können die Briten ihr Bike per Spedition von der Insel runter- und zurückschaffen lassen. Als erfolgreicher ehemaliger Motorradrennfahrer ist Leroy auf der Straße nicht leicht zu erschüttern. Am Col de Braus (1.002 m) zwischen Sospel und L’Escarène kommt allerdings selbst er an seine Grenzen. Der staubige Kalkstein-Pass ist mit seinen steilen Schotterabschnitten eine Herausforderung für Motorräder, mit einem Transporter aber die Hölle. „Ich war auf der Suche nach einem liegen gebliebenen Motorrad und erhielt eine falsche Info, die mich auf den Pass führte“, erzählt Leroy. „Die Kurven sind so eng, dass die Fahrzeuglänge auf sechs Meter beschränkt ist. Mein Van hat aber 6,2 Meter. Diverse Male musste ich anhalten und zurücksetzen, um überhaupt durch die Kurven zu kommen.“ Vom Fahrersitz aus hatte er einen hervorragenden Blick auf das, was unter ihm lag: ein steiler Abhang, der Hunderte von Metern hinunterführt.
„Es war einfach furchtbar. Nie, nie wieder.“

Allein im stockdunklen Tunnel du Parpaillon

Nichts für schwache Nerven: alte französische Armee-Passage Tunnel du Parpaillon. Die Strecke dahin und hindurch ist weitgehend unbefestigt
Nichts für schwache Nerven: alte französische Armee-Passage Tunnel du Parpaillon. Die Strecke dahin und hindurch ist weitgehend unbefestigt
Das dachte vermutlich auch Patch McMeekin, als er als einziger Teilnehmer am Morgen des letzten Fahrtags Robert und Calum und dem Service-Morgan folgte statt der Umleitungsempfehlung um den See. Der bullige Rugbyspieler sieht nicht aus wie ein Mann, der sich leicht erschrecken lässt – aber er gibt gern zu, dass es „ziemlich beängstigend“ war, seinen zehn Jahre alte Royal Enfield-Einzylinder zwei Stunden lang durch die fußtiefen, eisbedeckten Schlaglöcher zu wuchten, die den Boden des stockdunklen Tunnels du Parpaillon am gleichnamigen Col übersäen. In 2.632 Meter Höhe. Mutterseelenallein. Aber nun: Niemand, der an der ersten Great Malle Mountain Rallye teilnahm, war auf der Suche nach einer Spazierfahrt. „Prepared to get lost“, lautet das Mantra von Malle London. Für 2023 hecken Robert und Jonny schon die nächste neue Tour aus. „The Great Malle Desert Rally“ durch Marokko oder „The Great Malle Arctic Rally“ ans Nordkap. „Mal schauen...“, grinst Robert. An Teilnehmern wird es nicht mangeln. Das „Hooray“, als er laut über weitere Rallys nachdachte am letzten Abend, am Pool eines Anwesens im Hinterland der Côte d’Azur, war lauter als Joels DB25.
„Ich bin am Ende“: Ducati-Scrambler-Fahrer Phil Halloway lässt es eigentlich gern gemütlich angehen – nicht so seine Team-Kollegen
„Ich bin am Ende“: Ducati-Scrambler-Fahrer Phil Halloway lässt es eigentlich gern gemütlich angehen – nicht so seine Team-Kollegen

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