Die BMW S1000 XR ist kein neues Motorrad, im Gegenteil, jüngst wurde die nächste Generation von BMWs Sporttourer angekündigt. Und dennoch lohnt es sich, den (super-) sportlichen Tourer erneut unter die Lupe zu nehmen. BMW sortiert das Modell in ihrer Sport-Abteilung ein und das macht bei 165 PS und dem Motor aus der S 1000 RR auch Sinn. Und dennoch würde die XR auch im Tourer-Regal nicht fehl am Platz sein. Ihre Leistungsdaten, Ergonomie und Ausstattung geben das problemlos her. Als ausgewiesener Alltagsfahrer habe ich für den Test jedoch auch andere Aspekte in den Blick genommen.
Daten, Technik, Fakten
Beginnen wir mit den nackten Zahlen. Das Testbike aus dem Jahr 2023 bringt fahrbereit 226 Kilogramm auf die Waage und wird von einem wassergekühlten Reihenvierzylinder mit 165 PS Leistung und 114 Nm Drehmoment ziemlich schnell auf eine Höchstgeschwindigkeit von 255 km/h beschleunigt. Eingebremst wird der auf Touren gebrachte Sportler mit den Supersport-Genen durch eine 320-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsattel am Vorderrad und eine 265-mm-Einscheibenbremse hinten. Sowohl Beschleunigung als auch Verzögerung können auf Wunsch des Fahrers brutal schnell eingeleitet werden. Der Motor ist, je nach gewähltem Fahrmodus, extrem direkt und bissig. Auch das Fahrwerk lässt sich per Knopfdruck supersportlich straff einstellen. Verantwortlich ist das Fahrmodi-Pro-Paket, mit dem sich Motor-Charakteristik und Fahrwerkseinstellung abstimmen lassen. Die Unterschiede bei der Gasannahme können enorm sein. Ist der Fahrmodus Dynamic Pro angewählt, wirkt die S 1000 XR wie entfesselt und will mit brachialer Kraft nach vorn, während am anderen Ende der Liste der Rain-Modus sowohl der Gasannahme als auch der maximalen Leistungsentfaltung spürbare Grenzen setzt. Untermalt werden die sportlichen Ambitionen am 6,5-Zoll-TFT-Display mit der Sport-Anzeige. Dort stehen dann die für ein maximal zügiges Vorankommen wesentlichen Dinge im Mittelpunkt: Drehzahlanzeige, Beschleunigungswerte, Schräglage.
Die Testmaschine hat das BMW-Kofferset montiert, den BMW Navigator 6 und das ConnectedRide Cradle, mit dem sich Handys in der Halterung des Navigators befestigen, bedienen und per USB-C-Anschluss oder induktiv auch aufladen lassen. Wenn man den Befestigungsmechanismus einmal verstanden hat, lässt sich das Cradle gut nutzen und spielt seine Vorteile im Alltag dann aus, wenn man eben keine raffiniert berechnete Kurvenstrecke, sondern den direkten Weg von A nach B möchte. Google anschmeißen, Handy in die Halterung und Abfahrt – so einfach geht’s. Geladen wird das Handy, sofern die Möglichkeit für induktives Laden besteht, automatisch. Alternativ kann per Kabel für den nötigen Strom gesorgt werden. Das Cradle selbst sitzt dabei in der Halterung des Navigators und wird von diesem mit Bordstrom versorgt. Eine gute Lösung, vor allem da das induktive Laden praktisch ist. Sind Smartphone und Cradle per Bluetooth verbunden, kann das Handy über die BMW RideConnected-App auch Informationen zum Fahrzeug liefern oder die detaillierte kurvenreiche Navigation übernehmen. Da man für das Cradle die Navigationsvorbereitung samt Halterung benötigt, wird man in aller Regel zusätzlich auch den Navigator 6 besitzen. Das doppelt sich zwar, ist aber vor allem für spontane Menschen praktisch, die nach dem Feierabend spontan eine Runde ins Grüne drehen wollen.
Die Koffer bieten viel und gut nutzbaren Stauraum. Beide Seiten lassen einen Klapphelm oder den Einkauf im Supermarkt mühelos verschwinden und sind, wenn sie nicht benötigt werden, zügig abmontiert und im Alltagsgebrauch Gold wert.
Alleskönnerin im Alltag?
Man spürt, dass die S 1000 XR, obwohl auf dem Papier umfassend für den Alltag ausgestattet, eine Sportlerin durch und durch ist. Den ersten Hinweis darauf gibt es schon beim Starten des Motors. Auch mit dem Serienauspuff ist sie in den ersten Momenten auffällig laut und sorgt im Häuserwald der Großstadt für den einen oder anderen empörten Blick oder dummen Spruch. Auf dem Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder mit Sozia zu Freunden ist die XR dennoch eine Alleskönnerin. In jeder Lage steht ausreichend Leistung zur Verfügung und im Fahrmodus Road zeigen sich eine angenehme Gutmütigkeit und Zurückhaltung. Denkt man. Denn durch die gleichmäßige und zu Beginn unauffällige Leistungsentfaltung fühlt man sich jederzeit langsamer, als man tatsächlich ist. Achtet man nicht genauestens auf die Geschwindigkeitsanzeige, fährt man vollkommen ungewollt 20 km/h schneller als gedacht. Tröstend bleibt die enorm griffige Bremse, die Geschwindigkeitseskapaden sofort einbremst. Souverän gleitet man immer etwas zu schnell durch den Alltag.
Zum Alltag gehört auch der Ausflug nach Feierabend oder die kurze Tour ins Grüne am Wochenende. Wer das zu zweit machen möchte, findet in der S 1000 XR ein passendes Gefährt. Der Soziussitz ist gut konturiert und obwohl kein Sesselpolster, lassen sich auch längere Abschnitte gut darauf bewältigen. Die im Vergleich zum Fahrer deutlich erhöhte Sitzposition und die Übersicht wurden zumindest in unserem Versuchsaufbau gelobt. Aus Sicht des Fahrers kann festgehalten werden, dass der Schwerpunkt sich auch mit dem zusätzlichen Gewicht auf der Rückbank nicht nennenswert verändert. Auch das Fahrwerk erkennt das zusätzliche Gewicht automatisch und stellt sich darauf ein. Sehr angenehm. Fahrdynamisch ist dem Spaß damit kein Abbruch getan und auch bei sportlicher Fahrweise bleiben jederzeit genügend Sicherheitsreserven für Fahrer und Sozia.
Wetterschutz
An dieser Stelle könnte man es sich leicht machen und sagen: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung und bei Kälte – Griffheizung an. So einfach ist es aber nicht. Durch den mechanisch verstellbaren Windschild wird einiges an Wind und Wetter vom Fahrer ferngehalten, aber nicht alles. Auch an den Beinen bekommt man als Fahrer bei schlechtem Wetter einiges ab. Für einen sportlichen Tourer ist der Wetterschutz gut, für ein Alltagsfahrzeug könnte er besser sein.
Fazit
Wer mit der S 1000 XR seinen Alltag bestreiten will, der kann das einigermaßen problemlos tun. Technik, Ausstattung und Zubehör bieten dem Alltagsfahrer alles, was er braucht und mehr. Die größte Stärke der XR ist sicherlich ihre Vielseitigkeit, wobei der Schwerpunkt im Gegensatz zu anderen Sporttourern sehr deutlich auf dem sportlichen Aspekt liegt. Wem klar und bewusst ist, dass er ein als Tourer verpacktes Sportmotorrad kauft, das auch im Alltag seinen Wert hat, wird mit der XR sehr glücklich werden. Ein Tourer mit Fokus auf Komfort und langen Touren ist sie dagegen nicht.