Fahraktiver Großtourer – Indian Pursuit im Test

Auf der Challenger basiert die neue Indian Pursuit, neben der Roadmaster- die zweite Großtourer-Baureihe. Soeben absolvierte sie in den französischen Alpen ihre Premierenfahrt.
Auf elf Prozent hat Indian seinen weltweiten Marktanteil an den Dickschiffen auf zwei Rädern mittlerweile entwickeln können. Roadmaster, Chieftain und die Chief-Modelle, aber auch die von ihrer Plattform her wesentlich modernere Challenger haben viele Freunde auch in Deutschland gefunden. Auf der Challenger basiert die neue Pursuit, neben den drei Roadmaster-Versionen die zweite Großtourer-Baureihe. Soeben absolvierte sie in den französischen Alpen ihre Premierenfahrt in Journalistenhand. Von Chamonix-Mont Blanc führte die 200 Kilometer-Runde über teils enge und extrem kurvige Alpenstraßen rund um den Lac d’Annecy zurück zum Startort. Für ein Gefährt von der Statur der Pursuit – Leergewicht immerhin stolze 416 Kilogramm – ein mehr als anspruchsvolles Vorhaben. Sie hat, dies als vorweggenommenes Fazit, nicht nur alle Aufgaben bewältigt, sondern ihren Fahrerinnen (auch zwei Damen waren dabei) und Fahrern dabei auch noch viel Spaß bereitet.

Fahrspaß ist nicht alleine eine Frage des Leistungsgewichts

Vorneweg muss allerdings gesagt werden: Wer der unverrückbaren Meinung ist, dass ein alpengerechtes Motorrad in keinem Fall mehr als 190 Kilo wiegen darf, wird niemals einen Zugang zu BMWs R 18, Harleys Road Glide oder eben auch Indians Pursuit finden. Sich dieser Aufgabe zu stellen, ist aber auch für Journalisten hin und wieder durchaus lehrreich, zeigen Ausfahrten mit diesen oder auch anderen Motorrädern der XXL-Kategorie doch mit schöner Regelmäßigkeit, dass Fahrspaß nicht alleine eine Frage des Leistungsgewichts ist. Entscheidend ist vielmehr, ob das Gesamtpaket stimmig ist und daraus sowohl beim entspannten Bummeln wie auch beim engagierten Angasen Fahrfreude resultiert. Es lohnt sich deshalb auch für jene, die nicht per se dickschiffaffin sind, die Beiträgen in Motorrad und Reisen über die Pursuit zu verfolgen.

Eine umfangreiche Touringausstattung zeichnet die Pursuit aus

Von der Challenger unterscheidet sich der wuchtige Tourer primär durch eine weit umfänglichere Verkleidung: Der elektrisch höhenverstellbare Windschild ist serienmäßig deutlich höher und schützt in der Praxis vorzüglich vor Fahrtwind und auch Regen (wir haben das getestet…). Dort, wo bei der Challenger auf Kniehöhe zwei Chrombügel den Fahrtwind teilen, hat Indian bei der Pursuit eine Verkleidung zum Schutz der Fahrerbeine installiert; zum Zweck der Durchlüftung können deren Lamellen geöffnet werden, und zwar praktischerweise mit dem Fuß. Im unteren Bereich dieser Fairings sind zwei LED-Zusatzscheinwerfer integriert. Weiterhin ist die Sozius-Unterbringung deutlich komfortabler, denn es gibt serienmäßig ein großes, fein ausgekleidetes Topcase, an dessen Peripherie zwei weitere Lautsprecher Unterschlupf gefunden haben. Serienmäßig sind Sitzheizungen für beide Sitze installiert und auch die Lenkergriffe können erwärmt werden. Dass alle Schlösser mittels Zentralverriegelung bedient werden können, sei ebenfalls nicht verschwiegen. Neu bei Indian ist die Installation eines von Fox stammenden Zentralfederbeins, dessen Vorspannung elektronisch gewählt werden kann, wofür das entsprechende Menü im 7 Zoll-TFT-Display aktiviert werden muss. Zu den hier genannten zusätzlichen Ausstattungsdetails kommen noch ein paar weitere, die wir aber unter „Kleinigkeiten“ laufen lassen – man muss das freilich relativ sehen…

Kurvenfahrten meistert die Pursuit besser als erwartet

Zum Fahren: Der Geradeauslauf der Pursuit ist bis etwa 150 km/h untadelig, bei höheren Tempi kommt bei Solofahrt – wie bei manch anderen Dickschiffen und auch einigen Reiseenduros mit Topcase – ein leichtes Rühren ins Fahrwerk. Bei 177 km/h zieht die Technik ohnehin einen Schlussstrich. Eine Sozia muss diesen nicht herbeiführen, denn die „Rührerei“ bezieht sich alleine auf Solofahrten. Aber auch zu zweit reichen 150 erfahrungsgemäß ja leicht aus. Kurven bewältigt die Pursuit weit besser als erwartet; zwar ist die Schräglagenfreiheit mit 31 Grad naturgemäß begrenzt, doch das Kratzen von Metall auf dem Asphalt stellt sich erst ein, wenn sich längst großer Kurvenspaß entwickelt hat. Noch einfacher könnte engagierte Bergstraßenfahrt sein, wenn die Brembo-Doppelscheibenbremse im Vorderrad nicht so kräftiges Zupacken erfordern würde. Insofern sieht man sich als Pilot gezwungen, den Bremspunkt ein wenig vorzuziehen, um nicht in Kalamitäten zu kommen. Wer’s aber mal geschnallt hat, kann mit der Pursuit mehr als nur zügig und dennoch unaufgeregt durch die Alpen donnern, auch auf kleinen, engen und winkligen Straßen.

Eine Rückfahrhilfe ist nicht mit an Bord

Ihre ganze Wuchtigkeit entfaltet die Indian Pursuit beim Rangieren. Da macht sich das Fehlen einer Rückfahrhilfe bitter bemerkbar, ganz besonders wenn auch noch Schotter unter den Rädern knirscht. Das sind aber die einzigen Momente im Zusammenleben mit diesem Dickschiff, in denen man sich die Sinnfrage stellt.

Technik auf Höhe der Zeit

Ansonsten ist die technische Ausrüstung der Pursuit auf der Höhe der Zeit: Eine IMU verarbeitet die Sensordaten zur Regelung von Kurven-ABS und dynamischer Traktionskontrolle – bei 178 Newtonmetern unerlässlich! – und die drei Fahrmodi sind gut abgestimmt. Der flüssigkeitsgekühlte V2 aus der Challenger hat mit den 35 zusätzlichen Kilo der Pursuit keinerlei Probleme; er ist ein vorzüglicher Dickschiff-Antrieb, ballt untenrum die Faust und schlägt oben knallhart zu. Bis zur Drehzahlgrenze bei 5.500 U/min wird man das 122 PS leistende Aggregat kaum einmal ausquetschen, weil zwischen 2.500 und 4.000 Touren stets mehr als genug Kraft zur Verfügung steht.

Das Hausaufgabenheft bis zum Serienstart

Nicht verschweigen wollen wir, dass wir uns mit der Idee, alle Steuerungsfunktionen ausschließlich über das Display laufen zu lassen, nicht anfreunden konnten. Nach unserer Erfahrung ist es von Vorteil, den Fahrmodus mittels einer Taste direkt anwählen zu können; mitunter möchte man ja den Riding-Mode auch mal während des engagierteren Fahrens wechseln, was via Display nicht funktioniert. Beim Testfahrzeug, das der Vorserie entstammte, quittierte das Navi regelmäßig den Dienst, wenn man den Abbildungsmaßstab der Karte über einen gewissen Punkt verkleinern wollte. Dies dürfte Indian aber bis zum Serienanlauf beheben können.

Moderater Verbrauch – große Reichweite

Ein Hinweis noch zum Verbrauch: Nach 200 zeitweise doch sehr engagiert absolvieren Kilometern in den Alpen zeigte der Bordcomputer einen Verbrauch von 5,6 Litern pro 100 Kilometer an. Das wären rund elf verbrauchte Liter oder knapp die Hälfte des 22,7 Liter-Tanks. Zugleich wurde eine Restreichweite von noch 256 Kilometern angegeben. Auch wenn die beiden Daten nicht hundertprozentig zueinanderpassen, so ist doch klar: Mit der Pursuit sind 400 Kilometer ohne Nachtanken drin – und das ist ein sehr guter Wert!

Preise, Farben & Verfügbarkeit

Die Indian Pursuit gibt es als Dark Horse Version in Schwarz zum Preis ab 34.400,-- Euro zuzüglich Liefernebenkosten, was auf rund 35 Riesen hinausläuft. Zweifarbig in Silver Quartz Smoke beginnt der Spaß bei 34.740,-- Euro, in der Farbe Quartz Grey sind ab 35.540,-- Euro fällig. Als Limited-Version ist die Pursuit in Schwarz Metallic ab 34.190,-- Euro erhältlich, in der Metallic-Farbe Alumina Jade stehen ab 35.740,-- Euro in der Preisliste. Damit übernimmt die Pursuit in der Indian-Preisliste den Spitzenplatz; ihr „Vorsprung“ vor der deutlich traditioneller wirkenden Roadmaster ist freilich marginal.
 Pro
  • prächtiger Motor
  • gute Handlichkeit beim Fahren
  • sehr hoher Fahrkomfort
 Contra
  • keine Rückfahrhilfe
  • delikates Rangieren
  • keine Direkttasten für Fahrmodus-Wahl
Technische Daten
Indian Pursuit Limited 2022
Technische Daten
Indian Pursuit Limited
2022
Motor
Bohrung x Hub 108 x 96,5 mm
Hubraum 1768 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile Zweizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung/-norm Euro 5
Leistung 122 PS (90 kW) bei 5500 U/min
Drehmoment 178 Nm bei 3800 U/min
Verdichtung 11:1
Wartungsintervalle Erstinspektion nach 800 km und 4000 km, danach alle 8000 km
Kraftübertragung
Kupplung Mehrscheiben-Nasskupplung
Schaltung 6-Gang
Antrieb Riemen
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Aluminiumrahmen
Federelemente vorn 43-mm-Upside-down-Gabel
Federelemente hinten Fox-Einzelstoßdämpfer, elektronisch einstellbare Vorspannung
Federweg v/h 130 mm/114 mm
Radstand 1668 mm
Nachlauf 150 mm
Lenkkopfwinkel 25°
Räder Leichtmetallgussräder
Reifen vorn 130/60 B 19
Reifen hinten 180/60 R 16
Bremse vorn 320-mm-Brembo-Doppelscheibe halbschwimmend, radiale Vierkolbensättel
Bremse hinten 298-mm-Brembo-Scheibenbremse schwimmend, Zweikolbensattel
Maße & Gewicht
Länge 2609 mm
Breite 990 mm
Höhe 1444 mm
Gewicht 416 kg
Maximale Zuladung 212 kg
Sitzhöhe 672 mm
Standgeräusch 93 dB(A)
Tankinhalt 22,7 Liter
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Traktionskontrolle
Fahrmodi
Tempomat
Fahrzeugpreis ab 34190 Euro
Text: Ulf Böhringer, Fotos: Indian Motorcycles


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