Fahrtest: Ducati Multistrada 1260 S GT

Würde sich der italienische Motorradrennfahrer Valentino Rossi ein Tourenmotorrad wünschen – an der Multistrada 1260 S GT hätte er vermutlich seine Freude.
Ducati Multistrada 1260 S GT Fahrbild
Die Ducati Multistrada 1260 S GT ist ein unglaublich vielschichtiges Motorrad mit komplexer Elektronik. Mit der sollte man sich ausführlich auseinandersetzen, will man ihr Potential in vollen Zügen genießen.
Ducati Multistrada 1260 S GT Motor
Trotz bärenstarker Leistungswerte braucht der große Zweizylinder Drehzahlen. Erst ab 4.000 Touren läuft er richtig rund.

Bis ins Detail konfigurierbar

Vier Fahrmodi bieten zwar auch andere Motorräder, bei der Multistrada aber ist jeder von ihnen voll konfigurierbar. Die Traktionskontrolle DTC lässt sich in acht Stufen justieren oder komplett abschalten, ebenso die Wheelie-Unterdrückung DWC. Dazu sind Motorleistung und ABS in drei Stufen einstellbar und der Blockierverhinderer wiederum abschaltbar. Ihr elektronisches, einstellbares Fahrwerk passt sich in vier Stufen der Beladung an, ändert Zug- und Druckstufe von Gabel und Federbein sowie die Federvorspannung hinten. Von den Fahrmodi ist die Fahrwerksabstimmung ebenfalls abhängig.
Ducati Multistrada 1260 S GT Hinterrad
Vom Koffer abgeschirmt, hört der Fahrer nur wenig von den 102 dB(A) Standgeräusch. Ins Lechtal kommt man damit nicht mehr.
Das Ergebnis ist so begeisternd wie respekteinflößend, denn die Multistrada kennt keine „passt-schon“-Einstellung. Auf sensibelster Stufe regelt das ABS selbst beim gemütlichen Touren früh. Im anderen Extrem lässt es gar das Vorderrad kurz blockieren, bevor sehr sehr spät doch noch der rettende Eingriff kommt. In der Mitte liegt die Wahrheit. Die Regelintervalle des ABS übertragen sich dabei deutlich spürbar bis ins fein ansprechende Fahrwerk. Genauso kann die Traktionskontrolle entweder schwarze Striche durch jede Kurve malen oder jegliche Eskapaden der Multistrada im Keim ersticken. Auch für unseren Test braucht es seine Zeit, bis ein ansprechendes Setting gefunden ist.

Lammfromm wird die Multistrada aber nie. Stabil bis Topspeed täte dem sehr agilen Fahrwerk etwas mehr Gelassenheit gut. Zwar genügen kleinste Impulse, um die Maschine von einer Schräglage in die andere fallen zu lassen, die sensibel ansprechenden Komponenten sorgen dabei durch ihre langen Federwege aber für viel Bewegung im Fahrwerk. Am Kurvenausgang schieben die 158 PS brachial an, lassen die lange Gabel ausfedern und – je nach DWC-Einstellung – das Vorderrad steigen. Vor der Kurve stehen die kräftigen, perfekt dosierbaren Bremsen der Motorleistung in nichts nach: Die Front taucht ab und das Heck wird leicht. Muss in Schräglage gebremst werden zeigt die Multistrada zudem ein spürbares Aufstellmoment. Stets Herr der Lage über die Gebärden der Multistrada bleibt dabei der Fahrer hinterm breiten Lenker.
Ducati Multistrada 1260 S GT Seitenansicht
Zur Serienausstattung gehört der stabile Hauptständer, der die Ölkontrolle sehr einfach macht. Die Koffer der Grand Tour integrieren sich perfekt in das Design der Multistrada.
Auch der auf Spitzenleistung getrimmte Zweizylinder ist bei sportlicher Gangart kein Spielverderber, läuft ab 4.000 Touren rund und dreht willig und röhrend wie ein junger Hirsch bis zu seiner Nenndrehzahl bei 9.500 Touren. Die monumentalen 130 Nm Drehmoment liegen erst bei 7.500 U/Min an, denn der hochgezüchtete L-Twin hat wenig Schwungmasse. Die Kehrseite offenbart sich bei niedrigen Drehzahlen. Ruppig, mit harten Lastwechseln geht der Motor ans Gas und schüttelt sich zwischen 2.000 und 4.000 Touren unwillig. Das gummigelagerte Kombiinstrument ist dann kaum ablesbar. Sattes Zweizylinderbollern, wie ich es mir aus 1.262 ccm erhofft hätte, vermisse ich bei diesen Drehzahlen ebenfalls. Und das Anfahrdrehmoment dürfte gern etwas üppiger ausfallen. Ohne kräftigen Zug am Gas ist die große Multistrada schnell abgewürgt.
Ducati Multistrada 1260 S GT Cockpit
Das Display zeigt groß, was wichtig ist. Rechts unten stehen die Einstellungen der Elektronik. Links scrollt man durch den Bordcomputer.
In Ortschaften zwingt ihr Wunsch nach Drehzahl meist in den dritten Gang. 70er Tempolimits außerorts fährt man lieber im Vierten als im Fünften. Das macht sich beim Verbrauch bemerkbar: 6,9 Liter sind es auf 100 Kilometern. Die Gangwechsel brauchen keine Kraft, aber deutliche Impulse. Perfekt funktioniert beim Hoch- wie Runterschalten der Quickshifter, der die leichtgängige Kupplung meist überflüssig macht. Wer zögerlich schaltet, landet zwischen den Gängen in einem zweiten Leerlauf. Der Echte ist an der Ampel indes nicht einfach zu finden. Häufig zeigt das Display nur einen Strich statt dem grünen N. Dafür löst die Anzeige gestochen scharf auf und die Farben leuchten kräftig, selbst bei direkter Sonneneinstrahlung. Die Darstellung wirft keine Fragen auf und ist erfreulich übersichtlich. Drehzahl, Tankanzeige und Temperatur lassen sich auf einen Blick ablesen. Auch der gewählte Fahrmodus samt Regelstufen der Assistenzsysteme wird übersichtlich dargestellt. Infos des Bordcomputers, wie Reichweite, Verbrauch, Umgebungstemperatur, Reifendruck und vieles mehr werden auf der linken Seite der Anzeige durchgeklickt. Die Bedienung erfolgt über hintergrundbeleuchtete Lenkerarmaturen. Ein Navigationsgerät kann per Bluetooth gekoppelt werden und die 12V-Buchse in der Frontverkleidung versorgt externe Geräte mit Strom.
Ducati Multistrada 1260 S GT Scheibe
Vorbildlich: Auch ohne elektrischen Antrieb lässt sich die Scheibe spielend einfach verstellen.

Vorbildlicher Windschutz

Überzeugen kann die Multistrada mit gutem Wetterschutz. Trotz schmalem Schnitt nimmt die höhenverstellbare Scheibe viel Winddruck vom Fahrer, ohne dabei Turbulenzen am Helm zu erzeugen. Auch die Handschützer mit ihren integrierten Blinkern wissen zu gefallen. Bei Bedarf unterstützt von einer kräftigen Griffheizung, halten sie die Hände trocken und sehen dabei gut aus. Die Optik beherrscht Ducati bei der aktuellen Multistrada ohnehin vorzüglich. Sehr technisch und zugleich sportlich wirkt ihr Gesamtauftritt, auch dank LED-Beleuchtung rundum. Als GT-Version trägt sie zusätzlich Nebelscheinwerfer an der Front. Spiegel, Motorschutz und auch die teillackierten Koffer integrieren sich optisch hervorragend ins Motorrad. In Sekundenschnelle lassen sie sich abnehmen und am breiten Griff bequem tragen. Zahlreiche Striemen von Stiefelsohlen an den erst 600 Kilometer alten Koffern deuten allerdings darauf hin, dass speziell kleine Fahrer ihre liebe Not damit haben, sie beim Auf- und Absteigen nicht zu touchieren.

Zumindest die Sitzhöhe lässt sich der eigenen Körpergröße anpassen. Sechs Schrauben am vorderen Sitzpolster und zwei am ausreichend groß bemessenen Soziusbrötchen fixieren bei Bedarf ein Set von Distanzleisten. Zwischen 825 mm und 845 mm variiert damit die Sitzhöhe, was einen spürbaren Unterschied macht. Speziell in der niedrigen Position steht das Polster jedoch steiler, was zur Folge hat, dass der Fahrer beim Durchfahren von Bodenwellen und beim Bremsen nach vorn rutscht. Mit hoher Sitzbank ist der Effekt deutlich abgemildert, verschwindet aber nicht ganz. Das hat eine Sitzposition zur Folge, die den Fahrer stets nahe am Lenkkopf positioniert. Gut für sportliches Fahren, auf ausgedehnten Touren allerdings wenig bequem. Ohnehin fällt bereits auf kurzen Strecken die harte Polsterung auf. Auf der schmalen Bank vorn am Tank noch mehr als auf dem hinteren, breiten Bereich.
Ducati Multistrada 1260 S GT Seitenkoffer
Beim Beladen nicht ideal: mittig geteilte, seitlich öffnende Koffer
Sportlich ist dabei die Beinhaltung mit spitzem Kniewinkel, die im Kontrast zur geraden Rückenhaltung und den fast durchgestreckten Armen steht. Das Motto „oben Tour unten Sport“ setzt sich bei den Vibrationen fort. Während die Hände des Fahrers verschont bleiben, kribbelt es heftig in den Füßen. Die Stiefel platzieren zumindest große Fahrer eher mittig auf den Fußrasten. Möchte man sie fahraktiv auf den Fußballen positionieren, stößt die rechte Verse am Auspuff an, die linke am Hauptständer. Abschrauben möchten wir den trotzdem nicht. Aufgebockt steht die Multistrada nicht nur sehr sicher, sondern ermöglicht eine sekundenschnelle Kontrolle des Ölstands im vorbildlich großen Schauglas.
Im Werkzeugfach unterm Soziusplatz versteckt die Multistrada S GT neben einer 12V-Buchse einen USB-Anschluss, der externe Geräte mit Ladestrom versorgt. Das klappt sogar, wenn die Zündung abgeschaltet ist. Etwas nervig beim Öffnen der Sitzbank ist die Position des Schlosses auf der rechten Seite des Motorrads. Hier liegt es nicht nur direkt über dem heißen Auspuff, man läuft nach dem Absteigen jeweils einmal ums Motorrad. Auch die Koffer der schlüsselos startenden Multistrada lassen sich ohne den Zündschlüssel nicht öffnen. Nur im verriegelten Zustand kann er vom Koffer abgezogen werden. Eine massive und formschöne Gepäckbrücke mit integrierten Soziushaltegriffen komplettiert die Ausstattung und lässt kaum Transportwünsche offen.
Ducati Multistrada 1260 S GT Fahrbild
Montiert man die Sitzbank auf der hohen Position, haben auch große Fahrer genug Platz.
Ein extremes Motorrad ist diese Ducati Multistrada 1260 S GT – in allen Belangen. Reiseenduristen, die sich angesichts edler Fahrwerkskomponenten und 1.262 ccm Hubraum souveränes Touren erhoffen, sei eine Probefahrt ans Herz gelegt. Vielleicht springt der Funke über. Routinierte Fahrer und Fans der Multistrada, die ein sportliches Motorrad mit erweiterten Gepäck- und Ausstattungsoptionen suchen, werden mit ihr ohnehin diebischen Spaß haben.
Technische Daten
Ducati Multistrada 1260 S GT 2020
Technische Daten
Ducati Multistrada 1260 S GT
2020
Motor
Bohrung x Hub 106 x 71,5 mm
Hubraum 1262 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile Zweizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung/-norm Euro 4
Leistung 158 PS (116 kW) bei 9500 U/min
Drehmoment 129 Nm bei 7500 U/min
Verdichtung 13:1
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h (mit Koff
Wartungsintervalle Erstinspektion bei 1000 km, danach alle 15000 km oder jährlich
Kraftübertragung
Kupplung Anti-Hopping-Kupplung
Schaltung 6-Gang
Antrieb Kette
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Stahl-Gitterrohrrahmen
Federelemente vorn 48-mm-Upside-Down-Gabel
Federelemente hinten Monofederbein
Federweg v/h 170 mm/170 mm
Radstand 1585 mm
Nachlauf 111 mm
Lenkkopfwinkel 25°
Räder Leichtmetallfelgen
Reifen vorn 120/70 R17
Reifen hinten 190/55 R17
Bremse vorn halbschwimmende 330 mm-Doppelscheibenbremse, Vierkolben-Bremssattel
Bremse hinten schwimmende 265-mm-Scheibenbremse, Zweikolben-Bremssattel
Maße & Gewicht
Länge 2260 mm
Breite 1000 mm
Höhe 1.486 – 1.542 mm
Gewicht 238 kg
Maximale Zuladung 212 kg
Sitzhöhe 825 – 845 mm
Standgeräusch 102 dB(A)
Fahrgeräusch 77 dB(A)
Tankinhalt 20 Liter
Fahrerassistenzsysteme
Kurven-ABS
Wheelie-Kontrolle
schräglagenabhängige Traktionskontrolle
Fahrzeugpreis ab 21390 €
Text: Thomas Kryschan, Fotos: Alexander Klose


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