Fahrtest: Victory Cross Country Tour

Da ist der Hammer, das Teil, der Trümmer … Rollsofa, Einbauwand mit Mikrowelle – aber fahren kann man damit wirklich richtig gut!
Victory! Da steht also der Hammer, das Teil, der Trümmer … Rollsofa, Einbauwand mit Mikrowelle – na ja, jeder kennt die entsprechenden Bezeichnungen für Geräte dieser Gattung! Zu meinen früheren Fighterzeiten habe ich mir noch nicht mal Gedanken um so einen Musikdampfer gemacht! Aber die Zeiten ändern sich nun mal. Jetzt habe ich hier einen Dauertester von Victory vor der Nase, der mich auf den nächsten zigtausend Kilometern begleiten wird. Es ist also an der Zeit den US-Boliden mal näher in Augenschein zu nehmen – und ich muss sagen, das Heavy-Metal-Motorrad macht was her. Punkt! Außerdem scheint es sehr bequem zu sein, meine Sozia wird das zu schätzen wissen!
Victory Cross Country Tour Sitz
Kein billiges Sitzbrötchen, nö, da ist eher so etwas wie ein ausgewachsener Sessel montiert. Um das ultimative Wohnzimmergefühl zu komplettieren, kommt eine Hifi-Beschallungsanlage dazu. Oh Gott - ein Moped mit Radio samt Anschluss für einen iPod! Meine Herzallerliebste grinst und AC/DC liegt bereit ...
Zusammengeschraubt haben die Amis das Großmotorrad augenscheinlich aber recht vernünftig. Da gucken keine Kabel raus, die Spaltmaße stimmen und auch das Lackbild ist völlig in Ordnung. Vielleicht finden sich im Laufe der Testerei noch ein paar schicke Gimmicks, da­mit die Victory Cross Country Tour noch ein bisschen flotter gestylt daherkommt. Apropos daher kommt: Das Teil verfügt fürs „Daherkommen“ über satte 1,7 Liter Hubraum. Eine adäquate Anordnung der Zylinder ist dabei selbstredend – alles andere würde bei dem Firmennamen auch gar keinen Sinn machen. Ein Drehmoment von satten 140 Nm soll der mächtige V-Twin liefern. Na, wir werden sehen wie sich das so anfühlt, denn an Leichtbau denken die Konstrukteure augenscheinlich nicht. Al­les macht einen äußerst massiven Eindruck, das Schutzblech ist tatsächlich aus Blech und die Sturzbügel scheinen massiv genug, auch einen Wildunfall unbeschadet zu überstehen.
Auf alle Fälle erschrecke ich mich ein wenig über mich selbst. Denn augenblicklich, mit Kevlar-Jeans, Camouflage-Jacke und Bikereyes-Sonnenbrille komme ich mir vor wie bei Easy Rider. Ultracool und lässig schwinge ich mich in den Sattel des massiven Boliden. Gleich danach geschieht Erstaunliches und man glaubt es kaum: Das Teil baut tatsächlich Emotionen auf, die ich so noch nie bei mir vermisst habe.
Victory Cross Country Tour Cockpit

Die Victory baut tatsächlich Emotionen auf!

Na gut, dann werden wir also für die nächsten Meilen zum Cruiser. Landstraße ich komme! Hoffentlich erkennt mich keiner der alten Kumpels – die Sprüche kann ich mir lebhaft zusammenreimen. Um es mal genau zu beschreiben – es handelt sich bei unserem Dauertester um eine Victory Cross Country Tour, die sich von der normalen Cross Country unter anderem durch ein mächtiges Topcase unterscheidet. Das Teil ist so riesig, dass zwei ausgewachsene Helme darin bequem Platz finden. Genau wie die komplette Fotoausrüstung, samt zwei Flaschen Wasser und jede Menge Kleinkram. Ich bin mal dezent beeindruckt. Die Koffer an den Seiten sind ebenfalls groß „genug“ geraten – rund 80 Liter. Da passt sogar das kleine Schwarze der Sozia bequem noch mit hinein. Insgesamt bietet die Victory einen sagenhaften Stauraum von 155 Liter. Zum Vergleich: Ein Renault Twingo verfügt über ein Kofferraumvolumen von 165 Liter.
Victory Cross Country Tour Fahrbild
Sitzprobe: Megabequem, aber irgendwie denke ich, dass ich mich festschnallen muss. Ganz ehrlich: Fast vermisst man den Gurt! Man sitzt auf, oder besser mittendrin in der Victory. Die Sitzhöhe fällt mit 667 mm nicht nur sehr gering aus, es ist sogar die niedrigste in dieser Klasse. Bei einem Trockengewicht von 384 kg sollte man aber auch mit beiden Gehwerkzeugen sicher Grund unter die Füße bekommen, solange man steht. Rollt die Maschine, dann ruhen die Füße auf großen Trittbrettern. Den Kniewinkel darf man dabei als sehr angenehm bezeichnen und auch der Griff zum Lenker gefällt. Alles in allem sitzt man auf ... ähhh ... in der Victory sehr bequem und vor allem artgerecht!

Schön gestaltet präsentiert sich das Cockpit!

Nun, da die Sitzprobe sehr zufriedenstellend ausgefallen ist, wollen wir doch mal den Rest genauer unter die Lupe nehmen. Zuerst einmal fällt das sehr moderne, blau beleuchtete Cockpit auf. Schön gestaltet und klar ablesbar präsentieren sich die Rundinstrumente mit weißen Zifferblättern. Außer Tachometer und Drehzahlmesser gibt es eine Tankuhr sowie eine Anzeige für die Bordspannung. Neben dem üblichen Gefunzel für Blinker, Öl, ABS und Neutral und so weiter, steht aber noch ein Multifunktionsdisplay für den Bordcomputer zur Verfügung: Uhrzeit, Temperatur, Ganganzeige sowie Reichweite und Tageskilometer kann man da sehr gut ablesen. Alles in allem macht das Cockpit einen aufgeräumten Eindruck. Aber halt – da fällt noch eine Anzeige quer unter all den anderen auf. VICTORY steht groß im Display. Was es damit auf sich hat? Bis jetzt hatte ich noch nicht das Vergnügen mit so einem Reisedampfer unterwegs zu sein, daher muss ich erst einmal genauer hinschauen.
Victory Cross Country Tour Lenkergriff links
Um es kurz zu machen: Das ist das Display für die Stereoanlage. Gnadenlos! Ich werde irre. Top modern, mit USB-Anschluß für alle möglichen Geräte – ob Smartphone oder MP3-Player. Die Track-ID wird natürlich angezeigt, ebenso der Radiosender (RDS). Der Sound ist glasklar, dynamisch druckvoll und sehr ausgewogen. AC/DC knallt dermaßen satt aus den Lautsprechern, dass man locker den kompletten Motorradtreff beschallen könnte – so man denn wollte.
Apropos Sound, da liegt Gutes so nah bei Bescheidenem. Geradezu lächerlich hört sich nämlich der mächtige V-Twin an. Also ehrlich, der nervende Rasentraktor meines Nachbarn erzeugt in etwa die gleiche Geräuschkulisse. Kraftvoll und basslastig sollte er dagegen sein, noch nicht mal laut aber eben satt. Gut, dass es im Zubehör-Bereich so ein bis zwei Alternativen gibt. Eine sehr gelungene Klappenauspuffanlage konnte ich mir zum Beispiel bei WildEast in Chemnitz anhören. Warum gibt es so etwas nur nicht serienmäßig? Aber wir jammern auf hohem Niveau! Auf der Habenseite steht zweifellos das höchst entspannte Cruisen, ohrstöpselfreies Fahren und der Genuss der tollen Stereoanlage. Bedient wird der Soundspaß bequem vom Lenker aus, direkt unter dem Blinkerschalter sitzt das Bedienteil, intuitiv sowie mit dicken Handschuhen zu steuern. Auf der anderen Seite befindet sich übrigens die Steuerung für den – Achtung festhalten – Tempomat. Ja, richtig gelesen. Der Gerät verfügt über eine vollwertige Geschwindigkeitsregelanlage. Gerade bei längeren Etappen auf der Bundesstraße oder der langweiligen Autobahn freut sich die Gashand über die Entspannung.
Victory Cross Country Tour Lenkergriff rechts

Cruise me – baby!

Soweit der erste Eindruck, der zweite folgt sogleich. Ich starte das Gerät. Was für ein Brocken – langsam rolle ich rückwärts aus der am Hang liegenden Redaktionsgarage. Nur gut, dass ich so tief sitze. Hörbar rastet der erste Gang ein, es kann los gehen! Gut dosierbar und mit leichter Handkraft lasse ich die Kupplung kommen und die Victory setzt sich willig in Bewegung. Der rechte Fuß bleibt beinahe am Kofferraum hängen. Yeah Baby, hier wird man quasi dazu gezwungen, die Hufe lässig aufs Trittbrett zu stellen!
Schon nach den ersten Metern merke ich nichts mehr von der halben Tonne, inklusive mir und allen Flüssigkeiten, die da jetzt auf der Piste herumrollen. Vollkommen ruhig läuft das Gerät durch die Stadt. Vor der ersten Kreuzung habe ich dann aber schon etwas Respekt, aber absolut unbegründet. Der Straßenkreuzer geht willig um die Ecke und der automatische Blinkerrücksteller funktioniert perfekt. Jaaaa, kein Quatsch, die Victory stellt den Blinker von allein zurück, sobald man abgebogen ist. Zuverlässig!
Victory Cross Country Tour Fahrbild
Nun wollen wir das Teil aber mal in sein natürliches Habitat entlassen. Schon nach erstaunlich kurzer Zeit vergesse ich worauf ich da sitze. Vielmehr verfliegen die Bedenken. Den Bock jetzt als handlich zu bezeichnen wäre vielleicht etwas übertrieben, aber völlig lässig und vergleichsweise leicht schwinge ich mich durch die ersten Kurven. Himmel hilf, werde ich jetzt etwa alt? Das im ersten Kreisverkehr aufsetzende Trittbrett belehrt mich aber gleich eines Besseren. Aber Achtung, wer die Haxenstütze schleifen lässt, der wagt sich schon in sehr flotte Regionen vor. Während der ersten 800 Kilometer Testfahrt passiert mir das ganze drei Mal, die Schräglagenfreiheit ist schon enorm! Wirklich beeindruckt mich auch das Fahrwerk – und das mehr als einmal! Egal ob Landstraße 3. Ordnung, Feldweg, Kopfsteinpflaster oder topfebene Bundesstraße, die Cross Country zieht saubere Radien, muss nicht nachkorrigiert werden und gerät auch nicht in Unruhe, wenn Bremse oder Gas mit Nachdruck betätigt werden. Um so mehr spürt man das Drehmoment von 140 Nm – das Gerät schiebt trotz des hohen Kampfgewichtes erstaunlich vehement vorwärts. Und das schon aus dem Drehzahlkeller ab etwa 1.800 Umdrehungen, der Motor präsentiert sich halt als bärenstark.
Victory Cross Country Tour Motor

Die Victory fährt prima!

Hinzu kommt ein präzise schaltbares Getriebe. Letzteres quittiert die Gangwechsel mit einem recht deutlichen „Klonk“, verhält sich aber ansonsten auffällig unauffällig. Zur harmonischen Fortbewegung trägt selbstverständlich auch der breite, mit Carbonfaser verstärkte Antriebsriemen bei. Kurz und gut: Mit der Victory lässt es sich prima fahren. Kommen wir jetzt mal zu der Energierückumwandlungsanlage, umgangssprachlich Bremse genannt. Ausgestattet mit ABS und Vierkolbenbremszangen an der Vorderachse, einer Zweikolbenzange hinten, die in jeweils 300 mm durchmessende Scheiben beißen, verzögert das Gerät wirklich sehr ordentlich und vor allem fadingfrei. Auch hier kommt, selbst beim harten Anbremsen, keine Unruhe in die Fuhre. Weiteres Lob: Die Fußbremse verdient ihren Namen wirklich, was ja nicht bei allen Motorrädern der Fall ist.
Da das Wetter im April sich zwar sonnig, aber doch noch recht kühl präsentiert, komme ich jetzt mal auf den Wind- und Wetterschutz der Cross Country Tour zu sprechen. Um es gleich mal vorweg zu nehmen: Was für Wetter? Und: Ich könnte mich daran gewöhnen! Ich bin während der ersten Tour zu 85% mit offenem Visier gefahren und das als Kontaktlinsenträger. Kalte Hände hatte ich, trotz Sommerhandschuhen, nur einmal und zwar auf rund 900 Meter Seehöhe im Erzgebirge, als der Wind ein paar Schneeflocken vor sich her trieb.
Victory Cross Country Tour Static

Dinge, die keiner braucht, aber (fast) jeder haben will!

Der Bordcomputer zeigte 2° Celsius, da habe ich dann mal die zweistufige Griffheizung eingeschaltet. Ich Weichei! Die Sitzheizung funktioniert ebenfalls richtig gut und so habe ich sie auch zum Abtauen der eingefrorenen Sitzbank am nächsten Morgen aktiviert. Die Schutzfunktion der großen Schei­be und die bei Bedarf verschließbaren Beinschilde machen jede Tour zum Vergnügen. Keine Verwirbelungen, kein Druck auf dem Oberkörper, keine kalten Knie – ich glaube mit der Victory kann man getrost zum Nordkap bügeln – und das im Winter, zumindest wenn die Straßen frei sind. Dass das riesige Bat Wing samt der großen Scheibe und den breiten Beinschilden nicht nur Vorteile bringt, ist aber auch klar. Sollte man mal in die Verlegenheit kommen, mit dem US-Edelmetall auf die langweilige Autobahn zu müssen, wird man schnell feststellen, dass bei 160 km/h der Vortrieb nachlässt und auch eine leichte Unruhe in die Fuhre kommt. Aber wer will mit so einem Gerät schon über die Bahn ballern? Also zurück auf die Landstraße und ein vorläufiges Fazit gezogen: Niemand versteht es so gut wie die Amerikaner, ein beruhigendes, stressfreies Raumschiff zu bauen, mit einem gewaltigen Maschinenraum und allerlei Gimmicks. Man kommt sich ganz automatisch vor, wie der sprichwörtliche „King of the Road“! Es ist ein großartiges Gefühl, wenn man quasi über alle möglichen Asphaltbänder surft und die sich Meile um Meile in Wohlgefallen auflösen.
Technische Daten
Victory Cross Country Tour 2011-2017
Technische Daten
Victory Cross Country Tour
2011-2017
Motor
Bohrung x Hub 101 x 108 mm
Hubraum 1731 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile Zweizylinder, 4 Ventile pro Zylinder, luftgekühlt und ölgekühlt
Abgasreinigung/-norm U - Katalysator
Leistung 90 PS (66 kW)
Drehmoment 140 Nm
Höchstgeschwindigkeit 195 Km/h
Kraftübertragung
Kupplung Mehrscheiben-Ölbad
Schaltung 6-Gang
Antrieb Zahnrad
Fahrwerk & Bremsen
Federelemente vorn 133 mm Teleskopgabel
Federelemente hinten Monoshock
Radstand 1670 mm
Nachlauf 142 mm
Reifen vorn 130/70R18
Reifen hinten 180/60R16
Bremse vorn 300 mm Doppelscheibenbremse, Vierkolben-Sattel
Bremse hinten 300 mm Einscheibenbremse, Zweikolben-Bremssattel
Maße & Gewicht
Länge 2747 mm
Breite 1000 mm
Höhe 1525 mm
Gewicht 399 kg
Maximale Zuladung 218 kg
Sitzhöhe 668 mm
Tankinhalt 22 Liter
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Text: M&R, Fotos: M&R


#Test#Tourer#Victory

Umfrage
Gefällt dir die neue Suzuki GSX-S1000GT?
Gefällt dir die neue Suzuki GSX-S1000GT?

Neues auf motorradundreisen.de

Produkte & Downloads zum Thema
2014/06 Ausgabe M&R inkl. Tourdaten
2014/06 Ausgabe M&R inkl. Tourdaten e-Paper zum Download
Die komplette Ausgabe 06/2014 von Motorrad & Reisen inklusive Tourdaten.

Inhalt:
- PDF - Ausgabe
- Garmin
- TomTom
- GPX
- Google Earth

Newsletter

Immer informiert bleiben über unseren kostenlosen M&R Newsletter: