Fahrtest: Yamaha FJR1300AS Ultimate Edition

2020 ist das letzte Jahr der FJR1300AS Ultimate Edition
Yamaha FJR1300AS Ultimate Edition Fahrbild
Etwas ehrfürchtig stehe ich vor der schwarz-goldenen Ultimate Edition der Yamaha FJR1300AS. Das soll also die letzte FJR aller Zeiten sein? Wenn ab 2021 die Abgasgrenzwerte der Euro-5-Norm greifen, fällt für diese Ikone des Motorradbaus der Vorhang. Dabei galt sie beinahe zwei Dekaden lang als der Inbegriff des Sport-Tourers, war bei ihrer Markteinführung eines der fortschrittlichsten Bikes überhaupt – auch was die Emissionen betrifft. Stark, schnell, komfortabel und dabei so elegant wie kaum eine andere, verkaufte sie sich weltweit mehr als 120.000-mal: Rund 17.500 Stück gingen allein nach Deutschland. Dabei entschieden sich mit 13.000 Kunden fast drei Viertel aller Deutschen für die Version mit Halbautomatik.
Yamaha FJR1300AS Ultimate Edition Motor
Elektrische Bauteile betätigen Kupplung und Getriebe, der Fußhebel gibt nur den Impuls.

Perfekt: das YCC-S-Getriebe

Kein Wunder also, dass auch unsere Testmaschine das YCC-S Getriebe besitzt, das bei seiner Präsentation im Jahr 2003 als echte Sensation galt. Ungewohnt ist der fehlende Kupplungshebel allenfalls bei der ersten Sitzprobe. Ausgereift präsentiert sich die elektrisch betätigte Schaltbox und funktioniert so perfekt, dass ich das eben genannte Dreiviertel der Kundschaft gut verstehen kann. Durch den gewohnten Fußschalthebel zur Gangwahl fällt die Halbautomatik besonders heutzutage, in Zeiten von Blipper und Quickshifter, weniger auf denn je. Meist schaltet man ohnehin ohne Kupplung. Nur fürs Anfahren brauche ich sie dann auch nicht mehr – erst recht nicht im Stop-and-go-Verkehr. Auch beim Getriebe war die FJR also ihrer Zeit voraus. Noch bequemer als mit dem linken Fuß gelingen die Gangwechsel über die Schaltwippen an der linken Hand.


Der große Vorteil des YCC-S gegenüber einer klassischen Automatik offenbart sich auf Tour mit der durchzugsstarken FJR. Vor allem beim Beschleunigen unter Volllast im fünften oder sechsten Gang würde jedes vollautomatische Getriebe zurückschalten. Aus dem Pkw kennt man das unter dem Begriff „Kick-down“. Die FJR hingegen surft auch bei voll geöffnetem Gasgriff auf ihrer Drehmomentwelle. Solange ich die niedrigen Drehzahlen bevorzuge und nicht zurückschalte, tut sie es auch nicht. Und niedrige Drehzahlen liebt der 1.298 ccm große Vierzylinder der FJR. Dank seiner zwei Ausgleichswellen übertrifft er in Sachen Laufruhe selbst den Sechszylinder der kürzlich getesteten Honda Gold Wing. An einer Steigung will ich die Yamaha herausfordern, schließe das Gas, bis die Drehzahl im sechsten Gang unter 1.000 U/min fällt. Und? Sie knurrt nicht einmal, brummt eher dezent und zieht mich nicht nur vibrationsfrei den Berg hoch, sondern beschleunigt sogar, bis wir wieder normales Tempo erreicht haben. 138 Nm an Drehmoment mobilisiert dieser fantastische Reihenvierzylinder und dreht bei Bedarf mit bis zu 8.000 Touren. Dort oben setzt er beachtliche 146 PS frei, die allerdings eher auf dem Papier eine Rolle spielen. Allenfalls auf schnellen Autobahnetappen, um große Distanzen aufzuschnupfen, wird so viel Spitzenleistung benötigt. Je nachdem wie sehr das Fernweh drängt, eilt die große Yamaha mit bis zu 245 km/h über die linke Spur. Unser Durchschnittsverbrauch von 6,2 Litern auf 100 Kilometern ist bei diesem Kampf gegen den Fahrtwind trotz ausgereifter Aerodynamik allerdings nicht mehr zu halten, auch wenn die hohe Verkleidungsscheibe der Ultimate Edition hervorragend vor Fahrtwind schützt. Die ausgereifte und auf den Fahrer einstellbare Ergonomie garantiert dabei ermüdungsfreies Fahren. Nicht ohne Grund vertraut die italienische Carabinieri seit Jahren auf die FJR als Polizeimotorrad.
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Elektronisch einstellbares Fahrwerk

Verschenkt wäre jedoch das Potenzial des elektronisch einstellbaren Fahrwerks, würde man die FJR lediglich auf schnellen Autobahnetappen einsetzen. Insgesamt 84 Kombinationen ermöglicht das Einstellungsmenü. Über das rechte Display des Kombiinstruments wird im Stand zunächst die Beladung gewählt. Spürbar ändert dabei vor allem das Federbein seine Vorspannung und damit die Höhe des Hecks. Der Wechsel der Dämpfungscharakteristik zwischen Soft, Standard und Hard ist selbst in voller Fahrt zulässig. So geht es komfortabel über zerfurchten Asphalt und mit straffer Präzision durch kurvige Passagen. Wer für den letzten Schliff die Fein­justierung nutzen will, muss das wiederum während einer Pause erledigen. Die komplexen Spielereien werden während der Fahrt schlicht aus dem Menü ausgeblendet, um den Fahrer nicht zu sehr abzulenken. Dadurch, dass sämtliche Eingriffe jeweils Gabel und Federbein gleichzeitig betreffen, ändert sich grundsätzlich aber nichts am unerschütterlichen Charakter der FJR. Mit traumwandlerischer Sicherheit und großer Gelassenheit durcheilt sie Kurven aller Art. Selbst schnelle Richtungswechsel gehen dabei spielerisch von der Hand. Beinahe handlich wirkt die stattliche 1300er. Zumindest solange man nicht meint, es übertreiben zu müssen. Achtzig bis neunzig Prozent ihres Potenzials schüttelt die Yamaha aus dem Ärmel, als wäre es nichts. Ohne jegliche Mühe gleitet der große Sport-Tourer äußerst zügig über Land. Das Messer zwischen den Zähnen mag sie hingegen nicht und signalisiert wohlerzogen aber bestimmt, dass sie reisen und nicht rasen möchte. Wird es zu hektisch, kann die FJR ihre beachtlichen 292 Kilo nicht länger kaschieren. Das Lob dafür, dass sie sich mindestens 50 kg leichter anfühlt, dürfen ihr stabiler Rahmen, das hochkarätige Fahrwerk und der leistungsstarke Motor einheimsen. Dem perfekten Zusammenspiel all dieser Komponenten verdankt der schwere Tourer seine Dynamik. Yamaha FJR1300AS Ultimate Edition Seitenkoffer

Abschied einer Legende

Wer der Ära der Vierzylinder bereits heute nachtrauert, wird die letzte FJR-Generation lieben. Auch wenn ihr Konzept mittlerweile nicht mehr taufrisch wirkt und der agile Nachwuchs aus dem eigenen Haus diesem sanften Riesen den Rang abläuft, bin ich mir sicher, dass viele die FJR1300 vermissen werden. Wer sich ein eigenes Exemplar der Touren-Legende in die heimische Garage stellen will: Bis Jahresende gibt es sie noch – die Yamaha FJR 1300 Ultimate Edition.

Erschienen in Motorrad & Reisen Ausgabe 101
 Pro
  • seidenweicher Schub
  • gutes Fahrwerk
  • brillantes Getriebe
 Contra
  • etwas in die Jahre gekommen
  • fast 300 kg schwer
  • kein Schnäppchen
Technische Daten
Yamaha FJR1300AS 2020
Technische Daten
Yamaha FJR1300AS
2020
Motor
Bohrung x Hub 79 x 66,2 mm
Hubraum 1298 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile Vierzylinder, flüssigkeitsgekühlt, vier Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung/-norm Euro 4
Leistung 146 PS (107 kW) bei 8000 U/min
Drehmoment 138 Nm bei 7000 U/min
Verdichtung 10,8:1
Höchstgeschwindigkeit 245 km/h
Wartungsintervalle Erstinspektion nach 1.000 km, danach alle 10.000 km
Kraftübertragung
Kupplung Mehrscheiben-Ölbadkupplung
Schaltung sequentielles 6-Gang-Getriebe
Antrieb Kardan
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Aluminium-Brückenrahmen
Federelemente vorn 48-mm-Upside-Down-Gabel, Vorspannung einstellbar
Federelemente hinten Schwinge, über Hebel angelenktes Zentralfederbein
Federweg v/h 135 mm/125 mm
Radstand 1545 mm
Nachlauf 109 mm
Lenkkopfwinkel 26°
Räder Gussräder
Reifen vorn 120/70 ZR17
Reifen hinten 180/55 ZR17
Bremse vorn 320-mm-Zweischeibenbremse
Bremse hinten 282-mm-Einscheibenbremse
Maße & Gewicht
Länge 2230 mm
Breite 750 mm
Höhe 1325mm  /  1455mm
Gewicht 296 kg
Maximale Zuladung 208 kg
Sitzhöhe 805 mm / 825 mm
Standgeräusch 89 dB(A)
Fahrgeräusch 74 dB(A)
Tankinhalt 25 Liter
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Kurvenlicht
Traktionskontrolle
Tempomat
Fahrzeugpreis ab 20469,61
Text: Thomas Kryschan, Fotos: Alexander Klose


#Test#Tourer#Yamaha

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Touren: Böhmische Dörfer: Nachbarschaftsbesuch in Tschechien; Burgen & Burgruinen auf der Spur: Durch den Odenwald & den Spessart; Litauen & Kaliningrad: Weites unbekanntes Land; Wein & Salzhandelsroute: Radstädter Tauern & Sölkpass


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