Royal Enfield Himalayan 450 – BERGZIEGE AUF SPEED

Moderner Einzylinder, mehr Power, smarte Elektronik: Royal Enfield hat sein Zugpferd neu erfunden – und aus der braven Himalayan ein richtig cooles Bike gemacht. So wie es aussieht, zu einem sehr fairen Preis.
15.11.2023
| Lesezeit ca. 8 Min.
Auf dem Dach der Welt ticken die Uhren anders beim Motorradfahren. Tempo spielt hier keine Rolle. Ankommen ist das Ziel, komme, was da wolle. Straße übersät mit übelsten Schlaglöchern? Abgrundtiefe Abhänge ohne Sicherung? Gar keine Straße mehr erkennbar? Fällt im Himalaya alles in die Rubrik „normal“. Genau wie haarsträubende Überholmanöver in Kurven oder komplett planlose Spurwechsel des Gegenverkehrs. Alles kein Grund, die Fassung zu verlieren. Weiter, immer weiter. Der Berg hat eh andere Pläne, lautet ein Leitsatz im höchsten Gebirgszug der Erde.

Wir sind in Manali, Distrikt Kullu, Bundesstaat Himachal Pradesh. Rund 2.000 Meter hoch gelegen, ist die kunterbunte Stadt – im Juli dieses Jahres schwerst gebeutelt von monsunbedingten Überschwemmungen – ein beliebtes Touristenziel im Himalaya und Ausgangspunkt des strategisch wichtigen „National Highway 3“ nach Ladakh. Die „Manali Leh Road“ ist so etwas wie die Einflugschneise zum legendären Karakorumpass, dem höchsten befahrbaren Pass der Welt. In 5.575 Metern Höhe kratzt er an den Wolken und stiehlt den Achttausendern fast die Schau.
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Erster Fahrtest in der Heimat der Himalayan

Ganz so hoch hinaus will Royal Enfield zum Glück nicht mit uns bei der Präsentation der neuen Himalayan. Oberhalb von 5.000 Metern herrschen Ende Oktober bereits böse Minustemperaturen. Bei uns „im Tal“ brennt die Sonne mittags mit 26 Grad und mehr vom unwirklich blauen Himmel. „Willkommen in der Heimat der Himalayan“, begrüßt uns Siddhartha Lal, der charismatische Boss von Royal Enfield. „Hier wird sie getestet, hier wird sie gebraucht, hier ist sie zu Hause.“ Wie er selbst auch. Unweit unseres Präsentations-Camps betreiben seine Eltern ein Resort. „Sid“, wie ihn hier alle nennen, liebt diese Gegend. Und er liebt dieses Motorrad, das merkt und sieht man ihm an.
Royal Enfield Himalayan
Übers gesamte Drehzahlband kommt die neue Himalayan spürbar lebendiger zu Potte als ihre Vorgängerin. Die leichtgängige Kupplung kann man sich bei Geländefahrten fast sparen: Die Gänge rasten auch so satt und sauber ein
„Die neue Himalayan ist das Leuchtturm-Bike von Royal Enfield“, sagt der 50-Jährige inbrünstig. „Da steckt unsere ganze Liebe für Motorräder drin, unser gesamtes Know-how – und sehr viele Erprobungskilometer.“ Die meisten davon hat sie hier abgespult. Das Ergebnis kann sich in jeglicher Hinsicht sehen lassen – optisch wie technisch: neuer wassergekühlter Einzylindermotor, Sechsgang-Getriebe, Voll-LED-Beleuchtung, zwei Fahrmodi mit und ohne ABS, Vollbildnavigation mit Google-Unterstützung („Tripper Dash“), sechs Gänge und ein sattes Performance-Plus. Royal Enfield haut richtig einen raus mit der neuen Himalayan.

Fettes Power-Plus, Wasserkühlung und sechs Gänge

Royal Enfield Himalayan
Wacker übern Straßenacker: Dreht man die sechs Gänge aus, kommt merklich Schwung in die Fuhre, und der Sound der neuen Himalayan schwillt schön brummig an
Die Leistung steigt von übersichtlichen 24 PS bei 6.500 Touren auf lebendige 40 PS bei 8.000 Umdrehungen pro Minute (plus 65 Prozent), das maximale Drehmoment klettert von 32 Nm bei 4.250 U/min auf 40 Nm bei 5.500 U/min (plus 25 Prozent). 90 Prozent davon liegen bereits bei 3.000 Touren an; übers gesamte Drehzahlband kommt die neue Himalayan spürbar lebendiger zu Potte. Die leichtgängige Kupplung kann man sich bei Geländeschleichfahrt sparen: Die Gänge rasten auch so sauber ein. Der komplett neue Einzylindermotor namens „Sherpa 450“ hat jetzt 452 ccm Hubraum und erstmals bei Royal Enfield Wasserkühlung. Trotzdem ist er 10 kg (20 %) leichter als der 411-ccm-Motor der Vorgängerin; die musste sich mit Luftkühlung und fünf Gängen begnügen. Auch in puncto Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung bewegte sich die erste Generation in einer völlig anderen Liga: Behäbig wie eine Wanderdüne erreichte die alte Himalayan mit viel Anlauf 127 km/h Spitze. Die Neue schafft 151 km/h – ein spürbares Topspeed-Plus von fast 20 Prozent.
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Royal Enfield Himalayan
Auf den teils ordentlich maroden Teststrecken durch den Himalaya sind mehr als 95 km/h unrealistisch. Bis zu diesem Tempo schlägt sich der neue „Sherpa“-Einzylinder sehr ordentlich – auch wenn die Höhe Leistung kostet
Auf den maroden Teststrecken durch den Himalaya sind mehr als 95 km/h unrealistisch. Aber bis zu diesem Tempo schlägt sich der neue Einzylinder schon mal ordentlich. In den ersten drei Gängen gibt sich der Vierventiler gutmütig. Auf Teilen der Offroad-Passagen fragt man sich fast: Bin ich schon im dritten oder noch im zweiten Gang? Wacker rackert die Himalayan mit Lowspeed über steinige Passagen. Dreht man die Gänge auf den besser asphaltierten Passagen aus, kommt merklich Schwung in die Fuhre und der Sound schwillt schön an. Wirklich lang ziehen einem die 40 PS die Arme natürlich nicht, wobei man fairerweise erwähnen muss, dass die Höhenmeter der Himalayan Leistung klauen. Mindestens 20 Prozent bleiben hier oben auf 3.000 Meter Höhe auf der Strecke, schätzen die Entwickler von Royal Enfield. So gesehen, beschleunigt die Himalaya-Stürmerin durchaus ordentlich.

Zwei Fahrmodi mit abschaltbarem ABS

Dank Ride-by-Wire gibt es das Globetrotter-Bike erstmals mit zwei Fahrmodi (Performance und Eco); beide können wahlweise mit oder ohne Enduro-ABS genutzt werden, also ohne oder mit blockierendem Hinterrad beim Tritt auf die Fußbremse. Für verlässliche Verzögerung sorgen eine 320-mm-Scheibe vorn und eine 270-mm-Scheibe hinten. Die Bodenfreiheit legt um zehn auf jetzt 230 mm zu, die Federwege vorn und hinten betragen 200 mm, die variable Standardsitzhöhe klettert auf 825 oder 845 mm (vorher: 800 mm). Eingestellt werden kann sie über zwei schlichte, umlegbare Bügel unter dem Sitz. Eine saubere, praktische Lösung. Alternativ gibt es eine niedrigere Sitzbank (805–825 mm). Die Radgröße belässt Royal Enfield bei 21 Zoll vorn und 17 Zoll hinten. In Indien trägt die neue Himalayan ab Werk Ceat-Enduroreifen namens „Gripp“. Ob die auch in Europa aufgezogen werden, wird sich zeigen.

Langer Radstand und üppige 198 kg Zuladung

Royal Enfield Himalayan
Die Geländetauglichkeit der schmalen und vergleichsweise leichten Himalayan ist legendär. Der neue Claim von Royal Enfield passt daher perfekt: „Built for all roads. Built for no roads.“
Die Geländetauglichkeit der Himalayan ist legendär. Schon das aktuelle Bike (199 kg fahrbereit) kommt praktisch überall hin. „Built for all roads. Built for no roads“, lautet passend der Werbeclaim der neuen Himalayan. Vorn federt eine Upside-down-Cartridge-Gabel (43 mm), hinten stützt ein zentrales Federbein mit einstellbarer Vorspannung die Kastenschwinge ab. Beide Federelemente liefert Showa. Der Radstand legt kräftig zu von 1.465 auf 1.510 mm, die Gesamtlänge wächst leicht von 2.190 auf 2.245 mm. Das verleiht der neuen Himalayan ein souveränes, erwachseneres Fahrgefühl als bei der Vorgängerin und lässt sie satter abrollen. Der Tank fasst jetzt 17 Liter (vorher: 15,5 Liter). Vorn ist er für Himalayan-Verhältnisse erstaunlich breit ausgelegt, am Übergang zur Sitzbank bleibt er wie gehabt schön schmal. Vor allem beim Fahren im Stehen zahlt das auf die Manövrierbarkeit ein und ermöglicht easy Richtungswechsel per Schenkeldruck.

Neues Navigationssystem in Kooperation mit Google

Wo die Reise hingeht, kann sich der Fahrer von Google anzeigen lassen. Über die Royal-Enfield-App kann er sein Smartphone mit dem neuen, runden LC-Display („Tripper Dash“) koppeln. Direkt darunter sichert ein USB-C-Anschluss die Stromversorgung. Statt der bekannten Turn-by-Turn-Navigation, die Royal Enfield mittlerweile fast allen Modellen mittels kleinem Zusatzinstrument spendiert, verfügt die neue Himalayan über ein vollfarbiges, 4 Zoll großes Zentraldisplay. Über die „Mode“-Taste rechts am Lenker kann der Fahrer wählen, ob die Bike-Infos (Tempo, Drehzahl, etc.) groß angezeigt werden sollen oder die Routenführung samt Umgebung. Eine sehr smarte, digitale Lösung inklusive Musik- und Telefoneinbindung, die in dieser Klasse bislang kein Wettbewerber in vergleichbarer Perfektion liefert.

Demokratisierung des Adventure-Bikens

Royal Enfield Himalayan
Easy Richtungswechsel per Schenkeldruck: Der schmale Übergang zwischen Tank und Sitzbank zahlt beim Fahren im Stehen auf die Manövrierbarkeit ein
Premium für wenig Kohle – mit dieser verlockenden Preispolitik will Royal Enfield das Adventure-Bike-Segment aufrollen. „Wir möchten allen Menschen, die durch unwegsames Gelände oder um die Welt fahren wollen, ein bezahlbares, hochwertiges Bike anbieten“, sagt Sid. Royal Enfield spricht von der „Demokratisierung des Adventure-Bikens“. So oder so bringt die neue Generation der leichten Langstrecken-Enduro beste Voraussetzungen mit, um das Preisgefüge im Adventure-Segment gehörig durcheinanderzuwürfeln. Gleiches gilt für den Verbrauch: Bescheidene 3,67 l/100 km gibt Royal Enfield an. Das reicht rechnerisch für gut 460 Kilometer ohne Tankstopp und hält die Kosten im Rahmen. Dazu tragen auch die Service-Intervalle bei: Der erste Service fällt nach 500 km an, danach alle zwölf Monate. Drei Jahre oder 30.000 km Garantie gewährt Royal Enfield.

Charakteristisches Design und reichlich Zubehör

„Oberstes Ziel war es, die DNA der Himalayan zu erhalten“, sagt Sid Lal. Damit meint er zum einen die zugängliche, selbsterklärende Art des Globetrotter-Bikes samt gesetzter Einzylinder-Motorisierung. Zum anderen natürlich das Design. Beides ist gelungen. Schlanke Fahrzeugmitte, starrer Rundscheinwerfer, üppiger Tankschutz mit Gepäckhalterung – die typischen Charakteristika hat Royal Enfield stilsicher auf die Neuzeit übertragen. 198 kg beträgt die Zuladung. Das ist sehr amtlich für ein 196 kg schweres Motorrad. Reisezubehör gibt es reichlich: höherer Windschild, Alu-Topcase, Alukoffer, Tankrucksäcke, Motorschutz, Kühlerschutzgitter aus Alu etc. Wer mag, greift gleich zum Adventure-Kit (unter anderem Koffer, Topcase, Gitter, höherer Windschild) oder zum stylischen Rally-Kit mit Bestandteilen wie schmaler, einteiliger Sitzbank, höherem Windschild und schnittiger, seitlicher Verkleidung hinten.

Himalayan-Start im Februar 2024

Markteinführung ist voraussichtlich im Februar 2024. Bei den Lackierungen sollte jeder fündig werden. Die Basisfarbe „Kaza Brown“ ist eine Art Wüsten-Beige. „Kamet White“ setzt auf grafische Akzente am weißen Tank. Hinter „Slate Himalayan Salt“ verbirgt sich ein pastelliges Grau mit roten Akzenten, hinter „Slate Poppy Blue“ das gleiche Grau mit blauen Akzenten. In „Hanle Black“ fährt die neue Himalayan im John-Player-Special-Gedächtnis-Look vor, mit schwarzem Tank, goldgelben Akzenten und gold eloxierten Speichenrädern. Jede Wette: Die sehen wir öfter.
 Pro
  • easy Handling
  • smarte Navigation
  • lebendiger Motor
  • hohe Zuladung
  • Voll-LED-Beleuchtung
 Contra
  • Windschild nicht verstellbar
  • Blinker nicht selbsttätig rückstellend
Technische Daten Royal Enfield Himalayan 450 2023-2024
Motor
Bohrung x Hub 84 x 81,5 mm
Hubraum 452 ccm
Zylinder, Kühlung, Ventile Einzylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile
Abgasreinigung/-norm Euro 5
Leistung 40 PS (29 kW) bei 8.000 U/min
Drehmoment 40 Nm bei 5.500 U/min
Verdichtung 11,5;1
Höchstgeschwindigkeit 151 km/h
Wartungsintervalle alle 5.000 km oder jährlich
Verbrauch pro 100 km 3,8 Liter
Kraftübertragung
Kupplung Mehrscheiben-Nasskupplung
Schaltung 6-Gang
Antrieb Kette
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Stahl-Doppelrohrrahmen
Federelemente vorn Ø43-mm-Upside-down-GAbel
Federelemente hinten Mono-Federbein
Federweg v/h 200 mm/200 mm
Radstand 1.510 mm
Lenkkopfwinkel 26,5 °
Räder Speichenräder
Reifen vorn 90/90-21
Reifen hinten 140/80 R17
Bremse vorn Ø320-mm-Scheibenbremse mit Zweikolben-Bremssattel
Bremse hinten Ø270-mm-Scheibenbremse mit Einkolben-Bremssattel
Maße & Gewicht
Länge 2.245 mm
Breite 852 mm
Höhe 1.316 mm
Gewicht 196 kg
zul. Gesamtgewicht 394
Maximale Zuladung 198 kg
Sitzhöhe 825 - 845 mm
Standgeräusch 91 dB(A)
Tankinhalt 17 Liter
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Fahrzeugpreis ab 5.890,-- Euro
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