Royal Enfield Himalayan: Was sie nicht hat, macht sie nur besser

Weniger ist mehr. Auf kaum einem Motorrad fühlt sich diese Weisheit so richtig an wie auf der Einzylinder-Enduro von Royal Enfield. Ein Navi gibt es ab Werk.
Royal Enfield Himalayan mit Koffern
Mit Seitenkoffern und Gepäck kommt die Royal Enfield Himalayan auf knapp 230 Kilo.
Royal Enfield nennt die Himalayan "unser Multitool". Praktisch, robust, vielseitig, nie um eine Lösung verlegen – "für intensiven Fahrspaß auf jedem Untergrund", preist die Webseite. Und in der Tat: Genau so ist es. Die Himalayan ist absolut unprätentiös, frei von jeglichem Schnickschnack (vom Kompass im Cockpit mal abgesehen), hemdsärmelig im besten Sinne. Aufsteigen, losfahren, früh genug bremsen. Mehr muss der Fahrer nicht.

Die Himalayan will nicht sprinten, sie will wandern

Fahrmodi oder gar mehrstufige Traktionskontrolle – gibt es nicht. ABS (Pflicht), gut is' an Elektronik. Der Rest ist authentische Technik, die man im Zweifel auch im Schatten eines Hinkelsteins im Himalaya wieder in Gang setzen kann. Stahlrohrrahmen mit geschraubten Unterzügen, Bowdenzug statt Ride-by-wire, Tachowelle, schmale Räder. Alles wie früher. Genau wie der brave Einzylinder.

24 PS und 32 Nm mobilisiert der luftgekühlte Viertakter mit 411 Kubikzentimetern Hubraum. Geradezu rührend für ein Bike, das einen um die Welt fahren kann. Auf der Autobahn quält sich der Einzylinder laut Datenblatt auf 127 km/h Spitze. Mit Gepäck und Fahrer werden es selten mehr als 120 km/h. Geschenkt. Die Himalayan will nicht sprinten, sie will wandern. Enduro wandern. Über Stock und Stein, Gravel und Geröll, Schotter und Gestein. Egal. Mit Pött-Pött-Pött und etwas Geschick geht es überall rauf.
Royal Enfield Himalayan
Der große Rundscheinwerfer ist starr vorm Gabelkopf montiert.
Die Scheibenbremsen erfüllen ihren Zweck, mehr nicht
Die mauen Bremsen verzeiht man ihr gern. 300 mm vorn, 240 mm hinten – die Scheiben erfüllen ihren Zweck, mehr nicht. Vehemente Verzögerung sollte man nicht erwarten. Wozu auch. Die Royal Enfield Himalayan kostet neu ab 4.679 Euro. Soll sie nicht weiß sein, sondern "Lake Blue", "Rock Red" oder Sleet" (gräulicher Tarnlook), werden 4.776 Euro fällig. Ein knapper Hunni mehr.
Schlichte schwarze Rohre schirmen den Tank gegen Dellen ab, sollte es mal parterre gehen. Der große Rundscheinwerfer ist starr vorm Gabelkopf montiert, die Lichtausbeute – speziell in Kurven – dementsprechend, ähem, übersichtlich. 174 Kilogramm Zuladung haben die königlichen Enfieldianer ihrer Himalayan spendiert. Damit darf sie knapp ihr Eigengewicht (191 kg trocken) transportieren.

Stoisch, aber willig – die Kraftentfaltung der Himalayan hat etwas Meditatives

Mit vollem Marschgepäck – zwei Aluminium-Seitenkoffer, Tankrucksack, Gepäckrolle und Zelt – kommt sie vollgetankt auf knapp 230 Kilogramm. Das ist ziemlich viel für zwei Dutzend Pferdestärken, fühlt sich aber recht behände an, entwickelt man im Sattel den richtigen Flow. Unter dem schlanken Tank werkelt der tapfere Einzylinder unaufdringlich wie Großmutters Nähmaschine vor sich hin. Dreht man den Gasgriff bis zum weit entfernten Anschlag auf, signalisiert der Motor brav die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Aber bitte nicht hetzen. In der Ruhe liegt die Kraft. Ommmmh.

Die eher schmale Sitzbank fühlt sich mit 800 mm Höhe genau richtig an. Der breite, angenehm hohe Lenker lässt einem die Wahl zwischen entspanntem Fahren im Sitzen oder Stehen. Hinter dem Fahrer guckt der Sozius locker in die Ferne; sein Polster ist deutlich höher positioniert. Den ohnehin überschaubar tosenden Fahrtwind hält der nicht verstellbare Windschild in Zaum.
Royal Enfield Himalayan
Mit Pött-Pött-Pött und etwas Geschick geht es überall rauf.
Die Himalayan ist eine zeitlose, sehr zuverlässige Begleiterin
Es verwundert nicht die Bohne, dass speziell Globetrotterinnen gern mit der Himalayan unterwegs sind. Das Handling ist easy, die Kräfte sind gut verteilt, selbst das Aufrichten geht vergleichsweise easy von der Hand. Lauter gute Argumente – auch für Wiedereinsteiger und A1-Aufsteiger. Lässiger als auf der klassenlosen Royal Enfield Himalayan kann man kaum unterwegs sein, wenn einem Leistung schnuppe ist.

Modellpflege für die Royal Enfield Himalayan

Nach einem vollständig neuen Modell für 2021, der Meteor 350, präsentiert der indische Premiumhersteller Royal Enfield auch ein Update für die 2021er Himalayan. Was? Premiumhersteller? Wie jetzt? Royal Enfield mag auf dem Kontinent, auf dem wir leben, als günstiger Hersteller gelten. In anderen Länder der Welt schaut dies aber ganz anders aus. Fünfzehn bis zwanzig Millionen Motorräder werden in Indien jährlich neu zugelassen. Quasi jeder besitzt auch eines. Das Familien-Motorrad ersetzt hier den SUV. Nicht wenige träumen davon eines Tages einmal eine echte Royal Enfield fahren zu können. Dementsprechend sind auch die Fahrzeuge konzipiert. Alltagstauglichkeit und Zuverlässigkeit sind weitaus wichtiger als maximaler Hubraum und die Jagd nach Bestzeiten. Dabei ist die Himalayan keinesfalls als Enduro für den konsequenten Offroad-Einsatz zu verstehen. Ihr Design ergibt sich eher aus schlechten Straßenverhältnissen und der Notwendigkeit von A nach B zu gelangen. Der Motor hat 411 Kubik, leistet 24 PS und ist für deutsche Autobahnen nicht gemacht. Die Beschleunigung ist im unteren Bereich durchaus okay, wird in Richtung 100 km/h aber zunehmend träge. Daran ändert auch das 2021er Modell nichts.
Royal Enfield Himalayan
Neu ab 2021 ist das Zweikanal-ABS, das hinten abschaltbar ist.

Neu im Modelljahr 2021

Mit dem Update auf Euro 5 gönnt Royal Enfield der Himalayan eine sanfte Modellpflege. Die Federwege bleiben weiterhin lang, die Sitzhöhe mit 800 Millimetern vergleichsweise niedrig. In Kombination mit der aufrechten Sitzposition ergibt sich eine komfortable Ergonomie. Ein verbessertes Sitzpolster steigert den Komfort auf langen Touren. In die gleiche Kerbe schlägt der neu gestaltete Windschild. Er soll den Wind besser um den Fahrer herumleiten. Zu den vorhandenen Lackierungen Rock Red, Lake Blue und Gravel Grey kommen mit Mirage Silver, Pine Green und New Granite Black drei neue Farben hinzu. Wie schon bei der Meteor 350 finden wir im Cockpit serienmäßig die neue Turn-by-Turn-Navigation via Google Maps. Dazu gibt es drei Jahre Garantie und Pannenhilfe vor Ort. Das ABS ist aber Hinterrad nun abschaltbar.
Eine zusätzliche Platte bekommt der Gepäckträger der Himalayan. Dass er nun tiefer montiert ist kommt dem Schwerpunkt der gesamten Maschine zugute und erleichtert das Aufsteigen. Der schlankere Frontschutz soll den Beinen des Fahrers weniger in die Quere kommen.
Preise und Verfügbarkeit der Royal Enfield Himalayan 2021:
Einfarbig (Granite Black & Gravel Grey):

Deutschland 4.970,-- Euro
Österreich 5.290,-- Euro
Schweiz 6.590 CHF

Zweifarbig (Pine Green, Mirage Silver, Rock Red & Lake Blue):

Deutschland 5.170,-- Euro
Österreich 5.390,-- Euro
Schweiz 6.790 CHF

Video

Technische Daten
Royal Enfield Himalayan 2021-2022
Technische Daten
Royal Enfield Himalayan
2021-2022
Motor
Bohrung x Hub 78 x 86 mm
Hubraum 411 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile Einzylinder, luftgekühlt, 2 Ventile
Abgasreinigung/-norm Euro 5
Leistung 24 PS (18 kW) bei 6500 U/min
Drehmoment 32 Nm bei 4500 U/min
Verdichtung 9,5:1
Höchstgeschwindigkeit 127 km/h
Wartungsintervalle alle 5000 km oder jährlich
Kraftübertragung
Kupplung Mehrscheiben-Ölbadkupplung
Schaltung 5-Gang
Antrieb Kette
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Stahlrohrrahmen mit geschraubten Unterzügen
Federelemente vorn Ø41-mm-Teleskopgabel
Federelemente hinten Zentralfederbein mit Umlenkung
Federweg v/h 200 mm/180 mm
Radstand 1465 mm
Nachlauf 111 mm
Lenkkopfwinkel 26°
Räder Speichenräder
Reifen vorn 90/90-21 MC 56H
Reifen hinten 120/90-17 MC 64S
Bremse vorn Ø300 mm Scheibenbremse mit Zweikolben-Schwimmsattel
Bremse hinten Ø240 mm Scheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel
Maße & Gewicht
Länge 2190 mm
Breite 840 mm
Höhe 1360 mm
Gewicht 199 kg
Maximale Zuladung 174 kg
Sitzhöhe 800 mm
Standgeräusch 88 dB(A)
Fahrgeräusch 75 dB(A)
Tankinhalt 15 Liter
Weitere Baujahre 2016-2020
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Fahrzeugpreis ab 4970 €
Sonstiges Preis ab 2022: 5.150,-- Euro
Text: Alexander Klose, Ralf Bielefeldt, Fotos: Bernd Ahrens


#Enduro#Royal Enfield#Test

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