Test Triumph Rocket 3 GT und R - das letzte Monster-Bike?

Triumph hat sein Topmodell Rocket III vollkommen runderneuert. Setzt der Power-Cruiser im Test neue Maßstäbe?

Cruise Missile von der Insel

Nicht weniger als volle 12 Jahre lang, nämlich von 2004 bis 2015, war sie der Fels in der Brandung: Die Triumph Rocket III mit ihren massigen 360 Kilogramm Leergewicht hielt unerschütterlich die Linie. Stets galt: Power ja, Agilität na ja. Der schwere Dreizylindermotor mit rund 2,3 Litern Hubraum stand der Handlichkeit ebenso im Wege wie die Fahrwerksauslegung. Agilität war der Rakete also nicht in die Wiege gelegt worden, weshalb die Dicke als anspruchsvoll zu fahrendes Motorrad galt. Jetzt ist das Nachfolgemodell Rocket 3 da, und zwar gleich in zwei Varianten, nämlich als nackter Roadster und als Power-Cruiser mit dem Kürzel GT. Und siehe da: Die vollkommen neu entwickelten Briten-Bikes mit dem jetzt auf 2,5 Liter aufgeblasenen Triple und einem um 40 Kilogramm reduzierten Gewicht legen nicht nur eine fette Beschleunigungsspur hin, sondern glänzen mit vergleichsweise leichtem Handling und erfreulicher Agilität; sie generieren damit einen ganz besonderen Fahrspaß. Freilich muss man sich diesen leisten können: Mindestens 22.000 Euro will ein Triumph-Händler schon sehen…

Ganz überwiegend haben wir uns während unseres 2.000-Kilometer-Tests mit der GT-Version beschäftigt; zusätzlich war das Testbike mit Komponenten des sogenannten Highway Inspiration-Kit ausgestattet. Dazu zählen die 20 Liter-Seitenkoffer, der Gepäckträger, der sehr gut funktionierende Schaltassistent und ein TFT Bluetooth Connectivity-System sowie sehr ansehnliche Lenkerenden-Spiegel. So ausgestattet, nähert sich der Preis einer Rocket 3 GT der 25.000 Euro-Marke. Zweifellos viel Geld, aber dieses Bike ist es nicht zuletzt dank piekfeiner Verarbeitung und ausgezeichneter Komponenten durchaus wert.

Hubraum und Drehmoment markieren Spitzenwerte im Serienmotorradbau

Wer die Besonderheiten der Triumph Rocket 3 auflisten will, ist gut beschäftigt: Da ist einmal ihr – man kann’s nicht anders sagen – sensationelles Dreizylinder-Triebwerk mit einem Hubraum von knapp 2,5 Litern. Das Drehmoment von maximal 221 Nm stellt, erwartungsgemäß, wie auch das Hubvolumen den Spitzenwert im Serienmotorradbau dar. Mehr gibt’s nirgendwo in der Zweiradwelt. Die Maximalleistung von 123 kW/167 PS erscheint dagegen fast schon „normal“, denn ähnlich viel oder gar noch mehr Power ist in diversen Nakedbikes mehrerer Hersteller zu kriegen.

Auch wenn die Rocket 3 also in Sachen Leistung keine absolute Sonderrolle spielt, so erinnert die Fortbewegung auf ihr – und zwar insbesondere auf der GT-Version – an den Ritt des legendären Barons Münchhausen auf der Kanonenkugel: Egal ob 1.500 oder 3.000 Umdrehungen anliegen, so mutiert das Briten-Bike beim Gasgeben blitzartig zur Cruise Missile. Dies ist für den Fahrer nicht zuletzt deshalb so unfassbar, weil er ja eine Art „Feet forward“-Position einnimmt; man sitzt mit aufrechtem Oberkörper sehr entspannt, aber zum Glück nicht passiv. So ist es denn echt beeindruckend, was die Elektronik beim Herausbeschleunigen aus Kurven leistet, aber auch welche enormen Kräfte der von Avon stammende Cobra Chrome-Hinterreifen verarbeitet. Der 240 Millimeter breite Pneu erfreut mit einer unerwarteten Handlichkeit; wer erwartet hatte, dass die immerhin 324 Kilogramm wiegende GT die Kurvenagilität eines Panzers aufweisen würde, wird aufs Angenehmste eines Besseren belehrt. Selbst sehr kurvenreiche Strecken bereiten großen Fahrspaß; richtig enge Haarnadel-Passagen erfordern freilich Aufmerksamkeit und Besonnenheit des Piloten.

Dass die Durchzugskraft des Triple gewaltig ist, sagten wir schon. Deshalb ist es nur äußerst selten nötig, höher als etwa 4.000/min zu drehen. Das schlägt sich in einem erfreulich niedrigen Benzinkonsum nieder: Bereits mit 6,0 Litern lassen sich zügige Landstraßenritte absolvieren, Werte deutlich jenseits des Normwertes werden nur von Grobmotorikern oder auf der Autobahn mit Tempi jenseits der 150 km/h erreicht; letztere sind aber ohnehin wegen des bescheidenen Windschutzes anstrengend.

Leicht gemacht werden sie andererseits durch den bestens regelnden Tempomaten und die perfekte Langstrecken-Sitzposition.

An dieser Stelle ist es Zeit, auf die Unterschiede zwischen der GT- und der R-Version zu kommen. Wir halten die GT trotz „Feet forward“ für ein auch in Kurven unerwartet handliches Motorrad. Aber klarerweise beherrscht die R-Version diese Disziplin noch eine Nummer besser. Das liegt an den recht zentral montierten Fußrasten, der etwas höheren Sitzposition und dem anders geformten Lenker. Aus allen diesen Änderungen ergibt sich eine aktivere Ergonomie. Die interne Rollenverteilung ist damit klar: Die R ist für die Chef-Dynamiker am Lenker erste Wahl, die GT spricht eher die komfortorientierten Freunde gepflegt-überbordender Dynamik an.

Dass Triumph mit der Rocket 3 auf dem richtigen Weg ist, zeigte das erste Halbjahr der Neuzulassungen: Rang 38 ist für ein so extremes Motorrad mehr als ein Achtungserfolg. Anders als bei vielen anderen Zweirädern scheint sich die Rocket 3 von der partiellen Marktdepression infolge der Corona-Wirren vollständig freimachen zu können. Triumphs deutscher Pressesprecher durfte Ende Juni bereits 491 Neuzulassungen registrieren. Bereits im April hatte Uli Bonsels gestöhnt, man suche bereits für eine Reihe von Händlern händeringend in anderen europäischen Märkten nach zusätzlichen Fahrzeugen. Das Jahresziel von 800 Einheiten werde man ganz bestimmt schaffen, gab er Mitte Mai zu Protokoll. Dass der Triumph-Sprecher nicht übertrieben hat, untermauern die Werte des ersten Halbjahres.

Ein Sammlerstück - das letzte Monster-Bike der Geschichte

Dass jeder, der sich eine Triumph Rocket 3 zulegt, richtig liegt, zeigt ein Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung wie auch die Entwicklung der Motorradtechnik. Denn es erscheint angesichts der dominierenden gesellschaftlichen Strömungen als nicht vorstellbar, dass solch ein Urvieh wie die Rocket 3 ein weiteres Mal entwickelt werden wird. Genausowenig erscheint denkbar, dass sie eine Nachfolgerin erhält. Die Politik wird weitere Statements á la Rocket 3 nicht mehr tolerieren. Wer zum Kreis der Genießer eines der letzten Monster-Bikes gehören will, sollte sich bald entscheiden.

Vergleich Triumph Rocket 3 GT 2021-2022 und Triumph Rocket 3 R 2021-2022
Triumph Rocket 3 GT
2021-2022
Triumph Rocket 3 R
2021-2022
Motor
Bohrung x Hub 110,2 x 85,9 mm 110,2 x 85,9 mm
Hubraum 2458 ccm 2458 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile Dreizylinder, flüssigkeitsgekühlt, DOHC Dreizylinder, flüssigkeitsgekühlt, DOHC
Abgasreinigung/-norm Euro 5 Euro 5
Leistung 167 PS (123 kW) bei 6000 U/min 167 PS (123 kW) bei 6000 U/min
Drehmoment 221 Nm bei 4000 U/min 221 Nm bei 4000 U/min
Verdichtung 10,8:1 10,8:1
Höchstgeschwindigkeit 222 km/h 222 km/h
Wartungsintervalle 800 km, dann alle 16000 km oder einmal jährlich 800 km, dann alle 16000 km oder einmal jährlich
Kraftübertragung
Kupplung hydraulische Anti-Hopping-Kupplung hydraulische Anti-Hopping-Kupplung
Schaltung 6-Gang 6-Gang
Antrieb Kardanwelle Kardanwelle
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Aluminiumrahmen Aluminiumrahmen
Federelemente vorn 47-mm-Upside-Down-Gabel von Showa, Cartridge-System mit einstellbarer Druck- und Zugstufe 47-mm-Upside-Down-Gabel von Showa, Cartridge-System mit einstellbarer Druck- und Zugstufe
Federelemente hinten voll einstellbares Zentralfederbein von Showa, Federvorspannung hydraulisch einstellbar voll einstellbares Zentralfederbein von Showa, Federvorspannung hydraulisch einstellbar
Federweg v/h 120 mm/107 mm 120 mm/107 mm
Radstand 1677 mm 1677 mm
Nachlauf 134,9 mm 134,9 mm
Lenkkopfwinkel 27,9° 27,9°
Räder Aluminium-Gussräder Aluminium-Gussräder
Reifen vorn 150/80 R17 V 150/80 R17 V
Reifen hinten 240/50 R16 V 240/50 R16 V
Bremse vorn 320-mm-Doppelscheibenbremse, Brembo-Stylema-Radial-Vierkolben-Monoblock-Bremssättel 320-mm-Doppelscheibenbremse, Brembo-Stylema-Radial-Vierkolben-Monoblock-Bremssättel
Bremse hinten 300-mm-Bremsscheibe, Brembo-Vierkolben-Monoblocksattel 300-mm-Bremsscheibe, Brembo-Vierkolben-Monoblocksattel
Maße & Gewicht
Länge 2365 mm 2365 mm
Breite 886 mm 889 mm
Höhe 1066 mm 1065 mm
Gewicht 320 kg 317 kg
Maximale Zuladung 205 kg 208 kg
Sitzhöhe 750 mm 773 mm
Standgeräusch 99 dB(A) 99 dB(A)
Fahrgeräusch 77 dB(A) 77 dB(A)
Tankinhalt 18 Liter 18 Liter
Fahrerassistenzsysteme
Kurven-ABS
schräglagenabhängige Traktionskontrolle
Fahrmodi
Tempomat
Berganfahrhilfe
Fahrzeugpreis ab 23350 € 22550 €
Sonstiges Preis ab 2022: ab 23.850,-- Euro Preis ab 2022: ab 23.050,-- Euro
Text: Ulf Böhringer, Fotos: Ulf Böhringer


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