M&R-Plus120 Jahre H-D-Geschichte – Besuch des H-D-Museums und Interview mit Bill Davidson

Es ist wirklich ein in vielerlei Hinsicht eindrückliches Monument, das Harley-Davidson in der Innenstadt von Milwaukee (WI, USA), dem Heimatort der Kult-Marke, gebaut und 2008 als Museum eröffnet hat.
23.04.2023
| Lesezeit ca. 5 Min.
Hanspeter Küffer
Harley-Davidson, Hanspeter Küffer
M&R-Plus
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Das Harley-Davidson-Museum erzählt mehr als nur die wechselvolle Geschichte der Marke
Das Harley-Davidson-Museum erzählt mehr als nur die wechselvolle Geschichte der Marke
Der aus rostigem Stahl, Beton und Glas gefertigte Kubus auf dem 81.000 m² großen Areal am Menomonee River beherbergt auf zwei Etagen und 12.000 m² die kompletteste und vielseitigste Sammlung von Harley-Davidson-Motorrädern weltweit. „Das Museum erzählt nicht nur 120 Jahre Harley-Davidson-Geschichte, es ist der Ort, an dem Geschichte und das Erbe unserer Leidenschaft lebendig werden“, bringt es Bill Davidson, Urenkel eines der Firmengründer, auf den Punkt.

Dreispuriger Motorrad-Highway als Einstieg

Mit den ersten in Serie produzierten H-D-Modellen startet ein interessanter Rundgang
Mit den ersten in Serie produzierten H-D-Modellen startet ein interessanter Rundgang
Der Rundgang beginnt mit Blick auf eine über 50 Meter lange Dreierreihe von Motorrädern, welche die ersten 50 Jahre des Unternehmens widerspiegeln. Die „Silent Gray Fellow“ von 1903, mit 3 PS starkem 35 cu.inch (580 ccm) Einzylinder-Viertaktmotor, ist das älteste Exponat und gleichzeitig die erste Harley-Davidson. Weitaus bedeutender als dieser Motor angetriebene Fahrrad, welches lediglich dreimal gebaut wurde, ist das benachbarte Modell von 1909, die erste Harley-Davidson mit V2-Motor, einem Bauprinzip, dem die Marke bis heute treu geblieben ist. Besonders sehenswerte Exponate von den späten 1940er-Jahren bis heute komplettieren diese geschichtsträchtige Modell-Galerie.

V2-Stammbaum nach Art des Hauses

Dieses Tsunami-Opfer wurde nach 5000 Kilometern an die kanadische Küste gespült
Dieses Tsunami-Opfer wurde nach 5000 Kilometern an die kanadische Küste gespült
Beidseitig dieser Modell-Straße angeordnete Schaufenster hinterleuchten weitere Ausstellungen wichtiger Meilensteine. Im „Engine Room“ erzählt die quasi als Stammbaum inszenierte Motorenwand die Entwicklung der Harley-Davidson-Antriebe von den Anfängen bis heute. Zu sämtlichen Modellen sind interaktiv Leistungsdaten, technische Details und Soundkulissen abrufbar. Die Explosionszeichnung eines Knucklehead aus den 1940er-Jahren veranschaulicht die zahllosen Einzelteile dieses legendären V2. Auf einer hölzernen Steilwandkurve aufgereihte Board-Tracker zollen den abenteuerlichen Club und Langstreckenrennen des frühen 20. Jahrhunderts Tribut. Sie lassen den Nervenkitzel, die Freude am Wettbewerb und die Motorradkultur vor über 100 Jahren erahnen.

Höhen und Tiefen prägen 120 Jahre H-D-Geschichte

Eins der größten Erfolge war die Einführung der Sportster im Jahre 1957
Eins der größten Erfolge war die Einführung der Sportster im Jahre 1957
Auf dem Weg durch weitere Galerien erfährt man viel Interessantes über Menschen, Produkte sowie über die Kultur und die Geschichte, welche die Harley-Davidson Motor Company zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Nebst den größten Erfolgen, beispielsweise die Einführung der Sportster im Jahre 1957, werden selbst große Herausforderungen wie die weit weniger glückliche Fusion mit AMF Ende der 1960er-Jahre schonungslos dargestellt.
Zahlreiche Fotos, Inserate, Plakate und Videos dokumentieren als Zeitzeugen die bewegte Harley-Davidson-Geschichte mit zahlreichen Höhen und Tiefen. Es sind nicht nur die Motorräder, sondern insbesondere die unzähligen kleinen und kleinsten, liebevoll zusammengetragenen und aufbereiteten Artefakte, die diese
Ausstellung so interessant und einzigartig machen.

Imagination-Station für die kleinsten Besucher

Rund 100 kunstvoll lackierte Tanks spiegeln die facettenreiche Firmengeschichte wider
Rund 100 kunstvoll lackierte Tanks spiegeln die facettenreiche Firmengeschichte wider
Ein weiteres Highlight ist die Tank-Wand, welche rund 100 der legendärsten und speziellsten Harley-Davidson-Tanks, die seit den Anfängen 1903 entworfen und lackiert wurden, präsentiert. Jeder dieser Tanks ist ein Kunstwerk an sich und ein Beispiel für die tiefgründige kreative Freiheit, welche die Marke auf so unvergleichlich einzigartige Art und Weise interpretiert. Und natürlich denkt Harley-Davidson selbst an die jüngsten Besucher, welche in der „Imagination Station“ Motorradkleidung in Kindergröße überziehen und auf entsprechend dimensionierten Maschinen imaginäre Motoren aufdrehen und bereits in ihrem
zarten Alter nahezu authentisches Biker-Feeling genießen können.

Rahmenprogramme auf dem H-D-Museum-Areal

Die Auswahl in den beiden Souvenir- und Bekleidungsshops ist nahezu grenzenlos
Die Auswahl in den beiden Souvenir- und Bekleidungsshops ist nahezu grenzenlos
Nebst Motor-Bar und -Restaurant mit BBQ und Drinks gibt es auf dem Areal des Harley-Davidson-Museums in Milwaukee zwei Souvenir- und Bekleidungsshops mit nahezu grenzenloser Auswahl an entsprechenden Artikeln. Donnerstagabend wird jeweils zum Biker-Treff mit fetziger Live-Musik lokaler Bands eingeladen. Und wer am Samstag das Museumsgelände besucht, kann die neusten Harley-Davidson-Modelle auf einer kurzen Strecke durch das nahe Menomonee Valley auf einer Proberunde testen.

Interview mit Bill Davidson, Vizepräsident der Harley-Davidson Motor Company, Sohn von Willie G. Davidson, Urenkel eines der Firmengründer

120 Jahre Harley-Davidson – Kein anderer Hersteller hat ohne Unterbrechung gleichermaßen lange Motorräder produziert. Herzlichen Glückwunsch. Und wie hat H-D das geschafft?
Bill Davidson: Nun, eine maßgebende Stärke ist sicherlich der einzigartig gute Zusammenhalt der „Familie“ – von allem Anfang an bis heute. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieben und leben ihren Job, von der Produktion übers Management bis hin zu unseren Händlern. Das spüren unsere Kunden und darauf sind wir stolz.
„Unsere motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieben und leben ihren Job.“ (Bill D.)
„Unsere motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieben und leben ihren Job.“ (Bill D.)

Was waren die wichtigsten Schritte in der Geschichte von Harley-Davidson?

Bill Davidson: Die ununterbrochene Produktion seit 120 Jahren. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion massiv erweitert. Aufgrund des hohen Bedarfs an Armeefahrzeugen musste die Produktion von Motorrädern für den zivilen Gebrauch in diesen Zeiträumen sogar eingestellt werden. Und dann ist da natürlich die Einführung der Sportster-Modellreihe, die ab 1957 Harley-Davidson so richtig beflügelt hat.


Es gab aber auch schwierige Zeiten.

Bill Davidson: Ja, die 1960er- und 1970er-Jahre waren nicht einfach. Da machte uns insbesondere die aufblühende japanische Konkurrenz zu schaffen. Anschließend brachten weder die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft noch der Mischkonzern AMF die erhofften Erfolge. Der entscheidende Aufschwung gelang jedoch durch das Management-Buy-out 1981.

Ein maßgebender europäischer Hersteller feiert in diesem Jahr sein 100. Jubiläum. Wie ist das Verhältnis zu den engsten Mitbewerbern?
Bill Davidson: Wir beobachten und behandeln unsere Mitbewerber stets mit Respekt, nicht nur BMW. Wir fahren ja auch Rennen mit- und gegeneinander, zum Beispiel in der Serie „Battle of Baggers“. Wir halten Kontakt, sprechen offen miteinander, auch mit Indian, Honda und weiteren führenden Marken.
„Harley-Davidson hat eine sehr starke Bindung zum V2 und zum Sound & Feel generell.“ (Bill D.)
„Harley-Davidson hat eine sehr starke Bindung zum V2 und zum Sound & Feel generell.“ (Bill D.)
Die Verkaufszahlen von Harley-Davidson sind derzeit eher rückläufig. Sind Sie zufrieden mit der aktuellen Modellpalette?
Bill Davidson: Sehr zufrieden. Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem aktuellen Sortiment sehr breit aufgestellt sind. Die unlängst lancierten Modelle Pan America und LiveWire untermauern unser Bestreben, Harley-Davidson permanent weiterzuentwickeln.

Insbesondere mit Letzteren tut sich Harley-Davidson jedoch noch immer sehr schwer am Markt. Wie viele Einheiten wurden denn von der LiveWire bisher gebaut respektive verkauft?
Bill Davidson: Unsere Marke hat eine extrem starke Bindung zum V2 und zum Sound & Feel generell. Zu Unrecht wird der LiveWire mit viel Misstrauen
begegnet. Sie trägt die unverkennbare DNA der Marke. Sie ist eine Harley-Davidson durch und durch. Wer sie gefahren ist, wird das bestätigen. Die Produktionszahlen einzelner Modelle geben wir nicht bekannt und ich weiß sie im Fall der LiveWire offen gesagt auch nicht.

„Die neusten Modelle untermauern unser Bestreben die Marke weiterzuentwickeln.“ (Bill D.)
„Die neusten Modelle untermauern unser Bestreben, die Marke weiterzuentwickeln.“ (Bill D.)