M&R-PlusYamaha XT 500 Story

Meinhold Müller, genannt „Shorty“ aus Beverungen an der Weser, Jahrgang 1959, ist Deutschlands (und wahrscheinlich auch Europas) wichtigster XT 500 Experte.
08.04.2023
| Lesezeit ca. 6 Min.
Klaus Nennewitz
Klaus Nennewitz, Andy Schwietzer, Meinhold Müller
Von frühester Jugend an interessierten ihn 2 Dinge ganz besonders: Musik und umgebaute Motorräder. Den Grundstein seiner riesigen Vinylsammlung legte er bereits im Teenageralter: heute verfügt er über eine Sammlung, in der jedes Rocklied der 70-er und 80-er Jahre vertreten ist. Oft auch in extrem seltenen Varianten, die man heute „Cover“ nennen würde.
M&R-Plus

Meinhold Müller – genannt „Shorty“, ist Deutschlands (und wahrscheinlich auch Europas) wichtigster XT 500 Experte
Meinhold Müller – genannt „Shorty“, ist Deutschlands wichtigster XT 500 Experte
Die Leidenschaft für selbstgebaute Motorräder teilt er mit seinem älteren Bruder. Um wie der mobil auf zwei Rädern unterwegs zu sein, baute sich der Junior aus 3 schrottreifen Kreidler-Moppetts die Maschine für die erste große Sause zusammen. Aber eigentlich faszinierten ihn die den großen Einzylinder-Viertakter, das Fahrwerk der XT 500 überzeugte den Geländesportfahrer aber nicht für seine Offroad-Eskapaden durch das Weserbergland. 1979 verpflanzte er deshalb einen XT 500 Motor in ein Maico-Fahrwerk, um damit bei lokalen Geländesportwettbewerben zu starten. In den Folgejahren setzt er sich mit XS 650-motorisierten Eigenbauten auseinander und eröffnet 1989 eine Motorradwerkstatt in seinem Heimatort an der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen. Nebenbei baute er die ehemalige Scheune zu einem beeindruckenden Motorradgeschäft mit Wohnung um und wurde 1992 offizieller Yamaha-Händler.
Alles ist möglich: XS 650 Zweizylinder im KTM Endurofahrwerk
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Fabrikneue Yamaha XT 500

Erst 1994 fand er wieder etwas Zeit, um die Leidenschaft für die Dampfhämmer zu pflegen: Die Restauration einer 1976er im Laufe der Jahre zu einem der gefragtesten und kompetentesten Techniker für den Yamaha-Single machte.
Ständig ist er auf der Suche nach gebrauchten Maschinen, die er dann komplett zerlegt, größtenteils liefern die Kunden aber die vergessenen oder verbastelten XT’s selber an. Die Bauteile werden gereinigt, gestrahlt und neu lackiert, dabei verfügt er über ein Netzwerk von Zulieferern, das er sich über Jahrzehnte hinweg aufgebaut und gepflegt hat. Selbstverständlich macht er auch komplette Motorenrevisionen und schafft es binnen weniger Wochen, einen Scheunenfund als „fabrikneues“ Exemplar wieder aus der Werkstatt zu schieben. Die Qualität und der Anspruch der Maschinen sind vom Allerfeinsten: alle Schrauben und Verschleißteile glänzen neu, Motoren, Rahmen und der edle und sündhaft teure Aluminiumtank sind frisch lackiert und mit original Dekoren versehen. Nur der originale Kilometerstand auf dem Tacho zeugt von der wahren Geschichte der Maschine.

Träume auf Rädern

Umgebaute XT 500 für die Rallye Breslau
Umgebaute XT 500 für die Rallye Breslau
Im Laufe der Jahre haben sich solche Unmengen von XT 500 bei Müller angesammelt, dass er seiner Kreativität und Leidenschaft freien Lauf lassen kann und sich die Motorräder so aufbaut, wie er sie in seiner Jugend schmachtend in den Motorradzeitungen bewundert hat. Er baut Replikas der extrem seltenen HL 500 Motocross-Maschinen, dann eine „Gulf“-Variante zu Ehren von Steve McQueen, verschiedene Enduromodelle im Stil der goldenen 70 Jahre des Geländesports, Supermotardvarianten und Dakar-Replikas. Auch anspruchsvolle Neumotorisierungen wie die blitzsaubere Transplantation eines Yamaha XS 400 Twins in ein XT 500 Fahrwerk gehören zu seinem Repertoire. Für jeden Kundenwunsch hat er die passende Antwort parat und kann die Ergonomie anpassen, die Fahrwerke entsprechend um- und ausbauen und spezielle Lackierungen realisieren. Inzwischen bekommt er Aufträge aus ganz Europa von Liebhabern, die sich ihre XT noch mal verjüngen lassen.
Der Meister an der Drehbank
Der Meister an der Drehbank
Fast alle Metallteile bearbeitet der Meister in der eigenen Werkstatt selber: Drehen, Fräsen, Schweißen, Biegen und Pressen erledigt der umtriebige Tüftler im Schlaf. Da jongliert er schon mal mit einer Schleifhexe und dem Schweißgerät in den Händen, während er den Telefonhörer auf die Schulter klemmt und seinen Kunden über das meterlange Telefonkabel quer durch die Werkstatt zum wiederholten Mal die Genesis einer wieder auferstandenen XT erläutert. Er wirkt dabei ein bisschen aus der Zeit gefallen, mit seiner sehr direkten und kurz angebundenen Art in Zeiten politischer Korrektheit, in der man bloß nicht anecken darf.

Kein Geschwätz, hier wird gearbeitet!

Der Nachbau eines Dakar-Benzintanks aus den frühen Achtzigern zur Dekoration im Laden
Der Nachbau eines Dakar-Benzintanks aus den frühen Achtzigern zur Dekoration im Laden
Müller kennt sich aus, keiner macht ihm was vor und Dampfplauderer oder Vertreter sind ihm ein Gräuel. Der Mann lebt wirklich seine Leidenschaft in vollen Zügen in der „Raumkapsel“ seiner Yamaha Werkstatt! Ein Logistik-Genie ist er zwangsweise geworden, wenn es darum geht, Aufträge und Teile dutzender Kundenfahrzeuge in der lebendigen Werkstatt auseinanderzuhalten. Die Lagerräume erstrecken sich in Katakomben-ähnlichen Kellergewölben und Scheunen von Kirchengröße ins schier Unermessliche.
Man fragt sich: wie kann ein Mensch Jahrgang 1959 bis heute so viel Material in einem Leben zusammengetragen haben? Müller ist auf seine Art eine Koryphäe, ein wandelndes Motorradlexikon mit einem unerschöpflichen Datenspeicher, auf dem jedes einzelne Bauteil seines Lagers abgespeichert ist. Mit Sicherheit wäre „Shorty“ heute in der Lage, eine XT 500 auch bei Stromausfall komplett im Dunkeln zu zerlegen, zu restaurieren und wieder zu einer fabrikneuen Maschine zusammenzufügen. Mit seinem starken Händedruck und der direkten Art schüchtert er vielleicht den einen oder anderen ein, aber es gibt keine unlösbaren Probleme und es wird so lange getüftelt und probiert, bis das gewünschte Resultat am Ende umgesetzt ist. Shorty war wie ich Fan des niederländischen Dakarpiloten Henno van Bergeijk, der 2006 die Rallye in Afrika als allerletzter auf einer umgebauten XT 500 beendete. Nach 20 Jahren Erfahrung in der Motorradentwicklung war ich von dem Gedanken besessen, ihm eine konkurrenzfähige Twinshock XT 500 mit dem originalen luftgekühlten Motor für die Rallye in Afrika aufzubauen. 2010 durfte ich die XT 540 Rallyemaschine während 3 Wochen an der Seite von Shorty in seiner Werkstatt an der Weser aufzubauen. Vorher hatte ich mir Gedanken über die Fahrwerksgeometrie gemacht und die wichtigsten Komponenten wie Räder, Bremsen und Federung von anderen Maschinen besorgt sowie Teile wie Gabelbrücken neu fertigen lassen.

Polnische Dakar

Vier Wochen vor dem Start der Rallye Breslau in Polen schlug ich mit einem VW-Bus voller Teile bei Motorrad Müller in Beverungen auf
Vier Wochen vor dem Start der Rallye Breslau in Polen schlug ich mit einem VW-Bus voller Teile bei Motorrad Müller in Beverungen auf
Mit einem VW-Bus voller Teile schlug ich im Juni 2010 bei Motorrad Müller in Beverungen auf, gerade 4 Wochen vor dem Start der Rallye Breslau in Polen, bei der die Maschine auf 1.600 navigierten Offroad-Kilometern während einer Woche getestet werden sollte. Es war Hochsaison, die Kunden standen Schlange mit Reparaturaufträgen, doch Shorty stand zu seinem Wort. Im Vorbeigehen drehte er Distanzhülsen, modifizierte gekonnt die Position der Schwingachse im XT-Rahmen für eine effiziente Hinterradfederung und holte seinen Bruder zur Hilfe, um über das Wochenende die elektrische Anlage zu bauen. Die Hauptabnahme beim TÜV schafften wir in letzter Minute, zwei Tage später stand ich bei der Breslau am Start, die ich am Ende von 90 Teilnehmern auf Platz 16 beendete. Shorty kam mit Freunden zum Start ins riesige Fahrerlager in Dresden. Als ich von der ersten Etappe im Ziel ankam, empfing er mich mit offenen Armen und feuchten Augen. Ich meinte, so ein Blitzen in seinen Augen gesehen zu haben, wie man es hat, wenn ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Unser Happening war nicht die ganz große Nummer, wir haben nicht die Dakar zusammen gewonnen, aber wir spürten wohl, wie Leidenschaft im Team und Begeisterung manchmal das schier Unmögliche schaffen können. Shorty Müller ist einer der letzten seiner Art: authentisch, zeitlos, bodenständig, kernig und unverwüstlich-genauso wie die Yamaha XT 500.
Die Rallye Breslau in Polen stand früher für gnadenlose Härte und brutale Wasserdurchfahrten
Die Rallye Breslau in Polen stand früher für gnadenlose Härte und brutale Wasserdurchfahrten ...
Mit einem Support-Team und guten Rennfahrerfreunden ist die Rallye Breslau in Polen gut zu schaffen
... aber mit einem Support-Team und guten Rennfahrerfreunden ist die Rallye Breslau in Polen gut zu schaffen