Enge Flusstäler in Schwaben: Lauter-, Lauchert- & Donautal

Die Tour im südlichen Teil von Baden-Württemberg führt durch diverse Flusstäler: Durch das Obere Neckar­tal, das Lautertal, das Laucherttal, das Obere Donautal und das Bäratal.
Enge Flusstäler, das verspricht nette Kurven und schmale Sträßchen. Klar ist aber auch: Die Täler sind sehr beliebt, bei Wanderern, Radfahrern, Reitern, Kanufahrern – und Motorradfahrern. Viele aus den ersten vier Gruppen aber mögen keine Motorradfahrer, weil diese zweifellos lauter und schneller sind als sie. Im Lautertal hat man deshalb allen Ernstes eine Höchstgeschwindigkeit von fünfzig Stundenkilo­metern festgelegt – die nur für Motorrad­fahrer gilt. (Und faktisch dann auch für Autofahrer, die hinter einer Gruppe von Motorradfahrern herfahren müssen.) Der Lochenpass wurde in Fahrtrichtung bergauf an Samstagen sowie Sonn- und Feiertagen für Motorradfahrer gesperrt.

Ein ideales Revier fürs Motorrad – und alle Motorradfahrer sollten dazu beitragen, dass das auch so bleibt
Ein ideales Revier fürs Motorrad – und alle Motorradfahrer sollten dazu beitragen, dass das auch so bleibt
Es empfiehlt sich also sehr, die Flusstäler mit möglichst wenig Sound zu durchfahren, um nicht noch weitere Ressentiments gegen Motorradfahrer zu schüren. Die Route ist ohnehin viel besser für Genussfahrer als für Raser geeignet. Wer seine 140 PS ausfahren will, der soll das lieber woanders tun. Für alle Genussfahrer gilt: Die Tour ist einfach nett. Die Bach- und Flusstäler sind traumhaft schön. Geschichtsträchtige Orte und nette Plätze zum Pause machen, gibt´s reichlich dazu.

Enge Straßen – und sehr viele Motorradfahrer

Die Gaststätte „Bootshaus“ im Lautertal ist ein Treffpunkt für Motorradfahrer
Die Gaststätte „Bootshaus“ im Lautertal ist ein Treffpunkt für Motorradfahrer
Start ist an der Autobahn A81 Stuttgart–Singen, an der Ausfahrt Empfingen. Da wir den Lochenpass an den Wochen­enden nicht bergauf fahren dürfen, drehen wir diese Runde im Uhrzeigersinn. Durch das Obere Neckartal in Richtung Tübingen. Wer jetzt schon Pause machen will: Bei Hirschau gibt es einen netten Badesee, bei Kirchentellinsfurt auch. Wer sich Tübingen anschauen will: Im Navi die „Neckarhalde“ eingeben und diese Straße ganz nach oben fahren. Sie endet am Tübinger Stift, das heißt oberhalb des Markt­platzes und somit direkt am zentralen Platz der Stadt. Mit dem Motorrad findet man hier oben wohl einen Parkplatz, mit einem Auto garantiert nicht. Dann nach Reutlingen und auf der Honauer Steige die Alb hoch. Wenn man die Steige nach oben fährt, sieht man rechts oben das Schloss Lichtenstein. Dieses wurde 1840 erbaut, nachdem der Dichter Wilhelm Hauff 1826 in seinem Roman „Lichtenstein“ hier ein zur damaligen Zeit noch fiktives Schloss beschrieben hatte. Am historischen Gemäuer gibt es eine Kletteranlage sowie im benachbarten Engstingen ein Automuseum.

Seen, Schlösser und Klöster – und eine Gedenkstätte

Im Kloster Kirchberg gibt es eine Klosterschenke mit netten Sitzplätzen im Freien. Bis ins 19. Jahrhundert war das Kloster von Dominikanerinnen bewohnt
Im Kloster Kirchberg gibt es eine Klosterschenke mit netten Sitzplätzen im Freien. Bis ins 19. Jahrhundert war das Kloster von Dominikanerinnen bewohnt
Das enge Lautertal ist sehr beliebt bei Motorradfahrern – diese aber nicht bei einigen, die hier wohnen. „Lila“, die Abkürzung für „Leise im Lautertal“, ist eine Vereinigung von ortsansässigen Motorradfahrern, die ihren Artgenossen deshalb eine anwohnerschonende Fahrweise nahelegen (www.mf-lila.de). Schilder weisen darauf hin, dass man so lärm­arm wie möglich fahren sollte. An der Lauter gibt es diverse Plätze, wo man sich am Ufer niederlassen kann. Vor Marbach (an der Lauter, nicht Marbach am Neckar) liegt oben auf einer kleinen Anhöhe das Schloss Grafeneck. Dieses ehemalige Jagdschloss in einsamer Lage wurde in der Hitlerzeit dazu auserwählt, um hier in der Provinz unbe­ob­achtet von der Öffentlichkeit Menschen mit Behinderungen zu vergasen. Bekannt wurde das natürlich doch: Bauern auf den Feldern hätten sich bekreuzigt, wenn sie die vollbesetzten Omnibusse hinauf zum Schloss Grafeneck fahren sahen – die dann leer wieder herunterfuhren. Am Schloss Grafeneck ist eine Gedenkstätte für die etwa 10.000 hier ermordeten Menschen mit Behinderungen eingerichtet. Trotz alldem liegt das Schloss in einer wunderschönen Landschaft. Jeweils am Sonntagnachmittag wird auf der Terrasse am Schloss Kaffee und Kuchen angeboten.

Das Schloss Gutenstein im gleichnamigen Ort ist einer der kleineren früheren Adelssitze im Oberen Donautal
Das Schloss Gutenstein im gleichnamigen Ort ist einer der kleineren früheren Adelssitze im Oberen Donautal
In Bichishausen gibt es eine bei Bikern sehr beliebte Gaststätte mit großem Außenbereich. Liebevoll gestaltet ist der Kiosk am Minigolfplatz „Steinreich“ (N48.292688, E9.499018) in Anhausen bei Indelhausen. In Zwiefalten gab es früher einmal ein Kloster. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde dieses säkularisiert und anschließend bis heute als Psychiatrie weiter verwendet. Vom Kloster ist immerhin noch die Brauerei in Betrieb.

Nette Plätzchen für Pausen gibt es genug

Vom Lautertal wechseln wir ins Laucherttal. An der B313
zwischen Bronnen und Gammertingen (N48.256041, E9.210663) befindet sich eine „Freizeitanlage“ an der Lauchert. Hier kann man die Füße in die sehr flache Lauchert hängen, in ein Kneippbecken treten oder über einen Barfußpfad gehen. Eine Grillstelle gibt´s auch, ebenso Toiletten, aber leider keinen Kiosk. Für Selbstversorger aber ist die Freizeitanlage ein wunderschöner Pausenplatz. Weiter durchs Laucherttal nähern wir uns dem Donautal. Bald kommt, auf einem Felssporn oberhalb Sigmaringens thronend, das Hohenzollernschloss Sigmaringen in den Blick, das unter anderem eine eindrucksvolle Waffensammlung birgt.

Nach Sigmaringen flussaufwärts wird das Donautal eng – und wunderschön

Im Schloss Sigmaringen kann man unter anderem eine Waffensammlung und eine Folterkammer besichtigen
Im Schloss Sigmaringen kann man unter anderem eine Waffensammlung und eine Folterkammer besichtigen
Von Sigmaringen fahren wir das Obere Donautal flussaufwärts. Hier rücken die Felsen eng zusammen. Die Straße durchs Donautal konnte nur so gebaut werden, dass an mehreren Stellen kleine Tunnelröhren in die Felsen gesprengt wurden. Einst war das Obere Donautal ein Eldorado für Kletterer, aber viele von ihnen hat man mit gesperrten Felsen erfolgreich vergrault. Ebenso darf man hier auf der Donau nicht mehr nach Lust und Laune Kanu fahren, sondern man muss sich vorab einen „Befahrungsschein“ besorgen – und die sind kontingentiert. Der alte Turm in Dietfurt – heute das Quartier der Bergwacht – war in früheren Zeiten Sitz des Neutemplerordens. Es gibt nur wenige Stellen, wo man an der Donau bequem ins Wasser kommt, ohne durch hohes Gras oder gar Brennnesseln schreiten zu müssen. 1,3 Kilometer nach der Straßenbrücke Dietfurt in Richtung Gutenstein führt ein unbefestigter Weg (N48.08002, E9.127557) von der Straße L277 durchs Donautal zu einem Badeplatz hinab. Oben wird der Weg durch eine Schranke versperrt. Dort lässt man die Motorräder stehen und geht zu Fuß wenige Meter bis zu einem Grillplatz am Ufer. Die Donau ist hier etwas breiter und das flache Ufer ist sehr gut geeignet, wenn man hier schwimmen oder auch nur die Beine ins Wasser hängen lassen möchte. Toiletten oder einen Kiosk gibt es aber nicht. In Hausen im Tal verlassen wir das Donautal bergauf in südliche Richtung und fahren hinauf zum Campus Galli.

Im Campus Galli wird nur mit den Materialien und Werkzeugen des 11. Jahrhunderts gearbeitet
Im Campus Galli wird nur mit den Materialien und Werkzeugen des 11. Jahrhunderts gearbeitet
Dies ist eine mittelalterliche Baustelle, in der eine Klosterstadt errichtet werden soll. Baubeginn war im Jahr 2013, das heißt, es gibt schon einiges dort zu sehen. Gebaut wird von Profis und Freiwilligen mit den Arbeitsmethoden und Materialien des 11. Jahrhunderts – also ohne elektrischen Strom und ohne Maschinen mit Verbrennungsmotor. Holzbalken werden von Ochsen gezogen und von Hand gesägt. Gerüste aus Stahl gibt es nicht, auch keine Schrauben oder andere moderne Metallteile. Beschläge für die Türen werden am Amboss selbst geschmiedet. Als Bauzeit wurden vierzig Jahre kalkuliert. Ob der Campus Galli oder Stuttgart 21 zuerst vollendet sein werden, weiß derzeit noch niemand. Das Gelände ist sehr weitläufig. Für eine sinnvolle Besichtigung muss man mindestens drei Stunden einkalkulieren. Position 48.033086, 9.109447, an der B313 zwischen Rohrdorf und Engelwies (www.campus-galli.de).

Der Ort Beuron wird von der Erzabtei geprägt
Der Ort Beuron wird von der Erzabtei geprägt
Die Burg Wildenstein bei Leibertingen (N48.053228, E9.002144), an der südlichen Kante des Donautals, bietet sich als Pausenplatz an, weil es im Burghof ein nettes Café gibt. Oben angekommen, geht man über zwei schmale Brücken – vormals Zugbrücken – zur Burg und blickt von dort in schwindelnde Tiefe hinunter. In der Burg ist eine Jugendherberge eingerichtet. Abgesehen vom Burghof kann die Burg nur von Übernachtungsgästen näher besichtigt werden. Bei Beuron – bekannt durch die große Klosteranlage der Beuroner Benediktiner – fahren wir wieder hoch auf die Alb. Am Knopfmacherfelsen (N48.029614, E8.950694) gibt es eine Gaststätte und einen Aussichtspunkt, von dem man nochmals hinab ins Donautal in Richtung Beuron schauen kann.

Der legendäre Lochenpass

Durchs Bäratal fahren wir zum Lochenpass. Oberhalb von
Balingen-Weilstetten steigt die Passstraße auf einer Strecke von fünf Kilometern etwa dreihundert Höhenmeter an. Dabei durchfährt man sechs scharfe Serpentinen. Die Strecke ist genial für Motorradfahrer – nur wussten das zu viele. Weil die Lärmbelästigung und auch die Zahl der Unfälle hoch war, wurde eine Geschwindigkeitsbegrenzung von siebzig Stundenkilometern auf der gesamten Strecke festgesetzt. Das half nicht viel: Motorradgruppen sammelten sich unten am beliebten Parkplatz an der ersten Kurve, schickten einen „Vorfahrer“ hoch, der die Strecke nach Radarfallen absuchte und oben angekommen seine unten wartenden Kumpel anrief und darüber informierte, ob die Strecke frei von Geschwindigkeitskontrollen ist. Dann wurden Bergrennen gefahren. Der oben positionierte Kumpel gab am Handy jeweils das „Go!“ und stoppte die Zeit der Nachfolgenden.

Bergauf darf man den Lochenpass nur von Montag bis Freitag mit dem Motorrad befahren. Die Fahrtrichtung dieser Tour geht vom Wochenende aus
Bergauf darf man den Lochenpass nur von Montag bis Freitag mit dem Motorrad befahren. Die Fahrtrichtung dieser Tour geht vom Wochenende aus
Derlei illegale Motorradrennen gingen natürlich nicht lange gut. Einmal flüchtete ein Motorradfahrer vor einer Polizeikontrolle und wurde dann sogar per Hubschrauber verfolgt. Derlei Vorkommnisse führten dazu, dass der Lochenpass in Fahrt­richtung bergauf, also von Balingen-Weilstetten nach Tieringen, an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen für Motorradfahrer gesperrt wurde. In unserer Fahrtrichtung, bergab, gibt es keine Beschränkungen. Von Balingen aus wäre es nicht weit bis zur Burg Hohenzollern. Die ist allerdings für Motorradfahrer weniger geeignet: Unten am Berg liegt ein Parkplatz und hinauf zur Burg geht es nur zu Fuß. Letzte Station zwischen Balingen und der Autobahn Singen – Stuttgart ist das Kloster Kirchberg. Dieses ehemalige Dominikanerinnenkloster ist sehr gut erhalten und heute geistliches Zentrum der Berneuchener Gemeinschaften (www.klosterkirchberg.de, N48.357633, E8.734066). Im Klosterhof gibt es eine Schenke und bei schönem Wetter sitzt man gemütlich draußen unter der Kastanie. Wenn man vom Klostertor aus nach rechts fährt – einen Wegweiser gibt es hier nicht und die Straße ist sehr schmal, aber legal zu befahren –, gelangt man durch einen Wald, dann nach links bergab durch einen Bauernhof hindurch und oben an der Straße nach links abbiegend direkt zur Auto­bahnauffahrt Empfingen der Autobahn Stuttgart–Singen.


Text: Dietrich Hub, Fotos: Dietrich Hub


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