Finnland-Schweden - Nordlichter Europas

In Finnland startend führt uns das asphaltierte Teerband durch schicke kleine Ortschaften. Allerdings kommen auch die Metropolen Helsinki und Stockholm nicht zu kurz!
Wenn Mann motorisiert nach Skandinavien aufbricht, sollte er sich vorab schon mal die abweichenden Verkehrsregeln und die dazugehörigen Zeichen einprägen: Das Dreieck mit dem Elch zum Beispiel! Wenn nämlich Elchgefahr droht, hört der Spaß auf. Wie Einheimische wissen, verhält sich dieser anders als beispielsweise das zarte Reh, das scheu stets das Weite sucht. Der Elch bleibt, stur wie sie da oben im Norden nun mal sind, einfach stehen. Für uns ist die Sache aber halb so wild. Wir haben nämlich gar keinen gehörnten Koloss - schade eigentlich - zu Gesicht bekommen. Aber der Reihe nach: Die Reise beginnt nachts um drei in Travemünde. Ein kleines Bier in der Bordbar der Finnlady und schon liegen wir in der Koje. Helsinki empfängt uns frisch und sonnig. Ein paar kleine Runden auf der Aprilia Caponord und der Victory Cross Roadster Classic verschaffen mir und Kumpel Thomas einen ersten Eindruck von der schönen Hauptstadt Finnlands. Glaubt man Kennern der Szene, erschließen sich die Reize der Stadt, wie das viel gepriesene Design oder die Kneipen- und Musikszene, nach kurzer Suche.
Allerdings haben wir noch mehr vor und so fahren wir an der Küste entlang nach Nordosten. Von der finnischen Einsamkeit findet sich noch keine Spur, hier stehen Wochenendhäuser betuchter Helsinkier. Das kleine idyllische Städtchen Porvoo weckt allerdings unseren Appetit auf mehr und in Louvisa, nur etwas weiter, ist Markt. Sofort springen uns die Stände mit den Früchten ins Auge. Ob Cranberries, Himbeeren oder Blaubeeren, hier findet sich alles für den Beerenkuchen. Klar, dass so was auch im hohen Norden reif wird. Die Wachstumsperiode selbst ist zwar kurz, dafür leuchtet das Licht am Tag eben manchmal 24 Stunden lang.
Porvoo
Porvoo
Nach dem Marktbummel kurven wir über Kotka, bis wir schwungvoll jede Kurve mitnehmend, auf Hamina zusteuern. Der Ort begeistert sofort, weil er sich gravierend von anderen finnischen Siedlungen abhebt. Das alte Rathaus wird von einem so breiten Kreisverkehr umrundet, dass er bei mancher europäischen Hauptstadt noch im Reiseführer erwähnt werden würde. Dieser taugt für einige Runden in ordentlicher Schräglage. Danach folgen wir gemütlich der schnurgeraden Europastraße Richtung St. Petersburg. Endlos sieht die Schlange der russischen Trucks am Straßenrand aus. Es muss Tage dauern, bis sie über die Grenze kommen. Wir biegen schleunigst ab, um auf schmalen, kurvenreichen Straßen nach Lappeenranta, dem Tor zu Finnlands 1.000-Seen-Landschaft, zu kommen.

Rathaus in Hamina
Rathaus in Hamina
Im Sommer bauen Künstler hier an der Promenade riesige Sandskulpturen, die man wirklich mal gesehen haben muss. Schade, dass unser Hunger am Abend so groß ist, dass wir den nächstbesten Pizzaladen ansteuern. Ein paar hundert Meter weiter hätten wir am Ufer des Saalma Sees eine Auswahl netter Restaurants gefunden. Sei es drum, unser Roadbook führt uns am nächsten Tag weiter über Imagra in die märchenhafte Waldlandschaft des Seengebiets. Manchmal führen die kleinen kaum von Autos oder Lastwagen befahrenen Straßen schnurgerade durch die Gegend, aber immer wieder können wir uns in aufeinanderfolgenden schwungvollen Kurven austoben. Gelegentlich wird unsere flotte Fahrt auch von kurzen kostenlosen Fährtransfers unterbrochen.
Sandskulpturen
Sandskulpturen
Der Besuch der Burg Olavinlinna in Savonlinna bringt uns noch zusätzlich angenehme Abwechslung. Sie hat ihren Ursprung im Mittelalter. Heute gilt sie als die am besten aus dieser Zeit erhaltene Burg in ganz Nordeuropa. Gut 300 Kilometer legen wir von dort aus zurück, bevor wir bei ergiebigem Regen in Kuopio ankommen. Aber was soll’s, echte Männer sind doch nicht aus Zucker! Trotzdem verschieben wir am nächsten Morgen die Abfahrt, es gießt jetzt in Strömen! Zwar behält der Wetterbericht recht mit seiner Prognose nachlassenden Regens, dafür kann aber kein Druckpunkt am Kupplungshebel der Aprilia gefunden werden. Da hilft nur eine Anfrage per Mobilfunk beim sachkundigen Telefonjoker namens Achim in Hamburg - mit nachfolgender Kupplungsentlüftung und Nachfüllen der Flüssigkeit. Eine Motorradwerkstatt in Finnland zu finden, gleicht nämlich der sprichwörtlichen Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Der Bestand an Maschinen, von Moto-Cross-Maschinen oder Enduros mal abgesehen, gestaltet sich obendrein recht überschaubar. Das steht im Gegensatz zu Snowmobilen, von denen manche Familie mehrere haben, denn Skidoos können mit etwas Geschick preiswert als landwirtschaftliche Fahrzeuge deklariert werden.
Burg Olavinlinna
Burg Olavinlinna
Ausschließlich auf kleinen Straßen wollen wir nach Jyvaeskylae fahren. Manchmal führen die dann aber auch über Sand und Schotter, einen Belag, bei dem es mit einer Maschine wie der Victory ungemütlich wird. Mit Motorrädern, die zumindest für leichtes Gelände taugen, dürfte man in Finnlands Pampa jedenfalls besser aufgehoben sein. Jyvaeskylae ist für finnische Verhältnisse eine quietschfidele Ortschaft, was wohl an ihrem Status als Universitätsstadt liegt. Hier könnten die Ghotik-Rocker von Him ihre Karriere gestartet haben. Nirgendwo sonst sehen wir auf der Reise eine Anhäufung so fantasievoller Kleidung wie auf dem Marktplatz der Studentenhochburg. Was uns obendrein auffällt: Mit den stets freundlichen Finnen zu kommunizieren, gestaltet sich einfach, denn nahezu jeder spricht hier Englisch und zwar besser als der Durchschnittsdeutsche. Wäre das anders, käme man mit Finnen kaum ins Gespräch, denn die Sprache zu lernen, wäre eine Lebensaufgabe. Zum Glück wird in Südfinnland auch Schwedisch gesprochen, was zumindest schriftlich, die Bedeutung der Wörter erahnen lässt. Das Tagesziel heißt dann Tampere, die, wie viele Finnen sagen, zur Zeit angesagteste Stadt des Landes. Hier soll es die umtriebigsten Theater, die beste kulinarische Szene und das lebendigste Musikleben aller Genres geben. Als Wahrzeichen der Stadt kennt man den Aussichtsturm Naesinneula, der wie ein Fernsehturm aussieht aber in dem sich auch langsam ein Restaurant mit herrlicher Aussicht auf die Seenlandschaft dreht. Wohl dem, der auf ein Eiland der Insellandschaft vor der Stadt eingeladen ist. Die Inseln befinden sich nämlich fast alle in Privatbesitz. Es sind alles kleine Paradiese, auf denen sich beispielsweise Geschichtenerfinder wie L.S. Stevenson leicht so etwas wie den Roman "Die Schatzinsel" hätten einfallen lassen können. Am nächsten Tag touren wir mit den Motorrädern noch ausgiebig über die Ringverbindung, die durch die besagte Schärenlandschaft vor der Stadt führt. Diese Tour darf man wirklich sehr empfehlen, wenn auch die Verbindungsstrecken zwischen den Inseln meist höchstens vierzig Kilometer lang sind. Man fährt sozusagen von einer Fähre zur anderen und für diese Fahrt sollte man genügend Zeit einplanen.
Richtung Jyvaeskylae
Richtung Jyvaeskylae
Meistens gestalten sich die Wartezeiten an den Fähren nur kurz, einmal dauert es allerdings zwei Stunden, der hochfrequenten Sommersaison sei Dank. Also müssen wir uns sputen, denn Fähren warten nicht und wir wollen abends von Turku über Nacht nach Stockholm schippern. Das Buffet an Bord ist übrigens hervorragend.
Natürlich liegt Stockholm fast noch im Tiefschlaf als wir ankommen. Schließlich zeigt die Uhr erst die siebte Stunde des heutigen Sonntages. Immerhin sorgt das für freie Fahrt dort und so können wir wenigstens einen kleinen Eindruck von den touristischen Sehenswürdigkeiten bekommen. Wir rollen auch durch die engen Gassen der Altstadt der 800.000-Einwohner-Metropole, vorbei am Vasamuseum, am Königsschloss und an den zahllosen Grünflächen und Parks. Aber dann kommt schon wieder die Zeit für die nächste Etappe. Auf kleinen Straßen tuckern wir um einen lang gezogenen See herum wieder in Richtung Küste. Dort liegt eine Ortschaft namens Trosa, die laut Reiseführer "das Ende der Welt" darstellen soll. Das bezieht sich aber nur auf die geografische Lage, denn das Städtchen zeigt sich außerordentlich lebensfroh. Der ehemalige Fischerort liegt an beiden Ufern des idyllischen Flusses Trosa an. An den Kaimauern dümpeln jede Menge kleine Boote, Obst und Gemüsestände säumen die kleinen Straßen. Die Anzahl der Cafés und Restaurants in den niedrigen bunten Holzhäusern mit ihren flachen Dächern lassen auf einen regen Tourismus während des Sommers schließen. Eine kleine Promenade zieht sich märchenhaft durch den Ort. Auf dem Flüsschen schwimmen unzählige Boote, die gemietet werden können, um das Städtchen zu erkunden. Trosa ist auf jeden Fall einen längeren Stopp Wert.

Wir wollen weiter nach Norrköping, das Meer bleibt hinter uns. Ryd und ein Ort, von dem wir einst in Sachen Fußball hörten, liegen auf dem Weg. Dieser nennt sich Advidaberg und irgendwann waren die Bayern mal da. Einfach wundervoll, wenn sich so ein Flecken Erde in die Fußball- Weltgeschichte einschleicht.
Für den Motorradfahrer ist die Gegend hier aber auch bemerkenswert. Schmale, kurvenreiche Sträßchen lassen hier in der hügeligen Landschaft beherzte Schwünge und Schräglagen zu. Spätestens hier vermisst Kumpel Thomas auf seiner Victory die Annehmlichkeiten einer Enduro, denn manche zunächst asphaltierte Wege überraschen uns mit langen Schotterpassagen zwischendurch. Allerdings gebietet der Himmel jeglichem Staub Einhalt. Sind wir bisher vom Wasser der bedrohlichen Wolkenschichten über uns verschont geblieben, erwischt uns jetzt doch ein heftiges Gewitter, das wir unter dem Verandadach eines wohl verlassenen Bauernhauses aussitzen.
Bald ist die Sonne aber wieder unsere Begleiterin. Die atemberaubende Landschaft mit ihren Wäldern, Anhöhen und Seen sowie den rot-weiß gestrichenen Schwedenhäusern entschädigt uns dann sofort wieder für die tropfnasse Bekleidung. Hier in Smaland sieht es eben aus wie bei der bekanntesten Schwedin, einer gewissen Pippi Langstrumpf und dem nicht weniger berühmten Michel aus Lönneberga, ganz so, wie man sich Schweden bei uns halt so vorstellt. Unser Nachtquartier am See Södra passt ebenfalls sehr gut ins Bild.
Das Hotel Ullinge ist noch dazu bestens auf Motorradfahrer eingerichtet. Und, wenn der Motorradfahrer auch noch Angler ist, kommt er an diesem Gewässer auf jeden Fall auf seine Kosten. Frischer Fisch hat halt was! Ganz in der Nähe liegt der Ort Eksjö, ein malerisches Städtchen, an dem man nicht achtlos vorbeirauschen sollte.

Wie immer meiden wir, wenn möglich, die Hauptstraßen und gelangen trotz unserer elektronischen Navigationshilfen samt „Steffie’s“ notorischer Umkehranweisungen sowie einiger Umwege nach Vaexjö, der Provinzhauptstadt, die vor allem durch die Glasproduktion bekannt geworden ist. Das Glasmuseum sollte auf jeden Fall besucht werden.
Auch am nächsten Tag können wir die lieblich wirkende hügelige Landschaft weiter intensiv genießen und lassen uns von einer Kurve in die nächste bis in den südlichsten Teil Schwedens nach Kristianstad treiben. Bis 1905 gehörte dieses Gebiet übrigens noch zum Königreich Dänemark. Skeane heißt die Region, die dann auch wieder am Meer liegt. Die hübschen Ortschaften Kivik und Simrishamn laden hier zu längeren Pausen ein. Ein absolutes Muss für den historisch interessierten Motorradfahrer dürfte die steinerne Schiffssetzung in Kaeseberga sein, an der man auf dem Weg nach Ystad über die RV 9 vorbei kommt. Insgesamt 58 Felsblöcke bilden hier ein gutes Stück über dem Meeresspiegel die Form eines Schiffes. Für den Freund des skandinavischen Krimis ist der Besuch von Ystad natürlich eine Selbstverständlichkeit. Kommissar Wallander wurde von uns aber nicht gesichtet und von einem Mordfall scheint das hübsche Städtchen mit seinem zum Verweilen einladenden Marktplatz auch gerade mal nicht heimgesucht worden zu sein. Beruhigt können wir also die letzten Kilometer nach Trelleborg zum Fährhafen gondeln - voller Eindrücke von rund 2.500 Kilometern Motorradfahrt durch zwei besondere Teile Skandinaviens.



#Aprilia#Finnland#Schweden#Tour#Victory

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