Ein heißer Ritt: Thüringer Wald

Als Ausgangspunkt für die Tour haben wir Schleusingen gewählt. Die Kleinstadt ist am südlichen Rand des Thüringer Walds gelegen. Es ist noch früh am Tag, als wir unsere Motorräder startklar machen und vor allem genügend Flüssigkeit in Form von Mineralwasser in unseren Tankrucksäcken bunkern, denn die von Himmel brennenden Sonne verspricht Temperaturen von mehr als dreißig Grad. Schleusingen wurde im Jahre 1232 erstmals in Urkunden erwähnt und genau zu dieser Zeit ließ Graf Poppo VII. von Henneberg – der hieß wirklich so – dort die Bertholdsburg bauen. Sie überstand die wechselvolle Geschichte Schleusingens sowie zahlreiche Brände, denen ganze Stadtteile zum Opfer fielen, fast unbeschadet. Heute sind dort ein heimatgeschichtliches und ein naturhistorisches Museum untergebracht. Den Aussichtsturm könnte man sogar besteigen, wenn Temperaturen und Motorradbekleidung das Ganze nicht zu einer schweißtreibenden Angelegenheit machen würden. Wir verzichten gerne darauf und lassen uns lieber den Fahrtwind um die Nase wehen.
Schleusingen, Schloss Bernholdsburg
Schleusingen, Schloss Bernholdsburg

Vorbei an der Bertholdsburg verlassen wir Schleusingen und schwingen in flotter Fahrt auf wenig befahrenen Nebenstraßen, die vom satten Grün der links und rechts liegenden Wiesen und Felder eingerahmt sind, Richtung Nordosten. Ahlstädt, Bischofrod und Grub sind ein paar Namen von kleinen Orten, die wir durchfahren, ehe wir in Marisfeld einen kurzen Stopp einlegen und einen ersten ordentlichen Schluck Wasser trinken. Weiter geht die Fahrt über Dillstädt nach Rohr, vorbei an dem ehemaligen Benediktinerinnenkloster in den gut erhaltenen, historischen Ortskern mit seinen wunderschönen Fachwerkhäusern im fränkischen Stil.

In der ehemaligen Klosterkirche – hier existierte vormals ein Benediktinerkloster – ist es angenehm kühl, doch wir haben noch eine weite Strecke vor uns. Ungefähr fünfundzwanzig Kilometern weiter erreichen wir auf kurvenreicher Straße, teils im Schatten von Waldrändern, unser nächstes Zwischenziel Schmalkalden. Hier stellen wir die Motorräder am Rande der Fußgängerzone ab und begeben uns in den historischen Teil der Altstadt. Wunderschöne und gut erhaltene Fachwerkhäuser bilden zusammen mit dem Rathaus und der Stadtkirche St. Georg – beides aus dem 16. Jahrhundert – ein sehenswertes Ensemble. Befasst man sich mit der durchaus wechselvollen Geschichte, so stellt man fest, dass auch hier die Namen der Grafen von Henneberg-Schleusingen immer wieder auftauchen. Und dass die Stadt über 600 Jahre zur Provinz Hessen-Nassau gehörte, ehe sie am 1. Juli 1944 in den Regierungsbezirk Erfurt eingegliedert wurde. Nach einem erfrischenden Eis vor dem Ratskeller geht die Fahrt weiter.

Mittlerweile ist es so heiß, dass das Profil meiner African Twin zwischen Schmalkalden und Trusetal stellenweise Spuren im weichen Asphalt hinterlässt. Von Trusetal fahren wir weiter Richtung Brotterode und bestaunen auf dem Weg dorthin den Trusetaler Wasserfall. Er sieht aus, als hätte ihn die Natur erschaffen, doch der Schein trügt.

Thüringer Wald

Der mit fünfzig Metern höchste Wasserfall in Thüringen ist von Menschenhand geschaffen und wird in den Wintermonaten einfach abgestellt, um Frostschäden an der Felsenkulisse zu vermeiden. Trotzdem sieht er imposant aus und lohnt einen kurzen Halt. Von Brotterode aus ist es nicht weit bis zum 916,5 Meter hohen Großen Inselsberg. Der höchste Berg im nordwestlichen Teil des Thüringer Waldes ist Anziehungspunkt für viele Besucher, nicht nur Motorradfahrer sondern auch Wanderer und Radfahrer. Vom Aussichtsturm aus hat man einen hervorragenden Blick in die Umgebung und kann sogar die Sprungschanzen der im Winter für den Continental Cup genutzten Schanzenanlage von Brotterode gut erkennen. Wir haben uns den schweißtreibenden Aufstieg geschenkt. Auch vom Boden aus kann man die Aussicht genießen. Wieder zurück in Brotterode nehmen wir die knapp vierzig Kilometer bis nach Eisenach unter die Räder. Das Thermometer nähert sich inzwischen der 35°-Marke und trotz luftiger, aber immer vollständiger Sicherheitsbekleidung wirkt der Fahrtwind eher wie ein warmer Föhn, als wir durch Ruhla und Wutha-Farnroda rollen. Eigentlich wollten wir einen Blick in die Altstadt von Eisenach werfen, doch die Luft ist so heiß und stickig, dass wir uns kurzerhand entschließen, der sehenswerten Stadt und der Wartburg an einem anderen Tag unsere ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Schließlich ist Eisenach die Geburtsstadt von Johann Sebastian Bach, der Ausgangspunkt der Reformation durch Martin Luther und auch der Standort der Automobilwerke Eisenach, die zu DDR-Zeiten den Wartburg entwickelte und baute. Also schnell auf die B19 und der Stadt den Rücken gekehrt mit dem Versprechen wiederzukommen.

Solz, Thüringer Wald

Die Bundesstraße ist gut ausgebaut und wunderschön in grüne Laubwälder eingepasst. Unsere Lungen können wieder freier atmen und der Schatten der Bäume gönnt uns eine Erholung von der stechenden Mittagssonne. Bei Wilhelmsthal und dem gleichnamigen Schloss, das nach der Wende zunächst dem Verfall preisgegeben war und erst seit 2011 nach und nach saniert wird, verlassen wir die B19 und schlagen uns in die Büsche – bitte nicht wörtlich verstehen. Über Eckardtshausen, Wackenhof, Kupfersuhl und Möhra fahren wir auf einer kleinen Nebenstraße nach Bad Salzungen.

Seit 1923 ist Salzungen Kurstadt und seit 2009 ein staatlich anerkanntes Sole-Heilbad. Wir wollen hier zwar kein Solebad nehmen, aber interessieren uns für das Gradierwerk. Gradieren bedeutet, den Salzgehalt in einer Sole mit geringem Salzgehalt zu erhöhen. Dazu lässt man die Sole durch meterhohe Wände aus Schwarzdorn rieseln. Durch Sonne und Wind verdunstet Wasser und die Sole wird konzentriert, um daraus reines Salz zu gewinnen.

Heute werden die Gradierwerke sowohl zu Kurzwecken als auch als Sehenswürdigkeiten in der Tourismusbranche eingesetzt. Durch den Abstecher in die Kuranlage und das Gradierwerk haben wir einige interessante Informationen über den Einsatz von Jahrhunderte alten Verfahren auch in der heutigen Zeit erhalten.

Thüringer Wald

Bei unserer Weiterfahrt nutzen wir die B 285 in südlicher Richtung. In Urnshausen biegen wir links ab auf eine schmale Landstraße. Meidet man die Bundesstraßen und schaut auf den kleinen Straßen links oder rechts, entdeckt man manch interessante Sehenswürdigkeit, auch wenn man sie nicht sofort erkennt.

Hinter Bernshausen entdecken wir zum Beispiel die „Bernshäuser Kutte“, einen Einfallweiher mit einem Durchmesser von ca. 250 Metern. Einfallweiher entstehen durch den Einsturz von Hohlräumen im Salzstein-Untergrund. Nur wenige hunderte Meter weiter können wir den Schatten der Bäume genießen, deren Äste und Zweige sich wie ein Tunnel über der Straße zusammenfinden. Über Roßdorf, Hümpfershausen, Unterkatz und Solz führt uns die Route Richtung Meiningen. Bei Walldorf lockt das Schild „Schloss Landsberg“ auf eine kleine Stichstraße und wir landen im Innenhof eines Schlosshotels, das auf einen neuen Pächter wartet.

Also wird es nichts mit durststillenden Getränken. Nur der Griff zur mitgeführten Wasserflasche hilft. Erst in Meiningen ergibt sich die Gelegenheit, im teils schattigen Innenhof des Meininger Schloss Elisabethenburg eine Stärkung zu sich zu nehmen. Meiningen liegt zentral im Dreiländereck von Thüringen, Hessen und Bayern.
Die Stadt wurde im 11. Jahrtausend als „Königsgut“ gegründet und gehörte zum Hochstift Würzburg. Im 16. Jahrhundert wurde sie Verwaltungssitz des Henneberger Landes – den Namen hatten wir doch schon ein paar Mal – und später Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen.

Schloss Elisabethenburg war bis 1918 das Residenzschloss der Herzöge. Kultur wird in Meiningen groß geschrieben, denn das Meininger Theater ist Bühne für Schauspiel, Musiktheater, Ballett und nicht zuletzt für ein Puppentheater. Die Meininger Hofkapelle ist zudem eines der ältesten und traditionsreichsten Orchester in Europa.

Thüringer Wald

Frisch gestärkt nehmen wir den letzten Abschnitt unseres „heißen Ritts“ durch das Vorland des Thüringer Waldes unter die Räder. Wir bleiben auf Nebenstraßen und rollen in zügigem Tempo über Untermaßfeld, Ritschenhausen, Neubrunn und Wachenbrunn nach Themar. Der Ort am Oberlauf der Werra wurde bereits im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnt und gehörte zum Stammesherzogtum Franken, später dann zur Grafschaft Henneberg. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt von den Kroaten eingenommen, geplündert und schließlich sogar in Brand gesetzt. Reste einer Stadtbefestigung finden sich an mehreren Stellen. Knapp drei Kilometer weiter finden wir das Kloster Veßra. Ursprünglich als Prämonstratenserkloster im 12. Jahrhundert gegründet wurde es im Zuge der Säkularisierung zur fürstlichen und später staatlichen Domäne. Seit 1975 befindet sich dort ein agrarhistorisches Museum. Seit 1990 ist die ehemalige Klosteranlage Sitz des Hennebergischen Museums Kloster Veßra. Knapp zehn Kilometer sind es nun noch bis zum Ausgangspunkt unserer Tour durch den Thüringer Wald und sein Südliches Vorland. Schleusingen hat uns wieder. Die Motorräder sind abgestellt, die verschwitzten Kleidungsstücke vom Leib gerissen und dieser unter einer wohltuenden Dusche vom Schweiß befreit. Immerhin haben wir zwischen drei und vier Liter Flüssigkeit pro Nase verdunstet. Bei einem wohlverdienten Bier lassen wir den Tag ausklingen. Es war heiß, sehr heiß, es war schön, sehr schön sogar und es hat Spaß gemacht durch den Thüringer Wald und sein Vorland zu fahren.

Thüringer Wald

Text: Jost G. Martin, Fotos: Jost G. Martin


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