La Gomera – Die grüne Perle der Kanaren

La Gomera – Die grüne Perle der Kanaren

Westlich von Teneriffa liegt La Gomera, die neben einem fantastischen Ausblick auf den Teide der Nachbarinsel auch traumhafte Strecken für Motorradfahrer bereithält.
Das mit einer Breite von nur 25 Kilometern zweitkleinste Eiland der Hauptgruppe unterscheidet sich stark von den übrigen Kanarischen Inseln. Als hätte man auf La Gomera die Zeit vergessen, fühlt man sich in eine anderen Epoche zurückversetzt. Ohne das aufdringliche Gedränge der Touristenorte, die sich wiederholenden Hotelkomplexe und die kastigen weißen Villen ist man hier von einer üppig grünen Landschaft umgeben, die abwechselnd vom dichten Nebel umhüllt und von der Sonne gebadet wird. Mit geringer Bevölkerungsdichte und wenig Verkehr geben die Dörfer mit ihren regenbogenfarbenen Häusern kaum Hinweise darauf, dass auch La Gomera hauptsächlich vom Tourismus lebt. Das zentrale Hochland der Insel, das besonders häufig im Nebel versinkt, befindet sich genau in der richtigen Höhe, um üppig subtropischen Regenwald gedeihen zu lassen. Das Resultat ist eine lebendig grüne Umgebung, weshalb La Gomera als „Die grüne Perle der Kanaren“ gilt.

Mit der Fähre nach La Gomera

San Sebastián de La Gomera
San Sebastián de La Gomera
Nach unserer Tour über Teneriffa wollen wir es in diesem Winter nicht bei nur einer Kanareninsel belassen, sondern gleich vier von ihnen besuchen.
Bereits am frühen Morgen soll uns die Fähre von Los Christianos auf Teneriffa nach La Gomera bringen. Bei Sonnenaufgang rollen wir zum Hafen hinunter. Außer uns warten nur zwei weitere Motorräder am Fähranleger, während ein endloser Strom von Lastwagen das klaffende Maul des Schiffes verlässt. Endlich bekommen wir das ersehnte Zeichen, fahren in den Schlund des Wals hinein und gleich im Anschluss eine steile, rutschige Rampe hinauf aufs obere Autodeck, wo die Motorräder mit Spanngurten verzurrt werden. Unser Abenteuer hat begonnen. Nach einer reibungslosen, einstündigen Überfahrt bei einem einfachen Frühstück aus Croissants, Orangensaft und Kaffee wiederholt sich die Prozedur in umgekehrter Reihenfolge, bevor wir auf dem Pier von San Sebastián de La Gomera stehen.
San Sebastián de La Gomera und das Fährterminal
San Sebastián de La Gomera und das Fährterminal
Die Sonne ist inzwischen aufgegangen und das Erste, was uns auffällt, sind die bunten Gebäude. Sogar sie scheinen sich dem subtropischen Flair der Insel anzupassen. Wenige Kilometer vom Hafen entfernt deponieren wir unser Gepäck in einem kleinen Apartment und starten auf der Straße mit der Bezeichnung GM-1 unsere Tour zum Zentrum der Insel.

Rote Felsen und grüne Kakteen

Die Verkehrsdichte nimmt rasch ab und auch die Landschaft unterscheidet sich bereits drastisch von dem, was wir von Teneriffa gewohnt sind. Die vorherrschende Boden- und Gesteinsfarbe ist rot, die Hügel sind in dieser niedrigeren Höhe jedoch fast vollständig von grünen Gräsern und kleinen Kakteen bedeckt. Je höher das Gelände in Richtung Inselmitte ansteigt, desto grüner wird die Vegetation. Zu beiden Seiten der Straße stehen große Palmen, Bananenbäume und riesige Farne, während sie sich entlang der tiefen Furchen schlängelt, die sich von der Spitze der Insel in alle Himmelsrichtungen bis hinunter zum Meer erstrecken. Hölzerne Barrieren scheinen Kurven und Abhänge zu sichern. Bei genauer Betrachtung handelt es sich um ausgehöhlte Rundhölzer, die aus rein optischen Gründen die stählernen Leitplanken verkleiden. An einem riesigen farbigen Schild der Region Hermigua halten wir in einer von kanarischen Kiefern gesäumten Kurve, die einen fantastischen Blick über das Tal in Richtung Küste eröffnet, um Erinnerungsfotos zu schießen.

Tolle Aussicht auf den Teide

Auf dem Weg nach Hermigua
Auf dem Weg nach Hermigua
Im Anschluss müssen wir nur der GM-1 weiter folgen, um die farbenfrohe Stadt Hermigua zu erreichen, wo wir auf einer Terrasse am Straßenrand eine Kaffeepause einlegen und mit einem Gecko spielen, der unter unserem Tisch herumwirbelt. Als wir auf unserer Route weiterfahren, erreichen wir bei Santa Catalina beinahe wieder das Meer, bevor wir entlang der Küste nach Norden erneut bergauf klettern. Rechts von uns genießen wir dabei den Ausblick auf den schwarzen Kiesstrand und das tiefblaue Wasser des Atlantiks, aus dem sich im Hintergrund der Teide auf Teneriffa erhebt. Von hier aus führt die kurvenreiche Strecke auf gutem Asphalt steil bergauf. Der schwache Verkehr erlaubt eine zügige Fahrweise – dennoch werden wir von einem weißen Kleinlaster aus dem Takt gebracht, der uns in einer unübersichtlichen Kurve mit wahnwitziger Geschwindigkeit überholt. Muss das sein?
Unser Ziel ist Las Rosas, genauer gesagt der berühmte Aussichtspunkt „Mirador de Abrante”. Eine Linkskurve in Las Rosas führt uns auf eine schmale, kurvige Straße durch rote Gesteinsformationen mit Palmen, terrassenförmigen Plantagen und vereinzelten farbigen Häusern. Nach einer weiteren Linkskurve am Besucherzentrum des Garajonay-Nationalparks fahren wir direkt auf den schneebedeckten Gipfel des Teide zu, der in weiter Ferne aus einer dünnen Wolkenschicht herausragt. Die Piste, auf der wir uns befinden, scheint eher für Spaziergänger und Radfahrer geeignet und wir hoffen, in diesem Moment keinem Gegenverkehr zu begegnen. Durch Waldabschnitte, die mit roter Erde durchsetzt und zur Hälfte von Kakteen und Farnen bedeckt sind, erreichen wir eine Marslandschaft aus rotem Erdreich, die zu unserem Ziel hinaufführt. Das Mirador de Abrante ist ein kleines Re­staurant mit einer sieben Meter langen Plattform, die aus dem Fels herausragt. Durch ihren Glasboden und die gläsernen Seitenwände gibt sie den Blick frei auf das farbenfrohe Dorf Agulo, etwa 400 Meter unterhalb, und bietet zugleich eine tolle Aussicht auf Teneriffa in der Ferne. Allein das ist es wert, dem Mirador einen Besuch abzustatten und hier vielleicht zu Mittag zu essen. Wir beschließen jedoch, dafür nach Vallehermoso zu fahren, das ungefähr auf halber Strecke unserer geplanten Route liegt.

Malerisches Vallehermoso

Auf dem Weg zum Mirador de Abrante
Auf dem Weg zum Mirador de Abrante
Die zehn Kilometer lange Fahrt gleicht einer wunderschönen Achterbahn hoch über der Nordküste von La Gomera mit einem spektakulären Blick auf ihre terrassierten Hänge, die bis zum Meer hinunter reichen. In Vallehermoso angekommen, parken wir unter Palmen auf einem gepflasterten Platz gegenüber dem Rathaus und genießen auf der Terrasse der einfachen „Bar Cafeteria Central” ein schmackhaftes Mittagessen aus würzigem Thunfischeintopf und Tortillas. Obwohl hier kein Englisch gesprochen wird, gelingt die Verständigung problemlos. Wir verlassen Vallehermoso und folgen weiter der schmalen GM-1, die nun zwischen bunten Häusern durch mehrere Haarnadelkurven steil ansteigt. Wieder wird die Landschaft üppiger und tropischer, je näher wir dem Garajonay-Nationalpark kommen. Dieses dicht bewaldete, fast mystische Gebiet von La Gomera bedeckt elf Prozent der Insel und ist eine wichtige Wasserquelle. Ein lebendes Relikt der alten Regenwälder, die vor vielen Millionen Jahren einen Großteil Europas und Afrikas bedeckten. Hohe Luftfeuchtigkeit, milde Temperaturen und fast permanenter Nebel schaffen eine Umgebung, die reich an Pflanzen ist und das Wasser für die niemals austrocknenden Flüsse speichert. Heute haben wir Glück, denn die Wolken, die normalerweise die Inselmitte bedecken, fehlen und der Himmel strahlt in kräftigem Blau. Perfekter Asphalt, geschwungene Kurven und enge Haarnadelkehren lassen Motorradfahrerherzen höher schlagen.
Welterbe der UNESCO: Nationalpark Garajonay
Welterbe der UNESCO: Nationalpark Garajonay
Dazu begeistern die immer lebendiger werdende Vegetation und die häufig spektakulären Aussichtspunkte auf die Strecke, die wir gerade zurückgelegt haben. Während wir immer höher fahren, erreichen wir kurz nach der Kreuzung mit der CV-16 in einer scharfen Haarnadelkurve die Grenze des Garajonay-Nationalparks. Der Wald umhüllt uns. Der seit 1986 zum UNESCO-­Weltkulturerbe gehörende Park ist ein Überbleibsel der großen Lorbeerwälder, die einst die Welt bedeckten, und ist einer der wichtigsten Rückzugsorte zahlreicher seltener und gefährdeter Arten von Fauna und Flora. Der dichte Wald wölbt sich von beiden Seiten über die schmale Straße. An manchen Stellen fährt man regelrecht durch einen Tunnel tropfender Moose und Farne sowie massiv miteinander verflochtener Äste mit nur gelegentlichen Blicken auf den Himmel, der durch die Wipfel blitzt. Die Straße ist mit Blättern und oft mit grünem Moos bedeckt, sodass langsames Fahren an der Tagesordnung ist. Eine völlig andere Umgebung als alles, was wir zuvor gesehen haben. Schließlich erreichen wir eine Kreuzung tief im Wald, an der uns wahlweise die GM-1 hinunter zur Küste bringt oder die GM-2 weiter in die Tiefen des Waldes führt. Wir beschließen, auf der GM-1 in Richtung Valle Gran Rey zu bleiben, was einen deutlichen Umweg bedeutet, da wir später zu dieser Kreuzung zurückkehren müssen, um wieder unserer Hauptroute zu folgen. Dafür verlassen wir kurz darauf die Schatten des Waldes und genießen unter blauem Himmel auf einer kurvenreiche Straße den Weg hinunter zur Küste. Je näher wir dem Meer kommen, desto spektakulärer wird die Strecke mit wunderschönen S-Kurven, makel­losem Asphalt und atemberau­bender Aussicht.

Roque de Agando – das Wahrzeichen der Insel

Roque de Agando, 1.251 m ü. NN
Roque de Agando, 1.251 m ü. NN
Als die Sonne sich bereits wieder dem Horizont nähert, beschließen wir umzukehren, da wir noch ein weiteres Ziel auf der Agenda haben, bevor es dunkel wird. Zurück auf der GM-2 fahren wir deshalb durch die Mitte der Insel und den Nationalpark in Richtung unserer Unterkunft. Die Sonne steht jetzt so tief, dass wir fast vollständig im Schatten durch die sich sanft schlängelnden Waldtunnel fahren, wobei nur gelegentlich Lichtblitze die dichte Baumdecke durchdringen. Als der Wald lichter wird, umhüllt uns warmes Licht und wirft lange Schatten auf die Landschaft. Die Straße windet sich ständig und wir müssen sehr aufmerksam bleiben, da in dieser Gegend häufig Wanderer die kaum einsehbare Straße überqueren. Bei ihnen ist der Wald ebenso beliebt wie bei Vogelbeobachtern, die auf La Gomera ein wahres Paradies vorfinden. Nach einer Strecke, die laut Tripzähler kaum zehn Kilometer lang ist, uns aber deutlich länger vorkommt, erreichen wir den legendären „Roque de Agando”. Der riesige Vulkanfelsen, der aus dem Wald ragt und in seiner Form an Rios Zuckerhut erinnert, ist das Wahrzeichen der Insel. Wir scheinen den perfekten Zeitpunkt für unseren Besuch erwischt zu haben.
Haarnadelkurven am Roque de Agando
Haarnadelkurven am Roque de Agando
Der 1.250 Meter hohe Monolith wird seitlich vom warmen Licht der untergehenden Sonne beleuchtet, während die umliegende Landschaft in sanfte Schatten getaucht ist. Zum Abschluss genießen wir die abendliche Fahrt durch die fantastischen Kurven der GM-2, die zur Küste hinabführt. Unsere Schatten tanzen in jeder Kurve um die Motorräder und viel zu früh können wir wieder die bunten Häuser und den Hafen von San Sebastián unter uns sehen. Hier endet unsere traumhafte Fahrt. La Gomera, wir kommen sicherlich wieder!


Text: Geoff u. Liz Tompkinson, Fotos: Geoff Tompkinson


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