Mecklenburg-Vorpommern – Von der Elbe bis Kampehl

Nach Feierabend schwingen sich unsere Autoren kurzentschlossen auf ihre Motorräder, um für einen Tag nach Mecklenburg-Vorpommern zu fahren.
Reichlich Kurven führen durch das traumhafte Seenland
Reichlich Kurven führen durch das traumhafte Seenland

„Wann?“ Meine Antwort ist klar: „Sofort!“

Die Sonne scheint, da muss man einfach los: Also runter vom Sofa und rein in die Garage. Vom Handy aus rufe ich meinen Kumpel Carsten an und frage ob wir nicht einen Kurztripp mit unseren Motorrädern in Richtung „McPomm“ starten wollen. Die Begeisterung schwingt unüberhörbar in seiner Stimme mit: „Wann?“. Meine Antwort: „Sofort!“ „Alles klar“, meint er, „bin gleich bei Dir!“ Inzwischen frage ich im Gutshaus Büttnerhof an, ob wir noch zwei Zimmer fürs Wochenende bekommen können. „Passt“, antwortet Bernd, der motorradfahrende Hausherr. Das Gutshaus stellt einen herrlichen Ausgangspunkt für Touren in dieser schönen Landschaft dar. Also nichts, wie hin! Kurz nach Feierabend düsen wir von Berlin aus 120 Kilometer in Richtung Nordwesten. Anderthalb Stunden zeigt das Navi dafür an, aber leider machen auch andere Verkehrsteilnehmer Feierabend und wir brauchen allein eine dreiviertel Stunde um Berlin hinter uns zu lassen.
Erster Stopp am Elbedeich.
Erster Stopp am Elbedeich

Die in der Sonne glitzernde Elbe empfängt uns mit dem letzten Licht des Tages

Von der Mark Brandenburg, durch die wir nun fahren, sagt man, es gebe hier nichts außer Sand und Kiefern. Kenner wissen allerdings, dass in dieser Region die weltbekannten Dichter Theodor Fontane und Richard Dehmel, sowie der flugbegeisterte Karl Wilhelm Otto Lilienthal zu Hause waren. Darüber hinaus suchte auch Kurt Tucholsky, einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik, in dieser Gegend sehr oft Ruhe und Erholung. Aber genug von dem Kulturellen, denn jetzt befinden wir uns in Friesack und steuern auf recht kurvenreichen Landstraßen Richtung Lochower Heide und weiter zur Elbfähre Sandau. Die in der Sonne glitzernde Elbe empfängt uns mit dem letzten Licht des Tages, sodass wir die Ruhe bei der Überfahrt mit der Gierfähre genießen können. Auf der anderen Elbseite warten noch 1,5 Kilometer Schräglagenspaß bis zum Büttnershof auf uns.

"Aber nur wenn ich mitkommen kann“

Kaum angekommen, werden wir von Bernd, dem Hausherren des Gutshauses, freundlichst in Empfang genommen: „Da habe ich doch die beiden Berliner mit Ihren Motorrädern schon von weitem gehört! Folgt mir bitte zur Motorradgarage.“ Auch Bernds GS ist hier für die Nacht untergebracht und er glaubt schon fest daran, dass sich die drei „GS’en“ wohl vertragen werden. Kurz darauf zischt das erste Bier nur so in unseren Kehlen. Später kümmern wir uns dann ums leibliche Wohl. Nacheinander werden eine leckere Kürbiscremesuppe, ein Zanderfilet, ein echt köstlicher Lammbraten sowie eine Tangermünder Nährstange serviert. Carsten und ich schauen uns schon beim “Gruß aus der Küche“ höchst positiv überrascht an, denn so ein hervorragendes Essen haben wir auf dem Lande schon lange nicht mehr auf den Tisch bekommen. Als wir satt sind gesellt sich auch Bernd wieder zu uns und fragt, was wir am nächsten Tag vorhaben. „Mach uns doch einen Vorschlag“, tönt es von Carsten. „Das lass ich mir nicht zweimal sagen, aber nur wenn ich mitkommen kann“, meint Bernd. Kurzerhand legen wir Straßenkarten auf den Tisch und entscheiden uns für eine Tour an die Müritz. Den Rest des Abends verbringen wir mit Erzählungen über das Gutshaus und erlebte Motorradtouren. Noch vor dem ausgiebigen Frühstück genießen Carsten und ich die himmlische Ruhe und die warmen Sonnenstrahlen hier am Gutshaus, nur das leise tuckern eines Binnenschiffes hört man von der Elbe her.
Plauer See
Plauer See

Gleich nach dem Frühstück fahren wir auf eine Kopfsteinpflasterstraße. Wer noch nicht richtig wach war, ist es spätestens jetzt.

Die aufgehende Sonne taucht das prächtig bunte Kleid der Bäume und Sträucher in noch mehr Farbe. Auch Bernd kommt in den als Park anmutenden Garten des Hauses und fragt, ob wir jetzt mal frühstücken wollen. Na klar, aber erst nachdem die Motorräder für die Tour präpariert sind. Nach dem ausgiebigen Frühstück können wir es denn nicht mehr erwarten auf unsere BMWs zu steigen. Bernd gibt uns noch vor der Abfahrt die neueste - äußerst positive - Wetterprognose, wir werfen die Motoren an und fahren gleich hinter dem Gutshof auf eine wenig befahrene Kopfsteinpflasterstraße. Wer noch nicht richtig wach war, ist es spätestens jetzt. Das schmale Sträßchen führt uns durch die großen Überschwemmungsflächen mit ihren Seen zum alten Elbdeich. Auf diesem kann man auch mit dem Motorrad fahren und dabei herrlich die vorbeiziehenden Vögel beobachten.

Die Elbe als wichtige Transportader

Kurz darauf erreichen wir Werben, die wohl kleinste Hansestadt. Im Jahr 1358 wurde sie Mitglied des einst so mächtigen Handelsbundes und blieb es mit dem Kurfürsten Johann Cicero bis zum Bierkrieg im Jahr 1488. In jener Zeit entstand auch das prunkvolle Elbtor. Im Dreißigjährigen Krieg nahmen dann schwedische Truppen Werben wegen seiner günstigen strategischen Lage in Besitz. Schwedenkönig Gustav-Adolf ließ hier seinerzeit die berüchtigte Schwedenschanze errichten. Mit ihr beherrschte man die Haveleinfahrt in die Elbe als wichtige Transportader. Nach der Stadtbesichtigung zieht es uns erneut auf die Gierfähre, mit der wir sozusagen über die Elbe nach Havelberg treiben. Das historische Zentrum der Stadt, seit dem Jahre 1358 ebenfalls Hansestadt genannt, liegt auf einer von der Havel umspülten Insel. Noch heute kann man sich aufgrund der gut erhaltenen und restaurierten Architektur klar ausmalen, wie die Blütezeit der Stadt ausgesehen haben muss. Das Wahrzeichen und gleichzeitig den kulturellen Mittelpunkt stellt der Dom St.Marien dar.
Vom sehr sehenswerten Werben (links) aus steuern wir als nächstes das hübsche Perleburg (rechts) an.
Vom sehr sehenswerten Werben (links) aus steuern wir als nächstes das hübsche Perleburg (rechts) an.

Alleen in der Perleberger Heide

Von Mönchen des Prämonstratenserordens Mitte des 12. Jahrhunderts erbaut, bietet er eine interessante Mischung aus gotischen und romanischen Stilelementen, resultierend aus Zerstörung und Wiederaufbau in den verschiedenen Epochen. Anschließend kurven wir – die Straßen präsentieren sich dabei oft als hübsche Alleen - weiter durch die Perleberger Heide nach Perleberg. Auf dem großen Marktplatz vor dem Rathaus und der Jacobikirche findet man einen um 1498 aufgestellten Roland. Der Roland verkörpert das Standbild eines Ritters mit bloßem Schwert und gilt als Sinnbild der Stadtrechte. Carsten gibt Kunde, dass er ihm gegenüber eine gewisse Ähnlichkeit besitzen würde. Na, wenn er meint.

Die Mecklenburgische Seenplatte gilt als Europas größtes in sich geschlossenes Seengebiet

Wir fahren weiter. Unser nächstes Ziel ist der Plauer See, dessen Ufer sich bestens für eine Pause eignet. Die Mecklenburgische Seenplatte stellt ein wirklich lohnendes Ziel dar. Fast zugewachsene Wasserarme schlängeln sich durch märchenhafte Erlenbrüche. Praktisch hinter jedem Hügel und jedem Wald glitzert es. Neben der Masurischen- und der Pommerschen Seenplatte gehört sie zu den drei großen Gewässerflächen südlich der Ostsee und gilt als Europas größtes in sich geschlossenes Seengebiet. Dazwischen liegen verträumte Dörfer und verwinkelte Kleinstädte, charmante Gutshöfe, verwunschene Schlösser und natürlich einsame, mitunter kurvenreiche Straßen.

In Waren an der Müritz steppt der Bär

So düsen wir nach Waren an der Müritz. Dort steppt der Bär, denn viele Ausflügler nutzen das schöne Wetter. Nichts wie weg! Kleine Wege prägen nun die Tour und wir gondeln über Neustrelitz und Mirow nach Zechlin. Überall gibt es herrliche Plätze für einen Stopp, der im Sommer auch mit Baden verbunden werden kann. Danach passieren wir die Kyritz-Ruppiner Heide / Rossower Heide, auch besser bekannt als: „Bombodrom“. Fast vier Jahrzehnte trainierten hier die Sowjets militärische Einsätze mit Flugzeugen und Panzern. Frei zugänglich ist das „Bombodrom“ immer noch nicht, da es reichlich Gefahr in sich birgt. Im Boden des 120 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatzes liegen nach Schätzungen von Fachleuten noch rund 1,5 Millionen Blindgänger.

Willkommen in Kyritz an der Knatter

Außer jenen „Rückständen“ des Kalten Krieges, vor denen Warnschilder “Lebensgefahr! Nicht betreten“ warnen, gibt es wirklich nichts außer Sand und Kiefern. Damit wir nicht „in die Luft gehen“, fegen wir lieber über die Straßen und verlassen dieses Gebiet Richtung Wittstock. Hinter dem Borker See werden wir vom Asphaltband in die schöne Stadt Kyritz geleitet. Am Ortseingang grüßt ein Schild mit der Aufschrift:„Willkommen in Kyritz an der Knatter.“ Unter diesem Namen ist die Stadt „weltweit“ bekannt geworden. Nicht einem Fluss, wie oft angenommen, verdankt der Ort den Beinamen „an der Knatter“, sondern eben den knatternden Wassermühlen dort. Idyllisch gelegen mit seinen Fachwerkhäusern ist sie immer einen Besuch wert.

„Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, soll mein Leichnam nie verwesen.“

Während einer Pause erzähle ich die Sage vom Meineid des Ritters Kahlbutz. Eine Magd des Ritters, deren Hochzeit mit einem Schäfer bevorstand, verweigerte ihm standhaft das Recht der ersten Nacht (ius primae noctis), die der Feudalherr eigentlich mit der Braut verbringen wollte. Darauf hin erschlug der Ritter den Schäfer. Im folgenden Strafprozess wurde Kahlbutz aufgrund seiner eigenen eidlichen Aussage freigesprochen. Er soll dabei vor dem Gericht folgendes geschworen haben: „Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, soll mein Leichnam nie verwesen.“ Tatsächlich fand man ihn Jahrzehnte als Mumie. Die Bevölkerung hatte die Erklärung für die Mumifizierung des Ritters Kahlbutz und sah darin Gottes gerechte Strafe. Bernd ist begeistert von der Sage und meint “Lass uns doch die Gruft des Ritters in der alten Wehrkirche besuchen!“ Wie gesagt, so getan. Also fahren wir in den nur wenige Kilometer entfernten Ort Kampehl. Leider kommen wir ein paar Minuten zu spät, denn die Gruft schließt pünktlich um 17.00 Uhr.

Auf ein Wiedersehen!

So nehmen wir mit dem gegenüberliegenden Biergarten Vorlieb. Auch nicht schlecht, denn dort lassen wir das Erlebte nochmal Revue passieren. Außerdem trennen sich nun unsere Wege. Bernd fährt zum Gutshaus und wir zurück nach Berlin. Ein herrlicher Tag geht zu Ende und Carsten ist der Überzeugung: „Im Gutshaus Büttnershof waren wir nicht das letzte Mal. Beim nächsten Besuch fahren wir dann die schönen Stecken am Elbufer rauf und runter!“

Mecklenburgische Seenplatte

Text: M&R, Fotos: M&R Archiv

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