Von Rußland nach Afrika ... an einem Tag

Innerhalb Deutschlands darf man nicht nur den Nord-Ostsee-Kanal zum Reiseziel erklären, man kann sogar von Rußland nach Afrika fahren – ohne das Land zu verlassen.
Rußland ist eine Sackgasse. Sechs Kurven führen vom gelben „Ortsschild“ bis zur Baumgrenze. Rund 500 Meter misst das Asphaltband vom Abzweig nach Glasholz bis zum Haus von Hans Schäfer. Rüstig trotz seiner mehr als 80 Lenze sitzt der Ureinwohner Rußlands auf der Bank vor seiner Haustür und blinzelt rüber zum Waldrand. „Als ich hier geboren wurde, war da nix, gucken konnste bis zum Horizont“, sagt er. Die Sonne meint es gut mit ihm und seinem Stammplatz an diesem Samstag. 22 Grad zeigt das Thermometer, keine Wolke weit und breit. „Hat ja auch lang genug geregnet“, raunt er unter seiner Baseballmütze. „Tropical Paradise“ steht in Glitzerbuchstaben vorn drauf. Der Hund zu seinen Füßen mustert uns skeptisch, holt sich dann aber doch ein Streicheln ab.

Willkommen auf der Halbinsel der „Bys“

Ruhig haben sie es hier in Rußland. Meistens. Wenn die Enkelkinder da sind, wird es auch mal laut. Ansonsten die pure Idylle. Wiesen und Felder, knorrige alte Bäume, ab und an bummeln Fahrradtouristen über die bestenfalls vier Meter breite Hauptverkehrsader Rußlands und entschwinden nach kurzem Winken.
Drei Kilometer sind es bis zur Bundesstraße 203, fünf Kilometer bis zum nächsten Strand im Land der „Bys“. Thumby, Rieseby, Gammelby, Barkelsby, Windeby, Karby, Osterby, Brodersby – so heißen die Ortschaften hier auf der Halbinsel Schwansen im Nordosten Schleswig-Holsteins. Rußland liegt mittendrin. Zwischen Eckernförde und Kappeln, Gemeinde Holzdorf, „Holzdörp“ auf Plattdeutsch, Kreis Rendsburg-Eckernförde, im Torfland zwischen Schlei und Ostsee.

Drei Häuser und fünf Einwohner

Drei Häuser, eins davon vermietet, dazu Nebengebäude und aktuell fünf Einwohner. Das ist Rußland. Anno 1886 hat Hans‘ Großvater das Gehöft erworben. Von einem Zimmermann. Die Historie des Fleckchens geht zurück bis ins Jahr 1823, auf einen Mann, von dem es heißt, er stamme von der baltischen Insel Ösel am Rigaischen Meerbusen, damals unter russischer Herrschaft, daher der Name Rußland mit dem früher gebräuchlichen „ß“.

Klönschnack auf dem Boulevard: Torsten Schäfer lebt wie seine Eltern in Rußland
Klönschnack auf dem Boulevard: Torsten Schäfer lebt wie seine Eltern in Rußland
Lange Jahre hat die Rußland-Dynastie der Schäfers von der Landwirtschaft gelebt. „Aber das kannst du heute vergessen“, winkt Hans ab. Neulich fand er alte Wirtschaftsbücher. „In den 60ern bekamst du als Landwirt für einen Liter Milch mehr Geld als heute. Das muss man sich mal vorstellen.“ Nee, nee, nee. „Das nimmt alles kein gutes Ende.“ Die gierigen Großkonzerne, Glyphosat und all der ganze Tüddelkram. „Da liegt kein Segen drauf“, meint Hans und geht samt Hund zum Mittagessen rein. Vielleicht hat ihn auch der peitschende Rasentrimmer vertrieben, mit dem Sohn Torsten lautstark den Zaun der Wiese freilegt, weiter hinten auf dem Weg zum Wald, dem Ende der Sackgasse. Ein guter Moment, um sich zu trollen. Afrika ruft. Der Weg ist weit.

Einflugschneise Norduckermärkische Seenlandschaft

Rund 470 leidlich kurvenreiche Kilometer haben wir uns als Route erarbeitet. Über Eckernförde, Schierensee, Bornhöved und Stockelsdorf geht es nach Mecklenburg-Vorpommern, von dort weiter über Schönberg, Grevesmühlen, Güstrow und Krakow am See nach Brandenburg.

Pause im Sand: Das Restaurant Treib-Gut in Altenhof bei Eckernförde liegt direkt am Meer. Die Suppen sind köstlich
Pause im Sand: Das Restaurant Treib-Gut in Altenhof bei Eckernförde liegt direkt am Meer. Die Suppen sind köstlich
Die Norduckermärkische Seenlandschaft bildet die Einflugschneise nach Blankensee, Lychen, Templin, Ahrensdorf und Götschendorf. Dann –
auf der L241 zwischen Temmen und Stegelitz – liegt es vor uns, genau genommen links neben uns: Afrika. Ein Gemeindeteil der Gemeinde Flieth-Stegelitz, von der Straße kaum zu sehen.
Die grüne Hinweistafel mit dem Ortsnamen Afrika steht ca. 40 Meter von der Straßeneinmündung entfernt.
Wer nicht wie ein Luchs darauf achtet, rauscht vorbei. „Früher, als es noch an der Straße stand, wurde das Schild dauernd geklaut, das fanden die Leute wohl witzig“, sagt Toni, Mitte 20. Wilder Bart, Tattoos, kurzes Haar, ein Bär von einem Brandenburger, der nirgendwo anders leben möchte – und gleich zu Anfang sagt: „Keine Fotos, bitte, sonst geht das alles wieder von vorn los.“

Skepsis gegenüber Fotos und Fremden

Nachdem mal ein Fernsehteam hier war, um zu WM-Zeiten was über Afrika zu drehen, kamen anschließend „ohne Ende“ Leute her. Fotografierten wild rum, liefen über sein recht offenes Grundstück, erbeuteten dauernd das Afrika-Schild und andere Souvenirs. „Seitdem das Schild vor meiner Einfahrt steht und nicht mehr an der Straße, kommt es nicht mehr weg. Drei freilaufende Hunde, Problem gelöst“, grinst Toni.

Gegenverkehr? Gibt es auf den Nebenstrecken in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg nur äußerst selten
Gegenverkehr? Gibt es auf den Nebenstrecken in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg nur äußerst selten
Afrika findet er großartig. „Du kannst hier tun und lassen, was du willst. Du musst dir halt nur rechtzeitig überlegen, ob du noch was brauchst, bevor du nach Hause fährst. Mit dem letzten Tropfen Sprit hier ankommen, zum Beispiel, das kannste vergessen – die nächste Tanke ist fast 30 Kilometer weit weg.“ Dafür gibt es auch hier – wie in Rußland – jede Menge unberührte Natur. Dazu viel Platz für allerlei Tinnef und zahlreiche halbausgeschlachtete Vehikel. Und keine nervigen Nachbarn, auf die man groß Rücksicht nehmen müsste: „Hier leben vier Parteien in fünf Häusern, alle weit genug voneinander entfernt und sehr entspannt.“ Aber fotoscheu. Schlechte Erfahrungen mit Fremden. Wer will es den Afrikanern verdenken.

Ryker-fressende Pfützen auf dem Weg zum Badesee

Rechts zur Einfahrt raus bei Toni, auf der anderen Seite der L241, ist der Geelandsee. Links zur Einfahrt raus, den einzigen Pfad Afrikas entlang, gelangt man hinten am Waldrand an einen zwar schwer passierbaren, aber öffentlichen Weg – und über den dann zum Behrendsee. Badespaß garantiert. „Könnt ihr aber vergessen, mit dem Teil da langzufahren“, meint Toni und nickt in Richtung Ryker. „Der verschwindet komplett in den Pfützen. Mit der Scrambler würde es gehen.“ Toni fährt Motocross und Quad, insoweit wird er es beurteilen können.

„Rapsody” in Gelb: Der Weg nach Afrika ist gesäumt von duftenden Rapsfeldern
„Rapsody” in Gelb: Der Weg nach Afrika ist gesäumt von duftenden Rapsfeldern
Das Beste an Afrika – aus Sicht von Reisenden – ist der Weg dorthin. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verströmen die Weite Utahs. Anfang Juni versinken beide Bundesländer im gelben Rausch des Raps. Scheint dazu die Sonne, zweifelt kein Mensch ernsthaft an den blühenden Landschaften, die uns einst versprochen wurden. Die knubbeligen Kleinststraßen, auf denen man die West-Ost-Passage von Rußland nach Afrika befährt, verwöhnen mit grandiosen Landstrichen und Lichtverhältnissen.

Schwalben-Schwärme im Hinterland

Wie gemalt fallen die Sonnenstrahlen durch mächtige Kastanienalleen und breiten sich abends wie eine güldene Brokatdecke auf und neben der Straße aus. Die Autos, die uns entgegenkommen, können wir über Stunden zählen. Meist überholen wir Rennradfahrer oder Schwalben-Schwärme, die man schon von Weitem riecht. Schwer liegt die halbherzig verbrannte Zweitaktmische der DDR-Krads in der Luft. Aber nie lange, der Raps ist stärker.
Der Can-Am Ryker in der Rally Edition, mit dem Bernd die Expedition begleitet, treibt mit dem oft vom Zahn der Zeit angenagten Belag der Nebenstraßen gern mal Schabernack. Zwei Räder vorn, eins hinten – das birgt die Tücke, dass man Schlaglöcher oder geflickte Asphaltblessuren nicht immer zuverlässig umkurven kann.

Postkartenidyll: Der Zenssee gehört zum Stadtgebiet von Lychen im Naturpark Uckermärkische See
Postkartenidyll: Der Zenssee gehört zum Stadtgebiet von Lychen im Naturpark Uckermärkische See
Nimmt man sie vorn behände zwischen die freistehenden Räder, dann trifft man sie garantiert mit dem breiten Hinterrad. Spurrillen sorgen anfangs für leichte Irritationen: Ohne erkennbaren Grund versetzt der Ryker auf dem Geläuf, bleibt dabei aber jederzeit gut beherrschbar. Hat man das nach den ersten Kilometern verinnerlicht, geht der Spaß los!

Twist-and-go und Rally-Modus

Kein Kuppeln, kein Schalten, einfach Gas geben und bei Bedarf mit der Fußbremse Tempo abbauen. Der konsequent gestrippte Einsteiger-Spyder im Can-Am-Portfolio lässt es mit seinem „Twist-and-go-Getriebe“ ganz schön krachen, wenn man es darauf anlegt. Zwei Rotax-Motoren mit 600 und 900 Kubikzentimeter Hubraum stehen grundsätzlich zur Wahl für den Ryker. Sie leisten 50 PS beziehungsweise 82 PS. Letztere sind obligatorisch für die Rally Edition. Der Dreizylinder zaubert im Rally-Modus kontrollierte Drifts auf den Sandboden der Uckermark. Und geht erstaunlich beherzt zur Sache: 162 km/h Spitze sind laut Kfz-Schein drin. Die Beschleunigung ist ernsthaft kernig. Wer will, brennt mit dem 16-Zoll-Hinterrad einen Gummistreifen in 205/45 auf den Asphalt. Ansonsten hält sich der 900er-Ryker vornehm zurück in Sachen Lärm: 85 dB(A) Standgeräusch und 79 dB(A) Fahrgeräusch sind kommode Werte.

Individualisierbare Sitzposition

Der breite, tief platzierte Sitz ist bequem wie ein Fernsehsessel. Dazu die Beine nach vorn ausgetreckt und den flachen Lenker mit fast geraden Armen gegriffen – das ist Cruisen pur mit Anti-Umfall-Garantie. Die Vorspannung des hinteren Gasdruckstoßdämpfers der Rally Edition kann easy über einen breiten Schraubenkopf per Hand verstellt werden. Je nach Gepäckmenge und Fahrergewicht kann der Ryker so individuell an jeden Fahrer angepasst werden. Gleiches gilt für die mehrfach werkzeuglos verstellbaren Fußrasten und den breiten Lenker. Hier ist Can-Am mit dem UFit-System die Benchmark im Dreirad-Segment. Die Zuladung fällt mit 199 Kilogramm vergleichsweise üppig aus. 300 kg wiegt der fahrbereite Ryker.

Lenker und Fußrasten individuell einstellbar, zentrale Fußbremse, Schalten und Kuppeln entfällt – der Can-Am Ryker Rally Edition macht aus Autofahrern ruckzuck Biker auf drei Rädern
Lenker und Fußrasten individuell einstellbar, zentrale Fußbremse, Schalten und Kuppeln entfällt – der Can-Am Ryker Rally Edition macht aus Autofahrern ruckzuck Biker auf drei Rädern
Zum Fahrer der Triumph Scrambler 1200 XE schaut der Ryker-Pilot bauartbedingt auf: Er schwebt auf nur 615 mm Sitzhöhe über die Straße, die XE-Pöter-Reisehöhe beträgt 870 mm. Von der optischen Anmutung her hat das im Vergleich etwas von sprintender Lurch versus galoppierende Giraffe.
Dementsprechend sprachlos waren viele Beobachter, wenn das fünfrädrige Expeditions-Corps an ihnen vorbeirollte. Vorneweg die langbeinige Triumph Scrambler mit ihren üppigen 250 mm Federweg vorn wie hinten, dahinter der breitbeinige Can-Am Ryker mit kernigen Rally-Streifen und vier Scheinwerfern, von denen zwei wie Teleskopaugen abstehen. Schon ein echter Hingucker, dieses Gespann.

Von Rußland übers Morgenland nach Afrika

Auf der Langstrecke ließe die Scrambler 1200 XE den Ryker Rally Edition naturgemäß hinter sich: Mit 177 km/h Spitze ist die schöne 1200-ccm-Britin spürbar schneller. Seine 90 PS und 110 Nm wirft der bewährte Triumph-Paralleltwin sahnemäßig aus. Dazu der lässige, basslastige Brit-Pop des Arrows-Doppelfluters, der in typischer Scrambler-Manier rechts hochgelegt die Knie-Innenseite wärmt. Es fällt schon schwer, dieses Bike nicht zu lieben. Erst recht auf dem gewundenen Geläuf abseits der Mainroads. Stehend wie sitzend.

Überraschung: Der Wilde Osten geizt nicht mit exotischen Ortsbezeichnungen. Unweit von Afrika geht es ins Morgenland
Überraschung: Der Wilde Osten geizt nicht mit exotischen Ortsbezeichnungen. Unweit von Afrika geht es ins Morgenland
Vollgasfahrten auf der Autobahn bezahlen die Fahrer beider Maschinen mit relativ hohem Verbrauch und heftigem Fahrtwindrauschen. Bernd als eher selten Helm tragendem Zeitgenossen klingeln heute noch die Ohren von der BAB-Abschlussetappe nach Hause. Weitere Novizen-Erkenntnis der Rußland-Afrika-Reise: Ist die Sonne weg, kann es ganz schön schnell ganz schön kalt werden auf einem Zwei- oder Dreirad. So ist das auf Expeditionen: Man weiß nie genau, was einen erwartet, außer gewisser Entbehrungen. Aber, Ehrensache: Echte Entdecker geben nicht auf. Schon gar nicht, wenn der Weg von Rußland nach Afrika auch noch übers Morgenland führt.


Text: Ralf Bielefeldt, Fotos: Bernd Ahrens


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Reisen: Von Rußland nach Afrika – Expedition auf fünf Rädern; Äpfel & Speck: Eine Runde um den Cima Tosa in der Brenta-Gruppe; 125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal; Lettland: Zwischen Ostsee und Russland
Garantie: Diese Reise hat die Mindestteilnehmerzahl erreicht und findet garantiert statt, sofern dies nicht durch unvorhersehbare Umstände verhindert wird. Leserwochen im Bayerischen Wald im Landhotel Neuhof

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