Schleswig-Holstein ohne Meer: Hamburg, Wacken & Holsteiner Kurven

Schleswig-Holstein ohne Meer: Hamburg, Wacken & Holsteiner Kurven

Ein Besuch in Schleswig-Holstein lohnt sich auch abseits der Küste. Zwischen Lauenburg an der Elbe und Husum besuchen wir Off-Road-Spezialisten, Pfeifenmacher und die Welt des Heavy Metal in Wacken.
Auch, wenn unsere Motto-Tour „Schleswig-Holstein ohne Meer“ heißt, ist es eine gute Idee, die Fahrt am Hamburger Hafen zu beginnen. Bei einem Espresso sitzen wir auf dem Feuerschiff, das zweckentfremdet ein Restaurant und ein Hotel beherbergt. Im Hintergrund thront die Elbphili, vor uns liegt das turbulente Portugiesenviertel.
In Hamburgs Portugiesenviertel restauriert Jörg Niemeyer vor allem englische Motorräder
In Hamburgs Portugiesenviertel restauriert Jörg Niemeyer vor allem englische Motorräder
Wir starten die Tour per pedes. Zwei-, dreihundert Meter weiter in besagtem Ibero-Quartier verbirgt sich hinter einer schmucklosen Kellertür in der Rambachstraße 3 eine der interessantesten Biker-Werkstätten der Republik. Ihr Name: „Single and Twin“. Was sich hinter der schmalen, mit ein paar Stickern beklebten Eisentür verbirgt, kann einem Motorrad­enthusiasten wie dem Schreiber dieser Zeilen nur das Herz höher schlagen lassen. Dort renoviert und restauriert Jörg Niemeyer vornehmlich englische Veteranen und Oldtimer von traditionsreichen Marken wie Triumph, Norton, BSA, AJS und wie sie alle heißen. Wenn die Raritäten seine Werkstatt verlassen, zählen sie zum sprichwörtlichen Garagengold und zwar aus der obersten Schublade. Gerade hat er eine betagte Speedway-Maschine mit einem Rudge-Motor in der Mache. Auf so einem Motorrad hat der Kieler Egon Müller seinerzeit, wir reden von den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, seine vier Langbahn-Weltmeistertitel geholt, die ihm noch heute Popularität verschaffen wie kaum einem anderen deutschen Motorradrennfahrer. Mit einer normalen Werkstatt, zu der man sein Gefährt bringt und meistens zum vereinbarten Termin wieder abholt, hat das hier am Hamburger Hafen nichts zu tun. Alles soll möglichst original erhalten bleiben. „Dann kann sich so ein Projekt leicht über Monate hinziehen“, erklärt Jörg. So lange wollen wir natürlich nicht warten. Uns zieht es mit dem Bike „on the road“.
Wir lassen das Hafenflair hinter uns und rollen an der Speicherstadt vorbei Richtung Bergedorf. Unser Ziel ist der Zollenspieker, Hamburgs größter Motorradtreff – abgesehen von den Harley Days natürlich. Hier müssen wir uns ordentlich am Riemen reißen, um nicht gleich wieder eine Pause einzulegen. Zu verlockend ist der kleine Umweg über die Elbbrücken nach Entenwerder. Hier liegt nämlich seit ein paar Jahren ein neuer Hotspot für schöne Sonnentage: Das „Goldene Café“ mit der Adresse Entenwerder 1. Dabei handelt es sich um eine schwimmende Lokalität, die von einer als Kunstwerk ausgewiesenen Skulptur aus Messing überragt wird und dadurch schon von Weitem ins Auge sticht. Vor allem wenn sie, von der Sonne angestrahlt, kräftig leuchtet.
Motorradtreff am Zollenspieker: Deutschlands kleinstes Restaurant thront auf Stelzen
Motorradtreff am Zollenspieker: Deutschlands kleinstes Restaurant thront auf Stelzen
Die selbst zubereiteten Speisen und Drinks sind von bester Qualität. Dazu passt der hochfeine Kaffee, der nebenan auf dem Ponton fachgerecht geröstet wird. Diesmal erliegen wir aber nicht der Versuchung und steuern geradewegs Richtung Bergedorf/Berlin auf die Schnellstraße. Unser Navi führt uns gleich wieder runter und nach ein paar Kilometern biegen wir an der Tatenberger Schleuse rechts ab und rollen – immer noch in Hamburg – am Elbdeich entlang.
Wir passieren den Oortkatener See, ein Überbleibsel der verheerenden Sturmflut von 1962. Kies und Sand für die folgende Deicherhöhung wurden hier entnommen und hinterließen ein Ausflugsziel für Surfer und Schwimmer. Ein paar Kilometer weiter – direkt an der Stadtgrenze – liegt besagtes „Zollenspieker Fährhaus“. An manchen Tagen wird es hier mit den Motorradparkplätzen knapp. Viele werden aber auch schnell wieder frei, weil manche Biker nur auf die Fähre warten. Sie kann rund 200 Personen und 26 Autos laden und verbindet Hamburg mit Niedersachsen. Im Jahre 1252 wurde das Fährhaus erstmals urkundlich erwähnt und ist damit Hamburgs ältestes noch im Betrieb befindliches Baudenkmal. Sogar Wallenstein soll an dieser Stelle mit seinen Truppen die Elbe überquert haben. Das Restaurant und das nebenan errichtete Hotel haben einen exzellenten Ruf. An gut besuchten Wochenenden verlassen mehr als 2.000 Essen die Küche. Nebenan, im Garten Richtung Elbe, steht noch das alte Pegelhaus, in dem früher der Wasserstand der Elbe gemessen wurde. Dort ist das wohl kleinste Restaurant der Republik untergebracht. Nur zwei Personen finden hier Platz und werden über eine Leiter aus der Restaurantküche bedient. Für uns geht es weiter in Richtung der Schiffer- und Fischerstadt Lauenburg. Mit seinen liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern und dem weiten Blick auf die Elbe ist das Städtchen ein wahres Kleinod.

Eintausend Euro für eine Pfeife

In Lauenburg werden Pfeifen per Hand hergestellt
In Lauenburg werden Pfeifen per Hand hergestellt
Unser Ziel ist dort die Hafenstraße Nummer 30, ein 135 Jahre altes Lagerhaus, in dem der Pfeifenmacher Holmer Knudsen seine Manufaktur betreibt. Wenn er nach ungefähr fünfzig figelinschen Arbeitsschritten sein Werk vollendet hat, kann so ein Pfeifenunikat mal locker 1.000,-- Euro kosten. Wo könnte eine solche Werkstatt besser hinpassen, als in eine Schifferstadt, wo die Seebären zu Hause sind und bei Bier und Köm eine „smöken“? Der 61-jährige Knudsen ist sozusagen das rare Gegenstück zu Jörg Niemeyer, dem Motorradschrauber aus dem Hamburger Portugiesenviertel. Beide gehören nämlich zu einer aussterbenden Spezies, von denen in Deutschland höchstens noch eine Handvoll zu finden ist.
Nun ist es aber Zeit, mal etwas Strecke zu machen. Unser Weg führt jetzt auf kleinen Straßen über Büchen in Richtung Mölln, der Eulenspiegelstadt, die wir ebenso liegen lassen wie den sporthistorisch wichtigen Ort namens Ratzeburg. Die Älteren werden sich erinnern: hier wurde am wunderschönen Ratzeburg See unter dem legendären Rudertrainer Karl Adam in den 1960er und 1970er Jahren der nicht weniger legendäre Deutschland-Achter geformt. Die Erfolge des Bootes brachten Adam den Titel „Ruderprofessor“ ein. Wir wollen aber dem imposanten Ratzeburger Dom wenigstens einen kurzen Besuch abstatten. Er wurde von 1160 bis 1220 errichtet. Schon von Weitem ist der wuchtige Westturm zu sehen.
Von jetzt an müssen wir darauf achten, nicht zu weit in Richtung Ostsee zu geraten. Das Meer ist unter unserem Reisemotto schließlich tabu und außerdem in letzter Zeit wegen Überfüllung ziemlich oft geschlossen. Wir nehmen also die Landstraße Richtung Stockelsdorf, passieren Ahrensbök und erreichen schließlich Eutin. Jetzt sind wir mitten drin in der Holsteinischen Schweiz, dem Land der fast 200 Seen, die zwischen sanften Hügeln und fruchtbaren Feldern die Landschaft prägen. Lichtdurchflutete Buchenwälder setzen noch das i-Tüpfelchen auf die Szene. Ein Eldorado für Wanderer, Radler, alle Arten von Wassersportlern und natürlich Motorradfahrer tut sich hier auf.
Der Bungsberg mit seinem schönen Aussichtsturm ist der höchste Punkt im Lande
Der Bungsberg mit seinem schönen Aussichtsturm ist der höchste Punkt im Lande
Auf dem Weg zu einem der deutschen Zentren des Motorrad-Geländesports machen wir einen Abstecher zum höchsten Punkt Schleswig-Holsteins, dem Bungsberg. Jawoll, richtig gelesen
B e r g! 167,4 Meter über Normalnull ist er hoch. Herausragend und weithin sichtbar ist der Fernmeldeturm mit seiner Aussichtsplattform. Wirklich sehenswert ist aber der kleine niedliche Elisabethturm an dem wir eine kleine Ehrenrunde drehen.
Auf geht’s in Richtung Ostseeküste nach Lehnsahn. Hier hoffen wir Bert von Zitzewitz anzutreffen, einen der besten deutschen Geländefahrer der 1980er Jahre. Zehnmal gewann er die Deutsche Enduromeisterschaft, 1990 wurde er sogar Vize-Weltmeister. Mitten im Wald versteckt liegt sein KTM- und BMW-Motorradzentrum. Der Autor dieser Zeilen hat den heute 63-Jährigen 1982 kennengelernt, als wir beide, unabhängig voneinander, jeweils mit einer Maico im französischen Le Touquet beim berühmt-berüchtigten Strandrennen an den Start gingen. „Oh je, erinnert er sich, das war die Hölle!
Im Familienmuseum der Off-­Road-Dynastie von Zitzewitz. Bert handelt mit Maschinen aus Österreich und Bayern
Im Familienmuseum der Off-­Road-Dynastie von Zitzewitz. Bert handelt mit Maschinen aus Österreich und Bayern
Drei Stunden über hohe Dünen, tiefen Sand und durchfurchten Strand über den 20 Kilometer langen Kurs zu fahren. Wie eine Paris-Dakar für Arme nur mit mehr Teilnehmern“, erinnert er sich. Genauer gesagt waren es rund 1.500 Starter. Über eine schmale Treppe am Ende des großen Verkaufsraums führt Bert von Zitzewitz uns ins Familienmuseum im ersten Stock. Dort hängen die Konterfeis der Gelände-Dynastie von Zitzewitz. An erster Steller der Vater Volker, der in den 50er Jahren Mitglied der deutschen Tourist-Trophy-Equipe war. Sein älterer Sohn Davide, gefolgt von Berts Bruder Dirk, einem ebenfalls hervorragendem Geländefahrer. Dirk von Zitzewitz’ größter Erfolg war aber der Gewinn der Rallye Dakar als Franzmann von Giniel de Villiers auf einem Volkswagen Touareg.
In diesem Jahr fiel er mit seinem Piloten Yazeed Al Rajhi nach zwei Etappensiegen auf einem Toyota kurz vor dem Ziel aus. Der jüngste Motorradartist ist Berts Sohn Davide, der erfolgreich Moto-Cross fährt und schon den deutschen Meistertitel einfuhr. An Maschinen diverser Jahrgänge kann man in dem kleinen Museum sehr schön die technische Entwicklung im Geländesport nachvollziehen. Auf dem hauseigenen Terrain kann man sich übrigens von den Zitzewitz-Koryphäen an die Fahrkünste des Geländesports heranführen lassen. Wir fahren weiter, nun wieder in westliche Richtung. Entlang verschiedener Seen drehen wir ein paar Extrarunden durch die liebliche Landschaft. Malente darf dabei natürlich nicht unerwähnt bleiben, denn beim Klang dieses Städtenamens horcht mindestens die halbe Fußballnation auf. Hier wurden nicht nur 1974 unsere Kicker-Heroen für die Weltmeisterschaft fit gemacht. Spielern wie Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath, Sepp Meier oder Berti Vogts läuft es wohl heute noch kalt den Rücken runter, wenn sie an die „Schleiferei“ denken. Jedenfalls sind die Kicker wohl seinerzeit zur Erholung gelegentlich nachts ins ferne Hamburg auf die Reeperbahn ausgebüxt, um die müden Glieder zu aktivieren. Die nächste interessante Stadt hat ebenfalls Fußballgeschichte geschrieben, die Schusterstadt Preetz nämlich. Warum auch immer hatten sich in der Zeit um 1850 herum rund 800 Schumacher in dem Ort niedergelassen. Gut 100 Jahre später revolutionierte dann einer der Schuhmacher das Fußballspiel. Albert Bünn hieß der 2006 verstorbene Pfiffikus.
Die Engels produzieren auf dem Ingenhof köstlichen Wein und bieten komfortable Unterkünfte
Die Engels produzieren auf dem Ingenhof köstlichen Wein und bieten komfortable Unterkünfte
Für die Kicker vom Hamburger SV erfand er Ende der 50er Jahre sehr besondere Fußballstiefel – die Schraubstollenschuhe. Bünn profitierte von seiner Erfindung allerdings nicht. Er versäumte es, seine Erfindung patentieren zu lassen. Das große Geschäft machte dann später Adidas. Der HSV spielte übrigens nie mit Bünns Stiefeln.

Wo der Fußball revolutioniert wurde

Wir genießen die durchaus nicht kurvenarme Landschaft, umrunden den Plöner See und nähern uns schließlich auf der Kreisstraße 1 dem kleinen Örtchen Malknitz. Hier, gerade mal sechzehn Kilometer von der Ostsee entfernt, haben wir uns mit Melanie Engel auf dem Ingenhof verabredet. Gemeinsam mit der Familie widmet sie sich seit über zehn Jahren dem Weinbau, mit zunehmender Erderwärmung mit immer größerem Erfolg. 2008 durften die Obstbauern nach eingehender Prüfung durch die zuständigen Stellen, drei Hektar Rebrechte aus Rheinland-Pfalz kaufen. Ausschlaggebend waren die hervorragenden Standortvoraussetzungen. Eingebettet in die Endmoränenlandschaft der Holsteinischen Schweiz, gepaart mit dem milden Reizklima, gedeihen Trauben der Sorten Solaris, Regent und Cabernet Cortis vorzüglich. „Besonders ertragreich ist unser Südhang“, sagt die junge Winzerin stolz. „Er hat immerhin eine Neigung von 35 Grad!“ Mittlerweile werfen auch die zehn Ferienwohnungen auf dem Hof einiges ab. Seit Corona und den meist übervollen Strandabschnitten an der Ostsee zieht es immer mehr Touristen ins Binnenland. Nach einer sehr kleinen Probe des tatsächlich sehr leckeren Weins der Sorte Solaris, bewegen wir unsere Maschinen in die grobe Richtung Kiel, umkurven wieder den idyllischen Selenter See, lassen das hübsche Lütjenburg unbeachtet und finden schließlich unser nächstes Ziel: Tröndel heißt der kleine Ort. Wir klingeln an der Tür des recht unscheinbaren Bauernhauses.
Bei Melanie Krohn-Heinsohn in Tröndel sind die Wasserbüffel längst heimisch. Das Steak genossen wir in Hamburgs Hafencity
Bei Melanie Krohn-Heinsohn in Tröndel sind die Wasserbüffel längst heimisch. Das Steak genossen wir in Hamburgs Hafencity
Es öffnet die Dame des Hauses. So unauffällig das Haus auch ist, hinter dem kleinen Anwesen verbirgt sich auf der Weide die Überraschung: Wasserbüffel, rund zwanzig an der Zahl. „Es begann 2007, als wir mit drei Tieren, die wir in Baden-Württemberg gekauft hatten, aus Jux und Dollerei neben unserer Milchwirtschaft angefangen haben“, erzählt Melanie Krohn-Heinsohn, die die über 300-jährige bäuerliche Familientradition fortführt. Inzwischen ist die Aufzucht der rund fünfundzwanzig Tiere vom Hobby zum lukrativen Geschäft geworden. „Die Büffel sind ganzjährig draußen. Der kleine Offenstall reicht zum Schutz vor Wind und Wetter.“ Erst mit drei Jahren sind die imposanten Tiere, denen zum Gras ausschließlich Heulage und Stroh zugefüttert wird, schlachtreif. Die Schlachtung besorgt Norbert Neidhart aus Holtsee in den Hüttener Bergen unweit von Eckernförde. Bei ihm reift das Fleisch dann mindestens 21 Tage, bevor daraus Salami, Bockwurst und jede Menge feinstes Bratgut gemacht wird. Ja, wir haben Wasserbüffelfleisch probiert, aber dazu kommen wir erst später. Jedenfalls liegt die Fleischerei genau in der Richtung, die wir ohnehin einschlagen wollten. Weiträumig umfahren wir das fußballerisch so schwer gebeutelte Kiel. „Sutje“ versteht sich, was wie ein nordischer weiblicher Vorname klingt, aber im Plattdeutschen „gemächlich“ heißt. Ab und zu glitzert das Wasser der Seen durch das Laub der Straßenbäume, aber das Kurvengeschlängel verlangt natürlich die volle Aufmerksamkeit.
Nur die Fähren über den Nord-Ostsee-Kanal sind kostenlos
Nur die Fähren über den Nord-Ostsee-Kanal sind kostenlos
Wir halten uns einstweilen nördlich des Nord-Ostsee-Kanals, jener Wasserstraße, die die Ostsee mit der Nordsee verbindet und die einer der meist befahrenen künstlichen Wasserwege der Welt ist. 2020 waren es weit mehr als 25.000 Seeschiffe, die so den 240 Seemeilen (460 Kilometer) langen Weg um Jütland durch die Nordsee durchs Skagerrak und Kattegatt auf rund 100 Kilometer verkürzt haben. Zwischen den beiden Endpunkten Kiel-Holtenau und Brunsbüttel führen acht Straßen mit zehn Brücken über das von 1887 bis 1895 erbaute Mammutbauwerk. Dazu kommen dreizehn kostenlose Fahrzeug- und Personenfähren.

Amsterdam in Norddeutschland

Kanäle durchziehen das idyllische Friedrichstadt nach holländischem Muster
Kanäle durchziehen das idyllische Friedrichstadt nach holländischem Muster
Wir halten Kurs Richtung Büdelsdorf und nehmen dort die Bundesstraße 202 nach Husum. Dabei kommen wir direkt über Friedrichstadt, was rund 30 Kilometer vor der grauen Stadt am Meer liegt. Wer jetzt kein Gerät mit Fotofunktion einsatzbereit hat, wird sich schwarz ärgern, denn Friedrichstadt ist ein Hotspot für jeden Knipser und eine Fundgrube für instagramtaugliche Motive. Schon bei der Einfahrt in das 2.600-Seelen-Städtchen fühlt man sich schlagartig nach Holland versetzt. Klein Amsterdam lässt grüßen! Überall Grachten auf denen sich Paddelboote oder Stand-up-Paddler um die beste Route balgen.
Der pittoreske Ort wird gleich von zwei Flüssen, der Greene und der Eider, bedient. Wir rollen über diverse Brücken in Richtung Marktplatz, wo, wie auch im Rest des Ortes, die Bauten aus der niederländischen Backsteinrenaissance das Stadtbild dominieren. Nachdem der heutige Touristenmagnet Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet worden war und bald zu einer Handelsmetropole aufstieg, holte der Gründungsvater Herzog Friedrich lll. immer mehr religiös Verfolgte in das aufstrebende Städtchen. Darunter waren vor allem holländische „Demonstranten“, die nach und nach aber immer stärker das Stadtbild beeinflussten. Durch die Corona-Pandemie ist der Touristenandrang in den letzten Monaten noch einmal erheblich angestiegen.
Entspannt tuckern wir am Hafen vorbei wieder Richtung Friedrichstadt und biegen dort rechts ab auf die kleine Landstraße Richtung Kleve. Spätestens in Tellingstedt müssen wir uns entscheiden, ob wir einen Abstecher nach Heide machen wollen, eine Stadt, die man nicht unbedingt gesehen haben muss. Aber hier könnten wir überprüfen, ob an dem geflügelten Wort des Schriftstellers William Faulkner „Zivilisation beginnt mit Destillation“ was dran ist.
Meldorfer Dom in Meldorf
Meldorfer Dom in Meldorf
In Heide wird nämlich der „Dithmarscher Whisky“ gebrannt, ein „waschechter Coastel Malt“, der den Charakter und das Klima der Region beinhalten soll. Allerdings sind wir am falschen Tag unterwegs. Die Destille ist nur von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Stattdessen fahren wir ein paar Kilometer weiter nach Meldorf, um wenigstens einen kurzen Blick auf die St.-Johannes-Kirche zu werfen, die eher als Meldorfer Dom bekannt ist. Die um 1250 erbaute Kirche diente lang Zeit nicht nur für Gottesdienste, hier wurden „politische“ Versammlungen über das Geschick großer Teile Schleswig-Holsteins abgehalten. Wir düsen weiter auf der Landstraße in Richtung „Kiel Kanal“ und sehen schon bald die mächtige Eisenbahnbrücke in Hochdonn. Am Ufer liegt die abfahrbereite Fähre, die wir noch rechtzeitig erreichen, weil der Fährmann einen Containerriesen in Richtung Nordsee passieren lässt.

Heavy-Metal in Wacken

Der wohl bekannteste Ort Schleswig-Holsteins – Wacken
Der wohl bekannteste Ort Schleswig-Holsteins – Wacken
Auf der gegenüberliegenden Kanalseite liegt der weltweit wohl bekannteste Ort Schleswig-Holsteins, dessen Wahrzeichen ist schon von Weitem zu erkennen ist: Der Raiba-Turm – ein ehemaliger Getreidespeicher – mit der eindeutigen Aufschrift „Wacken“. Beim Wacken Open Air traf sich vor Corona hier die Welt des Heavy Metal. Selbst für Bands wie Deep Purple, praktisch die Erfinder des Hard Rock, war es eine Ehre hier spielen zu dürfen. Uns treibt es weiter. Nach unserem Ausflug in die Welt der harten Musik passieren wir die Ortschaften Nuttlen und Krummendiek auf unserem Weg Richtung Brokdorf, wo das einst umstrittensten Kernkraftwerk auf sein Betriebsende im Dezember wartet. Ein paar Kilometer weiter liegt der Flecken Wewelsfleth, der vor ein paar Jahren im Rampenlicht stand, als hier das neue Wahrzeichen Hamburgs, die beeindruckende Viermastbark „Peking“ restauriert wurde. Eine Meisterleistung der Schiffbaukunst.
Glückstadts Hafen ist auch Motorradtreff
Glückstadts Hafen ist auch Motorradtreff
Nun liegt sie im Hamburger Hafen und wartet, wie Wacken, auf Besucher.
Glückstadt ist das nächste Ziel, ein kleines Städtchen, das in grauer Vorzeit beinahe Hamburg den Rang als Tor zur Welt abgelaufen hätte. Heute ist das Städtchen mit seinem hübschen Marktplatz ein vielbesuchter Touristenort. Zur Saison isst man dort beispielsweise beim „Kleinen Heinrich“ die besten Matjes des Nordens. Und das ist ein Versprechen!
Bestens versorgt machen wir uns wieder auf den Weg Richtung Hamburg. Der führt uns direkt am Hafen vorbei über eine breite; kaum befahrene Stichstraße nach Bielenberg, wo sich Windsurfer, Stand-up-Paddler oder Wingfoil-Fahrer bei Wind und Wetter auf der hier schon ziemlich breiten Elbe tummeln. Ein paar Kilometer weiter erreichen wir einen ziemlich beliebten Motorradtreff in Kollmar, ebenfalls direkt an der Elbe gelegen. Wir ignorieren standhaft die leckeren Fischbrötchen, die an zwei Imbisswagen angeboten werden. Hinter Elmshorn, das unseres Wissens außer einem großen Teppichhandel nichts Bemerkenswertes zu bieten hat, machen wir noch einen Schlenker durch das Kurvenangebot in der Haseldorfer Marsch.
Strand-Feeling nicht nur an Nord- und Ostsee. Der Beachclub an der Elbe in Wedel oder der Flußstrand bei Colmar tun es auch
Strand-Feeling nicht nur an Nord- und Ostsee. Der Beachclub an der Elbe in Wedel oder der Flußstrand bei Colmar tun es auch
Kurz vor Hamburg erreichen wir Wedel, das mit zwei Highlights aufwarten kann. Der Beachclub an der Elbe lädt allemal zum Sonnenbaden und Schiffegucken ein. Gleich nebenan liegt das Schulauer Fährhaus, ein großes durchaus empfehlenswertes Restaurant und Café mit üppiger Außengastronomie. Hier wird jedes ein- und auslaufende Schiff mit der jeweiligen Nationalhymne begrüßt oder verabschiedet. Falls mal eine größere Pause zwischen den Schiffsfahrten entsteht, lässt der Ansager einfach ein imaginäres abgetauchtes U-Boot vorbeifahren. Es ist also praktisch immer was los. Mit reduziertem Tempo rollen wir über die Elbchaussee dem Endpunkt der Fahrt entgegen, Ziel: das Gourmet-Res­taurant „Kinfelts“ gleich an der Elbphilharmonie. Dort steht nämlich Steak vom Wasserbüffel auf der Speisekarte. Hmmmm, lecker!


Text: Walter Hasselbring, Fotos: Walter Hasselbring


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