Trans Euro Trail Germany: TET-à-Tête im Staub

Der Trans Euro Trail – kurz TET – führt auf Nebenstraßen und unbefestigten Strecken quer durch Europa. Der deutsche Part offenbart: Meckpomm und Brandenburg sind das Scrambler-Paradies.
Es ist an der Zeit für Bekenntnisse: Ich war noch nie mit dem Motorrad im Hinterland von Mecklenburg-Vorpommern, geschweige denn in den Weiten Brandenburgs. Dabei ist der Mauerfall schon 30 Jahre her. Und als Hamburger lebe ich quasi ums Eck. Schändlich. Ich weiß. Und ja, nennt es Ignoranz. Meinetwegen auch schön blöd. Aber es hat mich halt nie gereizt. Zu nah dran – und doch zu weit weg, gefühlt. Irgendwie unsexy, die Gegend, dachte ich. Sei’s drum.
In Zeiten internationaler Reiserestriktionen bekommt die nähere Umgebung eine neue Bedeutung. Erst recht, wenn für die Reise ins Reich der blühenden Landschaften 90 britische Pferdchen bereitstehen und ein halbindisches Muli. Und sich Jochen, der Navigator-Haudegen, bereitwillig um die Navigation kümmert. Marschroute: Richtung TET Germany und dann mal schauen. Drei Tage fahren, zwei Nächte campen, fertig ist der Abenteuer-Kurzurlaub. Wohl an denn!

Legal über unbefestigte Straßen

Zen-Momente: Der TET verbindet Einsamkeit, Natur und Fahrspaß
Zen-Momente: Der TET verbindet Einsamkeit, Natur und Fahrspaß
TET steht für Trans Euro Trail. Die klangvolle Abkürzung verspricht Einsamkeit und Staub und verwegenes Scramblern auf weitgehend unbefestigten Straßen. Das zumindest ist die Idee hinter den gescouteten und für jedermann kostenlos downloadbaren Strecken, die abseits von Verkehr und Zivilisation auf legalen Quasi-Offroad-Pfaden quer durch Europa führen. Genau genommen in unserem Fall durch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, die Nordostroute des TET Germany.
Wir starten im Großraum Mölln mit zwei Bikes aus zwei Welten, die zwei Sachen gemeinsam haben: Sie sind echte Hingucker. Und sie fürchten weder Schlamm noch Schotter. Die Rede ist von der zum Niederknien lässigen Triumph Scrambler 1200 XC und von der unkaputtbaren Royal Enfield Himalayan, die meiner eigentlich schwer zu beeindruckenden Erstgeborenen ein spontanes „Boah, ist die cool“ entlockte. Und das meint sie durchaus ernst, nicht nur wegen der neuen zweifarbigen „Rock Red“-Lackierung.

Immer schön sutsche

Zweizylinder versus Einzylinder. 1.200 Kubik und 90 PS kontra 411 Kubik und 24 PS. Ab 13.250,-- Euro gibt es die eine, ab 4.776,-- Euro die andere. In puncto Leistung und Preis trennen die Bikes also Welten. Aber pffft: Für den Fahrspaß auf dem TET spielt das keine Rolle. Hier sind alle Maschinen gleich, solange sie leichte Stollenreifen haben. Enduro-Wandern ist angesagt. Immer schön sutsche, wie wir im Norden sagen – nur keine Hektik. Die meiste Zeit fährt man hier im Stehen. Verbessert auch die Aussicht.

Die wilde Landschaft garantiert großen Fahrspaß
Die wilde Landschaft garantiert großen Fahrspaß
Landstraßentempo 100 rockt die Royal Enfield bei Bedarf locker runter, beweist die Anreise übers Hinterland von Schwerin. Auch mit Gepäck. Auf der Autobahn macht die schmale Himalayan unter dem Hünen Jochen bei circa 118 km/h schlapp, lernen wir auf der Rückfahrt. Das Datenblatt verspricht 127 Spitze. Aber um Asphalt machen wir ja eh einen großen Bogen – wann es immer es geht – auf dieser Reise.

Zeit ist relativ auf dem TET

Scramblern at its best: Die Triumph beeindruckt mit bärigem Drehmoment, LED-Licht und speziellem Offroad-Modus. Die schlanke Royal Enfield überzeugt trotz geringer Leistung
Scramblern at its best: Die Triumph beeindruckt mit bärigem Drehmoment, LED-Licht und speziellem Offroad-Modus. Die schlanke Royal Enfield überzeugt trotz geringer Leistung
Die Anreise durchs Herzogtum Lauenburg führt uns über die alte Grenze. „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. November 1989 um 16 Uhr geteilt“, verkündet ein kinderbettgroßes, braunes Schild am Wegesrand. Die „16“ wurde nachträglich drauf getackert. Vermutlich hatte sich der Schilderproduzent in der Uhrzeit geirrt. Schwamm drüber, Zeit ist relativ, Deutschland ist eins, das zählt.
Mäkelborg-Vörpommern, wie es auf Niederdeutsch heißt, empfängt uns mit leeren Straßen. Kein Verkehr, keine Menschen, keine Hektik. Dafür Felder und Kornblumen, so weit das Auge reicht. Und Kurven. Und Alleen. Ein Fahrträumchen. Auffallend viele Fassaden in den aufgeräumten
Drive-Through-Dörfern sind neu verklinkert. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich die Steine meist als Fassadenverblendung im Solid-Brick-Look. Mehr Schein als Sein. Dafür sind die neuen Fachwerkhäuser echt, die hier allenthalben aus den Baulücken sprießen wie Wilder Hopfen.
Das Bauhandwerk haben sie hier schon immer beherrscht. Meckpomm zählt mehr als 2.000 Schlösser, Burgen und Gutshäuser, lehrt Wikipedia. Rund 1,6 Millionen Einwohner verlieren sich auf den rund 23.200 Quadratkilometern zwischen Ostseeküste, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg und Polen, macht 69 Einwohner pro Quadratkilometer – und Mecklenburg-Vorpommern zum am dünnsten besiedelten Bundesland der Republik.

Ferienstraßen ohne Ende

Mit mehr als 2.000 Kilometern Küste und dem Mecklenburger Seenland ist die Heimat von Toni Kroos und Max Schmeling eine Top-Wassersport- und Badedestination. Zahlreiche Ferienstraßen machen „MV“ zur vielbereisten Urlaubsregion: Durchs Land führen die Vorpommersche Dorfstraße, die Schwedenstraße, die Sagen- und Märchenstraße sowie Teile der Deutschen Alleenstraße, der Oranier-Route, der europäischen Route der Backsteingotik, der Deutschen Storchenstraße, der Königin-Louise-Route, der Lehm- und Backsteinstraße, des Oder-Neiße-Radwegs und – in Planung – bald auch noch die Gutshausroute.

Ab jetzt heißt es Staub aufwirbeln!
Ab jetzt heißt es Staub aufwirbeln ...
Alles schön und gut, aber wir wollen auf den TET, wobei Pfadfinder Jochen rechts und links des Trails noch ein paar Möglichkeiten entdeckt hat, den Schotteranteil unserer Tour signifikant zu erhöhen. 25 Kilometer östlich von Schwerin biegen wir auf den TET ab. An einer Kreuzung mitten im gefühlten Nirgendwo. Ab jetzt heißt es Staub aufwirbeln! Ab durch die Felder! Auf völlig legalen „Straßen“, die meist Trecker nutzen. Und die Post. Was durchaus originell ist. Wo sonst trifft man schon einen DHL-Boten mitten im Wald?

und ab durch die Felder!
und ab durch die Felder!
Wir lernen: Im Osten ist es nach wie vor völlig normal, dass hinterm letzten Haus im Dorf die geteerte Straße aufhört und der Kiesweg beginnt. Irgendwann nach zwei, drei Wäldern, vier, fünf Feldern und einigen Hühnerparadiesen aus ausrangierten Wohnwagen kommt dann der nächste Häuserhaufen. Und wieder ein bisschen Asphalt. Oder Kopfsteinpflaster. Oder ein Resteessen aus beidem.

50 Shades of Kopfsteinpflaster

Mit dem Kopfsteinpflaster verhält es sich in den neuen Bundesländern wie mit dem Regen in Großbritannien: Es gibt mindestens 50 verschiedene Arten. Richtig übles Kopfsteinpflaster, auf dem das Vorderrad Polka tanzt. Schlechtes, weil löchriges. Nicht ganz so schlimmes, aber ziemlich grobes. Richtig gutes. Und manchmal ganz famoses, wo scheinbar jeder Stein handverlesen ist und mit Liebe gesetzt wurde.
Überhaupt das Straßenspektrum. Je weiter wir nach Brandenburg mäandern, desto länger wird die Liste der befahrenen Untergründe. Betonplatten. Einzelspuren. Kies. Schotter. Komplett zugewachsene Feldwege. 150.000-fach geflickte Bitumenkrüppel. Dreispurige Waldschnelltrassen. Und maledivenstrandweißer Waldboden, feinporig wie Porzellanerde, in dem das Vorderrad fast bis zur Nabe versinkt, so weich ist dieser spezielle Sand. In den Dörfern und den wenigen Städtchen, die wir passieren, erinnert allenthalben eine Straße der Befreiung oder eine Ernst-Thälmann-Straße an selige DDR-Zeiten. Die „Grüne Straße“ ziert kein einziger Baum.

Basislager auf der Kanufarm

Am Ende des ersten Fahrtages poppt Waren an der Müritz auf wie ein Ding aus einer anderen Welt. Ampeln, Staus, Hektik, Menschen, volle Restaurants – all das hatten wir am frühen Morgen an der Garderobe abgegeben und wollten es noch gar nicht wiederhaben. Also ab auf die Kanufarm am Heegesee, unser Basislager nahe Wustrow. Wohnmobile links, Zelte rechts, in der Mitte führt ein kleiner Bachlauf hinaus auf den See. Kanuten kommen hier voll auf ihre Kosten. Badegäste sollten auf den nahegelegenen Peetschsee ausweichen, der ist weitgehend frei von kratzigen Algen und blühenden Seerosen.

Das ehemalige Kerngebiet Preußens gilt als das gewässerreichste Bundesland Deutschlands
Das ehemalige Kerngebiet Preußens gilt als das gewässerreichste Bundesland Deutschlands
Die Nacht im Zelt fordert Bandscheibenpatienten alles ab. Dafür lacht am nächsten Morgen die Sonne früh ins Zelt. Schlaf wird überbewertet. Brandenburg ruft. Wir sind ja nicht zur Erholung hier, wobei die nackten Fakten genau das verheißen. Weit mehr als ein Drittel der Fläche Brandenburgs wird von Naturparks, Wäldern, Seen und Wassergebieten eingenommen. Das ehemalige Kerngebiet Preußens gilt als das gewässerreichste Bundesland Deutschlands. Es gibt über 3.000 natürlich entstandene Seen, plus ungezählte künstlich angelegte Teiche, Baggerseen und ähnliche Gewässer.

Viele Kinder, wenig Glauben

2,52 Einwohner bescheren Brandenburg Rang zehn auf der Liste der Bundesländer. Mit einer Bevölkerungsdichte von 83,8 Einwohnern/km² ist es nach Mecklenburg-Vorpommern das am wenigsten besiedelte Bundesland. Rund eine Million Menschen leben in der Agglomeration Berlin. Die weiter außerhalb liegenden Gebiete haben eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte: Sie liegt teilweise bei unter 25 Einwohnern pro Quadratkilometer. Ein im wahrsten Sinne gottloses Land: Laut letzten Erhebungen sind 80 Prozent ohne Religion. Nächstenliebe wird gleichwohl großgeschrieben: Brandenburg weist mit 1,64 Kindern pro Frau (Stand 2017) die höchste zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer unter den deutschen Bundesländern auf.

Die Straßen in der Uckermärkische Seenlandschaft sind größtenteils der Hit: super Grip, perfekte Kurvenradien und kaum Verkehr
Die Straßen in der Uckermärkische Seenlandschaft sind größtenteils der Hit: super Grip, perfekte Kurvenradien und kaum Verkehr

Zeit für bessere Zeiten

„Seit der Finanzkrise ist hier der Ofen aus“, sagt Harald, der Wirt des Dorfkrugs in Rutenberg. Und jetzt auch noch Corona. Wobei, der Lockdown wäre im 200-Seelen-Kaff eh nicht weiter aufgefallen: „Wir leben seit Jahren in Kultur-Quarantäne. Kommt ja keiner mehr her. Anfang der 2000er konntest du kaum auf die Straße gehen, ohne von den ganzen Rad-Touristen über den Haufen gefahren zu werden. Heute kannste du auf der Hauptstraße Mittagsschlaf machen.“ Strampelnde Urlauber als zahlende Kunden im Dorfkrug? „Vergiss es“, winkt Harald ab und holt sich das nächste Bier – 0,5 Liter im Plastikbecher für zwei Euro.

Plitsch-platsch von Nass zu Nass

Wir lassen Harald samt Katze im hüfthohen Gras seines Vorgartens zurück und pesen weiter durch die Uckermärkische Seenlandschaft. Die Straßen in diesem Part Brandenburgs sind größtenteils der Hit: super Grip, perfekte Kurvenradien und kaum Verkehr. Ganz großer Fahrspaß. Jochens Vorschlag, querfeldein abzukürzen auf dem Rückweg zur Kanufarm, lehne ich dankend ab. Dafür macht meine Triumph auf dieser Art von Strecken einfach zu viel Spaß.

Feldwege mit Schotter oder Lehm, steile Bergpfade, Sandpisten, Waldwege, steinige Passagen, Wasserdurchquerungen, angenagter Asphalt – von allem ist auf dem gesamten Trans Euro Trail reichlich dabei
Feldwege mit Schotter oder Lehm, steile Bergpfade, Sandpisten, Waldwege, steinige Passagen, Wasserdurchquerungen, angenagter Asphalt – von allem ist auf dem gesamten Trans Euro Trail reichlich dabei
Auf den großen Übersichtskarten, die ab und an als Touri-Info dienen, kommt man mit dem Seen-Zählen kaum hinterher. Zenssee, Platkowsee, Wurlsee, Stolpsee, Moderfitzsee, Haussee, Sidowsee, Schwedtsee, Peetschsee, Röblinsee, Großer Stechlinsee, Großer Küstrinsee – Seen, wohin man sieht, plitsch-platsch von Nass zu Nass, egal welche Richtung man einschlägt. Nebenan in Meckpomm locken Ziernsee, Wangnitzsee, Thymensee, Ellbogensee, Plätlinsee, Rätzsee, Krummer Woklowsee ...
Wie Sie sehen, sehen Sie Seen. Und wir sehen zu, dass wir Land gewinnen, also Strecke machen. Der TET ruft. Zeit fürs nächste Bekenntnis: Ich hätte schon viel früher rübermachen sollen.


Text: Ralf Bielefeldt, Fotos: Bernd Ahrens


#Deutschland#Scrambler#Tour

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