Göttliches Kreta: Hochgebirge mitten im Meer

08.02.2021 10:55

Kreta dürfte zu den kurvenreichsten Inseln dieser Erde gehören. Sie bietet Höhenflüge auf gutem Asphalt, eine grandiose Gebirgskulisse und Mittelmeerstrände.
Traumstrecke von Anogia in Richtung Psiloritis, dem höchsten Berg Kretas.
Traumstrecke von Anogia in Richtung Psiloritis, dem höchsten Berg Kretas.
Kreta macht süchtig, denkt daran! So warnt Silvio, El Greco, unser M&R-Tourguide auf Kreta, der dort herrliche En­duro- und Straßentouren anbietet. Aber wir sind mutig, nehmen mögliche Risiken und Neben­wir­kungen in Kauf und wollen die Sonneninsel unter die Lupe nehmen. Bevor man sich dem Motorradfahren hingibt, könnte man eine Exkursion in die steinalte Ge­schichte der Insel starten. Knossos war ja vor mehr als 3.000 Jahren die Haupt­stadt der Minoer und damit die Wie­ge aller europäischen Kulturen. Man muss sich das einmal vorstellen: Zu einer Zeit, als unsere mitteleuropäischen Vorfahren noch mit Keulen durch die Wälder liefen, gab es hier bereits Häuser mit Warmwasserheizung, Sitzbade­wannen und Toiletten mit Wasserspülung!
 

Kurven naschen und die landschaftliche Schönheit der Insel genießen

Bleibt die Frage, wie die Hochkultur urplötzlich un­ter­gehen konnte. War eine Epidemie schuld? Gab es ein verheerendes Erdbeben? Nein. Heute scheint sicher, dass die Minoer vor rund 3.630 Jahren regelrecht aus den Annalen der Geschichte gespült wurden. Ein Tsunami, für den der Wissenschaftler I. Yokojama eine gigantische Wellenhöhe von rund 50 Metern errechnete, traf Kreta, nachdem die nur einhundert Kilometer nördlich gelegene Vulkaninsel Santorin (Thira oder Thera) explodierte. Über zehn Milliarden Kubikmeter Magma sollen dabei ausgetreten sein. Dadurch leerte sich die unter der Vulkaninsel gelegene Magmakammer, es drang Meerwasser ein und der Vulkankomplex Santorin kollabierte. Der Mega-Tsunami zerstörte sämtliche Häfen Kretas samt aller Schiffe der Minoer. So war man nicht in der Lage sich einer Invasion der Achäer zu Beginn des 14. Jahrhunderts vor Christus zu erwehren, die alles zerstörten und niederbrannten, was die gewaltige Flutwelle übrig gelassen hatte.
Unser Basisquartier würde hoch genug liegen, sollte das wieder passieren. Aber daran denken wir nicht. Wir wollen Kurven naschen und die landschaftliche Schönheit der Insel aufsaugen. Gut, dass Tourguide Silvio gleich zu einer ersten Entdeckertour lädt. Der Berganturn, der uns auf fast 1.000 Meter über das Niveau des Mittelmeeres hievt, führt in eine weite, fast kreisrunde Hochebene, die inmitten schroffer Bergriesen in saftigem Grün erstrahlt. 
 
Kreta ist mit etwa 8.331 Quadratkilometern Flä­che, sowie 1.040 Kilometer Küsten­linie die größte griechische Insel sowie die fünftgrößte Insel im Mittelmeer.
Kreta ist mit etwa 8.331 Quadratkilometern Flä­che, sowie 1.040 Kilometer Küsten­linie die größte griechische Insel sowie die fünftgrößte Insel im Mittelmeer.
Die be­rühmte Lassithi-Hochebene, besteht aus ei­ner Viel­zahl bunt durcheinander gewürfelter Felder. Mit­tendrin ver­teilen sich alte, teils verfallene Wind­mühlen (es sollen einmal rund 10.000 gewesen sein), die früher zur För­de­rung des Grundwassers ge­nutzt wurden. Heu­­te sorgen meist Elektro­pumpen dafür, dass es hier ausschaut, wie im sprichwörtlichen Paradies. Immer noch wird zudem ein von den Vene­zianern entwickeltes Kanal­sys­tem be­nutzt, welches das Wasser über die äußerst fruchtbare Fläche verteilt. Silvio erzählt mir obendrein, dass man hier oben schon seit über 5.000 Jahren Land­wirtschaft be­treibt. Die seither entstandenen Dörfer liegen allesamt am Rande der Hoch­fläche, weil diese Jahr für Jahr durch die Schnee­schmelze nahezu komplett überflutet wird.

Qual der Wahl: nach Agios Niko­laos oder Mochos kurven

An­schließend haben wir die berühmte Qual der Wahl. Wir könnten hinab nach Agios Niko­laos kurven, das Fahrzeug wechseln und zur Insel Spina­longa schippern”, erzählt Silvio. Wäre schon spannend, denn dort wurde 1579 von den Vene­zi­anern zum Schutz ihres Hafens in Elounda eine Festung errichtet, die auch noch lange nachdem die Türken den Rest Kretas erobert hatten, verteidigt werden konnte. Mit ihren starken Kanonen­bat­terien galt die Insel als uneinnehmbar. Erst durch einen Vertrag kam sie viel später in türkischen Besitz. Nach dem Abzug der Türken, der nach Jahrhunderten der Besetzung 1897 stattfand, wurden dann Kretas Lepra­kranke nach Spinalonga gebracht. Sie übernahmen die Häuser der Türken, durften die kleine Insel bis zu ihrem Ableben aber nicht mehr verlassen. Erst 1957 wurde die Leprasiedlung aufgelöst, nachdem die Medizin die schreckliche Krank­heit endlich besiegt hatte. 
„Andererseits könnten wir in Richtung Mochos kurven”, meint Silvio lächelnd. „Ich kenne da eine nette Taverne, wo man ganz leckeren Moussaka (Auberginenauflauf)  serviert.” Die höchst demokratische geführte Diskussion dauert nur kurz und der Sieger ist: Moussaka!
 
Auf "alpinen" Straßen kurven wir auch an der etwa 2.000 Jahre alten Platane von Krasi vorbei.
Auf "alpinen" Straßen kurven wir auch an der etwa 2.000 Jahre alten Platane von Krasi vorbei.
Auf dem Weg zum fälligen Boxenstopp besuchen wir die Platane von Krasi. Der rund 2.000 Jahre alte Baum hat einen Umfang von rund 20 (!) Metern im Wurzelbereich. Zwei große Äste sind zusammen gewachsen und wirken so als Stütze. Als wir Mochos nach dem Essen verlassen wollen, möchte der Wirt unbedingt noch Raki kredenzen. Allerdings hat dieser auf ganz Kreta meist schwarz gebrannte und oft nur in Wasserflaschen ohne Etikett unter den La­dentheken gehandelte Trester­schnaps, mit dem türkischen Raki lediglich den Namen gemein. Kre­ti­schem Raki wird näm­lich kein Anis zugesetzt und daher ähnelt er sehr dem italienischen Grappa. Da sich aber Alkohol und Mo­torradfahren nicht vertragen, muss ein herzliches Jammas (heißt auf Deutsch: Prost) warten, bis wir wieder im Hotel sind. 
Am nächsten Morgen startet die zweite Tour. Zunächst sausen wir in Richtung Heraklion. Dort folgt der Schwenk ins Hochgebirge. Auf einer guten und mit Kurven durchsetzten Straße schrauben wir uns über Anogia zum Nida-Plateau, welches vom Psiloritis überragt wird, der auf 2.456 Meter über dem Libyschen Meer gipfelt und damit der höchste Berg Kretas ist. Hier gibt es einige Schotterpisten, die sich für Offroad-Fans regelrecht anbieten. Eine davon führt zur Höhle des Zeus, wo die griechische Mythologie mit der Geburt des Göttervaters ihren Ursprung hat. 
 
Ei­ne Schotterpiste führt zu einer Höhle, die als Geburtsort von Zeus gilt.
Ei­ne Schotterpiste führt zu einer Höhle, die als Geburtsort von Zeus gilt.
Nachdem wir uns ein wenig ausgetobt haben, startet Silvio einen weiteren Höhenflug, der an einer Sternwarte endet. Bei gutem Wetter hat man hier eine gigantische Aussicht und so muss der Tourguide schon zweimal zum erneuten Aufbruch bitten. Auf Asphalt zwirbeln wir wieder bergab, wobei der schmalen Straße bald erneut die staubfreie Oberfläche ausgeht. Macht aber nichts, denn das Geläuf präsentiert sich als fest und lässt sich auch mit meiner V-Strom gut fahren. 
Ziemlich genau dort, wo wir wieder As­phalt unter die Räder bekommen, geht es bergab. Wer Alpenpässe mag, der wird mit der Zunge schnal­zen, da sich die Straße wie ein Korkenzieher in die Tiefe windet. Außerdem muss erwähnt werden, dass sich die meisten Strecken auf Kreta meist autofrei präsentieren. Wer so viel erlebt, braucht auch mal eine Pause. Wir stoppen im Tal in Zaros am See und nehmen kalte Getränke und einen kleinen Imbiss zu uns, bevor wir den Rückweg ins Hotel antreten, wo wir auf den Tag an der Poolbar mit einem begeisterten “Jammas” anstoßen.

Kurvenreich durch die Olivenbäumen übersäte Messaraebene

Nach dem Frühstück, geht es ab in den Süden von Kreta. Quer über die Insel, fahren wir durch die mit unzähligen Olivenbäumen übersäte Messaraebene nach Matala, einen der spirituellsten Orte von Kreta. Gerade jene weltberühmten Höhlen, wo Zeus mit der von ihm entführten Göttin Europa an Land gegangen sein soll, prägten die Geschichte des kleine Fischerdorfes, das seinen unverwechselbaren Charme bis heute nicht verloren hat. Richtig bekannt wurde es in den 1960er Jahren, als die Höhlen von Ma­tala als Blumenkinder-Paradies galten. Damals lebte man hier eine Weile lang, un­ter­stützt von der nahezu unendlichen kretischen Gast­freund­schaft, im friedlichen Protest ge­gen den Vietnam-Krieg nach dem Motto: “Make love - not war.” Um da­mit verbundenen Sitten wie Nackt­baden, Dro­gen­kon­sum und anderem Herr zu werden, wurden die Höh­len aber einige Jahre später zur ar­chäologischen Aus­gra­bungsstätte er­klärt und ein­gezäunt. Sei es drum, wir lassen uns erstmal am Strand nieder und vertreiben die Zeit mit Dösen in der Sonne und Baden im Meer.
 
Wundervoll: Die Bucht vom Matala am Lybischen Meer.
Wundervoll: Die Bucht vom Matala am Libyschen Meer.
Überraschend wirken dabei die Unterschiede in der Wassertemperatur, denn hier dürfte das Wasser rund 3° Celsius wärmer sein, als an der Nordküste, die dort rund 25° Celsius beträgt. Selbst im Winter kann man hier planschen”, meint El Greco Silvio, der na­türlich auch das beste Restaurant in Matala kennt. Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge, die Sonne versinkt langsam hinter den Bergen und so erleben wir die Kurverei zurück zur Nordküste in einem wunderbaren Farbenspiel, dass kurz vor dem Erreichen des Hotels die Farbe schwarz annimmt. Gut, da können wir ja gleich zur Bar...” meint Rudi, denn morgen gibt es keine Tour, sondern Sonne, Strand und mehr. Natürlich ist es wunderschön, wenn man am Strand relaxt, aber der Motorrad-Bazillus sitzt tief. Einige Unentwegte starten gegen Mittag die Motoren, um die nähere Umgebung zu erkunden. Gerade das kleine, von Oliven umgebene Dorf Sissi mit seinem Fischerhafen begeistert. Ganz in der Nähe könnte man auch die Höhle von Milatos - vor Sissi rechts - besuchen. 
 
Einfach schön: Der Fischerhafen von Sissi.
Einfach schön: Der Fischerhafen von Sissi.
Die ältesten archäologischen Funde dort stammen aus der Jungsteinzeit. Bekannt wurde die Höhle aber wegen der Belagerung durch osmanische Truppen während der Griechischen Revolution. 1822 landete Hassan Pascha mit einem Heer auf Kreta bei Neapoli, um den Aufstand der Griechen zu beenden. Mehrere Tausend griechische Christen - darunter einige Wenige bewaffnet - suchten in der Höhle Zuflucht. Im Februar 1823 ließ Hassan Pascha den Höhleneingang solange mit Artillerie beschießen bis die Flüchtlinge kapitulierten. 
Alle Männer der Be­siegten wurden sofort getötet. Priester landeten auf Scheiterhaufen, ältere Frau­en ließ man von der Kavallerie töten, jüngere Frauen und Kinder wurden versklavt. Aber das ist lange her, geben wir also wieder Gas.

Super-Berg- und-Talfahrt ans Libyschen Meer

Die nächste Tour führt nach Agios Nikolaos. Nach einer kurzen Pause im Hafen rollen die Motorräder auf der nördlichen Küstenstraße weiter. Dort wo Kreta am schlanksten ist, wird die Insel gequert. In Koutsouras braucht es nicht nur wieder Badesachen, auch hier kennt Silvio eine nette Taverne. Gut gestärkt geht es danach zurück zum Basisquartier, von wo aus auch die letzte Tour Richtung Ursprünglichkeit führt. Im Süden gibt es nur wenig Orte, die dem Massentourismus erlegen sind. Selbst der Weg dahin ist einmalig, denn wir erleben eine super Berg- und Talfahrt, die letztlich in Tsoutsouros am Libyschen Meer durch eine Pause unterbrochen wird. Das Grinsen unserer Truppe ist selbst durch die Visiere zu erkennen und abends heißt es nicht “Jammas”, sondern: “Wir lieben Kurven!” Aber bis dahin dauert es noch, denn zunächst folgen wir der Südküste nach Keratokambos. Dort hat Silvio den nächsten Einkehrschwung vorgesehen. Und was für einen! Erst gibt es Salate, Zaziki und Brot, dann folgt gegrilltes Fleisch in verschiedenen Variationen und zum Schluss zieren Platten mit leckerem Tintenfisch samt frischen Riesenkrabben den Tisch. Ach ja, Dessert kommt auch noch: Frisches Obst und - natürlich - Raki! Den heben wir uns aber wieder für den Abend auf, als es zum vorerst letzten Mal heißt: Jammas!” Aber wir wissen es ja: “Kreta macht süchtig!” Silvio lacht und fragt, wann wir uns das nächste Mal auf der Insel der Götter treffen?” “Bald, sehr bald” antworten alle.
 
Genial: Die Kurvenpiste hinüber nach Tsoutsouros.
Genial: Die Kurvenpiste hinüber nach Tsoutsouros.
Text: Frank Klose , Fotos: Frank Klose

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