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Luxemburg: Motorradfahren im Herzen Europas

14.05.2020 16:13

Sprache: Von Lëtzebuergesch bis Deutsch

Immerhin 135 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland. Die Mosel bildet über einige Kilometer die natürliche Grenze zum Großherzogtum. Die Luxemburger sprechen nicht nur Lëtzebuergesch, einen Dialekt des Moselfränkischen, sondern auch Deutsch. Das lernen alle Schulkinder schon ab der ersten Klasse. Und sie sprechen Französisch. Dazu meistens noch weitere Sprachen.
Sprachlich ist ein Urlaub in Luxemburg also überhaupt kein Problem – außer dass man mitunter Neid über den hohen Bildungs­stand der Einheimischen bezüglich ihrer Fremdsprachenkenntnisse verspürt. Deutsch sprechen die meisten akzentfrei. Und dass man in Luxemburg mit dem Euro bezahlt, dürfte logisch sein.

International: Wichtigster Bankenstandort

Die Bürger des Landes sind sehr international orientiert, gilt die Hauptstadt doch unter anderem als einer der wichtigsten Bankenstandorte Europas. Die internationale Ausrichtung ist angesichts der Tatsache, dass mehrere EU-Institutionen hier ihren Sitz haben, und der geringen flächenmäßigen Ausdehnung nicht verwunderlich: Immerhin können sie in einer zweistündigen Autofahrt vier Länder bereisen. Das Land grenzt im Westen an Belgien, im Süden an Frankreich und im Osten an Deutschland an. Diese Lage bringt es mit sich, dass man als Einwohner Luxemburgs genau überlegt, was man in welchem Land am günstigsten einkaufen kann. Deutsche aus dem Grenzgebiet wiederum fahren zum Tanken nach Luxemburg. Sprit kostet dort durchschnittlich zehn bis zwanzig Cent weniger pro Liter.

Tourismus: Schlösser über Schlösser

Beaufort Castle


Und was macht man in Luxemburg außer Tanken? Zum Beispiel Schlösser besichtigen. Davon findet man so viele, dass man als Motorradfahrer manche davon achtlos liegen lässt, weil die Straßen und Sträßchen so schön sind, sodass man diese erst einmal genießen möchte. Wer aber nur am Gasgriff dreht, ist natürlich schnell am anderen Ende des Landes angekommen. „Was unternehmt ihr heute?“, soll einmal ein Luxemburger die Nachbarsfamilie gefragt haben, als sie am Sonntagmorgen ins Auto stieg. „Wir schauen uns das ganze Land an!“ „Schön! Und was habt ihr am Nachmittag vor?“, lautet ein gern erzählter Kalauer. Das stimmt so natürlich nicht. Es gibt in diesem Land sehr viel mehr zu sehen, als es das relativ kleine Areal vermuten lässt. Es gibt zum Beispiel das „Tal der sieben Schlösser”. Oder das Müllerthal, das auch als „kleine Luxemburger Schweiz” bezeichnet wird. Das Land ist bei Weitem nicht so dicht be­siedelt wie beispielsweise Holland. Zwar misst Luxemburg nur maximal 57 Kilometer in der Breite und dehnt sich etwas mehr als achtzig Kilometer in Nord-Süd-Richtung aus. Alles in allem ist das aber doch relativ viel Raum für die gerade einmal 576.000 Bewohner des Großherzogtums – weniger als die Gesamteinwohnerzahl der Stadt Stuttgart.

Land und Menschen: Reich der Pendler

Motorradtour: Luxemburg


In Luxemburg gibt es aber nicht nur Banken, sondern auch Bauern. Anscheinend sogar recht viele. Außerdem viele nette kleine Sträßchen, häufig als Alleen gestaltet. Diese harten Schattenspender rechts und links der Straße sollten Motorradfahrer respektieren. Für die Unvernünftigen unter ihnen wurden sogar Schilder mit dem sinnigen Hinweis aufgestellt, dass Kurven bei hoher Geschwindigkeit gefährlich sein können.
Fast fünfzig Prozent aller Einwohner des Großherzogtums haben ausländische Wurzeln. Den überwiegenden Teil davon machen Portugiesen aus. An jedem Werktag schwappt noch zusätzlich eine Welle an Pendlern in das Land: Rund 120.000 Arbeitnehmer aus Frankreich, Deutschland oder Belgien fahren morgens zu ihrem Arbeitsplatz und abends wieder in ihr Heimatland zurück.

Staatsoberhaupt: Seine königliche Hoheit Henri

Das Staatsoberhaupt des Großherzogtums ist „S.K.H.“ („Seine königliche Hoheit“) Henri. Die Abschaffung der Monarchie in Deutschland im Jahr 1918 war ein schwerer Schlag für die diversen späteren Frauenzeitschriften. Deshalb müssen diese nun über die Royals und ihre Sprösslinge im benachbarten Ausland schreiben, beispielsweise die Mutmaßung, ob Prinzessin (oder korrekt formuliert: „Erbgroßherzogin“) Stéphanie von Luxemburg nun endlich schwanger sei. Der Miniaturstaat zwischen Deutschland und Frankreich leistet sich den Luxus einer Monarchie, kann dafür aber auf eine rechtspopulistische Bewegung wie beispielsweise in Frankreich, Holland oder Deutschland gut verzichten. So etwas würde auch wirklich nicht zu einem derart international ausgerichteten Land passen.
Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war Luxemburg von der deutschen Wehrmacht besetzt. Im Gedenken an diese Zeit ist noch so manches sichtbar, unter anderem in Form von diversen Sherman-Panzern, die in vielen Orten als Dekoelement aufgestellt sind. Im Winter 1944/45 glaubte die deutsche Heeresleitung, noch weitere Soldaten in einer Offensive verheizen zu müssen, und wählte als Schauplatz dafür die Wälder der Ardennen im nördlichen Teil Luxemburgs aus. Zu spüren ist von der problematischen Vergangenheit nichts mehr. Luxemburg war von Anfang an eine der treibenden Kräfte bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft. Neben Straßburg und Brüssel ist Luxemburg-Stadt das dritte Hauptzentrum der Europäischen Gemeinschaft. Wichtigster Grund für die Gründung der Europäischen Union war der gemeinsame Wunsch, dass es in Europa keinen Krieg mehr geben möge. Und dieses Ziel wurde erreicht, was heutzutage von vielen scheinbar als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Die jetzige Großelterngeneration weiß aus ihrer Jugendzeit noch, dass es auch anders sein kann. Die Einwohner des Großherzogtums Luxemburg sind das sichtbare Beispiel dafür, dass Europa gut funktioniert und diverse Vorteile mit sich bringt.

Lebensart: Französisches „Savoir-vivre“

Motorradtour: Luxemburg


Dementsprechend positiv ist auch die luxemburgische Lebensart. „Savoir-vivre“ kennt man aus dem Nachbarland Frankreich. Das können die Luxemburger aber mindestens genauso gut. Und meist auf höherem Niveau. Was das Pro-Kopf-Einkommen angeht, ist Luxemburg das reichste Land in der EU. Einen eigenen Champagner gibt es natürlich auch. Nur heißt der in Luxemburg „Crémant”. Dieser wird nach der gleichen Art hergestellt wie der Schampus, nur dass der Crémant eben nicht aus der Champagne kommt. Ansonsten wird gern auch ein rassiger Riesling getrunken. Tagsüber während der Motorradtour geht das natürlich nicht! Darum sollte man sich im Hotel erkundigen, ob und wo in fußläufiger Entfernung vor Ort eine Weinprobe angeboten wird.

Sterbende Schönheit in Colpach-Bas

Schloss Colpach

Wer in Luxemburg einen aus touristischer Sicht völlig untypischen Ort besuchen möchte, findet diesen in Colpach-Bas, dreißig Kilometer nordwestlich von Luxemburg-Stadt, direkt an der Grenze zu Belgien. Hier befindet sich ein altes Schloss in einem noch älteren Park, der offensichtlich kaum noch gepflegt wird. Einst wurden hier diverse Kunstgegenstände aufgestellt, die jetzt einsam vor sich hin träumen. Ob jemals ein Prinz kommen wird, der diese Anlage aus ihrem Dornröschenschlaf wach küsst, ist allerdings mehr als fraglich. Wer eines der Tore zum Garten öffnet, spürt eher, dass er den Weg zu einer sterbenden Schönheit macht.
Im Park befindet sich das Grab von Émile Mayrisch und seiner Gattin Aline Mayrisch de Saint-Hubert. Dem Ehepaar hat das Schloss seine einstige Glanzzeit zu verdanken. Nach heutigem Sprachgebrauch würde man die Hausherrin als Feministin bezeichnen. Sie setzte sich 1911 für die Gründung des ersten Mädchengymnasiums ein, 1914 kämpfte sie für die Gründung des Roten Kreuzes in Luxemburg. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich das Ehepaar für eine Wiederannäherung zwischen Frankreich und Deutschland. Émile Mayrisch starb 1928 bei einem Autounfall. Nach der Besetzung Luxemburgs durch die Nazis musste die Witwe fliehen, sie starb 1947 in Frankreich.
Auf dem der Straße zugewandten Teil des Parks wurde ein Erholungsheim des Roten Kreuzes erstellt, denn die Witwe hat das Anwesen dem Roten Kreuz in Luxemburg vermacht. Dieses moderne Erholungsheim wurde „quadratisch ... praktisch ... gut” erbaut und erscheint optisch mehr als unpassend zum benachbarten alten Schloss. Dieses kann nicht besichtigt werden, der Park aber ist frei zugänglich und bietet sich als idealer Platz für ein stilgerechtes Picknick an.

Vianden: Eine der imposantesten Burgen

Schloss Vianden

Eine der imposantesten Burganlagen in Luxemburg ist die Burg Vianden, oberhalb des gleichnamigen Ortes gelegen. Vianden liegt an der nordöstlichen Grenze des Großherzogtums an der Grenze zu Rheinland-Pfalz. Schon allein die Berg- und Talfahrten durch die Stadt machen Vianden zu einem lohnenden Ziel für Motorradfahrer. Die Seilbahn ist eine zusätzliche Attraktion. Die Entstehungszeit der Burg reicht vom 11. bis zum 14. Jahrhundert. Die seit langer Zeit verfallene Anlage wurde 1977 vollständig restauriert und erstrahlt heute wieder in alter Schönheit.

Die Routen

Motorradtour: Luxemburg

Bereits in Ausgabe 80 von Motorrad & Reisen sind wir für euch quer durch Luxemburg gekurvt.  Unter dem Titel „Luxemburg – Klein und fein“ haben wir an drei Tagen das Großherzogtum erkundet. Auch der Autor dieser Reportage ist nicht dort hingefahren, ohne eine Tour zu erarbeiten. Diese Tagestour wollen wir euch natürlich auch nicht vorenthalten. Daher haben wir auf unserer Tourenkarte, die sich auf der Infoseite befindet, auch diese Route ergänzt und ihr könnt sie wie gewohnt über den Download-Code herunterladen und somit selbst erleben. Von Vianden führt sie über Echternach und Wiltz zurück zum Ausgangspunkt. Auf dem Weg befinden sich viele sehenswerte Burgen und Schlösser, aber auch kleine kurvenreiche Alleenstraßen – perfekt zum Motorradfahren!

Routenverlauf:

Tagestour: Vianden – Bettendorf – Reisdorf – Echternach – Junglinster – Luxemburg – Useldingen – Redingen – Ell – Rambruch – Esch-Sauer – Wiltz – Clerf – Marnach – Park Hosingen – Vianden

Luxemburg – Klein und fein (Motorrad & Reisen Ausgabe 80)
Tag 1: Remich – Ellange – Syren – Mutfort – Oetringen – Niederanven – Oberanven – Burglinster – Altlinster – Fischbach – Angelsberg – Glabach – Nommern – Fels – Medernach – Haller – Befort – Echternach – Wasserbillig – Remich
Tag 2: Remich – Bous – Oetringen – Sandweiler – Luxemburg – Bridel – Bour – Saeul – Boevange-sur-Attert – Reichlange – Rambruch – Arsdorf – Esch an der Sauer – Bowen – Arsdorf – Dirbach – Bourscheid-Moulin – Consthum – Kautenbach – Weidingen – Drauffelt – Clerf
Tag 3: Clerf – Drauffelt – Enscherange – Consthum – Holzthum – Vianden – Eisenbach – Dasbourg-Pont – Clerf – Weiswampach – Beiler – Leithum


 
Text: Dietrich Hub , Fotos: Dietrich Hub; Jonathan Godin

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