Test Ducati Diavel 1260 S

17.07.2020 12:59

Test der Ducati Diavel 1260 S - scharfer Mix aus Supersportler, Nakedbike und Cruiser.
Da hat sich Ducati vor acht Jahren mit der Diavel doch ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Dass die bis dahin sportlich orientierte Marke irgendwann einmal ins Cruiser-Segment abdriften könnte, hat bis dahin kaum jemand für möglich gehalten. Geschickt versuchten die Roten damals, den Ball flach zu halten, um sich vom Cruiser-Segment zu distanzieren, bezeichneten sie die Neue als Mega-Monster. Werbekampagnen mit Headlines wie: „Don't call Me a Cruiser“ positionierten die Diavel als Power-Dragster. Nun, zwischenzeitlich steht Ducati zu ihrem vermeintlichen Cruiser, hat mit der XDiavel diesbezüglich sogar nachgelegt, und heute den Power-Dragster Diavel rundum erneuert.

Ducati Diavel Test
 

Altes Konzept, neue Technik

„Design und Technik sind rundum neu, das bewährte Konzept bleibt indes unverändert“, erläutert Produktmanager Stefano Tarabusi am Vorabend der Testfahrten anlässlich der Pressepräsentation im andalusischen Ferienort Marbella. „Sowohl optisch als auch fahrdynamisch kombiniert die neue Diavel 1260 nach wie vor die unterschiedlichen Motorradwelten von Supersportler, Nakedbike und Cruiser.“ „Ihr werdet das morgen selber erfahren“, doppelt Guide Rider Beppe Gualini nach. „Die Strecke ist ein Hammer und das Wetter wird super sein.“ Doch „erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt“ …

Hilfreicher Urban-Modus

Anderntags kündigt ein herrlicher Sonnenaufgang über dem Meer zunächst tatsächlich feinste Testbedingungen an. Doch beim Blick in Richtung Berge lassen dunkle Regenwolken vermuten, dass es bald wie aus Kübeln gießen wird. Also rein in die unbequeme Plastikhaut und los. Auf der doppelspurigen Schnellstraße zuckelt der Morgenverkehr Richtung Ortszentrum Marbella. Um zwischen den teilweise stehenden Autokolonnen durchzuschlängeln, passt der Urban-Modus perfekt. Der L2 geht sanft und gut dosierbar ans Gas, und die auf 100 PS reduzierte Leistung ist für diese Situation mehr als ausreichend.

Test der Pirelli-Reifen im Regen

Die Wettersituation verschlechtert sich dramatisch. Durch die düsteren Lichtverhältnisse stellt das TFT-Display automatisch auf Nachtbildschirm um. Die Hoffnung, dass es bei ein paar vereinzelten Regentropfen bleiben möge, wird kurz danach vom heftig prasselnden Regen erstickt. Dabei wäre doch die Strecke zwischen Marbella und Ronda mit den weiten, schnellen Bögen das eigentliche Filetstück der Testrunde. Nachdem die Traktionskontrolle beim Rausbeschleunigen aus den ersten vermeintlich schnellen Kurven mehrfach kurze Rutscher eingefangen hat, bleibt nur das Tempo zu drosseln und wie auf Eiern durch die tollsten Kehren bergan zu zuckeln. Die Pirelli Diablo Rosso III überraschen in dieser schwierigen Situation dennoch mit ordentlichem Grip und gutem Feedback.

Praktischer Quickshifter

Auf der Passhöhe, kurz vor Ronda, signalisiert das Thermometer kühle drei Grad. Die Suche nach dem Schalter für die Griffheizung bleibt erfolglos. Dafür hört es auf zu regnen, und bereits kurz nach dem Abzweig Richtung El Burgo ist die Straße trocken. Zeit, die weiteren Motormodi zu checken. „Sport“ und „Touring“ offerieren beide die volle Leistung von 159 PS, wobei das Ansprechverhalten von Letzterem in den nun engeren Kehren bestens passt. Kuppeln mutiert zur Nebensache. Mit dem Quickshifter „Ducati Quick Shift up/down“ flutschen die Gänge, ohne zu kuppeln, rauf und runter präzise und mit nahtlosem Kraftschluss rein.


 

Hervorragendes Design

Beim Mittagshalt im Cortijo Capellania bei El Burgo bleibt Zeit, das neue Teufelsding genauer unter die Lupe zu nehmen. Langer Tank, breite Ansaugnüstern, tiefe Sitzkuhle, Einarmschwinge, monströses Hinterrad – die markanten Diavel-Designmerkmale sind weiterhin da, jedoch neu und schärfer gezeichnet. Die Frontmaske ist knapper geschnitten, der Motorspoiler schmiegt sich näher ans Vorderrad und die Blinkerleisten leuchten vorne jetzt mit 3D-Effekt. Dazu kommt, dass der unter dem Motor versteckte Schalldämpfer mit den ultrakurz gestutzten Endrohren das von der rechten Seite führungslos erscheinende Hinterrad nun noch brillanter in Szene setzt.

Umfangreiche elektronische Ausstattung

Bezüglich der Elektronikausstattung stehen die neuen Diavels anderen Modellen von Ducati in nichts nach – im Gegenteil. Tempomat, Traktions- und Wheelie Control sind ebenso an Bord wie die sogenannte Power Launch für blitzschnelle Starts ohne durchdrehendes Hinterrad. Aufgrund der neuesten Bosch IMU funktionieren ABS und Traktionskontrolle selbst in Kurven zuverlässig und sicher. Die Einstellungen erfolgen mit logischer Menüführung über das neue TFT-Display, welches nach den Präferenzen des Fahrers drei verschiedene Layouts darstellen kann.

Optimierter Fahrkomfort

Angetrieben werden die neuen Diavels vom 1.262 ccm großen Testastretta-Motor der bereits die Multistrada und die XDiavel befeuert. Desmodromisch angesteuerte Ventile und die Eigenentwicklung DVT für variable Steuerzeiten sind die markantesten Besonderheiten des 159 PS starken L-Twins. Das Motorgehäuse übernimmt zudem die zentrale Funktion des Rahmens. Sowohl die kurze Gitterrohr-Konstruktion an der Front als auch der Heckrahmen und die Schwinge sind am Motor verankert. Mehr Federweg vorne, längerer Radstand, flacherer Lenkkopfwinkel und das voll einstellbare Öhlins-Fahrwerk der „S“ optimieren Ergonomie und Komfort sowie Stabilität und Handling.
Auf der abschließenden Etappe in Richtung Coin, Mijas und zurück zum Ausgangsort untermauert die Diavel 1260 S ihr vielseitiges Repertoire. Powerstarts mit der Launch Control lassen den 240 Millimeter breiten Hinterreifen wimmern. Die tiefe Sitzmulde verhindert, dass die Duc ihren Reiter dabei abwirft. Der Twin dreht zwar bis 10.000 Touren, doch aufgrund der starken Mitte ist es selten erforderlich, ihn höher als 7.500 U/min zu schrauben. Unter Berücksichtigung der beeindruckenden Dimensionen und vollgetankt 244 Kilogramm verblüffen Handling und Fahrdynamik. Trotz ultrabreitem Schlappen gelingen Schräglagenwechsel leicht, präzise und mit erstaunlich geringem Druck am Lenker.


 

Nur das Beste für die Ducati Diavel

Selbst bezüglich Bremsen ist für die Diavel nur das Beste gut genug – zumindest für die S. Sporterprobte M50er Vierkolben-Monoblocks von Brembo nehmen an der Front die beiden 320 mm großen Scheiben in die Zange. Druckpunkt, Dosierung und Bremswirkung sind top. Längere Serviceintervalle – Wartung 15.000 Kilometer, Desmodromik 30.000 Kilometer – und anwendungsspezifische Ausstattungspakete sind weitere interessante Features der neuen Diavel 1260- Modelle. Die Preise starten bei 19.990,-- Euro für das Basismodell respektive 22.890,-- Euro für die Diavel 1260 S.
 
Technische Details Ducati Diavel 1260 S 2019-2020
Motor
Bohrung x Hub 106 x 71,5 mm
Hubraum 1261 ccm
Zylinder, Kühlung, Ventile Zweizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung Euro 4
Leistung 159 PS (117 kW) bei 9500 U/min
Drehmoment 129 Nm bei 7500 U/min
Verdichtung 13:1
Wartungsintervalle Erstinspektion nach 1000 km, danach alle 15000 km
Kratfübertragung
Schaltung 6-Gang
Antrieb Kette
Fahrwerk/Bremsen
Rahmen Stahl-Gitterrohrrahmen
Federelemente vorn Ø 48 mm Upside-Down-Gabel
Federelemente hinten einstellbare Einarm-Schwinge aus Aluminium
Federweg v/h 120 mm / 130 mm
Radstand 1600 mm
Nachlauf 120 mm
Lenkkopfwinkel 27 °
Räder Gussräder
Reifen vorn: 120/70 ZR 17
Reifen hinten: 240/45 ZR17
Bremse vorn: Ø 320 mm halbschwimmend gelagerte Bremsscheiben, radial verschraubte Monoblock-Bremssättel, 4-Kolben-Bremszangen
Bremse hinten: Ø 265 mm 2-Kolben-Schwimmsattel
Maße & Gewicht
Länge 2280 mm
Breite 825 mm
Höhe 1050 mm
Gewicht 247 kg
Maximale Zuladung 193 kg
Sitzhöhe 780 mm
Tankinhalt 17 Liter
Weitere Baujahre dieses Motorrads 2021
Fahrerassistenzsysteme
Kurven-ABS
Wheelie-Kontrolle
Traktionskontrolle
Fahrzeugpreis 23090 €
Text: Hanspeter Küffer , Fotos: Tomas Maccabelli


#Ducati#Test

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