M&R-PlusÖsterreich vom Allerfeinsten – Der (Um-)Weg ist das Ziel (Teil 2)

Nur 37 Kilometer Tourenlänge? Richtig: Der (Um-)Weg ist das Ziel der zweiten Etappe über Traumstraßen in Österreich von Schärding nach Braunau.
Ulf Böhringer, KTM, adobestock.com – naturenow, saiko3p, Animaflora PicsStock
Wer sich den in Journalistenkreisen gängigen Ausspruch „Von hinten durch die Brust ins Auge“ anhören muss, ist entweder ein äußerst umständlich agierender Mensch oder einer, der gute Gründe für sein weit ausholendes Vorgehen hat. Der zweiten Etappe der Route über Traumstraßen in Österreich kann man getrost attestieren, sie folge exakt jenem vorwurfsvollen Prinzip, von hinten durch die Brust ins Auge zu treffen, beträgt doch die
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Luftliniendistanz zwischen Start- und Zielpunkt läppische 37 Kilometer, die Fahrtstrecke misst dagegen 200 Kilometer! Das hat Gründe, die jeder nachvollziehen kann, der diese verschlungene Route von Schärding nach Braunau absolviert hat.

Alt und Neu vertragen sich in Wernstein bestens

Startpunkt dieser Tour befindet sich in Schärding
Startpunkt dieser Tour befindet sich in Schärding
Vom hübschen Schärding aus mit seinem barocken Stadtplatz, der Silberzeile, starten wir in nordöstlicher Richtung, obwohl unser Zielort Braunau im Südwesten liegt. Denn das erste Zwischenziel ist die deutsche Stadt Passau, äußerst malerisch am Zusammenfluss gleich dreier Flüsse gelegen, nämlich Donau, Inn und Ilz. Das Innviertel, in dem wir heute überwiegend unterwegs sind, gehört erst seit etwa 235 Jahren zu Österreich; bis 1779 war es ein Teil des Königreichs Bayern. Doch vor Passau ist ein Stopp im Ort Wernstein am Inn unvermeidlich. Nicht wegen des Schlosses Neuburg drüben auf der bayerischen Seite hoch über dem Inn und auch nicht wegen der uralten, bestens restaurierten Burg Wernstein, sondern wegen eines besonders gelungenen Beispiels guter moderner Architektur.
Moderner Steg über den Inn bei Wernstein mit Schloss Neuburg
Moderner Steg über den Inn bei Wernstein mit Schloss Neuburg
Der 144 Meter lange Mariensteg ist eine asymmetrische Hängeseilbrücke, die von einem einzigen Pylon von 30 Metern Höhe getragen wird. Sie darf freilich nur von Fußgängern und Radlern benutzt werden. Der Gehbelag befindet sich acht Meter über dem Wasser des Inn. Wir brauchen sage und schreibe eine gute Stunde für den Ausflug ans jenseitige Flussufer und wieder zurück, so faszinierend finden wir das außergewöhnliche Bauwerk. Es ist konstruktiv auf das Wesentliche reduziert; man kann nichts hinzufügen, aber auch nichts weglassen. Schade, dass wir die nur nachts sichtbare Lichtinstallation in Regenbogenfarben nicht wahrnehmen können; bei unserem Besuch strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Die Brücke wurde 2008 für den Deutschen Brückenbaupreis nominiert, gewann ihn aber nicht. Natürlich würdigen wir auch die vor der Burg Wernstein platzierte Mariensäule aus dem Jahr 1646 eines längeren Blicks; sie ist nach dem Vorbild der Münchener Mariensäule gestaltet worden und kam per Schiff von ihrem ersten Aufstellort in Wien nach Wernstein.
Burg Wernstein mit Mariensäule
Burg Wernstein mit Mariensäule
Zwei Jahre dauerten die Renovierung und das Aufstellen; seit 1670 befindet sich das Kunstwerk an Ort und Stelle. Über Ingling erreichen wir das Ende des Inn und damit das erste heutige Zwischenziel Passau. Die Stadt in ihrer aktuellen Erscheinung ist im barocken Stil erbaut; 1662 hatte ein riesiger Brand das alte Passau zerstört. Seither richtet vor allem das Wasser immer wieder schwerste Schäden an: Hochwässer sind häufig. Schlagzeilen machte Passau deshalb zuletzt im Juli 2021, doch mit 8,24 Metern Wasserstand wurde „nur“ Warnstufe drei erreicht. Die letzte wirklich gewaltige Überflutung im Juni 2013 blieb mit 12,89 Metern nur knapp unter der Rekordmarke von 13,2 Metern aus dem Jahr 1501. Die materiellen Schäden 2013 dürften bei rund 200 Millionen Euro gelegen haben; es waren mehr als 800 Gebäude der Stadt betroffen; neun Tage in Folge herrschte Katastrophenalarm. Längst erinnern nur noch die Wasserstandsmarkierungen am Rathaus an die fürchterlichen Überflutungen. Nicht entgehen lassen sollte man sich selbst bei einem Kürzestbesuch in Passau einen Blick in den Dom St. Stephan (mit der größten Domorgel der Welt) und das Panorama von der Veste Oberhaus über die Stadt und ihr Umland. Dabei ist auch gut erkennbar, wie sich die Wasser der drei Flüsse langsam mischen: Aufgrund unterschiedlicher Sedimente ist das Donauwasser nämlich blau, der Inn grün und die Ilz schwarz; sie wird aus einem Moorgebiet gespeist.
Blick von der Veste Oberhaus auf die Spitze des Passauer Ortsteils Ort; vorne die Donau, hinten der Inn
Blick von der Veste Oberhaus auf die Spitze des Passauer Ortsteils Ort; vorne die Donau, hinten der Inn
Als „spektakulär unspektakulär“ lässt sich die Fahrt von Passau in Richtung Südosten wohl am besten beschreiben: Sie führt auf kleinen Landstraßen durch ein „Land der Äcker“. Sanfte Hügel, intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen und kleine Ortschaften säumen das Landschaftsbild.

Kurvenswing im Hausruck

Nach gut 60 Kilometern ist – zwischenzeitlich war ein Stück auf der B 129 zurückzulegen – der Ort Grieskirchen erreicht; dort wird seit 500 Jahren Bier gebraut. Die B 135 führt zum sogenannten Hausruckviertel; auch dieses Gebiet ist nur wenig bewaldet, die landwirtschaftliche Nutzung erfolgt überwiegend durch Ackerbau. Das ändert sich erst, wenn man an der Hügelkette „Hausruck“ angekommen ist; sie erreicht etwa 700 bis 800 Meter Seehöhe und ist etwa 30 Kilometer lang; ihr Zentrum ist zu etwa 90 Prozent bewaldet. Hier werden die Straßen deutlich kurviger, denn die Höhenunterschiede wachsen. Das gilt auch für die B 143, die über Ampflwang am Hausruckwald nordwärts nach Ried im Innkreis führt; ähnlich beschwingte Streckenabschnitte bieten nicht viele übergeordnete Straßen. Ampfl­wang ist nicht PS-, sondern pferdedominiert: Hier befindet sich das größte Isländergestüt Europas und es gibt zahlreiche Reiterhöfe. Lieblich ist die Landschaft allemal. Ried ist das wirtschaftliche Zentrum des Innviertels. In der Innenstadt finden sich verschiedene schöne Plätze mit hübsch gelegenen Einkehrmöglichkeiten, sehenswert sind u. a. die zwei von der einstigen Stadtmauer übrig gebliebenen Tore, das Braunauer und das Schärdinger Tor. Mit dem Bier hat man’s in Ried übrigens auch: Es gibt nicht nur eine Brauerei, sondern auch ein Biermuseum. Von Ried führt die Route streng westwärts über zumeist kleine Landstraßen; einen Höhepunkt stellt die kurvenreiche Oberinnviertler Landesstraße zwischen Maria Schmolln und Mattighofen dar.
Architektur-Ikone und Wallfahrtsort aller KTM-Fans: die Motohall in Mattighofen
Architektur-Ikone und Wallfahrtsort aller KTM-Fans: die Motohall in Mattighofen
Die 6.000-Einwohner-Stadt am Ufer des Flüsschens Mattig ist durch und durch „orange“; hier werden die KTMs gebaut. Ein Muss ist der Besuch der KTM Motohall, Mittelding zwischen Werksmuseum und Showplace sowie Ehrenhalle.
Mit der Brauerei Vitzthum in Uttendorf liegt eine weitere der sieben Privatbrauereien im Innviertel auf der Route; sie existiert auch schon seit dem Jahr 1600. Von hier aus ist Braunau, Zielort unserer vielfältigen Etappe, quasi „ums Eck“. Die größte und älteste Stadt des Innviertels liegt unmittelbar an der Grenze zu Bayern; die Braunau mit Simbach verbindende Innbrücke mit hunderten wartender Menschen hat im Zuge der europäischen Flüchtlingskrise unschöne Berühmtheit erlangt. Außer diversen attraktiven Baudenkmälern sowie dem wunderbaren Stadtplatz weist Braunau auch noch reichlich Kultur auf. Und Bierkultur: In der etwa 17.500 Einwohner zählenden Stadt gibt es seit fast 30 Jahren mit der Hausbrauerei Bogner die nach eigener Aussage „kleinste Weißbierbrauerei der Welt“. Sie liegt im Dorf Haselbach am Stadtrand von Braunau.
Überflieger: Freestyler Mat Rebeaud
Überflieger: Freestyler Mat Rebeaud

Die Seen locken schon …

Einrollen ist angesagt nach dem morgendlichen Start in der Inn-Stadt Braunau. Die B 156 durch das westliche Innviertel ist recht gut ausgebaut, dabei aber deutlich verkehrsärmer und abwechslungsreicher als die nur wenig weiter östlich ebenfalls nach Süden führende B 147. Spannend wird es ab der Abzweigung, die zum Salzburger Seengebiet führt. Es besteht aus Grabensee, Mattsee und dem Obertrumer See. Die Route führt auf schmaler, mooriger Landzunge bis auf wenige Meter an das Ufer aller drei Gewässer hin. Während der Grabensee vollkommen naturbelassen ist, sind Matt- und vor allem der Obertrumer See auch touristisch genutzt.
Obertrumersee, Salzburger Land
Obertrumersee, Salzburger Land
Bierliebhaber werden sich ein Foto am legendären Bierbrunnen der örtlichen Privatbrauerei Sigl im Zentrum von Obertrum kaum entgehen lassen; Bier zapfen kann man dort aber nur auf Vorbestellung.
Auf der Mattseer Landesstraße führt die Route streng südlich weiter an den Stadtrand von Salzburg. Klar, dass diese herrliche Stadt eigentlich zumindest einen ganztägigen Aufenthalt erfordert. Angesichts der Tagesstrecke von 145 Kilometern ist ein ausgiebiger Stopp, aber eben nicht mehr drin. Dringend empfohlen sei ein Besuch des Domplatzes, des zum UNESCO-Welterbe zählenden Domes aus dem 17. Jahrhundert und der Festung Hohensalzburg. Von hier, einer der größten Burganlagen Mitteleuropas, bietet sich ein fantastischer Blick über die Salzach-Stadt. Nach der mehr oder minder kurzen Salzburgerkundung muss man sich entscheiden, auf welchem Weg man die Stadt verlässt. Eine besonders eindrucksvolle, aber zugleich umständliche Tour ist die über die (streng tempolimitierte) Wiestal-Landesstraße; diese Strecke beginnt südlich von Salzburg, nämlich in Hallein. Von da aus geht’s kurvenreich durch eine attraktive Landschaft in nordöstlicher Richtung, bis man beim Dörfchen Strub rechts in Richtung Strubklamm abbiegt. Die Straße ist eng, unübersichtlich und in schlechtem Zustand, aber die Trassierung durch die enge, kernige Klamm inklusive eines roh aus dem Fels geschlagenen, einspurigen Tunnels ist eindrucksvoll. Über Faistenau gelangt man kurvig hinaus nach Hof, wo es wieder übersichtlicher wird. Über Thalgau ist die B 1 bei Henndorf erreichbar. Alternativ wählt man in Salzburg gleich die Bundesstraße 1.
Mattsee, Salzburger Land
Mattsee, Salzburger Land
Sie war in Vor-Autobahnzeiten eine der wichtigsten und damit am stärksten frequentierten Straßen Österreichs. Heute kann man sie guten Gewissens auch Motorradfahrern empfehlen; viele Ortsumgehungen machen sie nicht lästig. Auf der B 1 umfahren wir die Seenlandschaft des Salzkammergutes – nächste Etappe! – in einem nördlich verlaufenden Halbkreis. Die Landschaft hier ist mild gewellt. Vorbei am Wallersee (Bademöglichkeiten gibt es vor allem am Nordende des Sees) führt die B 1 über Straßwalchen weiter östlich. Man merkt, dass die Straße einst angelegt worden ist, um möglichst geringe Höhenunterschiede ausgleichen zu müssen: Die Berge und Hügel links (Hausruck) und rechts waren seinerzeit mächtige Hindernisse, für deren Überwindung Kunstbauten nötig gewesen wären.

Dramatischer Wechsel der Landschaft

Traunbrücke & Traunsee
Traunbrücke & Traunsee
Vöcklabruck wird gern als Tor zum Salzkammergut bezeichnet, das wiederum als eine der attraktivsten Landschaften Österreichs gilt. Die bald 900-jährige Stadt hat eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich. Lohnend ist ein Blick auf die Fresken an den Stadttürmen am Stadtplatz: Sie sind mehr als 500 Jahre alt, wurden aber erst 1960 entdeckt. Gmunden ist nur noch 17 Kilometer entfernt. Jetzt wechselt die Landschaft dramatisch: Von den weitläufigen Waldgebieten Oberösterreichs geht es zu den schmalen Tälern des Salzkammergutes. Gmunden selbst liegt malerisch am Nordufer des Traunsees: Wer nach Süden schaut, erblickt links den dominanten Traunstein, rechts steht das zweiteilige See- und Landschloss Ort. Wer Platz im Gepäck hat und auf außergewöhnliche Keramik steht, sollte durch Gmunden streifen: Hier ist echt was geboten!
Rathaus in Gmunden mit Keramik­glockenspiel
Rathaus in Gmunden mit Keramik­glockenspiel
Einzigartig ist das Museum „Klo und So“: Hier finden sich historische Toiletten und andere Sanitärkeramik. Vollkeramisch ist auch das Läutwerk des Glockenspiels aus dem 16. Jahrhundert an der Fassade des Gmundener Rathauses; es steht am schönen Marktplatz, der direkt am Seeufer liegt. Technik-Freaks dürfte die Gmundner Staßenbahn faszinieren: Sie führt vom Franz-Josef-Platz zum Hauptbahnhof. Mit gerade mal 2,3 Kilometern Länge ist sie die wohl kürzeste Trambahn der Welt, dazu aber mit zehn Prozent Steigung auch noch die steilste Adhäsionsbahn auf dem Globus. Die Bahn verkehrt im 30-Minuten-Takt, die Fahrzeit beträgt neun Minuten. Die haben es in sich – versprochen! Maximal 40 km/h wird man hier schnell …

Den dritten Teil findet ihr an dieser Stelle ab dem 19.04.2023!

Motorradtour Österreich vom Allerfeinsten – Infos

Motorradtour Österreich vom Allerfeinsten
17 kleine historische Städte liegen wie Perlen auf einer 3.500 Kilometer langen Landstraßenstrecke, die kreuz und quer durch unser Nachbarland führt. Exakt 533 Kilometer Luftlinie beträgt die Distanz von Bregenz, der westlichsten Stadt Österreichs, zur östlichsten (Neusiedl im Burgenland), und ziemlich genau halb so weit sind Waidhofen an der Thaya, die nördlichste Stadtgemeinde, und Bad Eisenkappel als südlichste Gemeinde voneinander entfernt, nämlich 270 Kilometer.

Allgemeine Infos

Österreich ist ein vielfältiges Land: Gebirgszüge wechseln mit Hügellandschaften, weite Ebenen gibt es nur wenige – am ehesten im äußersten Osten, wo die Pannonische Tiefebene beginnt, deren Hauptteil freilich bereits jenseits der Landesgrenze, nämlich in Ungarn, liegt. Auch wenn Österreich weniger Superlative als die Schweiz zu bieten vermag (nur eine statt vier Amtssprachen, kein einziger Viertausender, keine Palmenregion wie das Tessin), so ist das Land weit mehr als nur eine Reise wert: Städte wie Wien, Salzburg oder Innsbruck genießen Weltruf, Tirol wirbt – nicht völlig überzogen – als „Herz der Alpen“, das gleichermaßen seenreiche wie gebirgige Salzkammergut ist ganz zweifellos eine Landschaft „wie aus dem Bilderbuch“. Dazu kommen zahlreiche Schlösser und Burgen, hübsche Dorfbilder – und charmante kleine Städte.
  • So lang ist diese Motorradtour: ca. 1.060 km
  • Der höchste Punkt der Strecke: 841 Meter über NN

Anreise

Startpunkt der ersten Etappe ist Steyr in Oberösterreich. Das lässt sich über die A 3 gut erreichen. Alternativ kann auch Hallein nahe der deutschen Grenze als Startpunkt gewählt werden. Über die A 8 erreicht man die Bezirkshauptstadt des Tennengaus.

Beste Reisezeit

Für diese Tour eignet sich – je nach Großwetterlage – am besten der Zeitraum zwischen Mai und Ende September.

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