In dieser Nacht werden wir beide mehrmals wach, weil uns die Kälte aus dem Schlaf reißt. Wir haben unsere Trinkblasen mit kochendem Wasser gefüllt und mit in den Schlafsack genommen, tragen die dickste Thermokleidung, die wir besitzen, doch die Kälte dringt unerbittlich durch. Tagsüber noch über 25 Grad, nachts stürzt das Thermometer auf –10 bis –20 Grad.
An diesen Moment werden wir uns sicher noch oft erinnern, aber nicht nur wegen der Kälte. Es
Motorradfahren zwischen Himmel und Salz: Die Uyuni-Salzwüste aus der Sattelperspektive
Fast 4.000 Meter über dem Meeresspiegel, kilometerweit nichts als perfekter, weißer Boden unter strahlend blauem Himmel. Schon in der ersten Nacht überwältigen uns die Sterne und die Milchstraße, doch auch tagsüber können wir uns an diesem Anblick nicht sattsehen. Die Landschaft wirkt wie eine unendliche Eisfläche in einer Welt, in der außer uns niemand existiert.
Die Salzwüste von Uyuni in Bolivien stand schon lange auf unserer Liste, noch bevor wir überhaupt mit der Reiseplanung begannen. Sie ist eines der großen Highlights – ab dem ersten Meter auf dem Salz grinsen wir einfach und genießen es, hier zu sein.
Beim Einstieg auf die Uyuni fahren wir zunächst einfach nur geradeaus. Wir folgen gut sichtbaren Spuren, fast wie auf einer Autobahn, doch weit und breit kein anderes Fahrzeug, kein Lebewesen. Nach etwa einer Stunde treffen wir wieder auf Menschen und Fahrzeuge, erreichen die Isla Incahuasi – eine kleine Erhebung inmitten der Salzwüste, übersät mit jahrhundertealten Kakteen und versteinerter Koralle. Nach einem kurzen Abstecher auf die Insel beschließen wir, querfeldein zu fahren, keiner Spur mehr zu folgen und die Einsamkeit und Freiheit auf uns wirken zu lassen. Immer weiter, immer schneller, in irgendeine Richtung, ohne Plan, ohne Ziel. Den Kopf über den Lenker hinausgestreckt, die salzig-trockene Luft strömt durchs geöffnete Visier ins Gesicht – es ist, als würden wir fliegen. Auch wenn wir es versuchen: Dieses Gefühl lässt sich nicht in Worte fassen.
Der Boden verwandelt sich von einer gleichmäßigen, sechseckigen Struktur zu pickelartigen Knubbeln. Wir drehen um und suchen uns einen Schlafplatz bei den Sechsecken. Es ist zwar erst 16 Uhr, aber bis zum Sonnenuntergang wollen wir das Zelt aufbauen, kochen, alle Wasservorräte aufwärmen und frostsicher im Schlafsack verstauen, natürlich noch ein paar Fotos schießen und einfach nur den Blick aufs Nichts genießen.
Mit dem Sonnenuntergang wird es rasch kalt – die eingangs erwähnte schlaflose Nacht erwartet uns.
Zwischen Sonnenaufgang und Touristenströmen: Alltag auf der Uyuni
Um fünf Uhr morgens klingelt schon wieder der Wecker für den Sonnenaufgang. Die Kombination aus Höhe, endloser Weite, dem strahlenden Weiß des Salzes und dem Licht des Morgens lässt alles um uns herum leuchten. Die Farben wirken fast surreal.
Nach dem Farbspiel folgt ein wolkenloser, leuchtend blauer Himmel – was will man mehr?
Am zweiten Tag nehmen wir uns die bekannten Spots vor: das Dakar-Monument, das Salzhotel und die berühmten Spiegelflächen. Dafür geht es quer über das Salz – nur um uns dann von Touristenmassen abschrecken zu lassen. Nach Tagen der Einsamkeit ist es ein kleiner Schock, plötzlich auf so viele Menschen zu treffen. Wir flüchten schneller als geplant wieder von den Hotspots.
Spiegelflächen bleiben uns verwehrt. Am Ende der Trockenzeit ist kein Wasser zu sehen. Schade, aber fürs Motorrad besser – je trockener, desto weniger Salz setzt sich fest. Wir haben uns vorbereitet: Schon Tage zuvor haben wir die Motorräder mit reichlich Kochspray eingesprüht, natürlich mit Butter-Aroma. Den Trick kennen wir von den Rennfahrern der Bonneville-Salzebene. Das Salz soll so nicht durchkommen und keinen Schaden anrichten. Ob das funktioniert, wissen wir erst in ein paar Wochen oder Monaten – geschadet hat es sicher nicht.
Von der Einsamkeit zurück in die Zivilisation: Reinigung und Rückkehr
Die Nord- und Westseite der Uyuni gefallen uns deutlich besser – dort sind wir komplett allein. Auf der Ostseite herrscht reger Betrieb, denn die meisten Besucher kommen auf kurzen Tagestouren über den Osteingang, besuchen die großen Sehenswürdigkeiten und verschwinden wieder.
Wir nutzen den gut ausgebauten Zugang der Touren und verlassen die Salzebene, fahren weiter in den Ort Uyuni. Nach dem Abenteuer folgt Arbeit: Das Salz, vor allem aber das festgebackene Kochspray mit Butter-Aroma, muss wieder runter. Die Motorräder werden mehrfach gewaschen. Das Zeug klebt in jeder Ecke, aber nach einem Tag Schrubben sind die beiden so sauber wie am ersten Tag.
Improvisation auf bolivianisch: Defekte und Reparaturen unterwegs
Beim Waschen entdecken wir ein altbekanntes Problem: Tiffys Stator ist angekokelt – Nummer 4 inzwischen. Ersatzteil in die nächste Stadt bestellen, Licht abstecken, und hoffen, dass wir bis zur Lieferung durchkommen. Solche Pannen halten uns nicht auf – da muss schon mehr kommen.
Und wer nach mehr fragt, bekommt auch mehr: Am nächsten Tag, beim Halt vor dem Hotel, sprudelt Jessy plötzlich die gesamte, kochend heiße Kühlflüssigkeit über den Schuh. Ein Loch im Kühlerschlauch.
Zunächst sieht es so aus, als hätte sich der Schlauch durch die Hitze des zähen Berufsverkehrs so stark aufgebläht, dass er platzte. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir jedoch, dass Tim den Schlauch nach der letzten Reparatur etwas zu hoch montiert hatte – er scheuerte sich an einem Metallteil durch.
Blöd gelaufen, denn in Oruro finden wir trotz der Größe der Stadt keinen passenden Ersatzschlauch. Also muss geflickt werden. Genau für solche Fälle haben wir seit Alaska eine Rolle selbstverschweißendes, hochtemperaturbeständiges Silikondichtband dabei. Damit reparieren wir den Schlauch. Mal sehen, wie lange das hält.