Südkalifornien - Let‘s twist again...

Fraglos gehört der US-Bundesstaat Kalifornien zu den ewigen Sehnsuchtslandschaften europäischer Motorradfahrer.
Der legendäre Highway 1 entlang der Pazifikküste zwischen San Francisco und Los Angeles, die Wüstengebiete östlich von San Diego, die San Gabriel und die Santa Monica Mountains – diese und viele andere Bereiche des drittgrößten amerikanischen Bundesstaates üben eine fast magische Anziehungskraft aus. Dazu Städte und Orte wie Santa Barbara, Malibu, San Diego und, natürlich, Los Angeles. Wir haben probiert, was man einigermaßen sinnvoll in eine Acht-Tages-Reise hineinpacken kann, die sich – zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – auch im europäischen Winter absolvieren lässt. 1.600 vergnügliche, nämlich oftmals sehr kurvenreiche Meilen ist unsere Route lang, bietet also knapp 2.600 Kilometer mit viel Fahrspaß und Abwechslung, oftmals auf Strecken, die nicht jeder kennt.

Faszinierender Startpunkt San Diego

Startort für uns ist San Diego, mit 1,4 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt Kaliforniens. Genannt wird die Stadt „Americas Finest City“; Grund dafür ist ihr angenehmes Klima. Im Sommer nicht zu heiß, im Winter stets angenehm warm… Insofern natürlich ein exzellenter Ausgangspunkt für eine Motorradreise. Dazu eine Skyline wie aus dem Bilderbuch und ein direkt am Pazifik gelegener internationaler Flughafen, dessen Anflugzone mitten durch die Innenstadt zu führen scheint. So sieht es jedenfalls aus, wenn man vom Broadway aus durch die Häuserschluchten der Avenues nach Norden schaut; die Jets erscheinen beim Anflug bereits niedriger als die Fassaden vieler Häuser zu sein. Es ist kein Fehler, vor der Motorrad-Übernahme ein paar Tage in San Diego zu verbringen: Die Stadt weist ein für amerikanische Verhältnisse überdurchschnittlich gutes öffentliches Nahverkehrssystem auf, sodass man leicht zu vielen interessanten Örtlichkeiten kommt. Genannt seien nur der Museums-Flugzeugträger USS Midway, der riesige Balboa-Park mit dem am stärksten besuchten Zoo der gesamten USA und einem Dutzend Museen, der Waterfront Park oder auch der Old Town San Diego State Historic Park mit 37 historischen Gebäuden aus der Frühzeit Kaliforniens. Auch das Air Space Museum und SeaWorld sind für Viele sicher einen Besuch wert. Die Harley-Davidson Street Glide mit dem Touringpack (Topcase mit zusätzlichem Gepäckträger) übernehmen wir bei Harley-Davidson San Diego, wo eine Eaglerider-Station integriert ist. Wie bei Eaglerider üblich, dürfen wir überschüssiges Gepäck dort bis zur Rückkehr lagern. Dass die Street Glide ein integriertes Navigationssystem aufweist, stellt sich schon bald als Vorteil heraus – gar so einfach ist es nicht, aus San Diego den schönsten Weg in Richtung Nordosten zu finden. Denn schon hier geht es uns darum, nicht die großen Highways zu nutzen, auf denen man problemlos einen Stundenschnitt von 60 Meilen oder mehr realisieren kann; wir haben vielmehr die schönsten Strecken des jeweiligen Gebietes im Visier.
California State Route 79

Lustig-kurvig führt die schmale, nicht gerade erstklassige Landstraße durch die Hügellandschaft östlich der Millionenstadt. Die Verkehrsdichte ist vernachlässigbar, die dicke Harley fährt sich vergnüglich. Weil es schon Mittag ist, kommt das Descanso Junction Restaurant gerade recht: ein uriger Saloon mit gutem Essen, der mir von früheren Motorradpräsentationen schon bekannt ist. Die Portionsgröße hier ist eine gute Einstimmung auf Kommendes: Man sollte am besten zuvor vier Ster Holz gehackt haben, um beispielsweise das Club Sandwich samt Fritten vertilgen zu können.

Makelloser Asphalt auf der California State Route 79

Wir sind hier schon auf der California State Route 79 – und was die wirklich kann, offenbart sie auf den nächsten 22 Meilen: Nach einer kürzlich durchgeführten Generalsanierung wird erkennbar, dass Amerikas Straßenbauer ihr Handwerk perfekt verstehen. Makellos der Asphalt, nicht mal der Ansatz eines Schlaglöchleins ist zu sehen oder zu spüren. Die gelbe Farbe der doppelten Sperrlinie in der Straßenmitte riecht zwar nicht mehr ganz frisch, kann aber noch keinen Winter hinter sich haben. Die meisten Kurven sind auf der Außenseite überhöht und lassen sich auf diese Weise auch mit der ja ein wenig in der Schräglagenfreiheit begrenzten Street Glide wunderbar durcheilen. Es ist ein echter Riesenspaß schon ganz am Anfang unserer Reise in diesem von viel Wald dominierten, Gebiet unterwegs zu sein! Wer mehr Zeit hat, dem sei gleich zu Beginn der Strecke der Abzweig „Laguna Mountain“ empfohlen; die Straße führt bis dicht an die sich östlich davon erstreckende Wüstenlandschaft und mündet kurz vor Julian wieder in die 79. Ganz so gut wie auf dieser ist der Asphalt auf dem Sunrise Highway aber nicht…


Western-Ambiente im Dorf Julian

Julian, immerhin fast 1.300 Meter hoch gelegen, ist ein nettes Dorf im alten Westernstil. Mit seinen vielen alten Häusern zählt der Dorfkern zu den historischen Wahrzeichen des Staates. Entstanden ist der Ort in den 1870er-Jahren, und das ist ihm trotz so mancher erneuerter Gebäude auch noch anzusehen.
Schon ein paar Kilometer, bevor wir Julian erreichten, hatten wir an einem Viewpoint sehen können, was uns später erwarteten sollte: die Colorado-Wüste. Der Anza-Borrego Desert State Park erstreckt sich lediglich über das Kerngebiet dieser Wüstenlandschaft; dennoch misst er 2.428 Quadratkilometer und ist damit ungefähr so groß wie Luxemburg. Hier wachsen neben Kakteen vor allem heidekrautartige Pflanzen, zudem gibt es zahlreiche Wildtiere. Aber weder Maultierhirsche noch Klapperschlangen ließen sich bei unseren zahlreichen Stopps entlang der State Route 78 sehen. Einen Steinadler allerdings meinen wir, in der Luft kreisen gesehen zu haben.

Heiß, heißer, Borrego Springs

Borrego Springs, die einzige nennenswerte Siedlung innerhalb des Parks – genauer gesagt ist das Ortsgebiet eine „parkfreie Zone“, es ist nämlich von den für den Naturpark gültigen Restriktionen ausgenommen – ist auf zwei Wegen erreichbar: der 79, also der Hauptroute, und auf einer Nebenstrecke weiter nördlich. Sie trägt die Bezeichnung S22 und führt durch ein Nest namens Ranchita; dort gibt es immerhin eine Einkaufsmöglichkeit, den Montezuma Valley Market, unweit der San Diego County Fire Station 58 gelegen. Das war’s, mehr Infrastruktur steht für die paar weit auseinanderliegenden Anwesen nicht zur Verfügung. Einige Meilen später legt sich die Montezuma Valley Road schwer ins Zeug und rechtfertigt unsere Wahl: Vielfach gewunden führt sie durch die karge, aber faszinierende Wüstenlandschaft talwärts. Borrego Springs mit seinen zahlreichen Hotels liegt nur noch 182 Meter überm Meer, sodass wir von Julian aus mehr als 1.100 Meter Höhe verlieren – zumeist sehr freudvoll in Form gewundener Straßen, teils sogar durch hübsche Canyons und mit schönen Ausblicken über das weite Tal.
Wer hier nachts – möglicherweise wegen der Hitze – nicht schlafen kann, hat in Borrego Springs hervorragende Möglichkeiten zur Himmelsbeobachtung: Der Ort war einst die erste „International Dark Sky“-Siedlung in Kalifornien; man reduziert die nächtliche Beleuchtung auf ein Minimum. Ampeln tragen nicht zur Lichtverschmutzung bei – es gibt nicht eine.

Noch heißer als in Borrego Springs wird es gerne ein paar Meilen weiter: Die S22 führt direkt zum Salton Sea. Das Gewässer liegt gut 70 Meter tiefer als der Meeresspiegel. Schon vor 30 Jahren, als ich das erste Mal hier war, schien dort die Zeit nicht weiterzugehen. Den Eindruck hat man auch heute noch: Trotz diverser Neubauten stehen viele Häuser leer, die meisten Hausfassaden sind von abblätternder Farbe gekennzeichnet, die Straßen schlecht bis miserabel. Das Leben hier ist bestimmt schwierig; nur im Dezember und Januar liegt die durchschnittliche Höchsttemperatur bei lediglich 21 Grad, während sie von Mai bis Ende September mehr als 35 Grad beträgt, im Juli und August sogar über 41 Grad! Frost gibt es im Winter auch nachts so gut wie nie. Regen freilich auch nur selten: Gerade 65 Liter pro Quadratmeter kommen übers Jahr zusammen – dafür reicht in Mitteleuropa oftmals ein ausgiebiges Gewitter.
Josuha Tree National Park


Kurvenreich durch den Box-Canyon

Der See, der von drei Zuflüssen gespeist wird und keinen Abfluss aufweist, ist ganz schön groß: Wer ihn einmal möglichst ufernah umrunden will, ist nahezu 120 Meilen unterwegs! Wir sparen uns das und folgen der westlichen Uferstraße nur bis Mecca; so heißt der Ort am Nordzipfel des Gewässers. Dort beginnt die Box Canyon Road, eine ausgesprochen kurvige Asphaltpiste durch einen malerischen Canyon. „Mecca Hills Wilderness“ heißt das Naturschutzgebiet, das wir von Südwesten nach Nordosten durchmessen – fast vollkommen alleine. Noch nicht mal alle fünf Minuten ist ein Auto zu sehen, Motorradfahrer gleich gar keine.
Es ist nicht weit von hier zum Eingang des Joshua Tree Nationalparks. Er ist noch mal um ein Viertel größer als der Anza-Borrego Desert State Park. Wie sich das anfühlt, merken wir auf der Fahrt in und durch diesen für seine Kakteen und Yucca-Bäume berühmten Park: Über 60 Meilen sind wir unterwegs, bis wir zum höchsten Punkt des Parks gelangen, dem in gut 1.700 Meter Höhe gelegenen „Keys View“. Ein paar Schritte heißt es, vom Parkplatz noch auf eine kleine Anhöhe hinaufzugehen, dann liegt das ganze riesige Bassin des Sky Valley mit seinen bewässerten Feldern vor uns. Auch weltbekannte Touristenhochburgen befinden sich dort, beispielsweise Palm Desert und Palm Springs. In südöstlicher Richtung ist gut zu erkennen, wo wir zuvor gewesen sind: Die Oberfläche des Salton Sea glitzert in der Sonne. Gerade mal 41 Kilometer sind wir, Luftlinie, von Mecca entfernt, aber bestimmt 130 gefahren…


Nach Bagdad wäre es nicht mehr weit...

Nördlich des Joshua Tree Nationalparks, in dem uns außer den teils über mannshohen Kakteen und den Yucca-Bäumen auch die Steinformationen im Bereich „Cap Rock“ besonders beeindruckt haben, befinden wir uns nicht mehr in der Colorado Wüste, sondern in der Mojave Wüste. Es wäre (für amerikanische Verhältnisse) nicht mehr weit bis zu den Ortschaften Bagdad und Amboy, wo früher die legendäre Route 66 verlief. Aber wir verweigern: Wenn wir schon jetzt, noch zu Beginn der Reise, anfangen, uns treiben zu lassen, werden wir den Pazifik wohl kaum innerhalb der nächsten fünf Tage erreichen.
Der Ort 29 Palms ist mit 25.000 Einwohnern angeblich eine Stadt, erscheint aber als schreckliches Kaff: Kein Zentrum, nichts Markantes. Endlos lange suchen wir entlang des gesichtslosen Highway 62 nach einem halbwegs einladend aussehenden Lokal. Irgendwann entdecken wir am linken Straßenrand des fünfspurigen Highways, der die Siedlung durchschneidet, „The Rib Co.“, ein sogenanntes Family Barbecue Restaurant. Gegrillt wird auf einem vom Gehweg abgetrennten Areal, dichte Rauchschwaden wabern über den paar Tischen, die vor dem Haus stehen. Das Rib Co. wirkt bescheiden, ja einfach. Aber man isst gut dort. Und man merkt an der Speisekarte wie dem Service, dass es sich nicht um eines der verbreiteten Kettenlokale handelt, sondern um ein Restaurant im Familienbesitz. Schon seit 22 Jahren existiert es. Dass es nicht nur uns dort geschmeckt hat, haben wir hinterher bei Tripadvisor entdeckt: Das Rib Co. liegt immerhin auf Platz 2 der Orts-Hitliste vor 57 anderen Restaurants. Es lohnt sich erfahrungsgemäß fast immer, nach individuellen Lokalen zu suchen.


Ausgebremst

„Sand to Snow National Monument“ ist der Name eines Naturschutzgebietes, etwa 25 Meilen nordwestlich von 29 Palms. Der merkwürdige Name reizt uns, also fahren wir hin. Hondo Street heißt die Zufahrtsstraße laut unserer AAA-Karte. Sie ist leicht zu finden. Nach etwa eineinhalb Meilen dann die Enttäuschung: Die ziemlich rohe Straße entledigt sich hier vollständig des Asphalts; in den kleinen Park führt lediglich eine Sandstraße. Es ist sehr lockerer Sand. Nicht gut für eine samt Besatzung und Gepäck gut 600 Kilogramm wiegende Street Glide mit wenig Bodenfreiheit. „Schade, dass wir noch nicht die neue Pan American, die künftige Reiseenduro von Harley-Davidson, fahren können“, denke ich mir. Oder eine GS. Zu gern möchte ich sehen, was sich hinter „Sand to Snow“ verbirgt. Dass damit ein besonderes Lava-Gebiet gemeint ist, lesen wir im Web. Aber wie sieht das real aus?
Es dauert nicht einmal eine halbe Stunde, dann scheitern wir erneut: Statt ab dem Dorf Rimrock die Burns Canyon Road nehmen zu können, die sich auf der Karte so verheißungsvoll durch die Gegend schlängelt, stehen wir schon wieder vor einer Sandpiste. Auch sie ist weich und stellenweise tief, wie ich beim Hineingehen feststellen muss. Schon wieder umdrehen und zurück! Das kann ja heiter werden heute…

Es wird auch heiter, aber nur klimatisch, denn die Sonne scheint mal wieder unbarmherzig von einem wolkenlosen südkalifornischen Himmel. Sie begleitet uns auf unserem Umweg nach Big Bear City, einem Ort knapp südlich der unendlich scheinenden Wüstenlandschaft, die sich bis Las Vegas und weiter erstreckt. Eine hochattraktive Bergstraße, die State Route 18, schraubt sich in die Höhe, bis sie in dichtem Pinienwald fast verschwindet. 2.064 Meter hoch liegt Big Bear City, und die Temperatur fühlt sich trotz Sonne an, als ob irgendwo eine Kühlschranktür offen sei. Viel fehlt nicht und wir würden uns beim fälligen Kaffee-Stopp nicht auf die Terrasse, sondern ins Innere des Cafés setzen. Die Große-Bären-Stadt liegt bereits inmitten des San Bernardino National Forest, eines ausgedehnten Waldgebietes, das etwas weiter westlich in den Angeles National Forest übergeht. Ab hier haben wir satte 125 Meilen Strecke vor uns, die man zu 90 Prozent als kurvenreich bis sehr kurvenreich klassifizieren kann. 200 Kilometer Kurvenstrecke, unterbrochen von maximal einem halben Dutzend Ortschaften!

Wer noch nicht mit dem Zweirad in den bergigen Gegenden Amerikas war, wird spätestens jetzt erkennen können, warum das Motorradfahren jenseits des großen Teichs so attraktiv sein kann: Es gibt nämlich oftmals kleine, landschaftlich herausragend schöne Straßen, auf denen die Verkehrsdichte zudem gering bis fast nicht messbar ist. Der „Rim of the World Scenic Byway“, wie die blumige Zusatzbezeichnung der 18 bis zum Ort Cayon heißt, ist so eine Strecke, wenn auch, zugegeben, nicht jeden Tag. Es gibt Zeiten, da ist das Fahren aufgrund von mehr Verkehr nervig. Aber wir haben heute Glück: Wir kommen gut durch. Und wenn wir uns auf der kurvigen Straße doch mal durch einen langsam fahrenden Pkw behindert fühlen, dann dauert es zumeist nicht lange, bis dessen Fahrer eine der Ausweichstellen („turnouts“) nutzt und kurz auf die Seite fährt, um uns geschmeidig passieren zu lassen. Geschätzt verhalten sich etwa zwei von drei Autofahrern so rücksichtsvoll.


Via Nebenstraße nach Wrightwood

Der Byway, also die Nebenstraße, macht enormen Spaß: Es geht rauf und runter, links und rechts. Kaum, dass eine Gerade mal länger ist als 150 Meter. Offizielle Überholmöglichkeiten existieren deshalb auch so gut wie nicht – umso wichtiger, dass verständnisvolle Autofahrer uns immer wieder mal „die Tür aufmachen“. Wrightwood, unser nächstes Übernachtungsziel, liegt mit knapp 1.800 Metern Höhe doch ein ganzes Stück niedriger als Big Bear City. Statt für ein Hotel wie in den letzten Nächten entscheiden wir uns hier für eine „Cabin“, ein Holzhäuschen. Es hat nicht zuletzt den Vorteil, nur 50 Meter von der örtlichen Brauerei entfernt zu liegen. Ja, richtig gelesen: Wrightwood hat trotz kaum 5.000 Einwohnern eine eigene, unabhängige Brauerei! Wobei der Ort nach unserer diesjährigen Erfahrung wahrlich keine Ausnahme darstellt: Galten die USA vor 30 Jahren noch als Weltzentrum der Bier-Unkultur (Miller, Budweiser, Coors, das war’s…), so hat sich das gründlich geändert. Nicht nur dass es in Portland/Oregon mittlerweile 113 Brauereien gibt und im minikleinen Wrightwood ebenfalls ein Brewhouse (mit sehr anständigem Gebräu) steht, nein: Es ist eher schon bemerkenswert, wenn in Irgendwo einmal keine Brauerei zu finden ist! Die Karl Strauss Brewing Company aus San Diego, 1989 gegründet, hat Kalifornien mit der im Land üblichen „Zurückhaltung“ auf ihren Bieruntersetzern längst zu „Karlifornien“ umbenannt…
Am nächsten Morgen ist bestens fühlbar, dass wir die Wüste hinter uns haben: Statt bislang meist 20 bis 25 Grad zeigt das Thermometer der Harley in der Früh gerade mal 7 Grad Celsius. Uns wird dennoch bald warm, denn kurz nach dem Ortsende von Wrightwood steht rechts am Straßenrand ein verheißungsvolles Schild: Das gelbe mit den schwarzen Schlängelkurven, darunter das Zusatzschild „Next 53 Miles“. Es handelt sich um den Angeles Crest Highway, der sich durch den „Engelswald“ schlängelt. Könnte die Street Glide grinsen, täte sie es, denn die Kurvenradien sind ganz überwiegend echt nach ihrem Geschmack: Meist liegt das Tempo im Kurvenscheitel bei etwa 50 Meilen pro Stunde, also etwa 80 km/h. Nur schade, dass der Radioempfang hier oben ziemlich miserabel ist.


Trotz „Don‘t litter!“ liegt viel Müll herum

Kurz bevor sich die California State Route 2 nach La Cañada/Flintridge hinunter neigt und im Außenbereich von L.A. zum vielspurigen Highway mutiert, gibt es links der Straße einen großen Parkplatz; bei schönem Wetter ist von dort aus die Skyline von Downtown-L.A. gut zu sehen. Bei meinem letzten Stopp an dieser Stelle vor etwa drei Jahren fiel mir auf, dass es an den steilen Abhängen des Parkplatzes aussieht wie in Süditalien oder auch in Marokko im Außenbereich von Ortschaften: nichts als Müll! Das hat sich nicht geändert. Auch diesmal zeigt sich an dieser Stelle, dass in den USA trotz Millionen von „Don’t litter“-Schildern und der Androhung hoher Geldstrafen die Direktentsorgung von Abfällen gepflegt wird.
Westlich von L.A. schlagen wir uns möglichst schnell wieder „in die Büsche“; gemeint sind die Santa Monica Mountains, in denen es vor zwei Jahren fürchterlich gebrannt hat. Denken Sie nur an Thomas Gottschalk… Durch diese Gegend führen einige wunderbare Straßen, unter anderem der Mulholland Highway. Auch er hat unter dem seinerzeitigen Feuer gelitten: Starke Regenfälle haben den seiner Vegetation beraubten Boden seitlich der Straße weggeschwemmt und die Straße damit streckenweise unterhöhlt. „Road closed“ steht auf großen Schildern, die an noch größeren Drahtzäunen befestigt sind, mit denen die Straße gleich hinter dem legendären „Rock Store“ gesperrt ist. Vermutlich wird das noch längere Zeit so sein, mutmaßte mir gegenüber ein einheimischer Ducati-Fahrer, der dort tief durchatmete. Das „Rock Store“ scheint auf die Qualität seiner Speisen nicht mehr besonderen Wert zu legen, hörten wir in der Umgebung. Nun ja, Erfolg macht gern mal leichtsinnig.
Die Umfahrung des gesperrten Streckenstücks, dessen Länge wir nicht kennen, lassen wir bleiben; auch den nur einige Meilen entfernten Hindu-Tempel streichen wir aus dem Tagesprogramm. Stattdessen legen wir Kurs Nordwest an und wählen den Ort Ojai als Ziel. Nie gehört? Macht nichts, auch wir wussten vorher nicht wirklich, was uns dort erwartet. Die Öko-Denke soll dort ihre nordamerikanische Heimat haben, Boutique-Hotels sollen dort ein besonderes Ambiente versprühen. Besonders sympathisch macht den 7.500-Einwohner-Ort, dass es auch dort eine lokale Brauerei gibt, die Ojai Valley Brewery. Neun Sorten fließen dort aus dem Zapfhahn, keines davon hat weniger als fünf Volumenprozent Alkohol, die meisten eher sechs oder mehr. Das „Arbolada“ ist laut Karte ein „Schwarzbier“, das „White Pixie“ ein „Witbier“. Solche „White Wheat Ales“ erinnern in fast allen Kleinbrauereien an die in Bayern üblichen Weißbiere in heller Version. Auffällig ist, dass überall der exakte Alkoholgehalt jeder Biersorte angegeben wird und auch deren IBU (International Bitter Unit); je höher dieser Wert, desto bitterer das Getränk. Die Craft-Biere sind, dies nur nebenbei, meist nicht ganz billig: 5 $ pro Pint sind mitunter schon der Happy-Hour-Preis.

Kurz vor Ojai fällt unser Blick auf ein Gebäude, das wie ein Klosterkomplex irgendwo in Italien anmutet. Wir biegen ab, wollen das Rätsel kennenlernen. Vor der Einfahrt in das weitläufige Gelände steht ein Security-Fahrzeug. Die Wachfrau hat keine Einwände, dass wir reinschauen, solange wir den jungen Leuten in diesem katholischen College ihre Privatsphäre lassen. Was wir erblicken, ist ein Hammer: Ein riesiges Internat für etwa 450 junge Leute, die in einer äußerst aufgeräumten, klassisch anmutenden Umgebung ausgebildet werden. 25.600 Dollar jährlich beträgt das Schulgeld im Thomas Aquinas College, weitere 8.800 Dollar sind für Kost und Logis erforderlich. Die jungen Leute stammen aus 43 Ländern, aus Weißrussland genauso wie aus Brasilien, Mexiko und auch Deutschland. Obwohl erst in den 1970er-Jahren erbaut, wirkt das Areal, als bestünde es bereits Jahrhunderte.

Irritiert fahren wir weiter auf der 150 Richtung Ojai. Es dauert nicht lange, dann sehen wir das etwa 200 Meter tiefer gelegene Tal vor uns. Beim Umrunden des letzten Felsvorsprungs kriegen wir, wie eben am Thomas-Aquin-College, erneut große Augen: So ein lieblicher Anblick! Gut 1.500 Meter hohe Berge umrahmen ein freundlich wirkendes Tal, in dem neben unterschiedlichen Laubbäumen auch Palmen wachsen. Die nach Süden ausgerichteten Berghänge sind braun, weil die Vegetation von der Sonne verbrannt ist, der Talgrund dagegen besteht aus intensivem Grün. Die Luft ist mild; die Feuchte des gerade mal 20 Kilometer entfernten Pazifiks ist zu spüren. Ja, hier ist gut Halt machen. Beim Bummel durch das Städtchen fällt insbesondere das gegenüber einer eindrucksvollen Einkaufs-Arkade gelegene örtliche Postamt auf: Es weist einen etwa 20 Meter hohen Glockenturm auf, 1917 erbaut. Zwischen 8 und 21 Uhr läutet die Glocke jede Stunde. Vorbild für den Architekten des Gebäudes sollen die Türme der Kathedrale von Havanna/Kuba gewesen sein; dort wurde einst Christoph Kolumbus begraben.

Herrliche historische Kleinode am Straßenrand

Die halbe Reisezeit ist vorbei, es geht weiter Kurs Nordwest in Richtung der Halbinsel Monterey, unserem angedachten nördlichen Wendepunkt. Von Ojai aus stehen erst einmal die Berge des Los Padres National Forest im Weg. Der höchste von ihnen, der Tecuya Mountain, misst über 2.000 Meter. Auf 1.668 Metern Höhe befindet sich der Sattel „Pine Mountain Summit“ im Zuge der State Route 33. „Jacinto Reyes Scenic Byway“ heißt die Route auch. Sie ist in der Tat „scenic“! Und zudem so gut wie verkehrsfrei: Auf den etwa 30 Meilen bis zur Passhöhe bekommen wir kaum mehr als fünf Autos zu sehen, und wir sind wegen diverser Fotostopps bestimmt weit länger als eine Stunde unterwegs. Nicht anders schaut es auf der nördlichen Seite der Passstraße aus; Höhepunkt ist hier eine schroffe Felslandschaft, gespickt mit engen Kurven. Bevor die 33 in die 166 mündet, stoßen wir auf zwei historische Kleinode: links der Straße das einstige „Pine Mountain Inn“, früher mal ein Motorrad-Treffpunkt, kurz darauf links der Straße die ebenfalls geschlossene „Half Way Cafe Station“. Die Gegend wirkt in der Tat ziemlich tot.

Korrigiert wird dieser Eindruck durch den Laden von „Santa Barbara Pistachio“. Er steht am Straßenrand, links und rechts davon unendlich viele Bäume, zu einer riesigen Plantage zusammengefasst. Hier wachsen, das erfahren wir später, Pistazien. Santa Barbara Pistachio ist ein Familienbetrieb, der Pistazien nicht nur anbaut, sondern auch veredelt, also röstet. Mindestens ein Dutzend unterschiedlich aromatisierter Früchte sind im Angebot. Unter freundlicher Beratung einer Mitarbeiterin kann man sich durchprobieren, ein nahrhaftes Vergnügen. Dass diese Firma es geschafft hat, sich am Markt zu platzieren, merken wir später in Santa Barbara: Bei der Einkehr in einem Strandlokal stellt man uns Pistazien dieser Marke auf den Tisch…

In Cuyama, dem nächsten Dorf, überfällt uns der Hunger. Tatsächlich gibt es dort einen Laden, der neben Haushaltswaren, Werkzeug, Bekleidung, Kinderspielzeug und Krimskrams auch ein Mikrowellengerät hat, in dem sich Tiefgefrorenes aus der Truhe aufwärmen lässt. Für ein Nest mit – so sagt es die Statistik – rund 50 Einwohnern gar nicht so schlecht. Landwirtschaft steht hier im Vordergrund, doch es gibt auch ein ausgedehntes Ölfeld; es wurde 1949 erschlossen. Das Ölfeld im Cuyama Valley ist eines von vielen Ölfeldern in Kalifornien, deren Ausbeutung oftmals von Umweltschutzgruppen bekämpft worden ist.

Unterwegs auf der königlichen Straße

In San Luis Obispo stoßen wir erstmals auf dieser Reise auf eine der 21 Missionsstationen, die zumeist gegen Ende des 18. Jahrhunderts im südlichen Kalifornien errichtet worden sind. Diese „Missions“ – sie sind heute allesamt Denkmäler, doch manchmal werden ihre Kirchen auch noch im christlichen Sinne „bewirtschaftet“ – dienten einst der Missionierung der Bevölkerung; sie waren unabhängige kleine Kommunen, in denen bis zu 1.000 Menschen lebten. Obst- und Gemüsebau, Viehzucht, die Anfertigung von Teppichen und vieles mehr waren Gegenstand der Arbeit. Zwischen den Missionen existierte eine eigene Postverbindung, „El Camino Real“ genannt, also etwa „Königliche Straße“. Das Navi-Display unserer Street Glide zeigte während der Fahrt nach Norden auf dem US-Highway 101 übrigens stets den Straßennamen „El Camino Real“ an…
Bei King City verlassen wir diese Beinahe-Autobahn. Es wird schnell gefahren hier: An die 80 Meilen pro Stunden (130 km/h) sind durchaus üblich; erlaubt sind 65. Das Städtchen, etwa 14.000 Einwohner klein, ist offensichtlich von der Landwirtschaft geprägt; der Inhaber der erst vor wenigen Monaten erbauten, schicken Bäckerei erzählt, dass hier viele illegal eingewanderte Mexikaner leben. Sie erledigen die Arbeit auf den Feldern, steuern die riesigen Traktoren über die bewässerten Felder. Brokkoli, erfahren wir von einem Mexikaner, wird hier beispielsweise auf Flächen angebaut, die 50 Fußballfelder groß sind. Für uns ist King City als „Tor zu Pinnacles“ wichtig; der Pinnacles Nationalpark ist nämlich unser nächstes Ziel. Die State Route 25, die zu ihm führt, erinnert mit ihren vielen Kurven an die erste Landstraße unserer Tour, die 79 nach Julian.
Pinnacles bedeutet Zinnen. Fährt man auf der 25 an der Zufahrtsstraße zum Nationalpark vorbei, wird man nie erfahren, was man versäumt – das eindrucksvolle Naturschauspiel aus schroffen Felsen und überbordender Vegetation ist von außerhalb des Zufahrts-Canyons nicht zu sehen. Eine Vielzahl von Wanderwegen und Klettersteigen erschließt den Park. Die Rangerin im Visitor Center erklärt, was wir unternehmen sollten, wenn wir eineinhalb Stunden Zeit investieren:
„Fahren Sie bis zum hintersten Parkplatz und gehen Sie dann den Bear Gulch Cave Trail hinauf bis zum Stausee. Ein Smartphone mit Taschenlampe haben Sie, ja?“ Gesagt, getan. Schon etwa 600 Meter nach dem Start beginnt die Höhlen-Exkursion, die Taschenlampe wird nur selten benötigt. Eine gute halbe Stunde brauchen wir, bis wir „oben“ wieder ans Tageslicht kommen und den lieblichen Stausee inmitten des Felsgewirrs und zahlreicher herrlicher Bäume erblicken. Es ist Labsal für die Seele, hier zu rasten und zu staunen über die Launen der Natur.

Malerische Halbinsel Monterey

Wieder am etwa 250 Meter tiefer gelegenen Parkplatz angekommen, machen wir uns auf den Weg zum nördlichen Wendepunkt unserer Reise: Auf der Halbinsel Monterey wollen wir die Kurve zurück nach Süden kriegen. Erst werfen wir noch lange Blicke auf die Mission San Juan Bautista mit ihrem so harmonischen Kirchenbauwerk, dann suchen wir die Zufahrt zum weltberühmten Highway Number One. „Marina State Beach“ steht auf dem Wegweiser, dem wir schon kurz, nachdem wir auf der One unterwegs sind, folgen. Nur ein paar Meter neben dem hier vierspurigen Cabrillo Highway 1 erstreckt sich ein weitläufiger Sandstrand. Besucher lassen Flugdrachen steigen, andere wandern oder sitzen herum und plaudern miteinander. Baden ist nicht angesagt; seit meinem ersten Besuch des Pazifik vor zig Jahren weiß ich auch, warum: Das Wasser ist erst südlich von Santa Barbara warm genug, um sich ohne Neoprenbekleidung darin zu tummeln. Dafür gelten die gesamte Monterey Bay und insbesondere der Marina State Beach als recht gutes Surf-Revier. Natürlich nur im Neoprenanzug.
Schon innerhalb der folgenden Stunde zeigt sich, dass unser Reiseplan einen erheblichen Fehler enthält: Für die Halbinsel Monterey braucht man eigentlich einen vollen Tag, mindestens. Die Küstenabschnitte, die Museen, die oftmals aufwändigen Häuser in den schön angelegten Gärten… Wir haben aber maximal zwei, drei Stunden, dann ist die Sonne weg für heute. Wir sehen Fisherman’s Wharf mit seinen zahllosen Lokalen und Läden – aus der Ferne. Wir rollen die Cannery Row entlang, anstatt abzusteigen. Der Ocean View Boulevard im direkt anschließenden Pacific Grove hält, was sein Name verspricht: Zerklüftete Uferpassagen wechseln mit kurzen Sandstränden, es gibt wunderbare Spazierwege. Die Wellen brechen sich, gischten über die wirr herumliegenden Felsen. Möwen arbeiten an ihrer Flugshow. Ein Bild des Friedens.

Keine Chance am 17 Mile Drive

Wir suchen ein Plätzchen auf der Westseite der Halbinsel nahe Point Pinos Lighthouse, dort, wo in etwa einer halben Stunde die Sonne ins Meer stürzen wird. Eine unbesetzte Bank am Straßenrand, genug Platz für unser Dickschiff – wir werfen Anker. Jetzt ein Sonnenuntergangs-Bier, das wär’s! Ein Anwohner verrät mir, wo ich eine Bierquelle finde. „Nur zwei Ampeln entfernt!“ sagte der gute Mann. Es sind dann knapp drei Meilen, fünf Kilometer, zehn Minuten pro Strecke plus Einkauf von zwei Dosen „Modesto“. Stolz wie Oskar lande ich mit meiner Beute an, doch die Sonne streckt bereits den Kopf ins Wasser. Egal. Das nächste Mal muss halt auch noch eine Kühltasche an Bord…
Der anfangs orangerot, später dunkelrot verfärbte Himmel illuminiert die Fahrt entlang der Küste zum Hotel im Ort Carmel-by-the-Sea ganz wundervoll. Doch die Tour zieht sich. Den berühmten 17 Mile Drive, der durch Pebble Beach führt, dürfen wir mit dem Motorrad leider nicht befahren, „Cypress Point Overlook“ und „Sunset Point Overlook“ bleiben deshalb unbesucht.

Über den Highway 1 entlang der Westküste

Am nächsten Morgen zwicken wir eine Stunde für Carmel ab: Jede Menge Kunstgeschäfte, dazu einige Antiquitätenläden. Kein Zweifel, in diesem gepflegten Städtchen wohnt das Geld. Am Westende der Ocean Avenue gibt es, direkt am fast weißen Sandstrand, einen geräumigen öffentlichen Parkplatz. Eine große Gruppe Harley-Fahrer – ihre Kutten weisen auf Norwegen als Heimat – macht sich gerade startklar: großes Röhren an Carmel Beach. Fraglos eine Gegend, in der man sich mal länger aufhalten sollte.
Wir suchen wieder die „One“ und beginnen die Rückfahrt: 370 Meilen sind es bis zum südlichen Ende von L.A. Fast 600 Kilometer, fast ausschließlich an der Pazifikküste entlang. Irgendwo verheißt ein Schild 74 Meilen Twisties am Stück. Die Bixby-Bridge, Anfang der 1930er-Jahre erbaut, das große Waldgebiet Big Sur, Pismo-Beach, das teure Dänen-Dorf Solvang, Santa Barbara mit seiner Wharf, das exklusive Malibu – genug Attraktionen auch für drei oder vier Reisetage. Uns bleiben aber nur zwei. Das Hearst Castle schieben wir gleich auf die nächste Reise, vieles andere ebenfalls. Und doch: Diese Straße, diese Küste fressen sich ins Hirn. Die schroffen Klippen, die sanften Strände, die dunklen Wälder, die sonnenverbrannten Wiesen. Und die fantastischen Straßenbauwerke, Anfang der 1930er-Jahre zumeist von der Seeseite aus erbaut, weil es an Land noch gar keine Straße gab.
Natürlich geht die Fahrt nicht ohne Stopp ab, das soll sie ja auch nicht. Wir scheren am „Elephant Seal Vista Point“ nördlich von San Simeon aus und beobachten die sich in der warmen Nachmittagssonne räkelnden Tiere, und wir fahren hinaus zum „Montaña de Oro State Park“, weit draußen hinter Los Osos. Hier ist nichts von der Hektik entlang der „One“ zu spüren, denn hierher kommen die, die sich selbst gefunden haben. Kinder spielen an den Felsen und im Zufluss, Erwachsene chillen oder wandern auf der Halbinsel. Die Facetten entlang der „One“ sind vielfältig.

Auch Ronald Reagan schätzte diese Gegend

Jenseits des unpersönlichen Ortes Lompoc wird es wieder witziger: Vorbei an der Mission „La Purisima“ führt der Highway 246 zur dänischen Exklave Solvang, wo tatsächlich alles dänisch ist: die Plunderstückchen in der Bäckerei Olsen, das Bier im örtlichen, seit 2010 existierenden Brewhouse mit seiner Windmühle als Dekoration. Auch Paula’s Pancake House ist aus Südskandinavien eingewandert. Kein Wunder, dass die Norwegergruppe hier ein zweites Frühstück einnimmt.
Später, auf der State Route 154, geht’s hinauf in Richtung San Marcos Pass. Vorher entzückt uns der Lake Cachuma, ein 1953 als Folge eines Dammbaus entstandener Stausee. Er versorgt das gesamte Gebiet von Santa Barbara mit Trinkwasser.
Wer hier mal übernachten will, kann das in einer Miet-Jurte tun, die es auf dem vom County Santa Barbara betriebenen Campingplatz zu mieten gibt. Oben auf der Passhöhe zweigt ein Sträßchen ab, das geradewegs ins Kurvenparadies führt; über weite Strecken verläuft es auf dem Hügelgrat entlang und ermöglicht einerseits Blicke zum Pazifik, andererseits weit ins Land hinein. Der östliche Ast führt dicht an der Ruine von Knapp’s Castle vorbei in Richtung Santa Barbara, der westliche zum „Reagan Rancho El Cielo“, dem früheren sogenannten „Western White House“ des US-Präsidenten. Das Anwesen ist heute ein Museum.
Santa Barbara, ein hübsch herausgeputzter Küstenort, gibt sich eher mondän: Die „Hauptstadt der American Riviera“ gilt als ausgesprochen teures Pflaster. Dennoch ist der spanisch-mexikanische Einfluss im Stadtbild erhalten. Wir schauen nicht nur zur einstigen spanischen Mission, sondern auch zu Stearns Wharf, dem befahrbaren hölzernen Steg. „Motorradfahrer dürfen kostenlos parken“, sagt die Frau am Kassenhäuschen. Das Leben ist schön und der nahe Sandstrand sieht einladend aus.
Wir legen ein zusätzliches Brikett auf und düsen ostwärts, immer auf dem Highway 1 die Küste entlang. Weil wir im legendären Beach Café „Paradise Cove“ einkehren möchten, drängt die Zeit. Doch wir sind ein paar Minuten zu spät: Es liegt bereits Schatten über den schick drapierten Liegestühlen am Strand, wo sich sonst so nett ein (teurer) Drink schlürfen lässt. Den sparen wir uns und investieren das Geld lieber ins Parkticket, das bei einer Konsumation von weniger als 40 Dollar satte 50 Bucks kostet – nicht nur für ein Auto (es parken vorwiegend Edelkarossen dort), sondern auch für ein beliebiges Motorrad. An der Schranke durchzuschlüpfen, ist unmöglich.


Noch lange nicht genug

Was bleibt? Die Frage stellt sich anderntags während des Rückflugs nach Deutschland. Ganz sicher ein riesiger Haufen von Eindrücken: grandiose Natur, totale Einsamkeit, völlige Entrücktheit. Andererseits auch Bilder von Trubel, gekonnter Architektur, gigantischen Errungenschaften der Zivilisation. Und die Gewissheit, dass Motorradfahren in Südkalifornien nicht nur entspannend und meist wetterbegünstigt ist, sondern auch ein grandioses Kurventraining darstellen kann. Man muss nur die Scenic Byways zu finden wissen! Es bleibt aber auch das Gefühl, baldmöglichst wieder hinfahren zu wollen in diese Region: Trotz „weiser“ Beschränkung auf maximal 200 Meilen pro Tag sind wir an viel zu vielen Orten und Örtlichkeiten vorbeigefahren, die einen teils sogar längeren Stopp wert gewesen wären. Deshalb: „See you!“
Text: Ulf Böhringer, Fotos: fbn, Uschi Franke


#Kalifornien#Reise#USA

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