Wein- & Salzhandelsroute: Radstädter Tauern & Sölkpass

Was gibt es Schöneres, als den höchsten Pass der Steiermark, den wunderschönen Sölkpass zwischen Stein an der Enns auf der Nordseite der Alpen und Schöder auf der Südseite, zu fahren.
Der Sölkpass ist eine von mehreren alten Handelsrouten, die die alpine Barriere zwischen dem Norden und dem Süden überspannen und ab 1593 zunächst von Maultieren, später von Pferdewagen überquert wurden. Händler brachten Öl, Wein und Gewürze aus dem Süden und kehrten mit Salz, Leder und Mineralien zurück. Diese Pässe waren für den kulturellen und wirtschaftlichen Austausch zwischen Süd- und Nordeuropa von entscheidender Bedeutung.

Der Sölkpass ist offen

Der Sölkpass ist einer der wenigen gebührenfreien Hochpässe Österreichs. Wir müssen also keine Maut zahlen.
Der Sölkpass ist einer der wenigen gebührenfreien Hochpässe Österreichs. Wir müssen also keine Maut zahlen
Der Sölkpass ist in den Wintermonaten geschlossen und die Öffnungszeiten (normalerweise zwischen Mitte Mai und Oktober) hängen vollständig von den Schneebedingungen ab. Manchmal öffnet und schließt er mehrmals während der Saison, wenn wiederholt Neuschnee fällt. Zum Glück ist er heute geöffnet, oben soll es aber noch weiß sein.
Wir sind zu sechst in unserer Gruppe von fünf Motorrädern unterwegs, als wir unseren Startpunkt bei Schloss Trautenfels verlassen und entlang des Tals nach Stein an der Enns fahren. Bald schon lassen wir den Verkehr hinter uns und genießen die wunderbaren Kurven der L734, die sich entlang des Enns-Tals schlängeln. Zu unserer Rechten liegt das imposante Kalksteingebirge des Grimmings. Es ist ein belebender Start des Tages. In dem malerischen Dorf „Stein an der Enns“ biegen wir links ab und beginnen unsere Auffahrt. Ein Schild am Straßenrand gibt letzte Gewissheit, dass der Pass heute tatsächlich offen ist, und bald sind wir alleine auf der Straße und eins mit der Landschaft.

Haarnadelkurven und Kaiserscharrn

Wir erreichen die erste von insgesamt fünf Haarnadelkurven auf der Nordseite des Sölkpasses, bevor wir den höchsten Punkt im Schnee auf 1.790 m über NN mit unseren Bikes erklimmen.
Wir erreichen die erste von insgesamt fünf Haarnadelkurven auf der Nordseite des Sölkpasses, bevor wir den höchsten Punkt im Schnee auf 1.790 m über NN mit unseren Bikes erklimmen
Sölk ist einer der wenigen gebührenfreien Hochpässe Österreichs. Wir müssen also keine Maut zahlen. Es gibt jedoch nicht wenige Hinweisschilder, die davor warnen, dass – sollten zu viele Motorradfahrer die Geschwindigkeitsbegrenzungen überschreiten – der Pass für Motorradfahrer geschlossen werden könnte. Auf der Nordseite folgt die Straße, genau wie der Sölkbach, dem Talboden an mehreren kleinen Dörfern vorbei und steigt stetig an. Die Fahrbahndecke ähnelt einem „Fleckerlteppich“ mit vielen verschiedenfarbigen Reparaturen des Asphalts. Grund ist die jährliche Wintererosion. Stellenweise wirkt es, als würde man über ein Schachbrett fahren. Nach mehreren Kehren und Kurven passieren wir schließlich einen kleinen Stausee zu unserer Rechten und das Dorf „St. Nikolai im Sölktal“, wo der eigentliche Pass beginnt – und bei Schnee die Barriere geschlossen wird.
Die Straße wird ab hier schmaler und gleicht mit ihren Wendungen und Steigungen zunehmend den Alpenpässen, die wir sonst gewohnt sind. Aber schon nach wenigen Kurven tauchen wir in ein langes, gewundenes Tal ein, in dem der schneebedeckte Gipfel der Hornfeldspitze wie ein Juwel vor uns glitzert. Zeit für eine Kaffeepause in der wunderbar rustikalen, bikerfreundlichen „Hansenalm“.

Am höchsten Punkt angekommen, werden wir von dem üblichen, mit Aufklebern übersäten Höhenschild des Sölkpasses begrüßt.
Am höchsten Punkt angekommen, werden wir von dem üblichen, mit Aufklebern übersäten Höhenschild des Sölkpasses begrüßt
Wir lassen Helme und Jacken auf den Motorrädern und betreten die Hütte durch die knarrende hölzerne Eingangstür. Sofort fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Unsere Augen haben es im ersten Moment schwer, sich an die Lichtverhältnisse anzupassen, während unsere Nasen von den verschiedensten Gerüchen bombardiert werden: der beliebte Almburger, famoser Kaiserschmarrn oder Apfelstrudel. Wir lassen uns im gemütlichen Inneren nieder und versuchen, den Versuchungen zu widerstehen.

Über die Passhöhe nach Schöder

Wieder zurück auf der Straße beginnt der wahre Spaß. Der glitzernde Berggipfel rückt immer näher, während wir uns durch kurvige Waldabschnitte schlängeln, unterbrochen von Almwiesen und frei wandernden Kühen. Bald erreichen wir die erste Haarnadelkurve. Es gibt nur fünf von ihnen auf dieser Seite des Passes, bevor wir den höchsten Punkt im Schnee auf 1.790 m erklimmen. Begrüßt werden wir von dem üblichen, mit Aufklebern übersäten Höhenschild, das neben einer kleinen Kapelle steht. In alten Zeiten beteten Reisende in der Kapelle für eine sichere Überquerung des Passes. Ebenso diente sie zum Schutz vor schlechtem Wetter. Die Passhöhe ist eine reiche Quelle an archäologischen Funden, von alten Pfeilspitzen und römischen Münzen bis hin zu Überresten von Fundamenten der Sperrmauer. Steil fällt die Straße entlang der Südseite des Passes ab. Durch sechs Haarnadeln erreichen wir unterhalb der Baumgrenze den Wald entlang des Katschbaches. Auf diesem Abschnitt wurde im letzten Jahr die Fahrbahn saniert. Seitdem zählt sie zweifellos zu den großartigsten Straßen Österreichs. Wir beschließen, im 600 Jahre alten Restaurant Hirschenwirt in Schöder, am südlichen Ende des Passes, unsere Mittagspause zu machen. Neben dem tollen Essen ist man hier sehr bikerfreundlich. An der Wand hängt sogar eine Box mit Werkzeugen, die von Bikern kostenlos genutzt werden können. Hirschenwirt-Chef Toni, ein begeisterter Motorradfreak, gibt sein Insiderwissen, insbesondere in Bezug auf Straßenverhältnisse und gut ausgebaute, kurvenreiche Alpenstraßen, gerne weiter.

Der Tauernpass hat einen ganz anderen Charakter als der Sölkpass

In der Ferne lockt bereits das schneebedeckte Tauerngebirge
In der Ferne lockt bereits das schneebedeckte Tauerngebirge
Nach einer gemütlichen Rast ist es Zeit, uns auf den Weg zu machen. Vom Hirschenwirt aus fahren wir den Kunstenweg – eine schmale und manchmal holprige Landstraße, die die Hauptstraße im Süden vermeidet. Durch kleine Dörfer mit sanften Hügeln und Waldabschnitten führt sie uns schließlich nach Tamsweg. Hier zweigt die B96 nach Süden ab, vorbei an dem wunderschönen mittelalterlichen Schloss Moosham, das Ende des 17. Jahrhunderts als Zentrum der Salzburger Hexenprozesse und Hinrichtungen berühmt und berüchtigt war.
Wir biegen auf die B99 in nördliche Richtung nach Mauterndorf ab und kehren auf einem anderen Pass – dem Radstädter Tauernpass – über die Alpen zurück. Obwohl die Passage ebenfalls sehr alt ist, hat der Tauernpass einen ganz anderen Charakter als der Sölkpass. Er geht auf den Stamm der keltischen Taurisci zurück, bevor er ab 193 n. Chr. von Kaiser Septimus Severus als Römerstraße wieder aufgebaut wurde. In den 1920er-Jahren war er Teil der berüchtigten Tauern Alpine Challenge – einem Motorradrennen in mehreren Etappen von Wien über die Alpen nach München. Aus diesem Grund und mit der Entwicklung des äußerst beliebten Skigebiets Obertauern auf der Passhöhe seit Beginn der 1960er-Jahre fahren wir heutzutage auf einer schnellen Hauptstraße mit gutem Asphalt, die das ganze Jahr über geöffnet ist. Damals, in den frühen 1960er-Jahren, war dies das erste Skigebiet in Österreich, das über eine automatisierte Pistenmaschine verfügte. Heute ist es eines der Top- Après-Skigebiete in Österreich.
Als wir Mauterndorf verlassen, nimmt unser Tempo zu. Während sich die Straße in wunderschönen langen Kurven entlang des Talbodens schlängelt, bietet sie zu unserer Linken einen Blick auf den Fluss Taurach und zu unserer Rechten auf dichten Wald. Allzu bald müssen wir das obligatorische Tempolimit von 50 km/h im Dorfgebiet einhalten, während wir durch die Gemeinde Tweng fahren. Zu dieser Jahreszeit, ohne Skibesucher und nach der Corona-Krise, wirkt die Ortschaft verlassen. Die meisten Lokale sind geschlossen und nur gelegentliche Fußgänger mit Mund- und Nasenschutz unterbrechen die Einsamkeit. In der Ferne lockt bereits das schneebedeckte Tauerngebirge.

Geisterstadt Obertauern

Nach einer gemütlichen Rast kommen wir am wunderschönen mittelalterlichen Schloss Moosham vorbei, das Ende des 17. Jahrhunderts als Zentrum der Salzburger Hexenprozesse und Hinrichtungen berühmt und berüchtigt war
Nach einer gemütlichen Rast kommen wir am wunderschönen mittelalterlichen Schloss Moosham vorbei, das Ende des 17. Jahrhunderts als Zentrum der Salzburger Hexenprozesse und Hinrichtungen berühmt und berüchtigt war
Als wir Tweng verlassen, werden die Steigungen steiler. Mehrere Lawinenschutztunnel überspannen die Straße, während die Landschaft felsiger und enger wird. Merklich sinken zudem die Temperaturen und beide Straßenseiten sind jetzt mit Schnee bedeckt. Als wir in der Ortschaft Obertauern ankommen, kommen ähnliche Gefühle auf wie in der verlassenen Geisterstadt Tweng. Aber hier wirkt es eher wie ein verlassener Vergnügungspark mit all den farbenfrohen Hotel-, Chalet-, Café- und Disco-Fassaden, die allesamt geschlossen sind. Sämtliche Parkplätze entlang der Straße sind leer. Wir scheinen, den Ort für uns allein zu haben. Das Resort überspannt den Höhepunkt des Passes auf 1.738 m Höhe und die Straßenoberfläche ist übersät mit Asphaltfugen, Rissen und Ausbesserungsflecken der jüngsten Winterschäden.

„Help – I need somebody!“

Bei einem Zwischenhalt posieren wir für ein Foto neben der Beatles „Help“-Statue in Obertauern
Bei einem Zwischenhalt posieren wir für ein Foto neben der Beatles „Help“-Statue in Obertauern
Wir parken unsere Motorräder im Zentrum vor dem Hotel Edelweiss und posieren für ein Foto neben einer Statue der Beatles. Am 14. März 2015, genau 50 Jahre, nachdem Teile des Films „Help“ hier gedreht worden waren, wurde sie errichtet. Anscheinend gaben die Beatles während ihres Aufenthalts in diesem Hotel sogar ein spontanes privates Konzert und der Film löste einen neuen Boom in der Popularität des Resorts aus. Inspiriert von der Statue der „Fab Four“ wechsle ich meine Musik auf eine Beatles-Auswahl und fahre los. Als wir die Stadt zu dem Song „A Hard Day‘s Night“ verlassen, passieren wir eine gewölbte Fußgängerbrücke, die die Straße überspannt. Von dieser Seite aus kann man in riesigen gelben Buchstaben „Auf Wiedersehen in Obertauern“ lesen. Dahinter fällt die Straße in einer Reihe von Kurven entlang der rechten Talseite schnell ab, bis wir zu einer unserer Lieblingshütten abbiegen.
Ein kurzes Stück des Weges besteht aus einer holprigen Schotterstraße, vorbei an alten Holzhütten mit Skelettresten von Dächern, die bereits vor vielen Jahren gestorben sind. Wir parken vor der Gnadenalm Hütte – erstaunlicherweise ist sie geöffnet – und genießen einen hervorragenden Apfelstrudel und Kaffee auf der Terrasse.

Eine sich drehende, steigende und fallende Achterbahn

Weiter auf der L 725 schlängeln wir uns durch den Wald und passieren zwei riesige Felsen in Rössingbach – einen auf beiden Seiten der Straße – wie ein Portal zu der Welt der „Herr der Ringe“
Weiter auf der L 725 schlängeln wir uns durch den Wald und passieren zwei riesige Felsen in Rössingbach – einen auf beiden Seiten der Straße – wie ein Portal zu der Welt der „Herr der Ringe“
Der Rest der Fahrt in das Tal hinunter führt über großartige Straßen mit geschwungenen Kurven durch bewaldete und felsige Abschnitte. Vereinzelte, enge S-Kurven durch felsige Schluchten mit dem Fluss links unter uns steigern die Begeisterung für die großartigen Straßen zusätzlich. Das Tal weitet sich bald und der riesige blaue Himmel darüber ist fast wolkenlos, während wir den Rest der B99 nach Radstadt hinunterfahren. Von hier aus könnten wir die Hauptstraße B320 nehmen, nach Osten in Richtung Schladming fahren und zu unserem Startpunkt zurückkehren. Stattdessen biegen wir aber nach Westen ab und folgen bald einer unserer Lieblingsstraßen – der wundervollen Filzmooser Landesstraße zwischen Eben im Pongau und Ramsau am Dachstein. Diese kurvenreiche, sich drehende, steigende und fallende Achterbahn zieht uns immer vorwärts und immer näher an das schneebedeckte Dachstein-Gebirge heran. Die Verkehrsdichte ist heute minimal. Trotzdem ist in manchen Kurven besondere Vorsicht geboten, denn Lastwagen, die zu nahe an den Straßenrand heranfahren, ziehen in engen Kehren häufig Kies auf die Fahrbahn.

Wir machen einen kleinen Zwischenstopp in der Ramsau am Dachstein
Wir machen einen kleinen Zwischenstopp in der Ramsau am Dachstein
Wir überqueren die Grenze zwischen Salzburg und Steiermark in einer Haarnadelkurve, die auch den Marbach überquert, und fahren weiter durch Ramsau am Dachstein. Auf der L725 entlang des Flusses Weißenbach schlängeln wir uns durch den Wald und passieren zwei riesige Felsen in Rössingbach – einen auf beiden Seiten der Straße – wie ein Portal zu der Welt der „Herr der Ringe“.
Nach einer weiteren Kaffeepause im entzückenden Dorf-Café in Weißenbach machen wir einen kurzen Sprint entlang der A320, um die Route vom Vormittag nach Trautenfels wieder zu erreichen. Liz und ich beschließen, auf dem Heimweg um Schloss Trautenfels herumzufahren und zwei geräucherte Forellen bei der kleinen Fischerei zu kaufen. Obwohl gut verpackt im Topcase verstaut, schätze ich, dass wir auf dem ganzen Weg nach Hause einen ziemlich angenehmen Geruch hinterlassen haben.


Text: Geoff Tompkinson, Liz Tompkinson, Fotos: Geoff Tompkinson


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