Island - Reif für die Insel

14.08.2020 13:20

Endlich da – Gott sei dank! Die langwierige Anreise hatte es in sich: Zuerst mit dem Nachtzug von Lörrach, nahe der Schweizer Grenze, nach Hamburg, anschließend 620 Kilometer Autobahn und Landstraße bis Hirtshals am nördlichsten Ende von Dänemark und danach noch zwei Tage auf See. Doch jetzt kann es endlich losgehen. Island, wir kommen!
Das am weitesten vom europäischen Festland entfernte Eiland empfängt uns so, wie wir das eigentlich erwartet hatten: leichter Nieselregen, Nebel und mit lediglich 6 Grad empfindlich kühl. Ein echter Klimaschock, herrschten doch bei unserer Abfahrt in Lörrach noch rekordverdächtige 36 Grad. Nun, was soll's, wir sind froh, dass wir  endlich da sind und gespannt, was uns erwartet. Wir, das sind Hubi mit seiner BMW G650 XChallenge und Hene mit der BMW XR 1000. Freddy und ich fahren beide eine brandneue Kawasaki Versys 1000 SE.

Ausgebremst gen Westen

Gefühlt im Schritttempo zuckelt die Karawane aus Autos, Campern, Offroadern, Lastwagen und Bikes auf der einzig möglichen Straße über die Hügelkette Richtung Westen. An Überholen ist aufgrund der schlechten Sicht nicht zu denken. Leicht genervt vom dichten Kolonnenverkehr ist nach 25 Kilometern der erste Halt mit Lagebesprechung angesagt. So kann es ja nicht weitergehen. Um der Rush Hour zu entfliehen, beschließen wir vor der geplanten Fahrt in Richtung Süden den See Lagarfljot zu umrunden. Eine gute Entscheidung, denn als wir, rund anderthalb Stunden später auf die Ringstraße Nr. 1 einbiegen, haben wir das breite Asphaltband für uns alleine. Bei einem Abstecher auf die 964 machen wir bereits am ersten Tag Erfahrungen mit den Tücken der nassen Schotterpisten Islands: Auf einer Baustelle schmiert Freddy im tiefen und noch nicht gewalzten Sand das Vorderrad weg und wenig später müssen wir Henes verstopften Kühler vom Dreck befreien.

Reines Naturspektakel

Morgenstund' halt Gold im Mund: Vor dem Frühstück fahren Freddy und ich zum nahen Fischerhafen von Höfn. Von dieser Landzunge präsentieren sich vier imposante Gletscherzungen des Vatnajökull im stimmigen Morgenlicht. Mit rund 8.300 km² ist der imposanteste Gletscher Islands nahezu so groß wie Korsika. Weiter westlich erleben wir bei Jökulsarlon, wie Abbrüche des kalbenden Breidamerkurjökull (Jökull = Gletscher) ins Meer fließen. Lavagestein und -ströme in verschiedensten Formen und Arten stehen im Wechsel mit imposanten Wasserfällen und grandiosen Ausblicken auf die südliche Meerlandschaft. Die rund 50 Kilometer lange Zusatzschlaufe über die 204 beginnt mit tollen Wechselkurven durch hügelige, moosbedeckte Lavafelder und endet mit einer ruppigen Schotterpiste mit feinen Querrinnen.
Vom majestätisch aufragenden Felsen, rund 10 Kilometer westlich von Vik genießen wir am frühen Morgen die Türlochinsel Dyrholaey, die wie ein Doppelbogen-Monument 120 Meter hoch aus dem Meer ragt und der TV-Serie Game of Thrones als imposante Kulisse diente. Weit weniger spektakulär entpuppt sich die anschließende Puffin-Exkursion meiner drei Kollegen zur Insel Vestmannaeyjar. Zwar besiedeln Tausende dieser niedlichen Papageientaucher das Eiland, doch weil sie jeweils frühmorgens aufs offene Meer zur Futterbeschaffung fliegen und erst spätabends zurückkehren, bekommen die drei Ornithologie-Laien kein einziges Exemplar zu Gesicht. Ich warte nicht auf ihre Rückkehr, meide die Einser und genieße die Solofahrt über kleine und kleinste meist nicht asphaltierte Nebenstraßen. Über die 253, 264, 268 und die 26 fahre ich am Hekla, dem derzeit aktivsten Vulkan Islands, vorbei in die Highlands zur Lodge Hrauneyar. Die Landschaft wird immer öder, die Lavafelder mächtiger, flacher und beeindruckender.

Hotspots: Pingvellir, Großer Geysir und Gullfoss

Gleiches trifft anderntags auch auf den kurzen Ausflug nach Landmannalaugar zu. Die Schotterstrecke ist mit unseren schweren Bikes zwar fahrbar, aber relativ anspruchsvoll. Am Nachmittag sind deshalb relaxen und Sauna angesagt. Mit Pingvellir, dem Großen Geysir, Gullfoss und weiteren Wasserfällen (Foss = Wasserfall) steht nach diesem Ruhetag eine wahre Sightseeing-Tour auf dem Programm. Touristenscharen aus aller Welt werden mit Bussen von Reykjavik zu den erwähnten Hotspots gekarrt. Ich habe da so meine Bedenken und würde lieber weitere Schotterstraßen genießen. Allerdings werde ich von meinen Kollegen überstimmt und muss mit. Als wir den Abend im gemütlichen Restaurant Lindin in Laugarvatn ausklingen lassen bin ich dennoch froh, diese Highlights besucht zu haben. Insbesondere Pingvellir, wo die amerikanische und die eurasische Kontinentalplatte auseinanderdriften und tiefe Risse in die Landschaft zeichnen, muss man einfach besucht haben. An eben diesem Ort wurde im Jahr 930 der unabhängige Freistaat Island ausgerufen und 1944 die Republik Island gegründet.

Zwischenstopp in Islands Hauptstadt

Eigentlich wären die beiden folgenden Tage ganz ohne Schotter entlang der Küste nach Stykkisholmur mit Zwischenhalt in Reykjavik ja völlig easy zu fahren. Wir können es jedoch nicht lassen und müssen bei Eyrarbakki unbedingt den monumentalen Leuchtturm fotografieren. Allerdings führt da nur ein schmaler Fußpfad mit trickreichen Sand- und Geröllpassagen hin. Genau da bleibt Hene stecken, strauchelt und legt seine XR unfreiwillig auf dem linken Fuß ab. Am Abend gibt der Arzt in Reykjavik Entwarnung – nichts gebrochen, „nur“ verstaucht. Hafen, Kirche und insbesondere die charmanten alten, stilvoll renovierten Quartiere sind natürlich ein Muss anlässlich des kurzen  Aufenthalts in der Hauptstadt Islands. Am rauen Strand nahe von Geldinganes döst eine Herde Seehunde, die natürlich auch im Bild festgehalten werden müssen. Ein paar Kilometer erkunden meine Kollegen eine romantische Schlucht, welche aber nur mit einem Fußmarsch zu erreichen ist. Ich fahre derweil über eine abwechslungsreiche Schotterpiste zum Snaefellsjökull hoch und genieße von hier oben eine herrliche Aussicht auf die umliegenden Vulkane, Gletscher und die Küste.

Mit der Fähre über den Breidafjördur nach Brjanslaekur

Das Fährschiff Baldur bringt uns von Stykkisholmur über den großen Breidafjördur (Fjördur = Fiord) nach Brjanslaekur zu den Westfjorden. Und weil wir da nach einem Zwischenhalt auf der kleinen Insel Flatey erst am frühen Nachmittag anlanden, müssen wir uns für die 220 Kilometer bis Drangsnes ziemlich ranhalten. Dies nicht zuletzt weil die Schotterpassagen entlang der Küste zuweilen anspruchsvoll zu fahren sind und der Grip aufgrund des leichten Nieselregens relativ schwer einzuschätzen ist. Doch im Vergleich zu meinen Kollegen, die andere Reifen aufgezogen haben, bin ich mit den Metzeler Karoo Street sehr gut bedient, insbesondere auch bezüglich Traktion und Seitenführung, wobei letztere gegen Ende der Tour doch allmählich nachgelassen hat. Als wir Drangsnes erreichen, laufen zwei Fischerboote im Hafen ein. Mit dem heutigen Fang sind sie sehr zufrieden und wir ebenfalls – beim Nachtessen im Guesthouse Malarhorn.

Entlang der Küste

Rein in die Fjorde und wieder raus – ab heute führt die Strecke wenn immer möglich entlang der Küste, mit vereinzelten Abstechern ins Landesinnere, versteht sich. Die Reihenfolge mit Freddy als Leader und mir als „Schlusslicht“ harmoniert bestens. Nicht zuletzt weil wir beide mir dem Sena-Kommunikationssystem verbunden sind und uns, wenn nötig, gegenseitig über Wichtiges informieren können. Bei Sichtverbindung funktioniert das 20S Evo perfekt über mehr als einen Kilometer, sind dagegen Hügel oder andere Hindernisse zwischen uns, ist nach wenigen 100 Metern Schluss. Mittlerweile fahren wir auf festen Schotterpisten nahezu gleich schnell wie auf Asphalt, wobei wir uns grundsätzlich an das vorgeschriebene Limit von 80 respektive 90 km/h halten. Wir wollen ja nicht durch die Gegend rasen, sondern die so unterschiedlichen Schönheiten dieser wirklich einzigartigen Naturlandschaften genießen. Gerne hätten wir das schöne Wetter aus dem Süden mitgenommen, doch hier im Norden, nahe am Polarkreis, ist das Klima deutlich rauer und die Temperaturen sind spürbar tiefer – heute zwischen 6 und 10 Grad. Dazu kommt, dass uns der kühle und böige Nordostwind zeitweise fast von den Bikes weht und uns dadurch zwingt, auf schnurgeraden Strecken in Schräglage zu fahren.


Streckenhighlight von Varmahlid nach Husavik

Die heutige wiederum über 300 Kilometer lange Etappe von Varmahlid nach Husavik ist aus meiner Sicht eine der schönsten unserer Tour. Dies nicht allein, weil uns Wetter und Temperaturen wieder freundlicher gesinnt sind, sondern vor allem auch aufgrund der abwechslungsreichen Landschaften. Insbesondere in der Gegend um Siglufjördur fühle ich mich zuweilen wie daheim in der Schweiz. Und das, obwohl Skilifte und Schnee auf den Berggipfel in meinem Kopf irgendwie nicht zu den Fischerbooten im Hafen passen wollen. Eine weitere Besonderheit sind hier die lediglich einspurig befahrbaren Tunnel. Statt Ampeln gibt es Ausweichstellen in Sichtdistanz. Wer zuerst da ist, hat Vorfahrt. Ähnliches gilt für die zahlreichen nur einspurig befahrbaren Brücken im ganzen Land. Aufgrund des geringen Verkehrsaufkommens funktioniert dieses ampellose System perfekt. Akureyri, die vermeintliche nördliche Hauptstadt Islands, präsentiert sich von der Ostseite des Eyjafiördür im warmen Licht der Abendsonne. Von Osten, der Richtung, in die wir wollen oder eben müssen, ziehen dunkle Wolken. Und genau als  wir die Pferdefarm Saltvik bei Husavik, unsere Bleibe für die nächsten beiden Nächte erreichen, beginnt es zu regnen.

Rund um Islands viertgrößten See

Während sich unsere Kollegen am Folgetag ein gemütliches Schwefelbad in Husavik gönnen, wollen Freddy und ich die Gegend rund um den See Myvatn erkunden. Im lediglich maximal 5 Meter tiefen Mückensee sollen zahlreiche warme Quellen entspringen. Die Landschaft um den See – es ist der viertgrößte Islands – fasziniert mit skurrilen Vulkan- und Lavagebilden und vielseitiger Vegetation. Nur wenige Kilometer östlich des Sees brodeln und dampfen im Solfatfeld Namaskard zahllose bis zu 100 Grad heiße Schwefelquellen. Ein kurzer Abstecher Richtung Norden führt uns zum Geothermalkraftwerk Krafla, wo zwei Dampfturbinen eine Gesamtleistung von 60 MW erzeugen. Über die erst im letzten Jahr asphaltierte 87 fahren wir zurück zu den 150 Island-Pferden unserer Farm Saltvik. Am frühen Abend geht's mit einem Fischkutter raus aufs Meer zur Wal- und Puffin-Beobachtung. Nirgendwo in Europa kommt man näher an die riesigen Meeressäuger und die kleinen Papageientaucher ran als hier.

Bis zum nördlichsten Punkt Islands

Wasserfälle und Leuchttürme sind die Highlights des heutigen Tages und das gleich mehrfach. Auf der asphaltierten 85 umrunden wir die Landzunge Tjörnes, um anschließend kurz vor Asbyrgi auf der 862 zu den beeindruckenden Wasserfällen Dettifoss, Selfoss und Hafragilfoss  abzuzweigen. Die Wasser des Jökulsa à Fjöllum haben hier in der Bucht von Öxarfiördur ein flaches Delta mit gigantischen Ausmaßen aufgeschüttet. Nach rund 35 Kilometern Offroad erreichen wir die Wasserfälle, die aus südlicher Richtung wesentlich einfacher über eine perfekt asphaltierte Straße zu erreichen sind. Dementsprechend groß ist denn auch der Andrang an Touristen. Im Gegensatz dazu gibt es auf der anderen Uferseite kaum Besucher. Also nichts wie rüber. Doch das ist leichter gesagt als getan. Die nächste Brücke ist 40 Kilometer weiter südlich und die entsprechende Straße Richtung Norden ist eine Schotterpiste. In Kopasker entscheiden wir uns für die längere Route rund um die Halbinsel Melrakkasletta. Beim Leuchtturm von Hraunhafnartangi erreichen wir den nördlichsten Punkt der Insel, lediglich zwei Kilometer südlich vom Polarkreis. Und von da bis zur Unterkunft in Raufarhöfn ist es nicht mehr weit.

Durch dichtesten Nebel

Anderntags steht der Hafen vom Rufahrhöfn im Licht der tief stehenden Morgensonne im effektvollen Kontrast zu den bedrohlich dunklen Gewitterwolken. Es ist kühl, windig und absehbar, dass es heute nicht ohne Regen abgehen wird. So wechselhaft wie das Wetter ist auch der Straßenzustand der 85 Richtung Süden. Asphaltierten Passagen folgen längere Teilstücke ohne Belag. Bei solchen Bedingungen kommt irgendwie einfach keine Lust auf, weitere Wasserfälle und Leuchttürme abzulichten. Mittlerweile haben wir genug davon gesehen. Der aufwärmende Zwischenhalt in Vopnafördur kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn nur wenige Kilometer später hüllt uns dichter Nebel ein. Die Sicht ist dermaßen schlecht, dass wir nur mit großer Mühe dem Straßenverlauf folgen können. Knapp über Meereshöhe wird die Sicht besser und die Schotterpiste fester. Doch kurz bevor wir für das letzte Teilstück zum Etappenziel in Egilsstadir auf die Ringstraße 1 einbiegen, benötigt Henes XR-Kühler erneut eine Totalreinigung mit frischem Gletscherwasser.

Abschied von der Insel

Eigentlich trennen uns jetzt lediglich noch 25 Kilometer und eine Hügelkette vom Fährhafen Seydisfiördur. Doch so einfach wollen wir uns von der mittlerweile lieb gewonnenen Insel nicht verabschieden. Mit den Witterungsbedingungen haben wir uns ebenso arrangiert wie mit den unterschiedlichen Straßenbedingungen. Die Insel hat es ja nicht immer schlecht mit uns gemeint – im Gegenteil. In der Schlussbilanz hat uns das Eiland diesbezüglich eher überdurchschnittlich gut bedient. Im strömenden Regen geht es über die 92 und 955 nochmals Richtung Süden zu den Fjorden Reydarfjördur, Faskrudsfjördur und Stödvarfjördur und von da auf der Ringstraße 1 zurück nach Egilsstadir. Auf der Passhöhe Richtung Fährhafen Seydisfiördur machen wir einen letzten kurzen Halt, blicken mit etwas Wehmut zurück auf Gletscher, Seen, Vulkane und insgesamt auf eine Insel, die sich in abendliches Sonnenlicht getaucht von ihrer besten Seite von uns verabschiedet.

 
Text: Hanspeter Küffer , Fotos: Hanspeter Küffer, Freddy Oswald

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