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Nordkap: ­Honda Adventure Roads

12.07.2020 03:00

3.560 km von Oslo ans Nordkap – auf der Honda Africa Twin. Acht aufregende Fahrtage auf dem Motorrad durch die Welt der Fjorde und Trolle.
Zehn Tage insgesamt? Ist das dein Ernst? Etwas fassungslos starrte ich auf meinen Kalender. Pressereisen können ja durchaus etwas Verführerisches haben. Aber dieses Angebot, das da gerade durch mein Telefon souffliert wurde, fiel dann doch ziemlich aus dem Rahmen. Mit der neuen Honda Africa Twin ans Nordkap. Acht Fahrtage mit 45 Bikes. Plus An- und Abreise. Eine internationale Truppe. Fahrer aus ganz Europa, Indonesien, Japan, Kanada. Verdammte Axt. Das klang einfach zu gut, um es nicht zu machen. Ich sagte zu. Und flötete meiner (eigentlich) überaus verständnisvollen, aber etwas verblüfften Ehefrau zu: "Ich bringe dir und den Kindern etwas Schönes mit, versprochen!"


Motorradreise Nordkap ­Honda Adventure Roads
 

Auf ans nördliche Ende der Welt

Das Nordkap. Einer der nördlichsten Punkte der westlichen Zivilisation. Meine Fresse, dass ich da mal auf zwei Rädern hinfahren würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen. Meine längsten Zweiradabstecher bis hierhin dauerten vielleicht drei, bestenfalls vier Tage. Und jetzt diese Koordinaten: 71° 10’ 21” nördlicher Breite, 514 Kilometer nördlich des Polarkreises, 2.100 km südlich des Nordpols, rund 2.000 km weg von Oslo, dem Start unserer Reise.
Auf schnellstem Weg dauert die Fahrt aus Norwegens Hauptstadt ans Nordkap rund 25 Stunden. Immer die E4 entlang. Aber das ist verlorene Zeit, auch wenn es vergleichsweise flott geht. Wer es ernst meint mit der Zweiradreise durch Norwegen, der fährt die Westküste hoch. Und nimmt sich Zeit. Dann wird aus dem Langstreckenmarathon ein unvergessliches Abenteuer. Einer von diesen „Once in a lifetime”-Trips, die jeder Biker irgendwo im Hinterkopf hat.

Adventure Roads im Mittsommar

Rund zehn Wochen pro Jahr sorgt die Mitternachtssonne dafür, dass es an der Nordspitze Norwegens im Sommer nie dunkel wird. Wir fahren also mitten rein in die beste Jahreszeit der Norweger. Die Nordmänner und -frauen feiern das ewige Sommerlicht nach den schwarzen Wintermonaten mit endlosen Festen. Und mit großen Lagerfeuern. Die vertreiben die bösen Kräfte und Hexen, die während „Mittsommar“ besonders mächtig sind, wie jedes Kind hier weiß. Es wird getanzt und gesungen. Die ganze Nacht lang, die aussieht wie ein Tag. Schlafen? Kann man morgen. Oder wenn es wieder dunkel ist.
Wer Norwegen spüren will, kommt in dieser Zeit in das Königreich der Fjorde, Fähren und Trolle. Dann, wenn die Norweger die Sonne, das Leben und die Liebe feiern. Mit allen, die dabei sein wollen. Und das werden Jahr für Jahr mehr. Mehr als 33 Millionen Übernachtungen pro Jahr meldet die norwegische Tourismusbranche – bei 5,3 Millionen Einwohnern. Aber keine Bange: Es ist Platz für alle. Erst recht da, wo wir langfahren.

Tag 1: Oslo–Fosnavåg, 550 km in 8h10min

07:15 Uhr Briefing, abfahrbereit in voller Montur. Das ist doch mal eine Ansage. Gestern Abend nach dem Ankunftsbier haben wir akribisch unsere Bikes bestückt. Wichtiges wie Ersatzhandschuhe, Kamera, GoPro, Notfall-Navi, Ladekabel und derlei mehr griffbereit ins Topcase, nicht ganz so Entscheidendes in die Seitenkoffer. Ein Begleittruck schluckt tagsüber das überzählige
Reisegepäck, das ebenso gut zu Hause hätte bleiben können.


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Verkehrssünden kosten ein Vermögen

Antoine Valla, Organisator der Tour, tritt ans Mikrofon. Zusammen mit Chef-Scout Eric Courly begrüßt er die versammelte Meute. „550 Kilometer, drei Stopps, zwei Tankpausen und eine Fähre liegen heute vor uns. Fahrt vorsichtig, fahrt umsichtig, gebt auf euch Acht – und auf die norwegischen Polizisten“, schärfen sie uns ein. Tempoüberschreitungen kosten in Norwegen ein kleines Vermögen. 20 km/h zu viel sind den Behörden 375,-- Euro wert. Fahren ohne Tagfahrlicht beziehungsweise Abblendlicht bei älteren Fahrzeugen kostet 250,-- Euro, ein Rotlichtverstoß 570,-- Euro.

Wetter checken – und ranhalten

Das Ziel der ersten Tagesetappe heißt Fosnavåg, eine Ortschaft auf der Insel Bergsøya. Eine willkommene Übungseinheit, um sich den typischen Norwegenblick anzugewöhnen: immer Richtung Horizont, die Straßenränder abtastend. Auch in puncto Wetter zahlt sich der Blick in die Ferne aus. Norwegen ist ein Meister darin, es auch bei Sonnenschein regnen zu lassen. Quasi aus dem Nichts prasseln dicke Tropfen aus verstreuten Wolken. Der seligmachende Charme der Gebirgsmassive und kargen Hochebenen verpufft dann schlagartig: Bei Regen ist es hier auch nicht viel charmanter als in Castrop-Rauxel. Aber kurvenreicher. Und aufregender, zum Beispiel wenn das Ungemach droht, die fest eingeplante Fähre zu verpassen. Die nächste könnte bereits ausgebucht sein, was stundenlanges Warten oder riesige Umwege bedeutete. Wir lernen: Fjord-Hopping ohne Reservierung ist nur etwas für besonders Nervenstarke.
Der Verbindungskahn erwartet uns um 17 Uhr, steht im Roadbook. Easy. Die Mittagspause verbringen wir am Beitostolen Pass im Nationalpark Jotunheimen. Lustige Namen können sie ja, die Norweger. Ein Foodtruck sorgt fürs leibliche Wohl, während die Kollegen gefühlt drei Millionen Bilder der Umgebung schießen. Norwegen macht dich klein mit seinen märchenhaften Landschaftskompositionen. Und das schon am ersten Tag.

Plötzlich schneit es – wie aus dem Nichts

Die welligen Straßen machen Spaß, die Stangen rechts und links signalisieren, dass hier reichlich Schnee liegen kann. Wir kurven beharrlich auf 1.000 Meter Höhe, die Africa Twin rollt souverän. Das Schalten übernimmt sie selbst per DCT. Je länger die Tour wird, desto mehr lerne ich die intelligente „Double Clutch Transmission“ schätzen. Rauf und runter geht es im Doppelkupplungs-Sechsgang-Getriebe wahlweise automatisch oder mit den Plus-/Minus-Schalthebelchen links am Lenker.
Kurz vor der Fähre überfällt uns ein hinterhältiger Schneeschauer. Im Nu ist die Straße glitschig wie Großmutters Seifenschale, man sieht kaum bis zum großen Reise-Windschild der Africa Twin. Wir legen eine Zwangspause ein im Touri-Café auf dem Gipfel des Passes, den es zu überwinden gilt auf dem Weg zur Anlegestelle. Vorsorglich krame ich meine Regenklamotten aus dem Topcase und ziehe eine weitere Schicht über meine dreilagige Kombi.

Erde an Topcase: Wo bist du?

Eine Stunde später bereue ich das bitterlich: Erstens ist die „Spidi Adventure“-Ausrüstung auch ohne Flatterdress darüber absolut wasserdicht, das hektische Anplünnen hätte ich mir also sparen können. Und zweitens, weitaus schlimmer: Im Schneetreiben habe ich das Topcase offenbar nicht vernünftig arretiert. Jedenfalls ist es weg, als wir uns unten am Ende der Serpentinen zum Tankstopp kurz vorm Fähranleger treffen.
Weg. Einfach weg. Verdammte Axt! Wie kann man so dämlich sein, das nicht zu bemerken?! Drei Marshalls schwärmen selbstlos aus, um den Heckkoffer wieder aufzutreiben. Aber er bleibt verschwunden im Niemandsland des Schneegestöbers. Und mit ihm alle meine Handschuhe, meine Ladekabel, meine Kamera, meine GoPro, der Fahrzeugschein... Mein Reiseleben. Was für ein Start.

Tag 2: Fosnavåg–Trondheim, 463 km in 9h40min

08:00 Uhr, mit Lunchbox im abgespeckten Gepäck und geschnorrtem Strom im Smartphone reite ich vom Hof des Hotels. Meine Africa Twin sieht ungleich schnittiger aus ohne Topcase, immerhin. 63 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit gibt der Bordcomputer an für den gestrigen Tag. Verbrauch: 4,8 l/100 km. Heute werden es 67 km/h und fünf Liter auf hundert Kilometer sein.


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Die vielleicht schönste Straße der Welt

Rund 180 km und zwei Fährverbindungen hinter Fosnavåg beginnt die 8.274 Meter lange Atlantikstraße, Norwegens 1989 fertiggestelltes „Bauwerk des Jahrhunderts“. Viele sagen, die acht Brücken, die sich auf der Reichsstraße 64 zwischen Inseln, Holmen und Schären hindurchschlängeln, wären die schönste Fahrstrecke der Welt.
Auf jeden Fall ist die Touristenattraktion zwischen Molde im Westen und Kristiansund im Nordosten eine der aufregendsten Strecken, die man befahren kann. Bei Sturm peitscht der Atlantik über die Geländer der flacheren, „nur“ drei bis sieben Meter über dem Wasser verlaufenden Brücken hinweg. Bei glatter See und Sonne glitzert das Meer wie der Inhalt einer Schatztruhe. Teils geht es so steil hinauf, als führe man direkt in die Wolken. Die lichte Höhe der mächtigsten „Atlanterhavsveien“-Brücke beträgt 23 Meter. Wieder und wieder fahren einige von uns über die 260 Meter lange Himmelsrampe, während andere versonnen ihre Lunchbox leeren. Ganz großes Kino, diese Storseisund-Brücke.


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Vier Jahreszeiten an einem Tag

Sonne und Platzregen wechseln sich heute mal wieder ab. Echt crazy, das Wetter hier. Ewiger Winter herrscht in den meisten Tunneln. Endlos lang und tief fressen sie sich durch die Berge. Oft sind die Wände grob behauen und schwarz und glänzend wie schwitzende Kohle. Hier hausen sie bestimmt, die Trolle, die buckligen Kobolde der nordischen Mythologie mit ihren langen Nasen. Je tiefer es ins Massiv hineingeht, desto frischer wird es. Hier unten ist es bestimmt fünf bis sieben Grad kälter als in der Außenwelt.
Dafür verwöhnen die Fähren mit frischer Luft und grandiosen Ausblicken. Die Mitreisenden bestaunen uns wie Außerirdische. Fast 50 gleiche Maschinen, wenn auch mit verschiedenen Lackierungen, das sieht man nicht alle Tage. Huldvoll wird uns beim Einschiffen der Vortritt gelassen. Vielleicht liegt es aber auch an der perfekten Organisation der Reise, wer weiß das schon genau.

Tag 3: Trondheim–Brønnøysund, 467 km in 7h30min

07:30 Uhr, „Briiieeeefing“. Erics Morgenruf hat schon am dritten Tag Kultstatus. Der Franzose lebt in Namibia, normalerweise führt er Touren durch die Wüsten Afrikas an. An seinen lang gezogenen Frühstücksappell dürfen sich die Teilnehmer der 2019er-Ausgabe der Honda Adventure Roads also schon mal gewöhnen. „Heute nur eine Fähre“, scherzt er. Gestern waren es drei. Bedeutet: mehr Zeit am Stück auf der Sitzbank. Zum Glück ist die Africa Twin extra für solche Langstreckenritte konzipiert. Mein Hintern jedenfalls nimmt die bislang über 1.000 Kilometer in zwei Tagen unerwartet gelassen.

Norwegen rockt

Ich fahre heute die meiste Zeit Seite an Seite mit Kay Brem. Der Schweizer ist einer der Honda-Markenbotschafter, die die Tour begleiten. Wie ich hat der Bassist der Folk-Metal-Band Eluveitie bislang keine nennenswerte Globetrotter-Erfahrung. „Ich bin komplett geflasht von dieser unfassbaren Landschaft“, sagt er beim Tankstopp. Irgendwie bizarr, so etwas von einem tätowierten Rockstar mit ausrasierten Haaren zu hören. Aber wo er recht hat...
Schneebedeckte Gipfel und dramatische Wolkenberge spiegeln sich in glasklaren Seen. Kunterbunte Holzhäuser säumen die gewundenen Straßen. Endlos mäandern die Fjorde durch tief eingeschnittene Täler. Das Fahren hier: ein Traum. Der flüssigkeitsgekühlte Parallel-Zweizylinder spult Kilometer um Kilometer mit stoischer Gelassenheit und sonorem Sound ab. Gehen sie dann doch mal mit einem durch, die 95 Pferdchen, sorgen 98 Newtonmeter für reichlich Bums in allen Fahrstufen. LED-Licht hat die Africa Twin serienmäßig an Bord. Die taghelle Ausleuchtung der Tunnel ist ein Segen.


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Tripy kennt den Weg

Wir navigieren mit Tripy. Die reduzierte Punkt-/Pfeil-Routenführung des Systems ist absolut easy und ausgesprochen praktisch. Jeder Wegpunkt ist plakativ samt Fahrmanöver abgebildet. Rechts ab, links rum, 18 km geradeaus. Verfahren ist nahezu ausgeschlossen. Es sei denn, man gönnt der Landschaft gar zu viel Aufmerksamkeit. Tripy weiß auch dann Rat: einfach wenden. Gute Idee: Auf halber Strecke erwartet uns heute ein Foodtruck mit leckeren Burgern. Vegetarier Kai begnügt sich mit Salat.

Tag 4: Brønnøysund–Glomfjord, 309 km in 8h10min

08:00 Abfahrt, „pünktlich, bitte, und keine Foto-Stopps“, mahnt Eric beim Briefing. Der Zeitplan heute ist ambitioniert: Fünf Fähren müssen wir erwischen. Drei Stunden verbringen wir auf dem Wasser. Horn–Andalsvågen, Forvik–Tjøtta, Levang–Nesna, Kilboghamn–Jektvik und Ågskardet–Forøy lauten unsere Verbindungen. Ein Hauch von Hurtigruten liegt in der Luft. Wir begegnen zahlreichen Kreuzfahrtschiffen, die hochhaushoch durch die Fjorde stampfen. Seit 1893 verbindet die norwegische Postschifflinie die Orte an der Westküste, feste Fährverbindungen gibt es seit mehr als 150 Jahren. Ab 2026 sollen nur noch elektrisch betriebene Fähren zum Einsatz kommen. Die Passagiere in der Schwerölwolke auf dem hinteren Deck wird es freuen.


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Drei Stunden auf dem Wasser

Strahlender Sonnenschein macht Tag vier zum bislang schönsten der Tour. 16 bis 20 Grad, polarblauer Himmel. Ein Träumchen. Was gäbe ich jetzt für mein fast schwarzes Visier oder meine Sonnenbrille. Beide waren im Topcase. Nein, ich weine jetzt nicht.
Des Tempolimits müde, jagen wir von Pier zu Pier. Und gönnen uns dann ein Mittagsschläfchen im Schatten des Kassenhäuschens. Leben kann so schön sein. Wenn man zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Ein Schweizer Kollege war es nicht: Der Gute schoss eine Stunde zu früh über die symbolische Ziellinie am Anleger in Kilboghamn. Jetzt fährt er allein mit der falschen Fähre zur falschen Anlegestelle. Der Umweg dürfte ihn das Abendessen auf dem Gletscher kosten. Die Fahrt dahin und zurück wird übrigens Bootstour Nummer sechs und sieben heute.

Fahren, Fähre, fahren, Fähre, fahren ...

Wir passieren den Polarkreis auf dem Wasser. Die Landschaft wird karger, die Berge werden höher. Rosa, hellblau und weiß verpackte Heuballen schmücken die Wiesen wie Riesen-Smarties. Fähre, fahren, Fähre, fahren, „ein nahezu metaphorischer Akt“, sinniert ein Kollege. Die Adventure Road wird zunehmend zum Fjord-Hopping. Ich schnappe mir den Klapp-Sonnenstuhl neben Taro Mizutani. Der 51-Jährige ist der einzige Japaner im Team. Er ist der Chef einer kleinen 20-Mann-IT-Schmiede in Tokio und Mitglied der Africa-Twin-Community Japans. „Als mich Honda fragte, ob ich mitwolle, bin ich fast durchgedreht vor Freude“, sagt er sichtlich bewegt. „Ich war noch nie in Norwegen. Das ist so aufregend. Und so anders. Eigentlich wäre ich um diese Uhrzeit noch fünf, sechs Stunden lang im Büro.“



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Tag 5: Glomfjord–Camp Lofoten, 340 km in 6h30min

06:45 Uhr, „Briiieeefing“. Heute sind wir früh dran. Wieder mal ist eine Fähre schuld. Aber eine besondere:
Es geht vom Festland rüber auf die Lofoten. Drei Stunden und fünfzehn Minuten dauert die Passage von Bodø nach Moskenes. Zeit für ein ausgedehntes Schläfchen. Aber erst einmal kommt Hektik auf: Alle stürzen sich aufs Buffet, um schnell noch die Lunchbox zu füllen, bevor es losgeht. „Rührei kommt gleich“, „Wurst kommt gleich“, „Brot kommt gleich“ – im Minutentakt ruft die Dame des Hauses beruhigende Futter-Prophezeiungen aus der offenen Küche. Dann kann es ja losgehen.

Miniaturwunderland Lofoten

Einschiffen, Motorrad verzurren, Liegestuhl erkämpfen. Wir stechen in See. Und fallen allesamt in tiefen Schlaf. Gut 2.000 Kilometer haben wir jetzt auf dem Buckel in viereinhalb Fahrtagen. Jeder einzelne war es wert. Kaum raus aus dem Bauch der Stahlriesen, purzeln wir in eine zuckersüße Modellwelt aus kleinen bunten Fischerhäusern, kleinen bunten Fischerbooten und kleinen bunten Fischersiedlungen. Die Lofoten sind das norwegische Postkartenmotiv schlechthin. Ein Miniaturwunderland in Lebensgröße. Unvergesslich, unvergleichlich, immer wieder sprachlos machend. Hinter jeder Kurve lauert der nächste Optikhammer.
Die Teams zerfallen von Dorf zu Dorf mehr. Alle halten abrupt mal hier, mal dort an und knipsen, was das Zeug hält. Fische, die an ewig langen Holzgerüsten in der Sonne trocknen. Fischerbötchen in allen Farben des Tuschkastens. Holzhäuser, Shops, Wikinger-Museum, Berggipfel-Panorama. Einfach nur wow. Genau wie unser heutiges Nachtquartier. Wir schlafen am Strand in einem Jurte-Camp.


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Magie am Meer

Die Stimmung während der Mittsommerzeit ist magisch. Vor allem am Meer, nachts, wenn die Sonne kurz am Horizont auf die Wasserlinie ditscht und dann gleich wieder aufsteigt. Aussichtspunkte für dieses Spektakel gibt es mehr als genug. Die Atlantikküste Norwegens misst rund 2.650 Kilometer. Zählt man all die Fjorde hinzu – schmale und tiefe Buchten, die weit ins Landesinnere reichen –, sind es rund 25.000 Kilometer. Packt man noch die Küsten der 150.000 teils winzigen Inseln obendrauf, die Norwegen umgeben, wächst die Atlantikanprallfläche auf unfassbare 80.000 Kilometer.
Platz für Myriaden von Lagerfeuern. Und „fantastisk flott musikk“. Handgemachte Mucke mit Fiedel und Klampfe, die keiner schöner vorträgt als Kine und Julia, die zauberhaften Mädels des Duos Robaat. „Poor Old Billy“ heißt einer ihrer bekanntesten Hits. Bessere Musik für einen Roadtrip durch Norwegen muss erst noch geschrieben werden, ganz gleich, ob man auf dem Motorrad oder mit dem Auto durch die majestätische Landschaft gleitet. Am besten aber lauscht man den beiden Elfen am Strand. Unweit des riesigen Feuers, das vertrauensvoll knistert wie die längst vergessene Lieblingsschallplatte.

Tag 6: Camp Lofoten–Malangen, 454 km in 7h15min

07:10 Uhr, langsam kommt Bewegung ins Camp. Marc und Richard, die verrückten Engländer, haben am Strand geschlafen. Auf einer Liege. Die meisten anderen pellen sich in den Jurten aus ihren Schlafsäcken. Mein Modell heißt „Nordkap“, wie passend. Noch drei Tage, dann sind wir da, die Spannung steigt.


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Selbst gezüchteter Lachs zum Mittag

Mittagessen gibt es heute im Foldvik Brygger, einem der ältesten Restaurants Norwegens. 1920 hat es eröffnet, Spezialität damals wie heute ist das rote Fleisch vom Wal und Lachs aus der hauseigenen Farm. Chef Kurt Jenssen trägt trotz der höchstens zehn, zwölf Grad kurze Hosen. „Was denn sonst? Für uns ist Sommer“, grinst er und lacht laut. Über den Fjord hat Kurt direkten Zugang zum Meer. Im Winter bietet er Hochseefischen an – „in den besten Fischgründen der Welt“, sagt er stolz.
Alex Caizerges mustert die kleinen Schaumkronen auf dem Wasser der Bucht. „Nicht so schlecht“, murmelt er, „gar nicht mal so schlecht.“ Alex muss es wissen: Der Franzose aus der Camargue ist Speedweltmeister im Kite-Surfen. Gestern Abend hat der Markenbotschafter von Honda ein paar Runden vorm Camp Lofoten gedreht. Aber bis er sich jetzt um- und wieder angezogen hätte, wäre die vorgesehene Mittagspause dreimal um. Also lieber Strecke machen. Und schnell ins Spa vom Hotel Malangen Brygger.
Wir schlafen zu viert in einem Bungalow mit mehreren Schlafzimmern. Und lernen zwei Sachen: Antonius, der Indonesier, rülpst gern und laut. Und: Japanische Touristen jagen ihr Essen selbst. Ein kleines Sportboot legt unweit unserer Terrasse an. An Bord: Vater und drei Söhne – und zwei monströse Fische, die offenbar vor Kurzem noch glücklich im Fjord planschten. Ich glaube, morgen früh gibt es Sushi.

Tag 7: Malangen–Alta, 392 km in 6h05min

09:00 Uhr, entspannter Aufbruch ohne Sushi. Es hat geregnet über Nacht. Und Vito Cicchetti ist dazugestoßen. Der Zwei-Meter-Hüne lenkt als General Manager die Geschicke von Honda Motorrad in Europa und begleitet uns die letzten zwei Tage.

Ein Ritt durchs Kornfeld

Landschaft und Vegetation verändern sich spürbar, je näher wir dem Nordkap kommen. Heute blüht es noch wild und farbenfroh – gelb, lila, rosa winken Fingerhut, Disteln, Wollgras und Eisenhut (Obacht, giftig!) im Fahrtwind. Schon abends ist es vorbei mit der Pracht. Die letzte Etappe zum Nordkap zeigt sich steingrau und selbst im Sommer gern schneebedeckt. Dafür warten grandiose Kurven. Morgen.
Heute zuckeln wir mit 70 Sachen hinter den Marshalls her, die erstmals vorweg fahren. „Es gab Beschwerden“, sagte Eric heute Morgen streng. Ein paar Anwohner und Gäste waren offenbar etwas verschreckt über die Fahrweise einiger Compañeros aus unserer Truppe gestern auf dem Weg zum Hotel. Jetzt heißt es, die norwegische Polizei sei alarmiert und harre unserer an besonders verheißungsvollen Stellen. Vorbildlich strahlen wir Ruhe aus und achten peinlichst genau auf die geltenden Geschwindigkeitsbegrenzungen.


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Offroad zum Mittagstisch

Fahrhighlight des Tages ist die Offroad-Passage zum Mittagstisch auf dem Birtavarre Pass. Es gibt Rentier-Stew und Kartoffelpüree. Ein paar ATV-Fahrer cruisen vorbei und grüßen erstaunt. Normalerweise sind sie hier oben unter sich. Unsere heutige Schlafstadt, das Nordlichter-Mekka Alta, erreichen wir am frühen Abend, müde und etwas angestrengt vom konzentrierten Fahren. Die einzigen Polizisten, die wir im Laufe des Tages sahen, tranken an einer Tankstelle Kaffee.


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Tag 8: Alta–Nordkap, 473 km in 7h20min

08:00 Uhr, Aufbruch. Alle sind hibbelig. Die letzten Kilometer liegen an. Und davon gar nicht mal wenig. Fast 500 km haben wir heute vor uns hin und zurück. Gestern bei der Ankunft war es sommerlich warm. Heute sind es plötzlich mindestens zehn Grad weniger. Die Idee, ohne lange Unterbüx loszufahren, entpuppt sich als Rohrkrepierer. Ich friere wie ein Nacktmull im Tiefkühlfach.
Wir jagen von Tunnel zu Tunnel. Hier oben gibt es keine Polizei, reden wir uns ein (und liegen richtig). Eine Stunde vor der geplanten Ankunftszeit sind wir da! Das Nordkap! Ha! So siehst du also aus, du alter Geo-Zausel. Ein riesiger Globus markiert das Ende unserer Reise. Wir hieven eines der Bikes hinauf, schießen Foto um Foto, liegen uns in den Armen, feiern, als hätten wir als erste Menschen einen Fuß auf den Mars gesetzt. Grandiose, herzerwärmende Momente bei gefühlten Temperaturen um den Gefrierpunkt.
Unfassbar, wir sind da. Platt, aber sauglücklich. Nach acht Tagen im Sattel der Honda Africa Twin. Was ein Trip! Irgendwie unwirklich. Erfahrene Globetrotter und Langstreckenfahrer werden dieses Gefühl kennen – am Ziel zu sein und sich dann zu fragen: Hm, das soll es jetzt gewesen sein? Die berühmte Leere, die einen erfasst, ach was, überkommt, wenn man etwas ganz Großes erreicht hat. Getragen von einer Mischung aus Aufregung, banger Vorfreude und Selbstzweifeln: Ist das überhaupt mein Ding, so lange und so weit Motorrad zu fahren? Ich kann nur jedem dazu raten. Rollt der Treck erst einmal, verliert Zeit an Bedeutung. Aus Fremden werden Gefährten. Der Weg ist das Ziel zu Freundschaft und Wahrhaftigkeit.
„Diese Tour ist vielleicht erst der Anfang. Wenn die Nachfrage stimmt, kann ich mir weitere Events dieser Art vorstellen. Für Kunden“, orakelt Vito Cicchetti, als wir in den Katakomben des Nordkap-Museums die Ankunft am nördlichen Arsch der Welt zelebrieren.
Am 1. März 2019 ist es so weit: Honda Adventure Roads bricht in Südafrika auf. Noch gibt es ein paar Restplätze. Am 15. Januar 2019 endet die Anmeldefrist. God tur, wie der Norweger sagt – gute Fahrt!

Motorradreise Nordkap ­Honda Adventure Roads
Text: Ralf Bielefeldt , Fotos: Honda, Stefan Klabunde