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Steiermark - Im grünen Herzen Österreichs

19.05.2020 10:49

Die Steiermark brütete in der Mittagshitze! Gut, dass wir auf unseren Motorrädern saßen und den Luftzug genießen konnten, der uns übers Gesicht strich und die offenen Luftschlitze in unserer Kleidung durchströmte. Am Himmel über den Bergen drohten dunkle Gewitterwolken und die ersten Regentropfen perlten übers Visier. Wir beschlossen das kleine Dorf abseits der Hauptstraße anzusteuern, um Schutz vor Blitz und Regen zu suchen. Schließlich hatten wir schon einiges an Strecke gemacht. Mittags nahmen wir bei KTM in Mattighofen (Oberösterreich) unsere Testmaschinen in Empfang. Jetzt hier in der Nähe des bekannten Skiortes Schladming, sozusagen dem Einfallstor zur Steiermark, mussten wir uns zwischen Schnellstraße und kurvenreicher Landstraße entscheiden.



Gastfreundlicher Empfang

Sofort fiel uns am Ortseingang des Dorfs ein großer Unterstand auf, der wohl für Landmaschinen gedacht war. Nichts wie hin! Kaum waren die Motoren ausgeschaltet, öffnete sich im nahegelegenen Haus die Eingangstür und ein junger Mann trat hinaus. Schuldbewusst trugen wir den Zweck unseres Eindringens vor. Die Antwort: „Scho recht, woullt’s ihr a Kaffee?“ Wir erwähnen diese freundliche Aufnahme in der Steiermark deshalb, weil wir fortan nur noch mit freundlichen, hilfsbereiten und tiefenentspannten Menschen zu tun hatten. Das ist in Zeiten der zunehmenden Ruppigkeiten schließlich keine Selbstverständlichkeit. Der junge Mann outete sich sehr schnell als höchst motorradaffin, das Gewitter zog viel zu schnell wieder ab.

Zu Gast auf Schloss Thannegg

Unser Ziel für den Abend und die Nacht war verlockend. Nur noch 40 Kilometer und das über verkehrsarme, kurvenreiche Straßen. Schließlich befanden wir uns in der „Alpinsteiermark“ mit der Ski- und „Weltkulturerberegion Schladming“ und da war ein historisches Gebäude fürs Abspannen nach der Anreise und besonders für die Nachtruhe genau das Richtige. Kurzum: Wir steuerten das Hotel Schloss Thannegg zu Moosheim an. An der Rezeption begrüßte uns die „Schlossherrin“ Gerlinde Schrempf persönlich und brachte uns auf unsere einfach, aber geschmackvoll eingerichteten Kemenaten. Für das Abendessen waren wir mit dem Herrn des Hauses verabredet, der sich weitgehend aus dem operativen Geschäftsleben heraushält und eher für die Unterhaltung der Gäste sorgt. Ernst Walter Schrempf hat schon das Rentenalter erreicht und überlässt Hotel und Restaurant weitgehend seiner Frau und der Tochter Katharina. Seine zweite Tochter Anna Lena kümmert sich als Diplomingenieurin um die gesamte Haustechnik.
Nach dem hervorragenden Drei-Gänge-Menü orderte er für uns einen köstlichen Weißwein aus dem eigenen Weinberg und erzählte uns dabei bered seine Lebensgeschichte, eine Chronik, die von der Verwandlung einer Schlossruine in ein ökologisch bewirtschaftetes feines Schlosshotel handelt – sozusagen auferstanden aus Ruinen durch weitgehend eigenhändige Arbeit der Familie. Das Schloss ist fast 1.000 Jahre alt. „Wir haben hier einen Ort geschaffen, der für besondere Erlebnisse steht, die man nur in so einem Ambiente haben kann, und in dem die Genusskultur im Vordergrund steht“, schwärmte er.

Ein Schlossherr als Tourguide

Ernst Walter erwies sich als ausgezeichneter Unterhalter, indem er von den Aktivitäten auf Schloss Thannegg erzählte. Der Schlossherr stellte sich als besonders motoraffin heraus. So besitzt er selbst einen älteren Morgan und ein Motorrad. Außerdem ist das Schloss Thannegg in der Szene trotz seiner ökologischen Ausrichtung für regelmäßige Oldtimertreffen bekannt. Für die Veteranen hat der Chef des Hauses ein umfangreiches Roadbook erstellt, das natürlich genauso gut von Bikern zu gebrauchen ist. Die Routen führen durch die ganze Steiermark. Zwar ist die kürzeste Tour, die „Stoderzinken Alpenstraße“, nur 28 Kilometer lang, führt aber über kurvenreiche Strecken auf rund 2.000 Meter hinauf. Die Route zwei, der „Ennstal Prolog“, geht schon über mehr als 100 Kilometer und führt über Ramsau, Filzmoos und Schladming wieder zum Schloß zurück. Insgesamt gibt es acht Strecken, von denen die „Tauernrunde“ mit 458 Kilometern die längste ist. Nachdem uns Ernst Walter von seinem selbst gemachten Zirbenschnaps hatte kosten lassen, gelang es uns, ihn für den nächsten Morgen zu einer gemeinsamen Ausfahrt mit dem Motorrad zu überreden. Ein Selfmademan wie er ist schließlich kaum abkömmlich im Betrieb.

Schauplatz der Industriegeschichte

Wir brachen am nächsten Morgen auf besagter Tauernrunde von Gröbming in Richtung Sölkpass auf, was auf der hauseigenen Routenführung das letzte Stück ausmacht. Ernst Walter hatte sich am Abend beim Zirbenschnaps, der übrigens aus den Zapfen der Zirbenkiefer gemacht wird, als sehr guten Fahrer geoutet und damit keineswegs übertrieben. Schließlich hält er den Titel „Sicherster Motorradfahrer der Steiermark“ und ist an dem gesamtösterreichischen Titel nur knapp vorbeigeschrammt. Wir mussten uns also sputen, um ihm zu folgen.
Urplötzlich stoppte er seine BMW. Wir dachten, er wolle uns eine Einführung in die Biosphäre der Gegend geben, uns über die traditionelle Almwirtschaft, die hier noch betrieben wird, aufklären oder uns von der artenreichen Vegetation, den Gemsen, Steinadlern und Murmeltieren erzählt, die hier unter Naturschutz stehen – aber weit gefehlt. Er deutete auf ein größeres Gelände oberhalb einer Alm, das er als das Domizil der Familie Peugeot beschrieb. Gleich daneben lägen die Ländereien der Familie Porsche. „Dort hinten, bei dem Hochsitz grenzen die beiden Anwesen aneinander, und dort wurde über den Namen des 911er-Porsche entschieden“, erklärte er uns. Der Wagen sollte nämlich ursprünglich 901 heißen, hätte damit aber in die geschützte Namensgebung von Peugeot mit der Null in der Mitte eingegriffen. „Schließlich sollen sich die beiden Jägersleute auf dem Hochsitz auf 911 geeinigt haben.“ erzählte Ernst Walter.
Nach dieser industriehistorisch bedeutenden Anekdote düsten wir Richtung Sölkpass, wo uns eine schöne Maid in traditionellem Gewand auf der Jausenstation in fast 1.800 m.ü.NN mit kühlen Getränken versorgte. Der Pass gilt bei Bikern als Geheimtipp. So mancher „Fahrensmann“ lässt es sich nicht nehmen in der niedlichen Kapelle ein kleines „Spritopfer“ für die Passheiligen zu bringen. Da der Sölkpass bei Weitem nicht so frequentiert ist wie beispielsweise der Großglockner oder die „Silvretta“ gilt er bei der Zweiradzunft als Geheimtipp. Hier ist man nämlich erstens willkommen und zweitens ziemlich unbeobachtet. Ernst Walter verabschiedete sich auf dem Pass von uns. Den umtriebigen Steirer zog es wieder ins Schloss, aber es sollte auf unserer Tour nicht die letzte Begegnung mit Menschen von außerordentlich hoher Tatkraft und enormem Mut sein. Ganz im Gegenteil!



Rennfahrerfeeling auf dem Red Bull Ring

Ein anderer steirischer Selfmademan mischt derzeit weltweit in der Kulinarik und im Sport mit. Dietrich „Didi“ Mateschitz, ebenfalls geborener Steirer und milliardenschwerer Red-Bull-Chef ist in der Steiermark nahezu allgegenwärtig. Auf den ansonsten, sagen wir mal, höchst umstrittenen Impressario, lässt hier niemand was kommen.
Dem Grund für seine grenzenlose Beliebtheit fuhren wir auf kleinen Straßen entgegen, immer der Richtung Judenburg folgend. Wir kamen durch einen kleinen Ort, bei dessen Namen eingefleischte Rennsportfans sofort aufmerken: Zeltweg! Unser Ziel war nämlich der legendäre ehemalige Österreichring. Hier ist der Formel-1-Zirkus 25-mal um die Weltmeisterschaft gefahren, bis 2003 auf dem einst schnellsten Kurs in der Rennserie die Lichter ausgingen. Die Strecke war völlig heruntergekommen. Bis Didi sich des Kurses annahm, ihn komplett renovieren und das dazugehörige Straßennetz gleich mit sanieren ließ.
Außerdem entstand jede Menge Infrastruktur einschließlich mehrerer Hotelbauten. Darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Seine Beliebtheit erklärt sich daraus, dass er, wo immer es ging, steirische Firmen beauftragte, was der einst strukturschwachen Region nachhaltig Lohn und Brot brachte. Seit 2014 rollt die Formel 1 wieder und Valentino Rossi oder Marc Marquez fahren in maximaler Schräglage beim Moto GP auf dem Ring um die Weltmeisterschaft. Zwar ist der 4,3 Kilometer lange Ring, in dessen Mitte ein 15 Meter hoher Bulle aus 1.700 verschweißten Stahlplatten wacht, nicht mehr der schnellste in der Motorrad WM, aber die Topspeed liegt immer noch bei über 316 Stundenkilometern. Dafür ist der Kurs mit 677 Metern über dem Meeresspiegel aber der höchstgelegene im gesamten Rennkalender.
Während der Woche können sich Besucher von April bis September im Renntaxi über den Ring kutschieren lassen, in einem Formel-Renault-Boliden selber fahren, in einem Rallye-Auto herumdriften oder aber auf dem Siegerpodest ein Selfie knipsen.

Nächtigen, wo sonst die Idole schlafen

Nach dem Besuch im Museum drehten wir noch einige Runden auf den kurvenreichen bestens ausgebauten Straßen und Wegen, bevor wir am frühen Abend unser letztes Etappenziel das Schloss Gabelhofen erreichten. Das gehört ebenfalls zum „Projekt Spielberg“ wie diese Unternehmensaktivität des „Didi“ Mateschitz offiziell heißt. Die „Tätigkeitsbeschreibung“ vermerkt ausdrücklich die „Wiederbelebung des Red Bull Rings“ und den Betrieb des Hotel- und Gastronomiebereichs. Das Wasserschloss Gabelhofen ist eines von fünf erstklassigen Hotels rund um den Red Bull Ring, das zum Portfolio des Brausefabrikanten gehört. Die Prominenz bei den Rennevents will schließlich auch adäquat untergebracht sein. Das Ende des 15. Jahrhunderts erbaute Gebäudes ist allerdings ohne Rücksicht auf Kosten und Mühen in einen erstklassigen Zustand versetzt worden, beherbergt eine vorzügliche regional orientierte Küche und dient als permanente Kunstausstellung. Wie wir aus gut informierten Kreisen des Sevicebereichs hörten, steigen dort die Herren Kimi Räikkönen, Valteri Bottas und Niko Hülkenberg gerne ab. Zwar ist Sebastian Vettel auch schon dort gewesen, der Ex-Weltmeister bevorzugt allerdings meistens einen Luxuswohnwagen mit Blick auf den Kurs.

Wir hatten jedenfalls das Vergnügen, in einem der Schlosstürme wohnen zu können, die zu dreistöckigen Luxus-Suiten ausgebaut sind. Hier soll schon unser heimliches Idol, der neunfache Motorradweltmeister Valentino „Vale“ Rossi, geschlafen haben. Ob sich fahrerische Fähigkeiten wohl so automatisch übertragen? Man wird ja wohl noch mal träumen dürfen! Eines war jetzt schon klar: Wir befanden uns nicht auf einer gewöhnlichen Motorradreise mit Currywurst und Flaschenbier. In der Steiermark ist das genussvolle Leben zu Hause. Und das begegnete uns an jeder Ecke. Nicht umsonst gilt die Landeshauptstadt Graz – neben Wien versteht sich – als das Mekka der österreichischen Kulinarik. Wenn wir beispielsweise an einer Tankstelle nur mal sicherheitshalber nach dem Weg fragten, wurde uns, das versteht sich, freundlich geantwortet aber garantiert mit dem Hinweis, wo man auf dem Weg gut zu essen und zu trinken bekäme. Am nächsten Abend steuerten wir nach etlichen ziellosen aber beschwingten Runden spät auf unser Domizil für die Nacht zu.



Pause im Buschenschank

Auch der hartgesottenste Biker braucht ab und an ein Päuschen. Für diesen Fall sollte man in der Steiermark ein wenig mit den Sitten und Gebräuchen vertraut sein. Kann ja sein, dass man beispielsweise in eine Buschenschänke – auch „Buschenschank“ genannt – gerät. Bestellt man in so einer Restauration etwa einen Kaffee, ist man schon an der falschen Adresse. Die gesetzliche Grundlage für diese spezielle Gastronomie stammt aus dem Jahre 1784 vom sogenannten Reformkaiser Joseph II. Der verfügte nämlich, dass die Wirte in diesen Häusern nur kalte Speisen und Getränke anbieten. Außerdem müssen die Wirtsleute einen Obst- oder Weingarten besitzen. Folglich liegen die meisten der 1.400 Restaurationen in der Weingegend. Wir fuhren wieder zurück Richtung Gamlitz und machten beim Buschenschank Raab-Holzer Rast. Dort ist mit Franzi, Lisi, Thomas und Cornelia, Franz senior oder Fini die ganze Familie in den Schankbetrieb involviert. Die Öffnungszeiten sind allerdings, das muss man wissen, sehr unregelmäßig und jahreszeitenabhängig. Wir genossen jedoch eine ausgiebige Pause auf der Terrasse mit bester Aussicht auf die Weinberge.
Dabei sprachen wir ein Thema an, das uns schon die ganze Reise über verfolgte. Sollen wir, oder sollen wir nicht, nämlich uns in die größte Stadt der Region begeben: Graz. Die Stadt am Fluss Mur gilt als Kleinod und bereisenswerteste Stadt Österreichs – nach Wien versteht sich. Sie hat mittlerweile den Status der kulinarischen Hochburg des Landes, glänzt mit einer malerischen Altstadt, diversen sehenswerten Gebäuden und dem beinahe südländischen Lebensstil, der vorwiegend, dem milden Klima geschuldet, outdoor gepflegt wird. Der Lebensstandard der rund 270.000 Einwohner ist eher höher anzusiedeln als der Durchschnitt des Landes, was an der dort ansässigen vorhandenen Industrie liegt. Als das bekannteste Beispiel ist der Autohersteller Magna zu nennen, bei dem beispielsweise die Mercedes G-Klasse und der Jaguar e-Pace gebaut werden. Wir beschlossen, uns den Besuch fürs nächste Mal aufzuheben. Die Stadt hätte uns zu viel Zeit gekostet und wir hatten noch so viel vor.

Lavendelmanufaktur Wunsum

Zu unserer nächsten Station düsten wir über kleine gelbe Sträßchen, die sogar unsere Navis zum Ausflippen brachten. Wir ließen uns treiben und genossen die liebliche Landschaft der Südsteiermark, die der ganzen Region die stimmige Bezeichnung „Steirische Toscana“ eingebracht hat. Wir passierten schließlich – von Osten anrollend – die A9, welche aus Slowenien kommend nach Graz führt. Schließlich erreichten wir einen Ort, den man wohl eher in der Provence vermuten würde: die Lavendelmanufaktur Wunsum in Kitzeck.
Ein Blütenteppich erwartete uns nicht gerade, dafür aber intensiver Duft und die „Produzentin“ Theresia Heigl-Tötsch. Auf dem Hof bearbeiteten ein halbes Dutzend Frauen einen Berg Lavendelzweige. Die Sonne brannte nach wie vor vom Himmel herunter, was dem Trocknungsprozess wohl gutgetan haben dürfte. Grundsätzlich sind die Bedingungen für die Lavendelproduktion an diesem Ort allerdings nicht ideal, wie wir von Theresia hörten. Wir hatten es also wiederum mit einer wagemutigen steirischen Person zu tun, die sich von Einwänden und Warnungen nicht beirren lässt.
„Seit über zwanzig Jahren existiert die Manufaktur schon an Ort und Stelle“, erzählte sie. „Im 15. Jahrhundert war das Haus eine Art Feriendomizil für die Salzburger Bischöfe, es hat also schon eine lange Tradition.“ Angefangen hatte Theresia mit Bio-Kräutern, erst vor acht Jahren konzentrierte sie sich auf den Bio-Lavendelanbau. Mittlerweile hat sich der Hof zur größten Lavendelanbaufläche Österreichs gemausert. Nach dem Trocknen wird der Lavendel gerebelt und gesiebt. Die Blüten werden dann zu Tees, Seifen, Marmeladen oder Essig, Sirup und Gewürzmischungen verarbeitet.
Neuerdings kommen noch ätherische Öle und „Eau de Lavande“ dazu. Nebenbei kann man im Hofladen auch Obstler aus hauseigenen Bio-Früchten bekommen. Ganz stolz ist Theresia auf ihre Vogelbeer-Edelbrände, die bei der „Saft-Edelbrandbewertung“ eine Goldmedaille bekamen. All diese Köstlichkeiten konnten wir natürlich nicht kosten. Vielleicht beim nächsten Mal, etwa beim jährlichen „Lavendelfest“ zur Erntezeit auf dem Hof.

Wahrzeichen der Steiermark

Immer wieder fielen uns seltsame Gebilde in den Gärten und Weinbergen auf. Sie sehen aus wie selbstgebaute Windmühlen. Klapotetz werden die Konstruktionen genannt und sind nichts anderes als die steirische Variante der Vogelscheuche und so was wie das Wahrzeichen des Region. Sie sorgen mit ihren zwölf Flügeln nicht nur für Licht und Schatten sondern machen gleichzeitig einen Mordsspektakel.
Auf jeden Fall sind sie höchst wirkungsvoll gegen Vögel – vor allem in den Weinbergen. Natürlich konnten wir nicht widerstehen und statteten dem weltgrößten Klapotetz in Sankt Andrä-Höch einen Besuch ab. Zumal der Weg dorthin auf der Straßenkarte als schöne Strecke ausgewiesen war. Die kurvigen Straßen schienen kein Ende zu nehmen, um sie noch ein wenig länger zu genießen, machten wir einen Sprung über die Grenze nach Slowenien – Grenzkontrollen Fehlanzeige. Weit und breit war kein Grenzbeamter zu sehen.

Das steirische grüne Gold

Egal, wo wir Rast machten, ob Buschenschänke oder in sonstigen Lokalitäten, ein steierisches Grundnahrungsmittel darf nicht fehlen: das „grüne Gold“ der Region, das Kürbiskernöl nämlich. Um der Sache auf den Grund zu gehen, fuhren wir auf kleinen Straßen in die Gegend von Gramlitz nach Heimschuh, wo im Mühlenweg – wo auch sonst – in einer der wohl renommiertesten Kürbiskernölmühlen der Welt seit 1907 das köstliche Öl aus den Kürbiskernen gewonnen wird. Im Verkaufsraum hat sich, wie es scheint, seit den Anfangsjahren nicht viel geändert, die Gerätschaften von damals sind im ersten Stock, dem Museum, zu besichtigen.
„Echt ist das steierische Kernöl nur, wenn die Kerne in der Steiermark geerntet wurden“, erklärte der Ölpresser-Meister Franz Zweidiek, der mehrmals am Tage in etlichen Arbeitsgängen das Öl aus der Schale holt. Oft würden andernorts auch chinesische oder russische Kerne verwendet. Eine gute Qualität erreiche man nur, wenn die Früchte zum richtigen Zeitpunkt geerntet wurden – nicht zu früh und nicht zu spät. „Das steirische Öl zeichnet sich vor allem durch sein leicht nussiges Aroma und eine milde Röstnote aus“, erklärte der Meister, deshalb passt das Öl eben auch gut zu Nachspeisen wie Crème brûlée und Vanilleeis wie wir schon erschmecken durften. Durch seinen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren und Vitamin E ist es gut für den Zellaufbau und als Radikalfänger. Phytosterine sind gut für Blase und Prostata und außerdem hat es kein Cholesterin, lernen wir vom Ölpresser-Meister. Wenn man als Besucher Glück hat, kann man den kompletten, aufwändigen Produktionsablauf beobachten.



Faszination Weltmaschine

Nicht, dass wir das Kochen nicht als Kunst begreifen würden, aber uns lockte jetzt ein Künstler, der auf einem ganz anderen Feld unterwegs war. Wir fuhren entlang der Grenze zu Slowenien und gelegentlich auch drüber, dann Richtung Osten und später über die Landstraße 66 gen Norden in das kleine Örtchen Edelsbach. Hier steht nicht weniger als die „Weltmaschine“, die von einem gewissen Franz Gsellman seit Ende der 50er-Jahre des vorigen Jahrhundert gebaut wurde. Gsellmann war ursprünglich Bauer und wurde durch das Atomium, welches 1958 zur Weltausstellung in Brüssel errichtet worden war, inspiriert. Die Weltmaschine besteht komplett aus einem Sammelsurium von Alltagsgegenständen wie Motoren, Ventilatoren oder Zahnrädern und gilt weltweit als geniales Kunstwerk. Sie steht in einem kleinen Raum in Kaag bei Edelsbach und bewegt sich für die Zuschauer völlig sinnfrei. Auf dem Sterbebett soll der Künstler 1981 gesagt haben: „Hier bin ich fertig, aber im Himmel geht die Arbeit weiter!“ Später wurde sogar ein Spielfilm über den Künstler gedreht mit keinem Geringeren als Christoph Waltz in der Hauptrolle.
Zur Entspannung begaben wir uns wieder auf eine der gelben verkehrsarmen Straßen. Aus heiterem Himmel bremste Tom plötzlich ab. Der Ort, den wir gerade durchfuhren, heißt Baierdorf und liegt in der Nähe von Anger. Der abschüssige Garten des Hauses, an dem wir zum Stehen kamen, birgt ein wahres Kunstwerk. Ein Miniaturwasserspiel mit zig kleinen, sorgfältig gearbeiteten Häusern und Figuren. Der Baumeister muss Jahrzehnte daran gearbeitet haben. Hier ist also wieder ein Enthusiast am Werk gewesen.

Am Austragungsort des World Xtreme Enduro

Am nächsten Tag starteten wir von dem sehenswerten Städtchen Leoben in nördöstliche Richtung, um nördlich die auf unserer Karte als Erlebnistour ausgewiesene Straße 20 zu genießen. Der Erlaufsee bei Mitterbach kam uns für einen Abstecher gerade recht, um eine Badepause einzulegen. Von dort aus schlängelten wir uns Richtung Westen über die Straße 24 an dem Flüsschen Salza entlang, bis wir auf die etwas größere Straße 115 kamen – und die hat es wahrlich in sich. Nicht dass sie besonders anspruchsvoll wäre, aber sie führt direkt auf eine Biker-Herausforderung zu, die weltweit einmalig ist. Zunächst kommt man durch eine Ortschaft namens Eisenerz, was kein Wunder ist, denn wir befinden uns auf der „Eisenerzstraße“. Danach tut sich ein monumentaler Berg direkt vor dem Ankömmling auf. Jener Berg nämlich, an dem jährlich im Frühjahr das berühmt, berüchtigte „Erzberg Rodeo“ stattfindet. Gut 40.000 Zuschauer feuern dann die rund 4.000 Teilnehmer beim „World Xtreme Enduro“ an.
Angesichts dieses eisernen Kolosses steigt unsere Ehrfurcht vor einem Fahrer, der mit einer – allerdings modifizierten – KTM 1190 Adventure, also dem Vorgänger Modell der 1290 Adventure, mit der wir gerade unterwegs sind, das Rodeo gewonnen haben soll. Jarvis, Walker oder Blazusiak heißen derzeit die Cracks, die als Hard-Enduristen solche Terrains in Rekordzeit meistern – und Manuel Lettenbichler aus Rosenheim, der mit seiner KTM in der World Enduro Superseries (WESS) sogar ganz vorne liegt. Alle Achtung!
Nun waren wir auf unserer wunderbaren Reise durch die herrliche Steiermark schon einigen höchst interessanten Persönlichkeiten begegnet. Den – neben dem Jungpolitiker und Populisten Kurz – wohl bekanntesten können wir aber keinesfalls ignorieren. „Arnie” nämlich, hierzulande bekannt als Arnold Schwarzenegger, Schauspieler, Ex-Gouverneur und Volksheld in der Steiermark. Ihm zu Ehren gibt es in seinem Geburtsort Thal eine eigene Kultstätte nämlich ein kleines Museum in seinem Geburtshaus. Dort ist auch die Harley aus dem Terminator-Film zu sehen. Für den Terminator fehlte uns allerdings die Zeit.
Text: Walter Hasselbring , Fotos: Thomas Krämer, Walter Hasselbring

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