M&R-PlusMugello in der Toskana... Nicht nur eine Rennstrecke!

Frank Radloff
Frank Radloff
Um angemessen in die neue Motorradsaison zu starten, suchen wir nach interessanten Zielen in südlichen, weil trockenen und warmen Gefilden. Aus einer ganzen Reihe von Vorschlägen kristallisiert sich schon bald die Toskana und hier der Mugello heraus. Der Mugello ist eine Mittelgebirgslandschaft nördlich von Florenz. Rennsportbegeisterte Motorradfahrer verbinden den Namen der Region eher mit der Rennstrecke „Autodromo Internazionale del Mugello“, die man auch als Mekka der
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MotoGP- und Superbike-Fans bezeichnet. Die Nachricht hinsichtlich des Reiseziels macht schnell die Runde und nur wenige Tage später finden sich mehr als ein Dutzend begeisterte Motorradfahrer, die kurz entschlossen die Sachen packen und sich auf die Reise gen Süden machen. Die lange Anreise stört dabei überhaupt nicht, denn wir wissen, dass in der Toskana nicht nur perfekte Straßen warten, sondern dass es auch die Sonne dort gut mit uns meinen wird.
Für unsere wundervolle Tourenwoche sollte ein größeres Castello den perfekten sowie angemessenen Mittelpunkt der höchst kurvigen Touren bilden. Bereits im Mittelalter entdeckten zahlreiche Adelsgeschlechter die Region zwischen Florenz sowie der Emilia Romagna und errichteten dort ihre Sommersitze und Jagdhäuser, um in den heißen Sommermonaten den angenehm kühlen Wind mit Temperaturen um die 20° Celsius in den Bergen zu genießen. Unsere erste Tour führt uns von Firenzuola zunächst Richtung Osten auf der Strada Statale Montanara Imolese. Im engen Tal des Fiume Santerno können wir uns an die ersten Schräglagen gewöhnen. An kleinen, verschlafen wirkenden Dörfern und Höfen vorbei, begleiten wir das Flüsschen eine Weile. Aber schon bald verlassen wir den Santerno. In Coniale wechseln wir auf eine noch schmalere Straße Richtung Marradi.
Ponte di Camaggiore
Ponte di Camaggiore
In engen Kurven, und gerade mal so breit wie ein Traktor, zieht sich die Straße den Berg hinauf. Man kann das immer breiter werdende Grinsen auf den Gesichtern der Mitfahrer unter den Helmen nur erahnen. Der permanente Wechsel von einer Schräglage in die nächste lässt uns warm ums Herz werden. In den meisten Kurven berühren unsere Spiegel die am Straßenrand eng stehenden Büsche und Gräser. An einigen Aussichtspunkten stoppen wir kurz, genießen den grandiosen Blick auf die einfach traumhafte Landschaft und schwärmen von den hinter uns liegenden Kurven und Kehren – einfach ein Genuss nach dem weitgehend motorradfreien Winter in Deutschland. Längst fahren wir Richtung Süden, lassen das im Tal des Fiume Lamone gelegene Marradi hinter uns und stürzen uns mit Genuss ins nächste Kurvenlabyrinth. Schließlich erreichen wir San Bernadetto in Alpe, wo wir eine wohlverdiente Pause einlegen. Im Garten eines netten Ristorante direkt am Flüsschen Montone finden wir ein schattiges Plätzchen. Nach einem leckeren Essen samt einem Espresso, der eine gewisse Trägheit fix aus den Gliedern treibt, geht die Fahrt weiter. Für eine Weile führt uns die gut ausgebaute SS67 – das „SS“ steht für Strada Statale = Staatsstraße – zunächst Richtung Nordosten. Kurz nach dem malerischen Dorf Bocconi verlassen wir die Staatsstraße und nehmen das nächste schmale Sträßchen unter die Räder. Was nun folgt, macht jeder Achterbahn Konkurrenz. Kurven und Spitzkehren wechseln sich ab und selbst die kurzen Geraden werden hier zu Kurven. Total begeistert tanzen wir durch das Schräglagenlabyrinth des wundervollen Parco Nazionale Monte Falterona. Von Premilcuore an führt die Straße dann immer noch kurvenreich, aber nicht mehr ganz so extrem wieder nach Südwesten.
Bis San Godenzo – wir sind inzwischen wieder auf der SS67 – geht es kurvenreich weiter. Dann gibt uns die Staatsstraße Gelegenheit, die Flanken unserer Reifen abkühlen zu lassen. Bei Dicomano erreichen wir den Fiume Sieve. Wir bleiben im Tal und folgen dem Flusslauf bis hinauf zum Lago di Bilancino. Dort legen wir noch einmal eine Rast ein, ehe wir die letzten Kilometer unter die Räder nehmen und schließlich über den Passo del Futa unser Domizil erreichen. Unterwegs versorgen wir uns mit Obst und Gemüse aus der Umgebung, denn nach der Ankunft im Castello heißt es für uns Selbstversorger: Ran an den Herd! Tomaten, die noch wirklich wie Tomaten schmecken und Zucchini werden mit Zwiebeln und Gewürzen in ein leckeres Gericht verwandelt und auch die Pasta ist schnell gekocht. Zusammen mit einem köstlichen Wein der Region genießen wir das einfache, aber extrem leckere Mahl und den Abend auf der Terrasse.
Florenz - Zentrum der Kunst
Florenz - Zentrum der Kunst
Für den nächsten Tag steht Florenz an. Da aber der Weg zum Ziel wird, machen wir uns sehr früh auf den Weg. Die gerade aufgehende Sonne überzieht die Wolken am morgendlichen Himmel mit einem rötlichen Schimmer. Ein wundervolles Schauspiel der Natur! Die Temperaturen befinden sich zudem noch im einstelligen Bereich, als wir über den Futapass Richtung Süden fahren. Vorbei am „Lago di Bilancino“, auf dessen Wasseroberfläche die Strahlen der Morgensonne aufblitzen, führt uns die Route auf der schmalen und von Wäldern eingerahmten Strada Provinciale 65 nach Süden. Noch vor der Ortschaft Montorsoli wechseln wir auf die SP130, um uns in einem weiten Bogen unserem Tagesziel Florenz zu nähern. Auf einer Anhöhe von fast 1.000 Metern aus können wir einen Blick hinunter ins Tal des Arno und der Florenz vorgelagerten Stadt „Sesto Fiorentino“ werfen.
Durch zahlreiche Kurven schwingen wir uns dann hinunter ins Tal. Die Landschaft wechselt ihren Charakter. Pinien und Zypressen lösen das satte Grün der Kiefernwälder ab. Schlagartig steigen auch die Temperaturen in den zweistelligen Bereich. Als wir unsere Motorräder dann in der Altstadt von Florenz abstellen, erreicht die Anzeige sogar die 20-Grad-Marke. Wir verstauen schnell unsere Helme und Motorradjacken in den Koffern und starten unsere Stadtbesichtigung. Die Geschichte der Stadt Florenz reicht bis in die Zeit der Herrschaft von Julius Cäsar zurück. Aber erst im 14. und 15. Jahrhundert stieg die Stadt zu einem wichtigen Zentrum der europäischen Kunst und Kultur auf. Künstler und Wissenschaftler wie Botticelli, Michelangelo, Machiavelli, Leonardo da Vinci und Galileo Galilei siedelten sich in Florenz an und prägten das Bild der Stadt. Im 15. und 16. Jahrhundert machte dann die Familie der Medici Florenz zu einem Zentrum des mittelalterlichen Handels- und Finanzwesens in Europa und damit zu einer der wohlhabendsten Städte. Heute überfluten Touristen diese wirklich sehenswerte Stadt an den Ufern des Arno, der quer durch die Altstadt fließt. Hier steht auch die meistfotografierte Brücke der Welt, die Ponte Vecchio, die wir natürlich auch auf dem Weg durch die Stadt vor die Linsen unserer Kameras nehmen.
Die Ponte Vecchio über den Arno
Die Ponte Vecchio über den Arno
Das historische Zentrum mit dem Domplatz Piazza del Duomo stellt eine weitere Sehenswürdigkeit dar, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Der im gotischen Stil erbaute Dom mit der von Brunelleschi gestalteten Kuppel und dem 82 Meter hohen Glockenturm Campanile von Giotto sind überwältigend. Eine Stadtbesichtigung in Motorradstiefeln verlangt natürlich auch nach einer Pause. Auf der „Piazza di Santa Croce“ mit dem Dante-Denkmal genehmigen wir uns einen riesigen Eisbecher, der viel Energie für die Weiterfahrt liefert. Bevor wir die Stadt verlassen, fahren wir auf der acht Kilometer langen Aussichtsstraße auf den Hügel von „San Miniato“ zum „Piazzale Michelangelo“, um von dort die Altstadt noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Diese Aussicht hält, was die Reiseführer versprechen. Auf unserer Weiterfahrt begleitet uns der Arno bis nach Pontassieve. Dort wechseln wir wieder auf kleinere Landstraßen. Auf dem griffigen Asphalt schwingen wir von Kurve zu Kurve Richtung Osten, bevor wir dann bei Stia nach Nordwesten einschwenken, immer weiter auf kurvenreichen Straßen. Bei „San Piero a Sieve“ gönnen wir uns einen Abstecher zum „Autodromo Internazionale del Mugello“, MotoGP-Fans bestens bekannt. Wegen bereits laufenden Vorbereitungen für das nächste Rennen fällt unsere Runde auf der Rennstrecke leider aus. Aber auf dem Rückweg zum Castello warten noch genug Kurven, das entschädigt! Unsere nächste Tagestour treibt uns Richtung Emilia Romagna und den Ausläufern des Apennin. Wir verlassen Firenzuola und tauchen in ein Kurveneldorado der besonderen Art ein.
Kurvenreiche Strecken im Apennin
Kurvenreiche Strecken im Apennin
Auf einer sehr schmalen und kurvigen Straße geht es den Berg hinauf. Aber die Straße hat es in sich. Unverhofft tauchen Wellen und Querrisse in der Asphaltdecke auf. Die Bäume am Straßenrand nutzen die Kraft ihrer Wurzeln und testen so die Fahrwerke unserer Motorräder. Die einsam gelegene Straße hier gehört uns ganz allein und so genießen wir den Kurventanz in vollen Zügen. Um den „Passo della Raticosa“ in zügigem Tempo zu überqueren, nutzen wir kurz die bestens ausgebaute SP65, ehe wir auf schmalen, durch dichte Wälder führende Trassen die viel befahrene Autostrada Uno erreichen. Aber nach Autobahn inklusive Mautgebühren steht uns nicht der Sinn. Bei Vergato erreichen wir den „Fiume Reno“. Wie der Rhein in Deutschland hieß auch der bei den Römern Rhenus. Dieser Rhein hier entspringt aber im Etruskischen Apennin und mündet nach etwas mehr als 200 Kilometern in der Adria. Mit ungebremstem Elan geht es weiter zum „Parco dei Sassi“. Die Strecke scheint sich einer großen allgemeinen Beliebtheit zu erfreuen, denn wir treffen Motorradfahrer aller Nationen, die sich von der perfekten Streckenführung zu einer recht flotten Kurvenhatz verführen lassen. Der gute Zustand des Asphalts und die wunderschön in die Landschaft eingepasste Strecke mit reichlich Kurven bieten hierzu auch die allerbesten Voraussetzungen.
Auf unserer Fahrt durch die markanten Berge entdecken wir im Westen auch den höchsten Berg des nördlichen Apennin, den inmitten des „Parco Regionale Dell’alto Appennino“ gelegenen „Monte Cimone“ (2.165 m). Von einem Parkplatz aus lassen wir den Blick über die immer noch verschneiten Gipfel schweifen, ehe wir uns wieder auf den Motorrädern ins Tal des Reno stürzen. In „Poretta Terme “erregen die Thermalbäder unsere Aufmerksamkeit. Hier nutzt man das aufgrund der geothermischen Aktivitäten im Erdinneren auf über 20° Celsius erwärmte und stark mineralisierte Grundwasser, um allerlei Zipperlein zu heilen. Die Geschichte des italienweit bekannten Kurorts reicht übrigens bis in die Antike zurück. Auf unserer Weiterfahrt über „Castiglione dei Pepoli“ und „Castel dell’Alpi“ genießen wir stattdessen den nicht enden wollenden Tanz durch die Kurven der Region Mugello. Schließlich erreichen wir wieder unser Castello, wo wir den Tag bei einem leckeren Essen – selbst Kochen macht auch mal Spaß! - und einigen Gläsern toskanischem Rotwein ausklingen lassen. Fazit unserer Frühlingsreise in die Toskana: Die Winterflucht aus mitteleuropäischen Breiten lohnt sich in jedem Fall, schon wegen des milden Klimas, der kurvenreichen Straßen und dem griffigen Asphalt. Nimmt man dann noch die vielen Sehenswürdigkeiten hinzu, dann darf man das Ganze als absolut gelungenen Motorradurlaub bezeichnen.

Motorradtour Mugello in der Toskana... Nicht nur eine Rennstrecke! – Infos

Motorradtour Mugello in der Toskana... Nicht nur eine Rennstrecke!
Eine vom Massentourismus nicht so strapazierte, unberührte Landschaft mit bewaldeten Höhenzügen, wilden Flusstälern und kurvenreichen Strecken erwartet uns im Mugello, dem Geheimtipp der Toskana!

Allgemeine Infos

Viele Toskana-Reisende lassen die Bergregion namens Mugello links liegen und machen dabei einen schweren Fehler. Denn die Landschaft nördlich von Florenz lockt nicht mit einfach nur herrlichen Stecken, auch die wohlschmeckenden und regionaltypischen
Spezialitäten sind ganz sicher eine Reise wert.

Sehens-& Erlebenswert
In dieser Gegend gibt es zwei Rennstrecken das Autodromo Internazionale des Mugello in Scarperia und Autodromo Enzo e Dino Ferrari in Imola. Die Städte Siena, Florenz und Bologna sind nicht nur wirklich schön anzuschauen, auch das Einkaufen dort kann sehr verlockend sein.

Übernachten
In dieser Region kann man ganze Castellos für größere Gruppen mit Selbstverpflegung mieten. Daneben finden sich Hotels in allen Klassen und Preislagen. Der Tipp sind aber Agriturismo. In der Regel kann man hier hervorragend und zu moderaten Preisen logieren.

Anreise

Den traumhaften Mugello (rund 1.300 Kilometer ab Berlin) kann man bequem mit Transporter oder Anhänger oder mit dem Motorrad über die Autobahnen erreichen. Die Strecke führt dabei via München und über den Brenner in Richtung Bologna beziehungsweise Florenz.

Beste Reisezeit

Die beste Reisezeit liegt zwischen April und Oktober, wobei man das Gebiet im Hochsommer wohl besser meidet.

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