Vergleichstest: Yamaha Tracer 900 GT vs. Ducati Multistrada 950

Die neue Yamaha Tracer 900 GT und die in die zweite Saison gestartete Multistrada 950 von Ducati haben viel gemeinsam und sind dennoch grundverschieden.
Im Grunde genommen ist die Bezeichnung „Reiseenduro“ für die beiden hier vorgestellten Kontrahenten nicht ganz korrekt. Während die kleine Multi mit Einschränkungen noch diesem On-/Offroad-Segment zugeordnet werden kann, ist die neue Yamaha Tracer 900 GT doch eher ein Sporttourer im Adventure-Look. Analog zu dem in den letzten Jahren boomenden SUV-Automobilmarkt sind beide daher eher sogenannte Crossover-Bikes, eierlegende Wollmilchsäue, oder ganz einfach tolle Allrounder mit einem fantastisch breiten Einsatzspektrum.
Yamaha Tracer 900 GT Motor
Das CP3 Aggregat der Tracer 900 GT

Sportliche Tourer als Ducatis Bestseller

Befeuert von einem luftgekühlten 1.100-ccm-V2 wagte Ducati vor nunmehr 15 Jahren mit der ersten Multistrada den Einstieg ins boomende Segment der Reiseenduros. Zwischenzeitlich bestens etabliert, zählen die sportlich orientierten Tourer zu den absoluten Bestsellern der Roten. Ausgerüstet mit allen erdenklichen Fahr- assistenzsystemen trumpft das aktuelle Topmodell 1260 S heute mit 158 PS auf – und einem Preis von weit über 20.000,-- Euro. Höchste Zeit also für eine Neubesinnung.

„Back to basic“ oder „weniger ist mehr“ – Was in so vielen Bereichen ein gutes Rezept ist, passt auch für die Multistrada hervorragend. Im vergangenen Jahr ließ Ducati die 950er Multi anrollen und die fand gleich von Anfang an eine große Fangemeinde. Die charakterstarke Front mit greifvogelaugenartigen Scheinwerfern, Schnabel und höhenverstellbarem Windschild ist der 1200er wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Auspuffanlage, die langen Federwege und das große 19-Zoll-Vorderrad erinnern an die Enduro-Version der 1200er. Der 113 PS starke 937-ccm-V2 wurde ursprünglich für die Hypermotard 939 entwickelt und kommt heute auch in der Ducati SuperSport zum Einsatz.
Ducati Multistrada 950 Motor
Der Testastretta L-Twin feuert die Multi an

Yamahas Allrounder erfreut sich großer Beliebtheit

Die Geschichte der Yamaha Tracer 900 GT ist zwar wesentlich kürzer, aber nicht minder spektakulär. 2013 schockten die Japaner die Branche mit dem Bestseller MT-09 und schoben bereits zwei Jahre später die MT-09 Tracer nach. Basierend auf identischem Rahmen und Motor, aber mit überarbeitetem Fahrwerk, verstärktem Heckrahmen, bequemerem Sattel, breiterem Lenker, größerem Tank und aufrechterer Sitzposition zählt der heute als Tracer 900 bezeichnete Allrounder zu den beliebtesten Modellen der Marke mit den drei gekreuzten Stimmgabeln im Signet.
Yamaha Tracer 900 GT Vorderrad und Bremsen
ø 298 mm Doppelscheibenbremse bei Yamaha

Grundlegende Überarbeitung

Zur aktuellen Saison hat Yamaha nun die Tracer 900 erstmals grundlegend überarbeitet. Schwinge und Radstand sind sechs Zentimeter länger. Eine neue Sitzbank und ergonomischer geformte Sozius-Haltegriffe bieten mehr Komfort. Der 115 PS starke Reihendreizylinder mit 847 ccm Hubraum bleibt indes unverändert. Neu gestaltete Seitenverkleidungen sowie eine dynamischer gezeichnete Windschutzscheibe, ein schmalerer Lenker mit neu gestalteten Handprotektoren sind weitere Änderungen. Neu ist die Tracer 900 nun erstmals auch als Modellvariante GT erhältlich und die hat nebst den erwähnten Neuerungen zusätzlich farblich abgestimmte Koffer sowie weitere Premium-Ausstattungen zu bieten. Besonders erwähnenswert sind die voll einstellbare Upside-down-Gabel und das hintere Federbein mit per Handrad justierbarer Federvorspannung. Dazu kann die GT mit einem Quickshifter für kupplungsloses Hochschalten, einem Tempomaten, Heizgriffen und einem modernen Farb-TFT-Cockpit auftrumpfen.
Ducati Multistrada 950 Vorderrad und Bremsen
ø 320 mm Brembo-Doppelscheibe für die Multi 950

Neben der Multi wirkt die GT zierlich

So viel zur Ausgangslage. Nebeneinander geparkt, offenbaren sich die Unterschiede auf den ersten Blick. Die Ducati ist das erwachsenere Motorrad. Der Radstand ist mit 1.594 Millimetern fast zehn Zentimeter länger als jener der Tracer (1.500 mm). Längere Federwege (Multi 170 mm v/h, GT 137/142 mm) und das größere 19-Zoll-Vorderrad (GT 17 Zoll) untermauern diesen Eindruck. Dazu kommen der breitere Lenker, die ebenfalls deutlich weiter ausladenden Koffer sowie die größere Scheibe. Die aufrechte Haltung ist entspannt, der Kniewinkel moderat und der Fahrer richtiggehend ins Fahrzeug eingebettet. Neben der Roten wirkt die Tracer GT sehr kompakt, fast schon zierlich, und das obwohl der Radstand wie erwähnt verlängert wurde. Dank verstellbarem und straffer gepolstertem Fahrersattel (840/850 mm) findet jeder schnell die passende Position. Aufgrund der höher positionierten Fußrasten und des schmaleren Lenkers ergibt sich dennoch eine insgesamt sportlichere und damit bestens zum Charakter der GT passende Sitzposition. Bei beiden kann die Scheibe während der Fahrt mit einer Hand stufenlos um zirka fünf Zentimeter verstellt werden, wobei die der Duc mehr Windschutz bietet. Yamaha Tracer 900 GT vs Ducati Multistrada 950 Fahrbild

Unterschiedlichste Motorcharakteristiken

Was die Motoren betrifft, hatte sowohl der Reihen-Dreizylinder der Yamaha als auch der L2 der Ducati ursprünglich seine Macken und das insbesondere in Bezug auf die Gasannahme. Bei beiden wurden diese Mängel jedoch behoben. Sowohl die Multi als auch die GT verfügen über drei wählbare Fahrmodi, wobei die Duc zusätzlich einen Enduro-Modus bereitstellt, der die Leistung auf 75 PS reduziert. Die maximalen Leistungen sind zwar nahezu identisch (Duc 113 PS, Yamaha 115 PS), die Charaktere jedoch komplett unterschiedlich.
Yamaha Tracer 900 GT Fahrbild

Finetuning beim CP3-Motor

Er ist schon ein Hammer, der Reihendreier der Yamaha. Nach den diversen Finetunings und Optimierungen funktioniert nun alles wirklich perfekt. Bereits im Drehzahlkeller ist der CP3 hellwach und zieht linear elastisch hoch. In der Mitte, ab rund 5.000 U/min, begeistert er mit sattem Durchzug. Und dass er im obersten Bereich, begleitet von einem brünstigen Dreizylinder-Röhren, bis über 10.000 U/min wollüstig weiterdreht, notieren wir als erfreuliche Zugabe. Das Sechsganggetriebe funktioniert präzise, die Kupplung leichtgängig. Gleiches gilt für den Quckshifter, allerdings nur bei sportlicher Gangart und beim Hochschalten.

Im oberen Drehzahlbereich sprintet die Duc beachtlich nach vorne

Gegen ein dermaßen souveränes Kraftpaket hat der Ducati L2 einen schweren Stand, müsste man meinen. Doch weit gefehlt: Der mit 937 ccm um 90 ccm größere Twin gefällt mit uriger Charakteristik, wobei allerdings bis rund 3.000 U/min nicht wirklich viel los ist. Enge Haarnadelkurven müssen daher im ersten Gang und teilweise sogar mit schleifender Kupplung gefahren werden (Kupplungshebel bei beiden nicht einstellbar). Dazu kommt, dass Gangwechsel mehr Präzision und Aufmerksamkeit erfordern. Im obersten Bereich legt er seinen Ursprung offen und sprintet los wie eine Furie. Allerdings nehmen hier auch die Vibrationen spürbar zu.
Ducati Multistrada 950 Fahrbild

Bei der Ducati kommt Reise-Feeling auf

Im Fahrverhalten spiegelt sich die unterschiedliche Herkunft der beiden Kontrahenten wider. Durch die langen Federwege, das große Vorderrad und die ins Motorrad integrierte Sitzposition kommt auf der Ducati sofort relaxtes Reise-Feeling auf. Bodenunebenheiten meistert sie souveräner und auch bezüglich Stabilität hat sie bei hohen Geschwindigkeiten die Nase vorne. Hartes Anbremsen quittiert sie mit einer tief eintauchenden Front und starkem Aufstellmoment. Richtig böses Angasen ist daher weniger ihr Ding, genussvolles Kurvenschwingen dagegen schon.

Zügige Wechselkurven sind kein Problem für die Tracer GT

Auch die Tracer GT fühlt sich in Wechselkurven wohl, sehr wohl sogar. Und da darf es durchaus ein bisschen zügiger zugehen. Agil, präzis und spielend leicht lässt sie sich von einer Schräglage in die andere umlegen und zielgenau um die Ecken dirigieren. Klarer Druckpunkt, feine Dosierung, große Wirkung – auch die Bremsen sind vom Feinsten. Im Grunde genommen kann sie nahezu alles gleichermaßen gut wie ihre Stammesmutter, die MT-09, einfach zusätzlich mit Koffer, bequemerer Sitzposition, besserem Wetterschutz und üppigerer Grundausstattung.
Yamaha Tracer 900 GT vs Ducati Multistrada 950 Seitenkoffer
Seitenkoffer der GT mit 20 Litern Fassungsvolumen (links). 28 Liter sind es bei der Multistrada 950

Reichhaltige Ausstattung für beide Bikes

Apropos Ausstattung: In diesem Punkt hat die Yamaha klar die Nase vorne. Verstellbare Scheibe, mehrstufige Traktionskontrolle und Handschützer sind bei beiden serienmäßig an Bord. Koffer, Heizgriffe, Zentralständer und Tempomat bietet die Duc zwar auch, allerdings nur gegen Aufpreis. Dazu kann die GT mit einem Quickshifter und einem modernen Farb-TFT-Display aufwarten. Wirklich preiswert sind die beiden Alleskönner nicht: 12.195,-- Euro kostet die GT, 13.190,-- Euro die Multi. Preisbereinigt inklusive Touring-Paket (Koffer & Zentralständer) und Heizgriffen sind es sogar 14.167,-- Euro. Aufgrund der tollen Fahreigenschaften und der reichhaltigen Ausstattungen sind jedoch die Ducati Multistrada 950 und die Yamaha Tracer 900 GT die geforderten Preise wert.
Vergleich Ducati Multistrada 950 2017-2021 und Yamaha Tracer 900 GT 2018-2020
Ducati Multistrada 950
2017-2021
Yamaha Tracer 900 GT
2018-2020
Motor
Bohrung x Hub 94 x 67,5 mm 78 x 59,1 mm
Hubraum 937 ccm 847 ccm
Zylinder, Kühlung,Ventile 4 Ventile pro Zylinder, 2 Zylinder, wassergekühlt Dreizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 4 Ventile pro Zylinder
Abgasreinigung/-norm Euro 4 Euro 4
Leistung 113 PS (83 kW) bei 9000 U/min 115 PS (85 kW) bei 10000 U/min
Drehmoment 96 Nm bei 7750 U/min 87,5 Nm bei 8500 U/min
Verdichtung 12,6:1 11,5:1
Höchstgeschwindigkeit 215 Km/h über 200 km/h
Wartungsintervalle Erstinspektion bei 1000 km, danach alle 15000 km oder jährlich Erstinspektion bei 1000 km, danach alle 10000 km oder jährlich
Kraftübertragung
Kupplung Mehrscheiben-Ölbadkupplung mit Servo-Unterstützung und Anti-Hopping-Funktion, hydraulisch betätigt Mehrscheiben-Ölbad
Schaltung 6-Gang klauengeschaltet 6-Gang
Antrieb Kette Kette
Fahrwerk & Bremsen
Rahmen Stahl-Gitterrohrrahmen Aluminium-Brückenrahmen, Motor mittragend
Federelemente vorn 48 mm Upside-Down-Gabel 41 mm Upside-Down-Gabel
Federelemente hinten Schwingenarm, Sachsfederbein Schwingenarm, Zentralfederbein
Federweg v/h 170 mm/170 mm 137 mm/142 mm
Radstand 1594 mm 1500 mm
Nachlauf 105,7 mm 100 mm
Lenkkopfwinkel 25,2 ° 24°
Räder Aluminium-Gussränder Leichtmetallgussräder
Reifen vorn 120/70 R 19 120/70 ZR 17
Reifen hinten 170/60 R 17 180/55 ZR 17
Bremse vorn 320 mm Doppelscheibenbremse, halbschwimmend gelagert, radial verschraubte Monoblock 4-Kolben-Sättel 298 mm Doppelscheibenbremse
Bremse hinten 265 mm Bremsscheibe, 2-Kolben-Schwimmsattel 245 mm Einscheibenbremse
Maße & Gewicht
Länge 2280 mm 2160 mm
Breite 985 mm 850 mm
Höhe 1470 mm 1375 mm
Gewicht 228 kg 227 kg
Maximale Zuladung 238 kg 179 kg
Sitzhöhe 840 mm 850/865 mm
Tankinhalt 20 Liter 18 Liter
Fahrerassistenzsysteme
ABS
Traktionskontrolle
Fahrzeugpreis ab 13190 € 12195 €
Text: Hanspeter Küffer, Fotos: Tobias Kloetzli


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