Äpfel & Speck im Trentino

Das Brenta-Gebirge im Nordosten Italiens gehört zur Provinz Trentino und bietet beste Voraussetzungen für großartige Motorradtouren.
Italien lockt. Obwohl sich im letzten Jahr mancher durch Berichte über Lärmvorschriften und Geschwindigkeitsbegrenzungen abschrecken ließ, gelten diese Einschränkungen nur für sehr wenige Straßen. Zum Motorradfahren zählen die italienischen Dolomiten nach wie vor zu den besten Regionen Europas. Das Brenta-Gebirge im Nordosten Italiens zählt zur Provinz Trentino. Westlich der Etsch gelegen, wird es geografisch oft nicht als Teil der Dolomiten angesehen, obwohl es geologisch eindeutig dazugehört. Unabhängig davon ist das gesamte Gebiet UNESCO-Weltkulturerbe und bietet beste Vor­aussetzungen für großartige Motorradtouren. Im vergangenen September ließen wir, Liz und Geoff, uns westlich des Cima Tosa (dem zweithöchsten Gipfel der Brenta-Gruppe) im Nebensaison-Skigebiet Madonna Di Campiglio nieder.

Hinter dem kreisförmigen Wahrzeichen am Ortsausgang der Stadt Madonna windet sich die Straße zunächst durch bewaldete Abschnitte
Hinter dem kreisförmigen Wahrzeichen am Ortsausgang der Stadt Madonna windet sich die Straße zunächst durch bewaldete Abschnitte
Auf 1.500 Metern Höhe dient unsere neue Heimat mit spektakulärem Blick auf die östlich gelegenen Berge als idealer Ausgangspunkt für Motorradtouren. Es ist noch früh am Morgen, als wir zu einer Rundfahrt starten, die uns einmal um den Cima Tosa herumführen soll. Pünktlich zum Sonnenuntergang wollen wir zurück sein – je nachdem, wie viele Stopps wir machen und wie lange wir beim Mittagessen versacken.

Spezialität Speck

Beim italienischen Speck handelt es sich um einen trockenen, leicht geräucherten Schinken
Beim italienischen Speck handelt es sich um einen trockenen, leicht geräucherten Schinken
Die Sonne ist gerade aufgegangen und hinterleuchtet die zerklüfteten Gipfel im nebligen Morgendunst, während die Gräser am Straßenrand noch mit funkelnden Tautropfen geschmückt sind. Auf den Fußrasten stehend fahren wir von unserem winzigen Apartment den holprigen und schmalen Weg hinunter zur SS239 (Viale Dolomiti di Brenta), die uns gen Süden führt.
Hinter dem kreisförmigen Wahrzeichen am Ortsausgang der Stadt Madonna windet sich die Straße zunächst durch bewaldete Abschnitte. Auch die ersten Haarnadelkurven sind bereits dabei. Auf unserem Weg zum Abzweig der SP53 passieren wir zudem zahlreiche Schilder mit der Aufschrift „Speck”, der in dieser Region sowohl am Stück verkauft, als auch auf den Speisekarten der Restaurants angeboten wird. Beim italienischen Speck handelt es sich um einen trockenen, leicht geräucherten Schinken. Wir nehmen uns vor, ihn am Abend zu verkosten, denn die Sonne scheint bereits kräftig, als wir in das Tal hinunterfahren. Unsere Schatten drehen sich wiederholt um unsere Motorräder, während wir durch die Haarnadelkurven navigieren, und wir ahnen, dass das ein großartiger Tag im Sattel werden wird! Das Tal flacht langsam ab. Wir halten uns links, um den Fluss Sarca (berühmt für das Fliegenfischen) zu überqueren, bevor wir in die hübsche Stadt Pinzolo kommen.

Das Brenta-Gebirge im Nordosten Italiens zählt zur Provinz Trentino
Das Brenta-Gebirge im Nordosten Italiens zählt zur Provinz Trentino
Erst hinter der Ortsdurchfahrt verlassen wir die SS239 über eine Linkskurve auf die Via Chiesa Nuova. Ab jetzt wird das Motorradfahren deutlich interessanter. Wir passieren die hübschen engen Kopfsteinpflasterstraßen von Bocenago. Der historische Dorfkern mit seinen verwitterten Steinmauern, gewölbten Türen, alternden hölzernen Fensterläden und vergitterten Fensteröffnungen wirkt wie ein Ort aus einer vergangenen Zeit. Ein uralter Mann, der sich auf seinen Stock stützt, während er uns verwundert betrachtet, vervollständigt die Szene.
Noch verläuft unsere Route parallel zur Hauptstraße zu unserer Rechten. Erst nachdem wir durch die Dörfer Fisto und Ches gefahren sind, schwingt die SP53 nach links und führt uns höher in den Wald hinein. Die Straße ist schmal, rissig, feucht und mit Blättern übersät. An manchen Stellen dringt nur wenig Licht durch das Blätterdach der Bäume, die weit über die Straße ragen und diese fast in einen Tunnel verwandeln. Eine niedrige Mauer am linken Straßenrand ist mit Flechten und Moosen bedeckt, die abschnittsweise bis auf die Fahrbahn wuchern. Die smaragdgrüne Welt, die uns da gerade umhüllt, wirkt fast ein wenig unheimlich.

Wir halten uns links, um den Fluss Sarca (berühmt für das Fliegenfischen) zu überqueren, bevor wir in die hübsche Stadt Pinzolo kommen
Wir halten uns links, um den Fluss Sarca (berühmt für das Fliegenfischen) zu überqueren, bevor wir in die hübsche Stadt Pinzolo kommen
Wir fahren durch eine Reihe von Haarnadelkurven, in denen uns zum Glück keine anderen Fahrzeuge entgegenkommen. Je höher wir kommen, desto lichter werden die Wälder und lassen immer häufiger die Sonnenstrahlen durchblitzen. Dann öffnet sich mit einem Mal der Wald zu unserer Linken und wir finden uns in einem wahren Shangri-La wieder. Warmes Sonnenlicht beleuchtet eine grasbewachsene Lichtung mitten im Nichts.

Wahrer Kurvenspaß

Der Wald zu unserer Rechten ist mit Pilzen übersät und auf dem Hügel steht eine einsame steinerne Berg­hütte. Wir halten an, um all das für einen Moment auf uns wirken zu lassen. Als wir das versteckte Paradies wieder verlassen, wechselt die Straßenoberfläche hinter dem Gipfel des kleinen Passes. Auf unserem Weg zurück zum Talboden ist der Belag relativ neu, die Landschaft offener und es stehen zahlreiche Häuser am Straßenrand.
Einige steil abfallende Haarnadelkurven später beginnt nach der Ortsdurchfahrt von Montagne der echte Kurvenspaß.

Wir fahren durch eine Reihe von Haarnadelkurven, in denen uns zum Glück keine anderen Fahrzeuge entgegenkommen
Wir fahren durch eine Reihe von Haarnadelkurven, in denen uns zum Glück keine anderen Fahrzeuge entgegenkommen
Zehn spektakuläre Spitzkehren winden sich hier durch den Wald nach Preore. Um sie aufs Bild zu kriegen, packen wir die Drohne aus. Aufgrund der vielen Bäume bietet nur sie die Möglichkeit, die Schönheit dieser Straße einzufangen. In Preore biegen wir links auf die SP34 ab und meiden erneut die Hauptstraße. Geschwungene Kurven führen uns durch die Dörfer Ragoli, Coltura, Stenico und das sehr malerische Sclemo, bevor wir auf die SS421 in Richtung „Lago di Molveno“ abbiegen. An dem wundervollen See legen wir heute unsere Pause ein.

Spitzkehren winden sich hier durch den Wald nach Preore
Spitzkehren winden sich hier durch den Wald nach Preore
Im Hotel Lago Park Molveno genießen wir ein ausgezeichnetes Mittagessen. Man serviert uns Fisch mit Orangenscheiben und Spinatgnocchi auf der Terrasse mit Blick auf den See, der zu den schönsten Italiens gehört. Sonnenliegen und Sonnenschirme am steinigen Ufer in Kombination mit dem atemberaubenden Aquamarinblau des Wassers vermitteln das Gefühl, irgendwo am Mittelmeer zu sein. Wir vergessen die Zeit und bleiben deutlich länger als geplant – aber wirklich gute Momente soll man genießen.
Zurück auf den Motorrädern fahren wir auf der SS421 aus Molveno heraus und genießen für die nächsten fünfzehn Kilometer Kurve an Kurve durch bewaldete Abschnitte, die von sanften, grasbewachsenen Hügeln und kleinen, wunderschön gepflegten Dörfern unterbrochen werden.

Der wunderschöne Lago di Molveno
Der wunderschöne Lago di Molveno

Apfelbäume so weit das Auge reicht

Die Straßen sind in gutem Zustand und es herrscht kaum Verkehr. Nur ein paar Traktoren wollen gelegentlich überholt werden. Zwischen Cavedago und Spormaggiore passieren wir die imposanten Ruinen des Castel Belfort. Obwohl es wie ein relativ neuer Bau aussieht, wurde es bereits im Jahr 1311 errichtet, um die Bezirke Andalo und Molveno zu schützen. Nachfolgenden Bränden und Wiederaufbauten fielen jedoch die meisten seiner mittelalterlichen Merkmale zum Opfer.

In einem weiten Tal erstrecken sich Apfelplantagen, so weit das Auge reicht
In einem weiten Tal erstrecken sich Apfelplantagen, so weit das Auge reicht
​​​​​​​Als wir uns Spormaggiore nähern, öffnet sich die Landschaft zu unserer Linken. In einem weiten Tal erstrecken sich Apfelplantagen, so weit das Auge reicht. In regelmäßigen Reihen angepflanzt, sehen sie auf den ersten Blick wie riesige Weinberge aus. Erst bei näherer Betrachtung erweisen sich die Reihen als Bäume voller Äpfel. Eine Folge von absteigenden Haarnadelkurven führt uns zügig die bergigen Hänge zum Fluss Noce am Talboden hinunter. Hier folgt unsere Route für ein kurzes Stück der SS43 nach Norden, bevor wir in Cressino auf die SP55 abbiegen.

Kurvenreiche Straßen durch gepflegte Obstplantagen

Jetzt sind wir wirklich im Apfelland! Das Trentino ist eine der wichtigsten Regionen zur Produktion der hochwertigen Früchte für ganz Europa. Anbau, Qualitätsprüfung und Verkauf werden von Genossenschaften geregelt. Die bekanntesten der zumeist biologisch angebauten Sorten sind Granny Smith, Golden Delicious, Red Delicious, Braeburn, Royal Gala und Fuji.
So weit das Auge reicht, schmücken ab dem Spätsommer gelbe und rote Äpfel die Plantagenreihen auf beiden Seiten der Straße. Große, grüne Sammelkisten liegen dann für die kommende Ernte bereit. Sogar die Luft riecht in dieser Zeit nach dem reifen Aroma der Früchte. Vermutlich muss jeder, der hier lebt, ein Apfelliebhaber sein, da es sonst kaum etwas anderes gibt. Wir biegen nach links auf die alte SP55 in Richtung „Lover“ ab. Eine schöne kurvenreiche Straße windet sich durch die gepflegten Obstplantagen und lässt gelegentlich den freien Blick über die sanften Hügel zu. Es macht uns so viel Spaß, dass wir eine zusätzlichen Schleife drehen, während wir uns in der Landschaft verlieren.

Ab dem Spätsommer schmücken gelbe und rote Äpfel die Plantagenreihen auf beiden Seiten der Straßen
Ab dem Spätsommer schmücken gelbe und rote Äpfel die Plantagenreihen auf beiden Seiten der Straßen
​​​​​​​Zurück auf unserer Route folgen wir der Straße durch Flavon und Tuenno, um bei Cles auf die SS43 einzubiegen, die uns nach Norden führt. Erneut ändert sich die Landschaft. Die Obstwiesen fallen nun in steilen Terrassen zum See Santa Giustina rechts unter uns ab und sobald wir ihn passiert haben, weichen sie auf beiden Seiten der geschwungenen Straße dem Wald.
Wir überqueren den Fluss Noce, bevor wir links auf die SS42 in Richtung Madonna Di Campiglio abbiegen. Unsere Heimfahrt beginnt. Wir sind einmal komplett um den Cima Tosa herumgefahren und steuern nun nach Südwesten zurück ins Tal. Die Berge befinden sich nun zu unserer Linken, die Sonne steht bereits tief und ihr Licht wird immer wärmer. In dieser Stimmung macht es Freude, den schnell geschwungenen Kurven zu folgen. Nicht nur uns, sondern offensichtlich auch den heimischen Motorradfahrern, die auf diesem Streckenabschnitt immer wieder an uns vorbeibrausen.

Rückfahrt über Passo Campo Carlo Magno

Wir sind einmal komplett um den Cima Tosa herumgefahren und steuern nun nach Südwesten zurück ins Tal
Wir sind einmal komplett um den Cima Tosa herumgefahren und steuern nun nach Südwesten zurück ins Tal
​​​​​​​In der Stadt Malè erreichen wir den Talboden. Die Straße verläuft hier relativ flach und plötzlich stockt unser Vorankommen im Berufsverkehr. So viele Fahrzeuge wie hier haben wir den ganzen Tag über nicht gesehen! Entsprechend langsam kommen wir voran und biegen an einem Kreisverkehr links nach Dimaro ab, um unsere Heimfahrt über den Passo Campo Carlo Magno nach Madonna di Campiglio in Angriff zu nehmen. Die Straße ist frisch asphaltiert und die untergehende Sonne wirft lange Schatten. Wir haben eine Restaurant­reservierung für diesen Abend und sind spät dran. Doch zum Glück sind wir inzwischen keine Touristen mehr, sondern kennen den Pass in unserer neuen Wahlheimat bereits gut. Beste Voraussetzungen also für eine zügige Ankunft und zugleich ein gelungener Abschluss eines großartigen Tourentages.


Text: Geoff Tompkinson, Liz Tompkinson, Fotos: Geoff Tompkinson


#Dolomiten#Italien#Tour

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Reisen: Von Rußland nach Afrika – Expedition auf fünf Rädern; Äpfel & Speck: Eine Runde um den Cima Tosa in der Brenta-Gruppe; 125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal; Lettland: Zwischen Ostsee und Russland
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