Kawasaki Ninja 1000SX - Fahrtest

18.06.2020 11:22

Für dieses Jahr rollt Kawasaki die nunmehr 4. Version seines beliebten Sporttourers, die Ninja 1000SX an den Start.
In den 90er-Jahren waren die Sporttourer ein extrem beliebtes Segment, welches zuverlässig erstklassige Verkaufszahlen lieferte. Mittlerweile haben die Einspur-SUVs, nämlich die Reiseenduros, den Sporttourern den Rang gnadenlos abgelaufen. Die Kawasaki Ninja 1000SX ist einer der letzten erfolgreichen Vertreter der klassischen Sporttourer.
Ihre drei Vorgänger hießen allesamt Z1000SX, jedoch hat sich Kawasaki dieses Jahr entschlossen, den Namen anzupassen. Nun ist die SX als Sporttourer per se schon eine Kreuzung zwischen Sport und Touring. Um die Sache aber vollends kompliziert zu machen, stammt ihre Basis von der äußerst erfolgreichen Z1000, also von einem Naked Bike, weshalb sie auch das Z im Namen trug – seit jeher ein Indiz für ein Naked Bike von Kawasaki. Ein Naked Bike ist sie aber definitiv nicht, weshalb sie ab diesem Jahr auch stolz den legendären Namen Ninja trägt, das Synonym für sportliche Bikes mit Verschalung bei Kawasaki.
Soviel erst einmal zur Bereinigung im Namen, aber dabei beließen es die Ingenieure aus Akashi natürlich nicht. Vielmehr nutzten sie die vorhandene gute Basis, um die SX noch weiter zu perfektionieren.

Kawasaki Ninja 1000SX
 

Neue Schale, bewährter Motor

Als Erstes sticht das neue sportliche und dynamische Design ins Auge. Die neue, dreiteilige Verschalung mit der verbesserten Wärmeableitung gefällt ebenso wie die neue Voll-LED-Beleuchtung und die in der Verkleidung integrierten vorderen Blinker. Es erstaunt nur etwas, dass Kawasaki hier auf das Schräglagenlicht verzichtet. Die Verarbeitung ist gut, wie gewohnt von den Grünen.
Unter der Verschalung arbeitet der bekannte und äußerst zuverlässige Reihenvierzylinder mit 1.043 ccm. Leistung und Drehmoment bleiben unverändert, denn das Innenleben des Motors wurde kaum angetastet. Die Peripherie hingegen schon, und zwar deutlich. Im Hinblick auf kommende Abgasvorschriften und vor allem auf eine noch bessere Handhabung und Fahrbarkeit erhielt die Ninja 1000SX ein komplettes Ride-by-Wire mit elektronischen Drosselklappen und E-Gas. Die Ansaugtrichter der äußeren beiden Zylinder sind nun kürzer und die Abgase werden neu über eine 4-2-1-Anlage mit Vorschalldämpfer ausgestoßen. Damit halten auch vier Fahrmodi (Rain, Road, Sport & der personalisierbare Rider), ein Tempomat sowie ein bidirektionaler Quickshifter Einzug in das Sporttouring Bike. Das Ziel der noch besseren Fahrbarkeit wurde ohne Zweifel erreicht, denn die Kawa geht in jedem der Fahrmodi supersanft ans Gas und lässt sich auch vorsätzlich nicht zu einem harten Lastwechsel provozieren – wirklich eine sehr überzeugende Vorstellung. Dabei zeigt sich die SX durchzugsstark wie eh und je, der Motor ist ein Paradebeispiel an Elastizität, welcher schaltfaules Touren mit links wegsteckt. Ortsdurchfahrten mit 50 km/h sind auch im 6. Gang ohne Geruckel möglich. Dabei macht der hervorragend flutschende Schaltautomat das Rühren im Getriebe doch so spaßig! Ab 2.500 U/min beginnt er zu arbeiten und überzeugt mit kurzen und knackigen Anschlüssen und Unterbrechungen. Einzig beim Herunterschalten ist die Bedienkraft etwas erhöht. Die Traktionskontrolle kann dank E-Gas nun nicht nur per Zündung eingreifen, sondern auch über die Drosselklappen. Und zwar sind die Eingriffe sehr sanft und nicht dermaßen invasiv, dass der Vortrieb gleich einbrechen würde.

Kawasaki Ninja 1000SX
 

Breites Einsatzspektrum

Ein Husarenstreich gelang Kawasaki mit dem noch einmal verbesserten Fahrwerk. Die voll einstellbare 41er USD-Gabel erhielt einen neuartigen Lowspeed-Schlitz am Dämpferkolben, welcher der Gabel eine sanftere Arbeitsweise bei holprigem Geläuf bescheren soll. Die neu ausgetüftelte Grundabstimmung soll sowohl komfortables Touren als auch sportliches Fahren draufhaben. Dies ist vollumfänglich gelungen, das breite Einsatzspektrum fällt sofort auf. Sei es die Ortsdurchfahrt auf Pflastersteinen mit Tempohügeln oder die Fahrt auf der schlecht asphaltierten Nebenstraße, der Komfort kommt nicht zu kurz, Gabel und Federbein sprechen sensibel an und dämpfen satt. Trotzdem geht das Fahrwerk auch bei schnellen Etappen mit knackigen Schräglagen, zügigem Beschleunigen und heftigem Bremsen nicht in die Knie, sondern vermittelt tiefes Vertrauen und beschert eine top Straßenlage mit klarem Feedback. Das Handling ist dabei stets leichtfüßig und sehr zielgenau. Die benötigten Lenkkräfte sind sehr gering. So kommt es als eine große Überraschung, als urplötzlich auf beiden Seiten die Angstnippel der Fußrasten kratzen – und die beginnen erst bei etwa 47° damit! Die Schräglagenfreiheit ist somit sehr gut, aber das Vertrauen in die Kawasaki ist eben noch besser, weshalb zügige Etappen ein absoluter Hochgenuss sind. Großen Anteil an dieser Performance hat auch der Fakt, dass uns Kawasaki eine famose Erstbereifung gönnt: die Bridgestone S22 in „G“-Spezifikation, speziell angepasst an die SX. Eine solch hervorragende Erstbereifung ist leider keine Selbstverständlichkeit, aber die Performance gibt Kawasaki recht. Diese Reifen unterstreichen die traumhaft neutrale Straßenlage und grippen sowohl kalt als auch warm äußerst überzeugend. So ist es eine wahre Freude, es richtig um die schönen Radien in Andalusien fliegen zu lassen, nicht mal mit einem klitzekleinen Aufstellmomentchen beim Bremsen nervt sie ihren Piloten. Gerade die Bremsen sind ein weiteres Highlight an der SX. Sie überzeugen mit hervorragender Dosierbarkeit, top Verzögerung und einem äußerst transparenten Gefühl.

Kawasaki Ninja 1000SX
 

Betörende Sitzposition

Trotz der ganzen Eile auf der Straße dauert es etwas länger, bis man müde wird auf der SX. Denn die Sitzposition ist nach wie vor ein großes Ruhmesblatt der Kawa. Diese entspannt-versammelte Haltung mit ausreichend Platz, um sich zu bewegen, ist schlicht betörend. Nichts kneift und zwickt, man ist bequem gebettet und trotzdem nicht in einer inaktiven phlegmatischen Position. Dank dem nun dickeren Sitzpolster kann man getrost einige Stunden pro Tag im Sattel verbringen, ohne dass einem danach der Allerwerteste schmerzt. Dies gilt desgleichen für die zweite Sitzreihe, die ebenso von einem nochmals behaglicheren Sitz profitiert als bei der Vorgängerin. Die veränderte, in vier Positionen einstellbare Windschutzscheibe bietet einen äußerst sinnvollen Einstellbereich. Je nach Position kann zwischen Windschutz bis zum Brustbein und laminarer ruhiger Strömung am Helm bis hin zu Protektion bis zum Scheitel und dafür einigen Luftwirbeln am Helm gewählt werden. Obwohl, ein so starkes und lautes Ausmaß wie bei einigen Reiseenduros ist der SX fremd. Schade ist indes, dass zum Einstellen der Scheibe zwingend beide Hände vonnöten sind, weshalb davon während der Fahrt entschieden abzuraten ist. An meinem Testmotorrad blockierte zudem die Scheibe mehrmals in der höchsten Position, allerdings betraf das nur meine Maschine, alle anderen funktionierten hier einwandfrei.

Kawasaki Ninja 1000SX
 

Gelungenes Cockpit

Vom neuen 4,3-Zoll-TFT-Cockpit gibt es hingegen nur Positives zu erzählen: Es ist in beiden hinterlegten Darstellungsvarianten bestens ablesbar, bietet eine übersichtliche Menüführung und neu die Möglichkeit der Verbindung mit dem Smartphone. Via Rideology-App können Fahrzeuginformationen überprüft, Einstellungen verändert und gefahrene Routen gespeichert werden. Zudem werden einkommende Meldungen oder Anrufe im Cockpit angezeigt.
Selbstverständlich bietet Kawasaki eine ganze Batterie an Zubehör an, welche von Topcase über 28-Liter-Seitenkoffer (nicht kombinierbar!), höhere Scheiben, tiefere Sättel, Griffheizung und Soziusabdeckung reicht. Zudem wurden drei Ausstattungspakete mit den gefragtesten Artikeln geschnürt. Alles in allem ist die Vorstellung der Kawasaki Ninja 1000SX äußerst gelungen und auch erfrischend anders als der Reiseenduro-Einheitsbrei heutzutage.

Fazit

Wer dieses Motorrad erlebt hat, weiß, weshalb es der meistverkaufte Sporttourer Europas ist. Es gibt einfach kaum etwas zu kritisieren. Wenn ein solch vorzügliches Fahrwerk mit einem durchzugsstarken Motor vermählt wird und dieses Paket dann auf eine bequeme Sitzposition für zwei Personen trifft, ist es schwierig, sich dieser Attraktivität zu entziehen. Wer zumindest ein bisschen sportliche Attitüden sein Eigen nennt, sollte einmal einen Proberitt erwägen.

Technische Daten:

Kawasaki

Ninja 1000SX

Motor

flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Reihenvierzylinder

Bohrung x Hub

77 x 56 mm

Hubraum

1.043 ccm

Nennleistung

142 PS (104,5 kW) bei 10.000 U/min

max. Drehmoment

111 Nm bei 8.000 U/min

Verdichtung

11.8:1

Motorsteuerung

elektrisch

Abgasreinigung

Euro 5

Höchstgeschwindigkeit

249 km/h

Wartungsintervalle

Erstinspektion 1.000 km, danach alle 12.000 km

Kraftübertragung

 

Kupplung

Mehrscheibenkupplung im Ölbad, mechanisch betätigt

Getriebe

6-Gang

Endantrieb

O-Ring-Kette

Fahrwerk/Bremsen

 

Rahmen

Doppelprofilrahmen, Aluminium

Federelemente vorne

41-mm-Upside-Down-Gabel mit stufenloser Druck- und Zugstufendämpfung und einstellbarer Federbasis

Federelemente hinten

horizontaler Backlink-Gasdruck-Stoßdämpfer mit stufenloser Zugstufendämpfung und durch Remote-Zugriff hydraulisch einstellbarer Federbasis

Federweg v/h

120 mm / 144 mm

Radstand

1.440 mm

Nachlauf

98 mm

Lenkkopfwinkel

24°

Reifen vorne

120/70ZR17M/C

Reifen hinten

190/50ZR17M/C

Bremse vorne

halbschwimmende 300-mm-Doppel-Bremsscheiben; doppelt radial montierter Bremssattel, Monobloc, 4-Kolben

Bremse hinten

250-mm-Einzel-Bremsscheibe, Einkolben-Bremssattel

ABS

vorhanden

Maße/Gewichte

 

Länge

2.100 mm

Breite (Lenker)

825 mm

Höhe (ohne Spiegel)

1.190 mm (1.235 mm Scheibe in höchster Position)

Sitzhöhe

835 mm

Gewicht fahrfertig

235 kg

zul. Gesamtgewicht

430 kg

Zuladung

195 kg

Tankinhalt

19 Liter

Fahrzeugpreis

ab 13.745,-- Euro (ab Werk)

 
Text: Lukas Rüdin , Fotos: Tim Keeton, Graeme Brown

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